Mental Health Issues II

“Psychische Gesundheit sollte nicht als Trend vermarktet werden” Billie Marten im Gespräch

Mit trübem Wetter und nie hell werdenden Herbsttagen zieht der November die Stimmung der Menschen konsequent nach unten. Ob saisonale Depressionen, Dauerzustand oder andere psychische Erkrankungen – jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich dem Thema Mental Health Issues und Musik zu widmen.
Im zweiten Teil der Serie, widmet sich THERESA KÖCHL der Perspektive der Musiker*innen selbst auf das Thema Mental Health im Pop. Dafür traf sie sich mit der Sängerin Billie Marten, die auf ihrem aktuellen Album „Feeding Seahorses by Hand“ so offen wie nie über psychische Probleme spricht. Fotos: LEA WESSELS

Foto: Lea Wessels

Feelings mit Billie. Wenn das Scheinwerferlicht langsam erlischt, das Scharren der Füße verebbt und die Drumsticks des Schlagzeugers Kreise auf dem Becken ziehen, dann zählt ihre Stimme leise den Takt ein. Das „one“ legt sich wie schwerer Chiffon auf alle Anwesenden, das „two“ rinnt wie süßer Likör den Hals hinunter, das „three“ erfüllt den Raum mit einer zärtlichen Melancholie. Mitten aus diesem Soundszenario entwachsen aus dem Zentrum der Bühne diese Sätze: „I feel nothing at all/ The freedom of the fall/ My smile is on the backseat, the back wall“. Wer nicht genau hinhört, kann sich weiter im Takt wiegen und mit summen. Doch da ist Billie Martens Gesicht, ihre Augenlider, die sich hin und wieder schließen, ihre Brauen darüber, die manchmal eine beinahe unmerkliche Falte auf ihrer Nasenwurzel ziehen und ihre Lippen, die sich kaum bewegen. Ihnen zu folgen, lohnt sich. „Für viele Menschen fliegen die Lyrics nur so über den Kopf hinweg, weil sie sich nur auf den Sound konzentrieren. Für mich sind sie das wichtigste an Musik.“

Schreiben bezeichnet Billie Marten als eine Höhle, in der sie all ihre Gedanken ausbreiten kann. Diesem inneren Rückzugsort gleicht höchstens noch ihr Elternhaus in Ripon, einer Kleinstadt in North Yorkshire. Dort begann sie im Alter von sieben Jahren Gitarre zu spielen, Songs zu schreiben und kleine Videos davon auf YouTube hochzuladen. Was ursprünglich nur für ihre Großeltern im entfernten Frankreich angedacht war, erzielte schnell tausende von Klicks und die Aufmerksamkeit der Musikindustrie. 2014 publizierte sie bereits ihre erste EP „Ribbon“, ein Jahr später unterzeichnete sie einen Vertrag mit Chess Club Records. Seitdem spielte Billie Marten in zumindest der Hälfte der Städte, die sie 2016 in ihrem Song „Live“ aufzählte: „I want to go places that I’ve never been/Rome, California, Paris, Berlin“. Und doch wirkt sie jetzt nicht ganz zufrieden, wie sie auf einem Holzstuhl im schlecht ausgeleuchteten Backstage-Bereich des Berliner Auster-Clubs ausharrt. “Es ist mein erstes Mal hier und ich weiß, dass ich Berlin lieben sollte, und es ist auch überhaupt nichts verkehrt. Es fühlt sich aber so an, als ob diese Wolke aufgezogen wäre und ich kann sie nicht wegschieben, dabei will ich sie nicht größer werden lassen. Ich will sie loswerden, aber weiß nicht wie.“

Home-Girl. Marten nennt sich selbst „Home-Girl“. An den beschaulichen Ort ihrer Kindheit erinnert ab und an noch das hart gerollte, irische „r“, wenn sie spricht. Und kleine Augenblicke, die Einzug in ihre Songs gefunden haben: „Breaking my back in the heart of this land/Feet above water and softened in sand“. Über den Beginn ihrer musikalischen Karriere urteilt Billie: „Wenn du mitten in deinen Teenie-Jahren steckst, dann gibt es nicht wirklich viel, über das du schreiben kannst, außer dich selbst und die Natur. Meine Musik zu dieser Zeit war sehr dunkel, sehr reflexiv und dennoch weit gefasst.“ Seit einem Jahr wohnt die Sängerin nun in London. Dem London kultureller Vielfalt, feucht-fröhlicher Menschengelage in Pubs und flirrend voller Straßen mit Demonstranten. „Es ist unmöglich, sich in den U-Bahnhöfen zu bewegen, ohne einen Flyer in die Hand gedrückt zu bekommen. Jede Form von Werbung hat damit zu tun, wie klein deine Präsenz angesichts dieser absorbierenden Gesellschaft ist.“

Die überwältigenden Eindrücke ihrer Wahlheimat lösten einen Prozess in Billie aus: „London hat mich auf eine Art und Weise angesprochen, aufgerüttelt. Automatisch wurde ich auf gegenwärtige Probleme aufmerksam“. Und so beschreibt die britische Musikerin in „Cartoon People“, dem ersten Song ihres neuen Albums, das Gefühl der Machtlosigkeit. Spätestens wenn der Post-Chorus angestimmt wird, wird klar, auf welchen politischen Brandherd Marten dabei referiert: „Hold me, it’s a crisis that we’re pulling towards/ Cartoon people fighting an American war“. Eingerahmt wird dieser musikalische Reifeprozess von dem wundersamen Albumtitel „Feeding Seahorses by Hand“. Für Billie Marten ist dieser eng mit einer ihr vertrauten Person verwoben. „Tatsächlich war es meine Mutter, die den Titel erfunden hat. Lange bevor die Idee zu diesem Album überhaupt entstand, rief sie mich an und sagte nur: Ich hab’s. ‚Feeding seahorses by hand.‘ Sie hatte gerade eine Tiersendung gesehen, in der eben dieser Vorgang gezeigt wurde.“ Während der Studio-Aufnahmen zu ihrem neuen Album sollte sich dieses Szenario immer wieder in Martens Kopf wiederholen: „Es ist ein Bild, das man sich nicht wirklich vorstellen kann. Wenn man also etwas musikalisch Unbekanntes mit diesem Titel verknüpft, dann hat man für immer mein Album im Kopf. Ich mochte, dass es ein unbenutztes Bild war.“ Dass Billie damit nicht automatisch von einem strikten Bruch mit vergangenen Tönen spricht, klingt in „Blue Sea, Red Sea“ an: „This snow is falling heavy/ Wish my mother would come and get me“.

„Dieser Song war ein Hilfeschrei. Ich war gerade nach London gezogen, ich hasste es, fühlte mich miserabel. Also entschied ich mich, das glücklichste Lied überhaupt zu schreiben, um diesem Gefühl etwas entgegenzuhalten.“ Wenn Billie diese schweren Zeilen jetzt anstimmt, dann empfindet sie nicht automatisch das Heimweh dieser Tage. Im Gegenteil: Sie beschreibt diesen Song, dessen Chorus von einem trällernden „Lalala“ getragen wird, als „Comedy-Song“. Nimmt Musik also eine heilende Funktion für sie ein? „Nein. Sie ist viel mehr der einzige Weg, mich auszudrücken. Ich bin nicht gut darin zu sprechen, wenn ich sprechen sollte. Leute fragen erst dann nach Hilfe, wenn es für sie keine andere Option mehr gibt. Damit das gar nicht erst passiert, sollten wir unsere Türen weiter öffnen.“

Diagnose. Seit sie denken kann, sind Billie Martens Stimmungen eng mit der Natur und ihren Veränderungen verknüpft. Dass ihr im Alter von 18 Jahren eine „Seasonal Affective Disorder“ (S.A.D.) diagnostiziert wurde, war für sie deshalb nicht wirklich überraschend. Eher erklärte ihr dieses Krankheitsbild das Nebeneinander-Existieren der Traurigkeit und des Glücksgefühls. S.A.D-Betroffene erfahren Stimmungsschwankungen verschiedenster Grade, die sich zu einer ähnlichen Zeit jedes Jahr in depressiven Symptomen äußern. Was im Deutschen häufig mit dem Begriff der „Winterdepression“ verharmlost wird, zieht teils schwerwiegende Konsequenzen mit sich, wie ein anhaltendes Müdigkeitsgefühl, Veränderungen im Essverhalten oder Angstzustände. Manchmal plagen Billie diese Gefühle am Tag einer Bühnenshow: „Ich weiß dann nicht was ich machen will, bin total rastlos und nicht wirklich präsent. Manchmal ist es wirklich schwierig, du musst dieses Ding jeden Tag machen, aber du bist natürlich nicht jeden Tag in derselben Stimmung.“ Das Schwarz, das Weiß und das Grau dazwischen färbt Billie Martens einzigartigen Klang. In dem von Geigen getragenen, zähfließenden „Vanilla Baby“ verleiht es der Lust nach Isolierung besänftigende Töne. Nur zwei Songs später stimmt „She Dances“, ein bass-begleiteter Rumba, eine Hymne auf Selbstbestimmtheit, auf das „Freidrehen“ an. Als Musikerin offen über ihr Krankheitsbild zu sprechen, beschreibt Billie Marten weder als bewusste noch besonders einschneidende Entscheidung. Neben der Sängerin aus London greifen momentan verstärkt auch andere Musiker*innen das Thema psychische Gesundheit auf. So beispielsweise das britische Duo IDER, das vor kurzem ein Album mit dem sprechenden Titel „Emotional Education“ veröffentlichte. Oder der Elektro-Popper James Blake in einem Essay mit der Überschrift „to show how a privileged, relatively rich-and-famous-enough-for-zero-pity white man could become depressed, against all societal expectations”.

Psychische Gesundheit – Wellness-Trend à la Hygge? Wenn Billie in diesem Zusammenhang das Wort „Trend“ hört, wird sie wütend: „Psychische Gesundheit sollte nie als Trend bezeichnet werden. Es ist kein Thema, das man einfach aufnehmen und wieder fallen lassen kann, es betrifft uns alle. Wie ein Subtext läuft es die ganze Zeit mit, unsere Gehirne funktionieren nicht binär, es gibt kein Ende oder Anfang, kein ‚Gut‘ und ‚Böse‘- es ist ein volles Spektrum.“ Dennoch ist Marten unstrittig einer jener Menschen, die mit gesellschaftlichen Tabus brechen. Nicht nur durch ihre gesungenen Worte, sondern auch durch Interviews, in denen sie S.A.D. mit einem inneren Haustier vergleicht, auf das man Acht geben, das man hegen und pflegen muss. Martens musikalischer Output existiert deshalb nicht isoliert- und das will die junge Sängerin auch gar nicht. „Ich versuche immer, Musik vollkommen aus der Perspektive der Konsumierenden zu betrachten. Denn genau das bin ich ja auch. Wenn ich diese Brille also im Produktionsprozess trage, dann wird das Endergebnis weniger selbstbezogen, mehr gemeinschaftlich.“

Billie Marten als zarte, mythische, naturverbundene Folk-Sängerin mit psychischen Problemen abzustempeln, wäre zu kurz gedacht.  Auch gegen das Label der „Female Singer-Songwriterin“ wehrt sie sich vehement: „Das ist kein Genre, das ist nur eine einzelne Person mit einem Instrument.“ Kategorisiert zu werden erinnert Marten an das Bild einer Taube, die in einer kleinen Nische gefangen gehalten wird. Und Musik zu machen, das bedeutet für sie, frei zu sein und sich auszuprobieren. Vor kurzem begann Marten, die all ihre Auftritte mit Gitarre begleitet, Bassnoten zu schreiben. „Ich wusste absolut nichts über dieses Instrument, es sind abgedrehte Sounds dabei rausgekommen. Ich glaube, ich öffne da gerade etwas.“ Auch ihren Schreibprozess verändert die Londonerin gerade, koppelt ihn zunächst von der Musik ab. Um dann eine Woche später wie durch Zufall eine Melodie zu schreiben, deren Zentrum ihre Lyrics ausfüllen. Was kann ihr Publikum also die nächsten Jahre von Billie Marten erwarten? „Es gibt keinen fünf Jahres Plan, keine Agenda. Ich möchte einfach Musik machen, die Leute Dinge fühlen lässt- gute und schlechte.“

Wenn die Sängerin ihrem Gegenüber zur Begrüßung die Hand schüttelt, dann stellt sie sich bewusst mit ihrem Künstlernamen vor. „Musik kann nicht mit der Identität der Person dahinter gleichgesetzt werden. Ich glaube nicht, dass man für immer in eine Lücke passen muss, die man einmal für zwei Stunden eines Tages gefühlt hat, als man diesen und jenen Song geschrieben hat.“ Trotz und gerade ob dieser Abgrenzung könnte Billies Musik nicht authentischer, nicht ehrlicher sein. Denn sie vereint das Auf und Ab, klingt nach Zickzack und Richtungswechsel, nach Luft zehren und
Rastlosigkeit. „Sich zu bewegen ist immer eine gute Idee. Man neigt dazu, versöhnlicher mit sich selbst zu sein, wenn man sich bewegt.“

Text: Theresa Köchl

Foto: Lea Wessels

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