Ingrid Laubrock – Interview

Ingrid Laubrock: “Als würde ein Teppich unter meinen Füßen weggezogen”

Ingrid Laubrock (Photo: Caroline Mardok)

Ingrid Laubrock agiert im Grenzbereich aus Avantgarde-Jazz, Neue Musik und Improvisation. Die Liste ihrer Kollaborationen ist dabei lang und beeindruckend und reicht von Evan Parker, Jean Toussaint, Norma Winstone, Lol Coxhill, David Axelrod, Veryan Weston, Siouxsie and the Banshees bis hin zu Django Bates.

Aktuell hat sie ein wunderbares Album mit Aki Takase auf dem Intakt Label veröffentlicht – auf „Kasumi“, das im Deutschen soviel wie Dunst bedeutet, tasten sich die beiden sensibel an den eigenen Sound heran, wobei die Bewegungen scheu sind, aber nicht schüchtern, eben so, als ob man sich nicht des Zielhoriziont gewahr ist und doch mit sicher und selbstbewusst agiert.

Auf Tour ist Ingrid Laubrock aktuell allerdings mit einem Quartett, zu dem neben ihr noch Schlagzeuger Tom Rainey, Bassist Michael Formanek und Gitarrist Brandon Seabrook gehören. Der Tourauftakt  findet am 18. März im Kölner Stadtgarten statt. Im Juli wird Ingrid Laubrock zweimal mit Kris Davis im Rahmen der Monheim Triennale auftreten. 

Photo: Ingrid Laubrock

Ingrid, hört man Musiker_innen beim Improvisieren zu, die das können, dann wirkt das immer so leicht. Wie schwer ist denn der Weg hin zu dieser (scheinbaren) Leichtigkeit? Muss man sich Improvisieren als einen Weg in die Freiheit vorstellen, den man mit der Zeit leichter geht?
Mit anderen Musikern zu improvisieren erfordert sehr viel Konzentration. Während man selber improvisiert, hört man den anderen mit einer Art Hochspannung zu. Man möchte, dass einem neue Richtungen, die Musiker einschlagen, nicht entgehen und auch dass sich das eigene Spiel auf das der anderen bezieht, wie abstrakt auch immer. Was diese anderen Musiker einem zu werfen, weiß man ja nicht – im Gegensatz zu sagen wir  Jazz Standards, wo es zumindest traditionellerweise eine Melodie, Form und Harmonie gibt, die der Musik eine Struktur vorgibt. Beim ersten Mal hat es sich für mich so angefühlt als würde ein Teppich unter meinen Füßen weggezogen.
Dieses tiefe Zuhören und die Balance von reagieren und generieren wird definitiv mit mehr Erfahrung leichter.

Nimmst du viel von den Improvisationen mit ins Studio, wenn du Alben angehst? Und wie genau hat man sich diesen Umstellungsprozess vorzustellen? Brauchst du immer eine gewisse Zeit, um dich auf die unterschiedlichen Biotope Bühne und Studio einzustellen?
Meine komponierte Musik hat fast immer auch improvisierte Teile – das ist bei Aufnahmen dann natürlich auch so. Ich gehe gerne ins Studio, weil ich über jede Möglichkeit meine musikalischen Ideen und Projekte (und die meiner Kollegen) zu dokumentieren dankbar bin. Das Spielen im Studio fühlt sich weniger natürlich an als auf der Bühne. Dafür gibt  es mehrere Gründe: das Fehlen des Publikums, oft trägt man Kopfhörer (was bedeutet, dass man seinen eigenen und den Sound der anderen Musiker erst später und verändert hört) – und die Tatsache dass es oft mehrere “Takes” von Stücken gibt, was bedeutet, dass man manchmal das gleiche Stücke viele Male spielt. Außerdem spielt man  natürlich unter einer Art Lupe. Aber ich habe mich dran gewöhnt und nehme es gerne hin, weil ich am Ende des Tages etwas produziert habe, dass für mich Bedeutung und Dauer hat.

Zuletzt ist von dir in Zusammenarbeit mit Aki Takase auf Intakt das Album „Kasumi“ erschienen. Wie habt ihr euch kennengelernt, was reizt dich an dieser Duo-Konstellation besonders?
Richard Williams, der damalige Kurator des Berlin Jazzfestivals hatte mir eine Art Carte Blanche für zwei Duo Konzerte auf dem Festival gegeben. Ich sage “eine Art” weil eine(r) der MusikerInnen In Berlin leben sollte.
Aki Takase und ich hatten schon davon gesprochen, einmal zusammen zu spielen, es aber noch nie geschafft. Ich habe Aki zum ersten Mal bei einem Jazz-Workshop mit der portugiesischen Sängerin Maria João gehört als ich 17 war. Ich fand es toll, zwei Frauen zusammen auf der Bühne zu sehen, besonders weil sie nicht nur erstaunliche Musikerinnen, sondern auch charismatische und energische Live-Künstlerinnen sind. Ich bewundere immer noch, wie viel Leidenschaft Aki in die Musik einbringt.

Photo: Ingrid Laubrock

Im Stadtgarten wirst du allerdings nicht mit Aki Takase auftreten, sondern gemeisam mit dem Schlagzeuger Tom Rainey, dem Bassisten Michael Formanek und und dem Gitarristen Brandon Seabrook als Quartett. Kannst du schon sagen, was einen an dem Abend erwarten wird?
Diese Gruppe ist mein neues Quartett und der Auftritt im Stadtgarten Teil unserer ersten Europatour. Wir haben die Musik, die wir im Stadtgarten spielen im September 2019 für Firehouse 12 in New Haven aufgenommen, allerdings als Sextett mir Tomeka Reid am Cello and Mazz Swift auf der Violine (Ich schreibe die Antworten zu diesem Interview übrigens in dem Apartment des gleichen Studios, wo ich diese Musik morgen abmischen werde).
Das Quartett hat eine ganz besondere Sensibilität und viel Energie. Michael Formanek und Tom Rainey sind fantastische Musiker, die sich nahtlos zwischen Komposition, Grooves und Improvisationen hin-und her bewegen können. Zwischen Brandon Seabrook und mir gibt es viele fast telepathisch anmutende Interaktionen, die sich wie eine Art blitzschnelles Gedankenlesen anfühlen. Mich überrascht es immer noch. Meiner Meinung nach ist Brandon einer der interessantesten und kreativsten Gitarristen unserer Zeit

Du lebst aktuell noch immer in Brooklyn, bist aber nach wie vor viel in Deutschland. Wie unterschiedlich siehst du denn die Jazz-Szenen in den USA und Europa, soziostrukturell, aber auch musikalisch gesehen?
Ich habe nie ls Musikerin in Deutschland gelebt, deswegen kann ich das nicht wirklich beantworten. In London gab es zwar eine gesunde und interessante Szene, aber sie war bei weitem nicht so groß wie hier. New York ist immer noch eine der Wiegen des Jazz, und der Einfluss ist natürlich stark. Aber Jazz hat viele Gesichter und zudem gibt es noch Unmengen von anderen “Stilen” oder Musiken, die hier auf einem sehr hohen Niveau gespielt werden. Soziostrukturell ist Amerika wie für alle Künstler für Musiker sehr hart, von staatlichen Geldern fließt hier sehr wenig an Kunst und Kultur (und dafür mehr in Kriege und “Border Walls”).

Photo: Ingrid Laubrock

Ingrid, du wirst im Sommer im Rahmen der Monheim Triennale zweimal mit Kris Davis auftreten, einmal in Duo-Besetzung und einmal zusammen mit Mimi Chakarova. Wie kommt es zu der engen Zusammenarbeit mit Kris Davis? Und was kannst du uns schon über die beiden Projekte sagen?
Kris Davis und ich spielen schon seit ich in 2009 nach New York gezogen bin zusammen. Das erste Projekt war Paradoxical Frog, eine Kollaboration mit dem Schlagzeuger Tyshawn Sorey. 2010 wurde sie Teil meines Quintetts Anti-House, mit dem ich drei CDs aufgenommen habe, dann folgte in 2013 ihre Gruppe Capricorn Climber. In 2018 war sie auch eine der GastsolistInnen beimeiner Orchesteraufnahme Contemporary Chaos Practices.
Kris und ich haben uns auf Anhieb musikalisch verstanden, ich bin froh dass das weiterhin anhält und sich noch vertieft. Wir haben im Juni letzten Jahres unsere erste Duo CD “Blood Moon” aufgenommen, die Mitte Mai bei Intakt Records erscheint.

Ingrid Laubrock Quartet Europatournee
03/18 Stadtgarten Köln/DE
03/19 La Malterie Lille/F
03/20 Jazz d’Or Strasbourg/F
03/21 Manufaktur Schorndorf/D
03/22 Area Seismica Forli/I
03/23 Cinema Teatro Torresino Padova/I
03/24 Kulturforum Villach/A

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