Über die genialen Dilletanten im Ruhrgebiet

Eine Verstopfung ist das erste Anzeichen relativer Überdosierung


Bereits seit einigen Jahren tourt die von dem Goethe-Institut konzipierte Ausstellung „Geniale Dilletanten“, die – wie der Deutschlandfunk mal über diese schrieb – der Subkultur der 80er-Jahre fröne: „Untergrund, Subkultur, 80er-Jahre, Musik in erster Linie, Performance und Bildende Kunst in zweiter, irgendwo zwischen Dada, Avantgarde und Punk …“; zuletzt wurde diese im November und Dezember 2019 in Kiew unter anderem in Kooperation mit der ukrainischen postmaidan Ravebewegung „Cxema“ präsentiert.

Die Tourneeausstellung „Geniale Dilletanten“ führt ihre BesucherInnen anhand von „Einstürzende Neubauten“, „Deutsch Amerikanische Freundschaft (D. A. F.)“ oder Martin Kippenberger auch in deutsche Großstädte der 80er-Jahre; dass das Ruhrgebiet beziehungsweise Städte des Ruhrgebiets unter solchen nicht zu finden sind, das mag zunächst nicht verwundern – vielmehr könnte verwundern, warum man sich wundern sollte, dass das Ruhrgebiet in dem Rahmen einer solchen Ausstellung keine Erwähnung findet. Galt in dem noch stark von der Montanindustrie geprägten Ruhrgebiet der 80er-Jahre nicht schon Ausschlafen in besonderer Weise als „verdächtig“? Das mag ein Grund gewesen sein, warum – bei den gerade eben genannten namhaften Künstlern bleibend – Martin Kippenberger, Gabi Delgado-López (D. A. F.) oder FM Einheit (Einstürzende Neubauten) jeweils aus dem Ruhrgebiet wegzogen, wobei überraschen mag, dass diese überhaupt mit dem Ruhrgebiet verbunden sind – ist die Geschichte der „Genialen Dilletanten“ vielleicht doch stärker mit dem Ruhrgebiet verbunden, als man diesbezüglich zunächst annehmen würde?

Die 2008 erschienene Publikation „ECHT! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet“ kann auch auf eine solche Frage Antwortansätze bieten, indem sie unter anderem „[…] erzählt, wie ein Beuys-Schüler in Gelsenkirchen den Artpunk prägte, wie das Wohnzimmer eines Bottroper Krupp-Angestellten zur Zentrale der bundesdeutschen Undergroundpresse […] wurde“ (Salon Alter Hammer).

Sari Schildts Fotografie-Bachelorarbeit „Entprodukt“ fügt zu solchen Erzählungen einen weiteren „einschlägigen Beweis“ hinzu: Ihre Auseinandersetzung mit dem Bild- und Tonarchiv ihres Vaters in dem Rahmen von dieser bringt bisher wohl kaum Gesehenes
und Gehörtes einer Ruhrgebietsszene „Genialer Dilletanten“ zutage, die es auch insofern durchaus gegeben haben muss.

Jonas Eickhoff

„Jour de Ruhr“ präsentiert Ausschnitte von Sari Schildts Arbeit „Entprodukt“ in Kooperation mit dem Kaput Magazin und dem freien Onlineradiosender Radio 80000.

Am Montag den 15. März wird wird zwischen 22 und 23 Uhr auf Radio 80000 der DJ-Mix zu Saris Bachelorarbeit gestreamt werden.

Textauszug Projektbeschreibung
Das Projekt ist schon in meine Kindheit zurückzuführen. Bevor ich auch nur ein einziges Bild sah, füllte sich in mir eine Erinnerung aus Erzählungen und Musik einer Zeit, in der ich noch gar nicht lebte. Fasziniert davon, wie frei von konventionellen Normen der Gesellschaft sich in Form von Attitüde, also Mode, Musik und Kunst ausgedrückt wurde, setzte ich mich umfangreicher mit dem Zeitgeist und der Thematik auseinander. Musik ist im Zuge dessen nicht nur mein erster Zugang zu der Zeit der Genialen Dilletanten, Musik ist auch das, was meinen Vater und seine Freunde zusammenbrachte und nimmt eine zentrale Rolle in Endprodukt ein. Anhand des Umfangreichen Archivs meines Vaters arbeite ich eben diese Zeit auf, die ich vor dem Sichten des Materials bereits aus meiner Kindheit aus Erzählungen und vor allem durch Musik kenne. Das gesamte Archiv meines Vaters ist in den 1970er-Jahren und 80er-Jahren entstanden und dokumentiert die Zeit der Genialen Dilletanten im Ruhrgebiet.

Durch eine Absage für ein Kunststudium hörte mein Vater damals auf Musik zu produzieren. Auch mit dem fotografieren wurde es weniger. An diesem Punkt knüpfe ich mit meinem Projekt an, rücke die damalige Zeit wieder in den Fokus und bringe meinen Vater durch das einbeziehen in das Projekt dazu, sich wieder künstlerisch auszudrücken. Der Fund des Archivs bestärkte mich außerdem, mich visuell mit der Thematik Identität zu befassen, zu erforschen, wie ich durch die Erzählungen und Handlungen, dem vorspielen der Musik, von meinen Eltern beeinflusst wurde. Gleichzeitig vergleiche ich durch die Gegenüberstellungen meiner Fotografien die damalige Zeit mit der heutigen Zeit, in der das soziale Miteinander zurückgezogener ist, in sich gekehrter und oberflächlicher scheint. Obwohl er keine Musik mehr produziert nimmt Musik auch heute noch einen wesentlichen Teil im Leben meines Vaters ein sowie auch in meinem Leben. Deshalb habe ich mich an zahlreichen Stellen im Projekt von Protagonisten und Bands der damaligen Zeit inspirieren lassen, die mir schon aus meiner Kindheit bekannt sind. So auch bei der Wahl des Titels. Wie Jürgen Teipel für das Buch Verschwende deine Jugend und der Ausstellungskatalog der Kunsthalle Düsseldorf Zurück zum Beton sich für ihre Buchtitel an Songtiteln orientieren tue ich dies auch. Beide Bücher handeln von der Zeit des Aufschwungs des Punk in Deutschland und reißen thematisch die Bewegung der Genialen Dilletanten an. Für mich ist die sich unter dem Archivmaterial befindende Kassette Eine Verstopfung ist das erste Anzeichen relativer  berdosierung/Entprodukt der Band Boring New Farts, in der mein Vater spielte und von der Band er bis heute schwärmt, von großer Bedeutung. Den musikalischen Ansatz, wie ihn die bildenden Künstler*innen in Berlin verfolgten, gingen auch mein Vater und seine Freunde in Dortmund nach. Weder konnte ein Bandmitglied ein Instrument spielen noch singen. Die Kassette gab mir den Anstoß mein Projekt Entprodukt zu nennen. Mit der Übernahme des falsch geschriebenen Entprodukt, greife ich die Fehler auf, die die Dilletanten als positiv werten und die künstlerische Bewegung am besten beschreibt. Das ist angeknüpft an Wolfgang Müller, der 1981 für Die große Untergangs-Show-Festival Genialer Dilletanten und auch im 1982 erschienenen Buch Geniale Dilletanten, versehentlich Dilletanten,
anstatt Dilettanten schrieb und diesen Fehler übernahm.

Das Tape Eine Verstopfung ist das erste Anzeichen relativer Überdosierung/Entprodukt hat in meinem Projekt ein Remastering erhalten. Bei der Wiederveröffentlichung beziehe ich mich auf die zum 40. Jubiläum erneut Veröffentlichten Platte Unknown Pleasures der Band Joy Division, da Joy Division eine absolute Lieblingsband von meinem Vater ist. Wie die Platte sind auch die Kassetten
rot transparent und erhalten eine weiße Hülle.
Im Umgang mit den Archivbildern beziehe ich mich auf die Band Throbbing Gristle, die mit ihrer Musik den Herzschlag beeinflussen wollten, indem ich den Betrachter durch die Menge an Fotografien einer Überladung an Eindrücken aussetze. Den schwarz/ weiß-Aufnahmen meines Vaters stehen die von mir erstellten digitalen Farbfotografien gegenüber, die dem Betrachter die Möglichkeit zum Durchatmen geben und unabhängig von den analogen s/w-Aufnahmen behandelt werden. Bewusst habe ich mich dazu entschieden digital zu fotografieren, um auf die Veränderung der Zeit – analog/digital- einzugehen. Die einzigen analogen Fotografien, die von mir stammen, sind missglückte Polaroids. Diese sind während des Prozesses meiner Eignungsprüfung für mein Studium entstanden und knüpfen an dem Punkt an, an dem mein Vater aufhörte zu fotografieren: die Absage für ein Kunststudium. Gleichzeitig greifen die Polaroids durch ihre Materialität, durch ständige Veränderung, die Vergänglichkeit auf. Jedes Polaroid durchzieht einen Lichtstrahl, womit sich die einzelnen Bilder miteinander verbinden lassen und wie ein Zeitstrahl wirken, der auf einen Lebensabschnitt hinweist.
Aufbauend auf den Polaroids orientieren sich meine Fotografien farblich an diesen. Im Kontrast zu der großen Menge der Archivfotos, die einen mit Eindrücken überhäufen, sind meine Fotografien ruhig, symbolisch für die damalige Zeit. Die im Archiv enthaltenden Nacktfotos habe ich aufgrund des Wunsches der Protagonisten anonymisiert. Hier greife ich den Do-It-Your-Self Gedanken der Genialen Dilletanten auf, indem ich in den Bildern die Köpfe der Personen wie rausgerissen erscheinen lasse. Die Anonymisierung ist auch in meinen Fotografien zu finden. Es lassen sich Menschen erkennen, allerdings nicht entschlüsseln wer die fotografierte Person ist.

„Entprodukt“ (280 Seiten) und die Kassette (auf 50 Stück limitiert) sind beide käuflich bei Sari Schildt zu erwerben.
Kontakt: mail@sarischildt.com

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