Sam Vance-Law – Interview

Sam Vance-Law: „Das ist das Schöne am Schwulsein: Ich kann alles machen“

Sam Vance-Law (Photo: Alexander Coggin)


Auf seinem neuen Album verarbeitet Sam Vance-Law seinen Trennungsschmerz in allen Facetten: Die Songs changieren zwischen niederschmetternder Traurigkeit bis zu trotzig-guter Laune. Bei solch intimer Nabel- beziehungsweise Seelenschau ist die Gefahr groß, im Kitsch zu versinken – allerdings nicht für Sam, der mit Grandezza und frappierender Offenheit durch emotionale Untiefen navigiert. „Goodbye“ ist trotz oder wegen seines traurigen Themas eins der tollsten Alben dieses Frühjahrs geworden, das ziemlich anders klingt als Sams gefeiertes Debüt „Homotopia“ und doch dessen schlüssiger Nachfolger ist.

 

Klarer Fall für ein kaputes Interview, das in kreativem Deutsch-Englisch geführt wurde und mit einem auf die Minute pünktlichen Anruf von Sam begann („Damit sollte ich Werbung machen!“)

 

Erstmal herzlichen Glückwunsch, Sam – du bist ja gerade überall mit deinem neuen Album!
Sam Vance-Law: Haha, danke – ich habe nur versucht, eine gute Platte zu machen!

Du bist in Kanada geboren, hast in England und Frankreich gelebt – wie bist du in der Berliner Indie-Szene angekommen?
An meinem Debüt „Homotopia“ habe ich in Berlin ungefähr drei Jahre lang gearbeitet. Anfangs hatte ich noch keine Plattenfirma, kein „secret network“. Ich habe verschiedene Nebenjobs angenommen, zum Beispiel habe ich in Ummanz auf der Insel Rügen Sommercamps für Kinder gemacht, dort sind einige Songs entstanden. Ich war Sessionmusiker für Wallis Bird und habe in Dear Readers Liveband gespielt, habe Verena Gropper und Konstantin (Get Well Soon) kennen gelernt, der auch an meinem ersten Album mitgearbeitet hat. Und Max (Gruber / Drangsal) war später mein Labelkollege – so habe ich nach und nach mehr tolle Musiker:innen kennenlernen dürfen.

Du sagst, dass „Homotopia“ hauptsächlich von anderen Leuten handelte, „Goodbye“ ausschließlich von dir. Welche Unterschiede gibt es noch?
Auf „Homotopia“ wollte ich people’s stories with musical stories verknüpfen. Der Sound ist ziemlich clean, sehr gut gemacht, exzentrisch und groß – genauso wollte ich es haben. „Goodbye“ ist tighter, konsequenter – ein bisschen „kälter“ in dem Sinne, dass es total direkt ist. Es ist traurig, ohne Schmuck und ohne Filter: stripped music sozusagen. Ich wollte nichts durch die Blume sagen, sondern alles ganz klar.

Weiß die betreffende Person, dass die Songs von ihm handeln?
Haha, diese Frage wird mir dauernd gestellt – ja, es ist alles geklärt. Es wird keine peinlichen Szenen auf Parties geben.

Ging es dir manchmal zu nahe, deine eigene Trennungsgeschichte in Songs zu packen?
Es war schlimm! Ich habe es gehasst – aber ohne diese Verarbeitung wäre meine Situation auch schlimm gewesen. Ich bin über das Arrangieren immer wieder mit meinen Gefühlen konfrontiert worden: Soll die Oboe wieder rein oder ist das too much?

Hatte die Arbeit an „Goodbye“ etwas Kathartisches?
SVL: Nein, es war die reinste Folter. Meine Musikerkollegen haben mich gewarnt: You’ll dig your own grave! Ich komme immer noch nicht durch das Set ohne zu weinen – meine Band übrigens auch nicht. Ich bin gespannt, wie das Publikum reagieren wird!

Sam Vance-Law (Photo: Alexander Coggin)

Du hast einen klassischen Background, hast Geige spielen gelernt und in klassischen Chören gesungen – wie hast du Pop für dich entdeckt?
Meine friends in der Highschool sind zu Rock- und Popkonzerten gegangen und haben mich oft mitgenommen – ich hatte also immer beides, und habe meinen eigenen take on pop music entwickelt. Zum Beispiel wollte ich immer Lieder für Oboe schreiben, aber ich will auch Synthies und Chöre! Pop als Begriff ist so eine random definition, es kann doch jede/r machen, was er oder sie will. Meine Musik wird oft als Chamber Pop bezeichnet – völlig in Ordnung. Für mich gibt es keine Trennung in verschiedene Bereiche.

Hast du Vorbilder?
Direkte Vorbilder nicht, das ist mir nicht so wichtig. Mir geben alle Musiker:innen was, ich nehme aus allen Liedern etwas mit. Meine friends Wallis Bird, Charlie Brandi und Drangsal inspirieren mich, immer weiter zu lernen.

Die Hamburger Produzentin Charlie McClean hat „Goodbye“ mit produziert – wie seid ihr zusammengekommen?
„Goodbye“ war so gut wie fertig, dann kam Corona. Ich hatte also sehr viel Zeit, um mir die Songs ganz genau anzuhören. Ich fand das Songwriting sehr gelungen, wünschte mir aber für die Arrangements mehr punch and sparkle. Meine Freunde fanden das auch: „Da geht noch mehr, das könnte besser klingen!“ Also habe ich verschiedene Producer angefragt, und als die ersten von Charlie bearbeiteten Tracks zurückkamen, bin ich buchstäblich vom Stuhl gefallen – wie in einem Slapstick-Film! Charlie hatte richtig Bock darauf, die Stücke zu produzieren, deswegen ist das Ergebnis auch so gut geworden.

Wie wichtig ist dir die Dramaturgie eines Albums?
Sehr wichtig. Die Songs auf „Goodbye“ erledigen alle unterschiedliche Jobs: „Get Out“ zum Beispiel ist fun, poppig und tanzbar. Der Folksong „Blissful Times“ war schwierig zu machen, da bin ich auf den Text besonders stolz. „Too Soon“ hat ein wunderschönes Arrangement, das die Verzweiflung in den Lyrics hervorhebt. Und „Thanks Again“ ist der perfekte closing song.

In „Icarus“ singst du, „So this is goodbye, Icarus / Go make your big mistake” – das ist schon ziemlich dick aufgetragen, oder?
Ahh ja, das ist total bitchy! Als meine Freunde den Song hörten, sagten sie, „So ein schönes Lied, nice!“ Aber das ist überhaupt nicht nett, das ist das Gemeinste, das ich je geschrieben habe! Der Text zu „Icarus“ war superschnell fertig, da wusste ich, dass er so richtig sein muss. Das ist das Schöne am Schwulsein: Ich kann alles machen. Ich habe mehr Freiraum, ich darf die Wahrheit sagen, offen und verletzlich sein. Straight men „dürfen“ ein solches Lied nicht schreiben, Frauen dürfen oder sollen sogar ihre Verletzlichkeit zeigen – zumindest, so lange wir noch an diesem binären System kleben.

Apropos: Auf deiner „NDW“-EP coverst du Ina Deters Hit „Neue Männer braucht das Land“ und lässt den Text so, wie er ist…
„Er muss nett sein auch im Bett“ – das hat mich sofort angesprochen, haha! Das fand ich toll. Und ich darf mitspielen!

Wie bist du überhaupt auf die Songs gekommen, die du für die „NDW“-EP gecovert hast?
Ich habe keine historical connection zu dieser Epoche, aber ich habe sehr kluge friends, die mir Playlists zusammengestellt haben. Die habe ich dann durchgehört. Max/Drangsal hat mir zum Beispiel Bärchen und die Milchbubis sehr ans Herz gelegt. Für mich ist die Neue Deutsche Welle wie Bach oder Wagner: Music designed by Germany.

Im Rahmen deiner Tour trittst du auch beim Queer Festival in Heidelberg auf (20.5.2022):
Darauf freue ich mich ganz besonders! Weißt du, in Berlin every day is a queer festival! Von Heidelberg erwartet man das eher nicht so…

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