Interview

Jorik Bergman „Berührungsängste? Nein!“

Jorik Bergman (Photo: Niclas Weber)

Jorik Bergman lebt erst seit 2020 in Köln, aber in diesen fünf Jahren hat sie sich (und das trotz Pandemie) ins Epizentrum der lokalen Jazzszene und darüber hinaus gespielt. So hat die Jazzflötistin, Komponistin und Arrangeurin nicht nur ihr eigenes Jazz-Trio „Jorik Bergman Trio“ kultiviert, eine eigene Big Band namens „Jorik Bergman and her large, imaginary big band constellation“ aufgebaut und improvisiert in diversen Konstellationen, darüber hinaus agiert sie auch als offizielle Week-End-Fest-Arrangeurin und setzt mit dem Festivalbetreiber Jan Lankisch immer wieder verwegene Bearbeitungen des Werk-Korpus von Legenden wie Julius Eastman, Mingus oder Arthur Russell um.

Jorik Bergman ist 2025 Preisträgerin des Horst-und-Gretl-Will-Stipendiums der Stadt Köln. Im Rahmen der Cologne Jazzweek präsentiert sie am 5. September ihr neues Programm Perennial Potpourri im Stadtgarten.

Jorik, zunächst Gratulation zum Horst-und-Gretl-Will-Stipendium für Jazz und Improvisierte Musik 2025. Was bedeutet dir so eine Auszeichnung künstlerisch?

Jorik Bergman: Den Preis haben vor mir so viele tolle Musiker:innen bekommen. Es fühlt sich gut an, mit diesen in einer Reihe zu stehen. Ich liebe die alle, das sind krasse Vorbilder.
Ich lebe ja erst seit vier Jahren in Köln. Dass ich jetzt bereits so eine Anerkennung bekomme: Wow! Ich bin in der Stadt angekommen – die Stadt hat mich angenommen.

Und ökonomisch? Der Preis ist ja mit 12.000 € honoriert.

Das ist viel Geld. Es gibt mir die Ruhe, auch mal „nein“ zu sagen bei einer Anfrage.

Wir haben bei Kaput ja den Untertitel Magazin für Insolvenz & Pop. Das ist nicht wörtlich gemeint, sondern steht für das Hinterfragen der ökonomischen Rahmenbedingungen künstlerischer Arbeit.
Seit wann lebst du denn nur von der Musik?

Seit zwei Jahren – seit meinem Masterabschluss. Ich bin dann fließend in diese Kleinunternehmerinnen-Freelance-Gigs-Existenz reingegangen.

Wie viele Auftritte brauchst du denn für deinen Break-even?

Ich versuche, so ungefähr 1.000 Euro pro Monat zu verdienen, dann bin ich safe.

Du scheinst sehr bescheiden zu leben.

Ja, ich brauche nicht viel. Ich habe ein schönes WG-Zimmer, mit dem ich sehr happy bin. Ich bin von Haus aus sehr nüchtern, brauche keine teuren Hobbys. So reicht es auch, um ab und an mal ein bisschen gut essen zu gehen.

Das nimmt zumindest schon mal den finanziellen Druck raus.

Ja, voll.
Wobei ich ganz oft natürlich auch mehr als 1.000 € im Monat verdiene. Was gut ist, denn es gibt immer auch mal wieder Monate, wo ich plötzlich so gar keine Gigs habe.

Jorik Bergman (Photo: C-Anna IbelshA) 

Was war denn dein letzter anderer Job?

Ich habe zwei Jahre im sogenannten Blauen Team in der Kölner Philharmonie gearbeitet. Meine Aufgabe war es, den Leuten ihren Block und Sitzplatz zu sagen und den Weg zu zeigen: „Block B, Reihe 17, geradeaus, dann die Treppe runter und auf der linken Seite.“
Das war der beste Job der Welt, da ich dreimal pro Woche klassische Konzerte besuchen konnte und dafür Geld bekommen habe.

Ab wann war für dich denn eigentlich klar, dass du Musikerin werden möchtest?

Das war mir schon sehr früh klar. Der Bruder meiner Oma war Berufsmusiker in den Niederlanden. Das gefiel mir, das wollte ich auch machen.
Ich hatte zunächst aber das Gefühl, dass ich klassische Musik machen möchte, das war aber nichts für mich. Es hat dann einige Zeit gedauert, bis ich meine Ecke gefunden habe.

Das heißt, du hast mit dem Instrument angefangen und dann hast du dir das Genre gesucht?

Ja, ein bisschen in der Art. Wobei das Instrument auch nicht gleich klar war. Mit 14 habe ich klassisches Klavier angefangen, ganz viel Unterricht genommen, geübt und geübt – aber mit 18 habe ich dann damit aufgehört, es war nicht das Richtige. Das war mega blöd, auch weil alle anderen mit 4 Jahren anfangen, klassisches Klavier zu lernen …
Davor habe ich auch schon Flöte gespielt. Das war in der Form aber auch nicht mein Ding.
Ich habe mit 17, 18 dann angefangen, viel zu improvisieren und kurze Stücke zu schreiben. Das hat mir Spaß gemacht. Aber ich hatte überhaupt nicht die Idee, dass man das auch beruflich machen kann.

Nachvollziehbar. Das ist ja erst mal auch sehr weit weg.

Ich habe dann herausgefunden, dass man Komposition studieren kann. Und als ich das gecheckt habe, habe ich einfach Hochschulen in den Niederlanden gegoogelt. So kam es, dass ich in Maastricht Bachelor in Jazzkomposition studiert habe.
Mein Bewerbungsauftritt war lustig, da ich zu dem Zeitpunkt von Jazz noch keine Ahnung hatte. Der prüfende Lehrer fragte mich damals, ob ich wüsste, was ein Jazz-Standard ist? Und ich so: „Was?“ Aber irgendwie durfte ich dann doch dort anfangen.

Deine Eltern fanden, dass das eine gute Berufswahl ist?

Ja.

Warum auch nicht. In Holland gibt es ja sehr viel Kulturförderung.

Aber in Deutschland ist es schon besser.

Ja? Mir kommt es immer so vor, als ob holländische Festivals wie Rewire und Le Guess Who? sehr viel mehr und vor allem langfristiger angelegte Förderung bekommen als vergleichbare Institutionen hier.

In den Niederlanden gibt es ein großes Loch zwischen der Ebene mit den kleinen, sehr schlecht bezahlten Gigs in Kleinstädten und den sehr gut bezahlten Auftritten in den großen Städten an den namhaften Institutionen. Und dazwischen gibt es irgendwie nichts. Wenn man eine bereits prämierte Musiker:in ist, dann hat man Zugang, aber viele spielen nur scheiß Gigs. In Deutschland ist das strukturell besser aufgebaut, da hat man bessere Startbedingungen. Und es gibt eine Zwischenebene. Ich denke da an Orte wie das Loft hier in Köln.

Ein guter Moment, um über das NICA-Artist-Programm zu reden, wo du seit 2024 dabei bist. Was sind deine Erfahrungen?

Auch das war eine große Ehre für mich, dass ich da angefragt wurde. Ich bin Fan von vielen der Musiker:innen, die vor mir dabei waren.
Ich versuche, viel von den anderen mitzubekommen, aber ich habe natürlich auch viel mit meinen eigenen Sachen zu tun, bin beschäftigt mit meinem Orga-Alltag …
Es kommt aber immer wieder zu Zusammenarbeiten. Felix Hauptmann ist ja Teil meiner „Take me to Space“-Band, und Emily Wittbrodt treffe ich oft, und wir spielen auch regelmäßig zusammen. Im September machen wir ein NICA-Treffen, mit Dinner und so.

Würdest du sagen, dass die Auftritte und Projekte, die du im Rahmen von NICA angehst, nur so möglich sind?

Ja, ich brauche nicht viel. Ja, unbedingt. Nimm mal den „Take me to Space“-Auftritt im Green Room, dafür habe ich ja den Amsterdamer Gitarristen Teis Semey und die in Brüssel lebende E-Bassistin Louise van den Heuvel angefragt – und zudem eben Felix und Schlagzeuger Alexander Parzhuber aus Köln. Die müssen ja alle bezahlt werden – und nicht nur für den Auftritt, wir haben ja auch noch drei Tage geprobt. Und das ist ja nicht alles: die tolle Location Green Room, die Techniker, der Fotograf Niclas Weber – das alles wird von NICA übernommen.

Hast du noch weitere Beispiele für ein NICA-Projekt von dir?

Im Februar habe ich ein Konzert mit dem in Brüssel lebenden Saxophonisten Nicolas Kummert gespielt. Und im April war ich auf Recherchereise in New York. Da ging es mir darum, die dortige Szene zu entdecken, Connections zu machen, zu jammen. Ich habe da ganz viele Leute getroffen.

Jorik Bergman (Photo: puttfarken)

Jorik, du bist Flötistin, Komponistin und Arrangeurin – natürlich wirkt sich das Instrument auf die kompositorische Arbeit aus, aber wie sieht es mit dem Einfluss auf deine Tätigkeit als Arrangeurin aus? Arrangierst du anders als Schlagzeuger:innen oder Sänger:innen?

Ich habe mit der Zeit bemerkt, dass ich durch das viele Spielen immer besser im Komponieren und Arrangieren werde. Beim Studium der Komposition beschäftigt man sich viel mit Akkorden und Melodie und Bearbeitung und Instrumentierung, aber eher technisch, auf eine trockene Art. Es gibt aber so vieles, das man nur lernen kann, wenn man die Musik spielt. Durch das Improvisieren weiß ich, wie es sich anfühlt, in einer Band mitzuspielen. Was sich gut anfühlt und was sich schlecht anfühlt. All das bringe ich ein. Wenn ich Musik mache, suche ich die Verbindung zu den anderen Musiker:innen, mir ist es wichtig, Teil der Band zu sein.

Aufgefallen bist du mir zum ersten und wiederholten Male zunächst mit den Projekten, die du für das von Jan Lankisch verantwortete Week-End-Fest umgesetzt hast. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und wie erlebst du diese?

Das war total random. Ich habe 2019 eine Komposition für einen Wettbewerb geschrieben – damit aber nichts gewonnen. Ich habe das Stück jedoch an der Hochschule für Musik und Tanz trotzdem aufgenommen und ein Video dazu gedreht und online gestellt und alle Beteiligten getaggt. Das hat dann aber gefühlt niemand gesehen.
2021 bekam ich dann plötzlich einen Anruf von Jan, der das Video auf Instagram oder Facebook entdeckt hat und cool fand. Er fragte mich dann für das Julius-Eastman Project an.

Social Media mit 2-Jahres-Delay!

Ja, voll.

Die Künstler, denen dabei Respekt gezollt wurde, sind namhaft: Julius Eastman, Charles Mingus, Arthur Russell. Hast du bei solchen Projekten erst mal Ehrfurcht? Berührungsängste? Wie nähert man sich solchen Biographien und Werken?

Berührungsängste? Nein!
Ich versuche immer, mein Bestes zu geben. Das Week-End-Fest hat ja ein sehr nettes Publikum, die sind wohlwollend. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich, wenn ich eine falsche Interpretation von Julius Eastman vorlege, runtergeputzt würde. Das Week-End ist ein safe space.

Wie gesagt: Es blieb ja nicht bei dem einen Projekt.

Ja, das ist schön, dass Jan so viel Vertrauen in mich hat. Dieses Jahr arbeiten wir bereits zum fünften Mal zusammen.

Wie gehst du die Aufgaben denn an?
Am Anfang rede ich immer mit Jan, da er ja die Ausgangsvision hat. Ich muss sagen, er hat immer sehr gute, interessante Ideen. Es macht mir mega Spaß, diese auszuprobieren.

Das ist ja oft gut, wenn man mit Nichtmusiker:innen zusammenarbeitet. Die haben eine ganz andere Perspektive auf die Dinge.
Ja, voll.

Kannst du schon was zur Zusammenarbeit 2025 sagen?

Dieses Jahr gehen wir gleich zwei Projekte an.
Ein Projekt mit dem Trompeter, Flügelhornisten und Komponisten Charles Tolliver, dem Mitbegründer von Strata-East Records; er hat mit Leuten wie Max Roach und Herbie Hancock zusammengespielt. Das wird sehr cool.

Und dann machen wir noch ein Projekt mit Anna Domino. Da hatte Jan die Idee für ein Bläserquartett, also einen Hörner-Vibe statt des 80s-Synth-Vibes ihrer Aufnahmen. Wir haben das dann ausprobiert und ihr geschickt – aber ihr war das „zu laut“. Jetzt machen wir es mit Cello, Oboe, Percussion und Flöte.

Das heißt, du musstest noch mal neue Leute ansprechen dafür, als die, die du ursprünglich im Kopf hattest.

Genau.

Du warst im April ja noch mal in New York, um an der Album-Live-Präsentation von Marshall Allen mitzuwirken. Wie war das?

Es war eine interessante Erfahrung. Das lief alles etwas chaotisch ab. Die Band pflegt unter sich eine ruppige Atmosphäre. Ich hatte während der Zusammenarbeit irgendwie das Gefühl, dass sie nicht zufrieden sind, aber das lag eher an ihnen selbst, sie hatten sich die Noten, die ich ihnen zwei Wochen vorher geschickt hatte, kaum angeschaut. Egal, was ich gemacht habe, die haben einfach ihr Ding durchgezogen.

Ich kann es mir gut vorstellen, dass sich da über die Jahre eine, sagen wir mal, idiosynkratische Form des Musikmachens kultiviert wurde.

Es war aber trotzdem eine sehr inspirierende Erfahrung.

Vorgestern konnte ich dich mit dem Programm „Take me to Space“ im Green Room des Stadtgartens sehen. Du hast ja schon ein bisschen was zur Bandkonstellation mit Gitarrist Teis Semey aus Amsterdam, E-Bassistin Louise van den Heuvel aus Brüssel sowie Pianist Felix Hauptmann und Schlagzeuger Alexander Parzhuber aus Köln gesagt. Mich würde aber noch interessieren, wie du dir Leute rauspickst? Was brauchen Musiker:innen, dass sie dein Interesse bekommen?

Das ist eine interessante Frage.
Für mich das Wichtigste ist, dass die Leute nett sind. Das mal vorneweg. Da der Plan für „Take me to Space“ bereits stand, habe ich gezielt Leute eingeladen, von denen ich dachte, dass sie die jeweilige Rolle gut füllen könnten. Louise und ich sind gut befreundet. Sie ist eine tolle Bassistin, die ganz viel mit Effekten und Pedalen arbeitet, das passte zum groovy-spacey Ansatz. Teis kannte ich vom Kaffeetrinken mit Louise in Köln, er ist mega nett, da hatte ich sofort Bock, eine Band mit den beiden anzufangen – und Teis spielt so unglaublich krass Gitarre. Felix hat neulich ein Soloalbum veröffentlicht, „Bloom 2“, mega schön, mit Synthesizern, sehr spacey, das passte auch total. Alex kannte ich noch nicht so gut, wir haben im April bei der Stadtgarten-Experimental-Band zum ersten Mal zusammengespielt.

Du hast damit ja vier Individuen ausgewählt, von denen du jeweils total überzeugt warst, das heißt aber noch nicht, dass auch das Zusammenfügen aufgeht, oder?

Nein, aber es hat gepasst!

Im Kontext von Jazzmusik muss man bei Space natürlich an Sun Ra denken – den Nukleus von afro-futuristischen Eskapismus-Szenarien. Was bedeutet für dich dieser Bezugspunkt und wie setzt man ihn als komplett weißes Kollektiv um?

Das war mir bewusst. Ich sehe es ja auch nicht als Projekt in afrofuturistischer Tradition, das geht ja auch gar nicht, sondern als Referenz daran.

Wobei mit dem Marshall-Allen-Projekt ja auch eine Verbindung besteht, wie du eben ausgeführt hast. Nun hast du in der Ankündigung aber zudem auch Science-Fiction als Einfluss für „Take me to Space“ genannt, konkret Filme wie „Star Wars“ und „2001: A Space Odyssey“ – ich musste bei der Stimme, die du als Narrativ in der Show eingesetzt hast, ja an eines meiner absoluten Lieblingsstücke denken, „I Trawl the Megahertz“ von Prefab Sprout (lustigerweise ist das Album ja auch ein Alltime-Fave von Charli XCX) und auch an „Clouds Across the Moon“ von der RAH Band. Was mich zur Frage bringt: wie viel Recherche geht bei dir der Komposition voran?

Ganz viel. Ich habe länger gebraucht, um das Thema und die Form zu finden. Das Konzert war ja auch ein Stück.

Ein Megastück mit diversen Kapiteln.

Genau, alles sehr motivisch vernetzt. Bei Space-Bands gibt es ja sehr viele Klischees, die jeder macht. Zum Beispiel den Countdown, den ich ja auch gebraucht habe.

Manchmal braucht man die Klischees ja auch für das Publikum.

Absolut.

Hast du eigentlich auch schon mal mit dem Gedanken gespielt, dir ein eigenes Flötenorchester zu bauen, mit Loop-Stations und Effekten? Irgendwie kam mir das beim Hören deiner sehr eindringlichen Flötenmotive.

Darüber habe ich auch nachgedacht – und dann mit Absicht keine Effekte benutzt. Erstens, weil ich nicht gut damit bin, aber auch, weil ich diese so hervorragende Band hatte.

Jorik, am 05. September findet im Rahmen der Cologne Jazzweek dein offizielles Konzert zum Horst-und-Gretl-Will-Stipendium für Jazz und Improvisierte Musik 2025 statt. Du präsentierst an dem Abend eine neue Großensemble-Konstellation: „Perennial Potpourri“ – unter Beteiligung von Martin Gasser, Jen Böckamp, Kira Linn, Matthias Bergmann, Shannon Barnett, Clara Vetter, Reza Askari & Alexander Parzhuber. Was kannst du hier zu erzählen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das hier sagen sollte, aber ich habe noch gar nichts vorbereitet. Es wird ein Potpourri aus meinen bisherigen Kompositionen werden.

Das heißt, du arrangierst zum ersten Mal dein eigenes Werk.

Ja, das stimmt.

Ich würde gerne noch über ein Zitat sprechen, das ich auf der NICA-Website gefunden habe. Da steht, dass sich deine Musik zwischen „Ausschweifung und Reduktion“ bewegt.

Das stammt von Esther Weickel, die im Stadtgarten-Team für NICA verantwortlich ist. Sie kann sehr gut mit Sprache umgehen.

Was denkst du, meint sie denn damit?

Sie spricht damit an, dass ich sowohl kleine, intime Konstellationen wie ein Duo mag, aber auch die Arbeit mit einer Big Band. Und die Flöte als Instrument ist ja auch eher klein, kann aber trotzdem explodieren.

Was suchst du in deinen Kompositionen?

Jede Komposition für sich ist anders. Ich versuche, immer Neues auszuprobieren. Zentral dabei: wie kann ich meine tollen Musiker:innen am besten positionieren? Einen Signature Sound habe ich noch nicht, weiß auch nicht, ob es den braucht. Wobei Musiker:innen, die mich beeinflusst haben, meistens doch einen haben … naja, ich habe ja noch ganz viel Zeit.

Wer sind denn deine Role Models, deren musikalische Erzählungen dich geprägt haben?

Ganz viele. Ich liebe Carla Bley, Django Bates, Ellington, Bruckmeier.

Und welche Gefühle soll deine Musik auslösen?

Je nach Projekt verschieden. Mit „Take me to Space“ habe ich beispielsweise die Trennung von meiner Ex-Freundin verarbeitet. Sehr emotional. Abseits davon spielt es immer eine große Rolle, wo das Konzert stattfindet. Ich finde es sehr schwierig, ohne Ziel zu schreiben, ich muss wissen, wo und mit wem ich die Musik aufführe. Deswegen konnte ich während der Pandemie zwei Jahre nichts schreiben. Ich brauche die Orte und die Musiker:innen. Musik für das Jaki klingt anders als Musik für einen großen Saal. Beim Konzert am Montag wusste ich zum Beispiel, dass es draußen stattfindet und es somit um die Uhrzeit während des Auftritts dunkel wird. Das heißt, zu Beginn, auf der Erde, war es hell, und am Ende im Weltall dunkel.

Das heißt, du kannst deine Musik dann auch nur sehr ausgewählt auf Tour schicken?

Nein, sobald die Musik existiert, ist es egal.

Thematisch bist du breit aufgestellt, es geht in den Stücken um so unterschiedliche Themen und Orte wie Klimawandel, Weltall und Wilder Westen. Wie wichtig ist das narrative Storytelling dir generell?

Schon sehr wichtig. Zuallererst macht es mir Spaß, mir solche Dinge auszudenken. Aber es macht es auch für das Publikum konkreter.

Welche Instrumente empfindest du als am natürlichsten im Dialog mit deiner Flöte? Mit welchen fremdelst du? Und welche hast du noch nicht, würdest du aber gerne mal angehen?

Ich spiele sehr gerne mit Oboe, weil das sich sehr gut zusammenfügt mit der Flöte. In der Klassik ist das normal, im Jazz gibt es die Kombination eher selten. Mit Gitarren zusammenzuspielen, ist nicht immer einfach, da hat man mindestens eine, manchmal sogar zwei Oktaven dazwischen, da … Aber das ist für mich keine Ausrede, nicht damit zu spielen, ich finde es dann schon cool.
Generell merkt man schon den Unterschied, ob ein Instrument zu einem passt oder eher nicht, aber das gilt auch für andere Musiker:innen. Manchmal passt man einfach nicht so richtig rein.

Gibt es denn ein Instrument, mit dem du total gerne mal zusammenspielen würdest?

Harfe!

Da könnte sich beim Week-End-Fest was ergeben …

Oh?

Céline Dessberg, eine französisch-mongolische Musikerin. 
Jorik, vielen Dank für deine Zeit. Letzte Frage: Was steht als Nächstes an?

Die zwei Projekte für das Week-End-Fest. Im Dezember gebe ich dann ein Benefizkonzert. Und 2026 versuche ich, ein ganz neues Programm für Big Band zu schreiben.

Und Aufnahmen?

Ich würde gerne ein „Take me to Space“-Album aufnehmen, aber wir müssen da erst noch ein paar weitere Konzerte spielen, bevor wir so weit sind.

Danke für das Gespräch, Jorik.

 

Jazzpreis der Stadt Köln: Jorik Bergman – Perennial Potpourri
FR, 05.09.2025, 20 Uhr – im Rahmen der Cologne Jazzweek 

Jorik Bergman (flute, composition), Martin Gasser (alto saxophone), Jen Böckamp (tenor saxophone), Kira Linn (baritone saxophone), Matthias Bergmann (trumpet), Shannon Barnett (trombone), Clara Vetter (piano), Reza Askari (bass), Alexander Parzhuber (drums) 

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!