Interview mit Schorsch Kamerun über „So viele Leute wie möglich“ von Raison

Schorsch Kamerun: „Extra Vages machen wir aus tiefer Überzeugung“

Ach du liebes Bisschen, auch schon wieder über 15 Jahre her, dass mich der geschätzte Popjournalisten-Kollege Klaus Walter im Rahmen der Tagungspublikation „Kulturschutt“ mit seiner Formulierung aus der „Lenin“-Rezension des seinerzeit neues Albums der Goldenen Zitronen in der „Frankfurter Rundschau“ begeisterte: „Musik aus den Knochen anderer Leute“. Klaus meinte das, dies traue ich mir hermeneutisch zu, zu sagen, geflissentlich nicht als Knochenbeißer oder Aasfresser, sondern positiv als popmusikkulturelles Aufräumkommando, als Neuersteller aus Vorgefundenem, als Digger im Schutt von Pop und der es umgebenden Gesellschaften. Das demgegenüber ganz ähnliche und gleichzeitig ganz andere Projekt Raison der unter anderen Zitronen Schorsch Kamerun und Mense Reents und des Produzenten, Performance-Künstlers und Komponisten PC Nackt kleidet sich nicht nur mit tollen Gästen (wie Sophia Kennedy, Yodit Tarikwa), sondern vor allem in absolut zeitgemäßer Unsicherheit und nur scheinbarem Wohlgefühl.

Keine Ahnung, ob die Herren sanfter geworden sind, das weiß ich doch nicht. Was bei mir im doppelten Sinn ankommt, ist beim gerade erschienenen Raison-Album „So viele Leute wie möglich“ eher eine Art Zwischenstopp, in dem kultürlich die bisherigen künstlerischen Erfahrungen der Protagonisten zu erkennen sind. Freilich zurückgezogener, nicht so schreiend unsicher, eher schleichender, elektronischer kommen die versammelten Beobachtungen hier rüber. Vor zwanzig Jahren nannten wir sowas in der Musikzeitschrift „De:Bug“ mal Indietronics. Der Ansatz bleibt kritisch und nicht abfeiernd, das Feiern bleibt eine/m im Halse stecken, aber nicht so zuckend wie bei den Zitronen, nicht ganz so clubbig wie etwa bei Mense Reents anderen Projekten. Das Ton Steine Scherben-Cover „Allein machen sie dich ein“ transformiert von einem alternativ-schnöseligen linken Reiser-Blues zum merkwürdig anti-euphorisch-euphorischen Raison-Track. Ganz gebrochen groß. Auf auf den Tanzboden und dort nur ein bisschen rumzappeln und dann stehenbleiben. „Und alles, was du dann noch sagen kannst, ist ‚das ist aber `n ganz schöner Hammer, ey Mann‘“. Mit den Armen kreisen. Ist das motivierend, bedrohlich oder etwa unterwegs auf der Meta-Ebene?

Christoph Jacke: Schorsch, wie sind die Songs zwischen PC Nackt, Mense und dir entstanden?

Schorsch Kamerun: Mit PC habe ich ganz viele Theater/Performance-Projekte realisiert, zum Beispiel auf Dortmunder Straßen, in der Berliner Volksbühne oder mit Opernorchestern. In erster Linie bin ich wirklich Fan meiner beiden Mitmachenden – menschlich und künstlerisch, also da ist der Ausnahme-Floater PC Nackt als jemand der mit kleinen und großen Mitteln ein ganzes Orchester darstellen kann – live und im Studio. Und Mense Reents hat dieses besondere Bühnen- und Produzentenohr, im Heute mit Brücken in die – interessanteren – 1960er/70er/80er zwischen Moderner Klassik, Brian Eno, Wave, Punk und jedem Elektro – von damals bis super aktuell. Und dann sind die beiden physisch genau so aufgeregt hysterisch wie ich, also so, wie ich das eben nur von Goldenen Zitronen- Erlebnissen kenne: Musisch-aktivistisches Hühnergeflatter – mit streng gebotener, reflektierter Coolness.

Der Song „Gegen gerade“ als ‚Gegengerade‘, als ‚ungerade‘, als ‚gegen jetzt eben‘, als ‚gegen Glattes‘? Wer sind da die im Text adressierten „Ihr“ („Eure Hände…“ etc.)?

Gegen Gerade als Wortspiel in Opposition zu allem „Ordnungsfordernden“ und Ausgrenzendem, aber auch als symbolische Selbst-Überprüfung der berühmten Gegengerade aus dem St. Pauli-Stadion: Wer fordert wen auf, zu welcher Solidarität und welche Mitmach- Konsequenz beinhaltet das eigentlich. Wir sollten immer wissen, wann der erste Stein gerechtfertigt ist, von wem und auf wen. Und ob ein Werfen dann als kollektive Hymne taugt, bleibt abzuwarten. Vielleicht hab‘ ich aber einfach nur Angst vor Fahnenmeeren…

Wie kommt diese fulminante Wackeligkeit, die ich bei Raison wunderbar spüre (ganz besonders zum Beispiel auf „Allein machen sie dich ein“), aus deiner Sicht zustande?

Das ist unsere Basisidee! Also, bei aller straffer Intervention und Kritik eine brüchige Gleichzeitigkeit, eine Ambivalenz vom Gegenteiligen mitzudenken. Vielleicht versuchen wir so, dem unerreichbaren Spirit-Wunsch „Empathie“ näher zu kommen, wollen uns real reinfinden in nichteigene Widersprüche. Wenn das dann nicht wackeln würde, wären wir überhebliche Protze.

Kann ich Raison trauen?

Natürlich nicht. Wir sind Künstler. Vor allem wir selbst müssen bedingungslos Un- Vertraubares begehen, probieren und aussprechen, sonst wären wir womöglich Politiker! Ihhhhgittt! Jedenfalls, extra Vages machen wir aus tiefer Überzeugung. Trust us!!

Empfindest du deine Theaterprojekte in irgendeiner Hinsicht anders als Raison oder Die Goldenen Zitronen?

Tatsächlich nein. Weil es mir immer um begehbare Versuche von Themen geht, nur mit unterschiedlichem Transporter sozusagen. Und diese finden im Theater genauso statt wie in Popkultur, Clubleben oder politischem Aktivismus. Durchaus auch im Scheißebauen.

Wieso sind Deiner Meinung nach mittlerweile Art-School-Post-Indie-wasweißich-Punk wie zum Beispiel die Swell Maps (um Jowe Head, Nikki Sudden, Epic Soundtracks) oder TV Personalities, The Fall aktuell wieder so angesagt? Ähnliche ‚Zeitenwende‘ und Gefühlslage wie seinerzeit Ende der 1970er, Anfang der 1980er zwischen Apokalypse und positiver Transformation?

Guter Punkt. Aber ja, wir erleben eine lange Phase von Unüberschaubarkeit, da machen künstlerische Positionen Sinn, die gleichzeitig radikal entfremdet, (nahezu) nihilistisch spiegelnd und dabei inhaltlich trotzdem sehr deutlich formulieren können. Für mich verbindet sich das Jetzt mit der irritierenden 1980er-Neon-Plastik-World plus einer gewünschten 1960er Aufbruch-Cometogetherness mit allen früheren „Post“-Zeiten wie beispielsweise Nachindustrialisierung, Nachkriegszeit, Nachwirtschaftswunder etc. Das reicht künstlerisch gar bis zu Bach oder Henry Purcell.
Swell Maps ist ein starker Einfluss, Nikki Sudden erinnere ich als sehr around. Aber tatsächlich ist für Raison dann TV Personalities in ihrer bittersweeten Melancholie ein größerer Einfluss, würde ich sagen.

„Coffee is my cup of tea“ singtspricht Schorsch Kamerun auf „Still no Future“: Offene Ein- und Ausflüsse sowie Enden überall – im positiven Sinn. Dieses Gespräch wird, so hoffen beide Beteiligten, an andere Stelle ausführlicher und live weitergeführt – vielleicht ja wieder bei „Kaput“. Mal sehen. ‚Trust us!‘

 

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