Michael Rüsenberg im Interview über seine Interview- / Podcast-Serie "Speak Like A Child“

“Wo steht diese Person in der Jazzwelt? “

Der Journalist und Klangkünstler Michael Rüsenberg unterhält sich für seine Gesprächsreihe “Speak Like A Child“ seit einigen Jahren (zumeist auf der Bühne des Kölner Stadtgartens und im Rahmen von dort stattfindenden Konzerten) mit den Protagonist:innen der Jazzmusik über ihre ganz persönliche Lebenswirklichkeiten und die daraus resultierende Herangehensweise an das Produzieren und Arbeiten mit Jazzmusik. Nun gibt es die Reihe auch in Podcast-Form. Für die erste Episode wurde ein Gespräch mit Julia Hülsmann vom 25. November 2018 aufbereitet. 

“Speak Like A Child“ bezieht sich auf ein Stück von Herbie Hancock von 1968. Gab es noch andere Songverweise auf der Longlist? Was gab den Ausschlag für diesen Titel?
Die Herangehensweise war rein sprachlich. Ich habe meine Tonträger-Datenbank nach „Speak“, „Talk“, „Conversation“ etc. durchforstet und bin erleichtert bei „Speak like a Child“ hängengeblieben. Der beste Titel „Gedankensprünge“ war ja schon für meine philosophische Reihe in Bonn vergeben. „Speak like a Child“ besitzt eine wunderbare Poetik und erlaubt viel (Gedanken)Luft nach allen Seiten.

Auf der Stadtgarten Website wird der Hancock Song in Beziehung zur Musikalischen Colorierung des Stadtgartens gesetzt. Kannst du das erläutern?
Wie gesagt, die Poetik des Titels hatte Priorität. Musikalisch gehört „Speak like Child“ zum frühen Hancock; unter allen, die jemals im Stadtgarten gespielt beziehungsweise zugehört haben, ist diese Phase unumstritten – was für den späten Hancock nicht gilt. Im übrigen handelt es sich um ein ausgeklügelte Komposition, in der Improvisation auch auftaucht. Im übertragenen Sinne heißt das: der Stadtgarten hätte ohne Komposition (Konzept, Planung) nicht seit 1986 durchgehalten.

Wie leicht ist es, die Musiker:innen im Gespräch dazu zu bringen, ihre angelernten Schutzmechanismen abzulegen und tatsächlich nochmal wie ein Kind zum sprechen zu bringen, also emotionaler und ungefilterter?
Ich hoffe (und habe die Erfahrung gemacht), dass niemand den Titel wörtlich nimmt. Ein ungefiltertes öffentliches Gespräch gibt es nicht. Manche, nicht alle Gesprächspartner, kennen meinen Interviewstil: es geht nicht um Werbung für die Künstler, nicht mal um die jeweils aktuelle Tournee oder CD, sondern um die Frage: wo steht diese Person in der Jazzwelt?

Nils Wogram im Gespräch mit Michael Rüsenberg am 15.10.2019 in Köln Stadtgarten
Foto: Hyou Vielz

Viele klassische Journalist:innen hegen eine gewisse Skepsis was Podcasts angeht, nicht, da ihnen die Konversation fremd wäre, das Gegenteil ist ja der Fall, es geht dabei eher um die Linearität und Direktheit der Gespräche. Denn bei normalen Interviewkonstellationen ist die Prämisse ja, dass das Ergebnis des Zusammentreffens anschließend redigiert und so in Form gebracht werden kann. Der Podcast hingegen lebt davon, dass die Hörer:innen das Gefühl bekommen direkt dabei zu sein – und das möglichst ohne Unterbrechungen.
Die Frage bei dir ist jedoch nicht der Transfer von einem Gespräch hinter den Kulissen hin zur geteilten Situation, denn
der “Speak Like A Child“-Podacst beruht ja auf einer zuvor live auf der Bühne im Stadtgarten durchgeführten öffentlichen Gesprächsreihe. Insofern, lange Vorrede, kurze Frage: Denkst du, dass das Axiom „live“ einen Einfluss auf die Art und Weise hat, wie du Gespräche führst?
Ja, live und vor Publikum haben Einfluss, aber weniger als der zeitliche Rahmen. Zuletzt, bei Georg Ruby, waren es 30 Minuten, die ich kaum überschritten habe.
Im übrigen aber unterscheidet sich die Struktur von „Speak like a Child“ nicht prinzipiell von den Interviews, die ich sonst führe, sondern allenfalls darin, dass ich mehr vom Gesprächscharakter erhalte.

Ein paar Schnitte gibt es ja im Verlauf des ersten Gesprächs mit Julia Hülsmann dann doch. Auffällig dabei das nahtlose aber doch brüchige anfügen. Hier könnte man sich ja durchaus auch einen kurzen musikalisachen Moment zur Collagieren vorstellen. Was sprach für die gewählte Lösung?
Ich verstehe podcast in einem sehr technischen Sinne. Als eine Art Radio zum Mitnehmen, und das nicht, weil ich aus Faulheit meine fast fünf Jahrzehnte Radioerfahrung und -gegenwart nicht abstreifen könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Publikum mit der gleichen Demut und Aufmerksamkeit lauscht wie beim Corona Virus update mit Christian Drosten (was ich sehr schätze). Es gibt also Schnitte. Wo es geht, eliminiere ich Redundanzen, die meisten Räusperer fliegen raus. Mir geht es um Gedanken, um Ideen, um Inhalt. Bei „Speak like a Child“ hört man im Idealfall Dinge, die die Partner woanders nicht oder so noch nicht geäußert haben. Und zugleich jubiliere ich über atmosphärische Details. Bei Julia Hülsmann gab es die zuhauf, bei Nils Wogram auch. Wer weiß zum Beispiel, wie man Töne auf der Posaune erzeugt – bei Wogram erfährt man es, er singt es vor.
In der Spotify-Version läuft „Speak like a Child“ ohne Einteilung in Kapitel durch; wenn sich das durchsetzt, bin ich zur Anpassung bereit.

Schön fand ich, dass an einer Stelle das Corona-bedingte Minimalpublikum (ich nehme an die aufnehmende Person) kurz zu hören war, ihr das also bewusst drin gelassen habt? Wieviele melancholie schwebt denn für dich da mit, schließlich sitzt du ja sonst in einem gut gefüllten Stadtgarten mit deinen Gästen.
Interessant! Wir haben mehr als ein halbes Dutzend Gespräche aufgenommen, darunter nur eins live und unter Corona-Bedingungen, das mit Georg Ruby in der Konzertpause (auch das ein Novum). Melancholie habe ich nicht empfunden, wohl aber die Erinnerung an ein Radiostudio. Wegen das grellen Bühnenlichtes waren auch die wenigen Techniker nicht zu sehen.

Was gab den Ausschlag für Julia Hülsmann als ersten Podcast-Gast?
Die Lebendigkeit des Gespräches. Es war nicht die erste Produktion, wohl aber die erste veröffentlichte. Wir wollen zunächst ein Panorama zeigen, nach Nils Wogram (Februar) kommt ein Englisch-sprachiger podcast, John Hollenbeck oder Darcy James Argue. Danach „past & present“, sozusagen eine Unterabteilung, Gespräche mit Stadtgarten-„Gründern“ wie Georg Ruby, Dirk Raulf, Norbert Stein.

Norbert Stein im Gespräch mit Michael Rüsenberg am 31.01.2020 in Köln Stadtgarten
Foto: Hyou Vielz

Mit hat am Gespräch sehr gut gefallen, wie natürlich sehr persönliche Aspekte (Familie), strukturelles (Sexismus im Jazz und darüber hinaus), soziopolitisches (Musik als Weltenöffner im internationalen Austausch) und musikalisches (Improvidation versus Kompositon, die Lyrik als Einflussmoment für die Kompositionen) miteinander verwoben wurden. Gerade vor dem Hintergrund der „Live“-Situation gar nicht so leicht – muss man das bei der Auswahl der Gäste mitdenken? Eignen sich nicht alle auf deiner Longlist dafür?
Die Auswahl treffen Reiner Michalke und ich. Wir müssen uns nicht lange darüber verständigen, wer das nötige Maß an Eloquenz mitbringt, das es schon braucht, für die letzte Stunde vor dem Konzert oder eine halbe Stunde mittendrin in einen solchen Gesprächsmodus umschalten zu können.

Auffällig war, dass du während des Gesprächs größtemnteils aus einer selbstbewussten Position des Wissens sprichst, in dem Moment aber, wo es um die Diskussion über die Rolle der Frauen im Jazz (und auch im größeren kulturellen Kontext) ging, diese ablegst und es Julia Hülsmann überlässt, die Defizite nachhaltig herauszustellen? Wieso?
Wissen hin oder her (zu dem ja auch das Wissen über das Unwissen gehört): ich bin Fragesteller, ich will etwas von meinen Partnern und Partnerinnen erfahren – nicht umgekehrt. Aus meiner Frage ging hervor, dass wir das Geflecht der Ursachen, das zur Minderrepräsentanz der Frauen im Jazz führt, im Einzelnen nicht kennen. Das andere Ende, die Defizite, sind aber offenkundig. Und hier wollte ich etwas aus einer Erste-Person-Perspektive erfahren, von einer Musikerin. Wir werden sehr viel später vielleicht mal die Antworten aus den einzelnen Kapiteln der Gesprächspartner miteinander collagieren.

Kannst du schon verraten, welche weiteren Gäste in diesem Jahr angedacht sind?
Die Pandemie hat einstweilen einen Strich durch unsere Planung gemacht. Wir werden aber sicher bis in den Herbst hinein monatlich mit einer neuen Folge des podcasts herauskommen. Reiner Michalke und mir schwebt langfristig eine Art Audio-Archiv vor, in dem auch diejenigen nicht fehlen, die heute schon höheren Alters sind. Ich sage mal die Generation Manfred Schoof, Rolf Kühn etc.

Zum Schluss noch eine Frage abseits des Podcasts: Du hast Soziologie und Philosophie studiert und in den 1970er und 1980er Jahren an sozialiwssenschaftlichen Studien zum Thema Konzertpublikum mitgearbeitet. Das ist zwar schon lange her, was aber gerade im Abgleich zur jetzigen Situation einen reizvolle Perspektive ergibt. Denkst du, dass nach dem Ende der Pandemie geschuldeten Einschränkungen eine schnelle Rückkehr zum vorher kultuvierten Publikumsverhalten eintreten wird? Oder wird Covid-19 vielmehr einen Paradigmenwechsel eingeläutet haben auf lange Sicht hin?
Hier bin ich als Prognostiker und nicht – wie damals – als Empiriker gefragt. Ich weiß es einfach nicht.

 

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