Freitag, 24.05.2019
Die Story

Deadline als Rettung – Von Spar unter Druck

Eine musikalische Identität aus lauter Klebe-Tattoos: Zuerst Postpunk mit Patch-geeigneten Slogans, dann Krautrock ohne Düsseldorf-Code, zuletzt der Soundtrack für eine Geisterstadt voller Bagger. Bisher verwischt fast jedes Von Spar-Werk die Spuren seines Vorgängers. Eine Annäherung an Kölns mehrbödigsten Clusterfuck von PHILIPP KRESSMANN. Fotos: JANA BRAUER

Man wird den Eindruck nicht los, dass diese Band sich vor ausbleibender Veränderung fürchtet. Auch ihr fünftes Studioalbum „Under Pressure“ wiederholt den Verzicht auf Wiederholung. Die Band versammelt hier so viele Stimmen wie noch nie, kontaktierte eine Professorin für Punk & Reggae und packte für eine Art Ode an das Radfahren sogar schweißtreibende Stunt-Gitarren aus. „Kein Konzept“ lautet das Konzept. Dieser eklektische Gestus funktioniert: Vor kurzem hat die BBC die erste Single „Extend The Song“ vorgestellt, bald spielen Von Spar Konzerte mit Stereolab. Ohnehin hat sich die vierköpfige Gruppe in den letzten Jahren international etabliert. Zum Interview laden Sebastian Blume (Synthesizer & Piano) und Phillip Tielsch (Gitarre) in das bandeigene Dumbo Studio ein.

Das hat seinen Sitz immer noch in der Kölner Südstadt. Diese Ortsmarke versteht die Band aber nicht als Trademark für ihr Schaffen: „Ich lebe gerne in der Stadt. Aber wir leben nicht alle in Köln, sind hier auch nicht aufgewachsen, können alle kein Kölsch – es allenfalls imitieren, wenn wir zwei, drei Kölsch getrunken haben“, sagt Blume, der den teils „sehr hochgehängten Lokalpatriotismus“ für diskutabel hält: „Das hat für mich häufig einen komischen Geruch.“ Zudem liege die Musikgeschichte, auf die man sich im Kontext seiner Band oft bezieht, schließlich mehr als vierzig Jahre zurück. Stichwort: Can. „Ege Bamyasi“, das vierte Album der legendären Kölner Gruppe, haben Von Spar 2013 live gecovert. Seitdem werden sie häufig mit Krautrock assoziiert. Das ist zwar nicht falsch, doch für die Band wird der Begriff oft überstrapaziert: „Musikalisch ist das überhaupt nicht greifbar, was damals darunter subsumiert wurde“, meint Blume, der an ein altes Interview mit Klaus Schulze denkt. „Das war vom Ansatz nichts besonders „Deutsches“. Da ist vielleicht schon die Parallele zu uns: Manches ist aus dem Versuch entstanden, irgendwo anzudocken und etwas nachzuahmen – und aus dem Unvermögen, das eins zu eins zu machen! Dabei kommt dann was Anderes raus.“ Scheitern als Kreativ-Chance? „Ich habe mal gelesen, dass Jaki Liebezeit gesagt hat, dass seine Rhythmen eigentlich etwas James Brown-Mäßiges haben sollten. Das habe ich nie darin gesehen!“, ergänzt Tielsch.

Viele Verschlagwortungen, mit denen man Von Spar einrahmen könnte, stellt die Band vorsichtig in Frage. So realisiert man recht schnell, wie porös so ein Bandgebilde ohne Sänger (um hier das ekelhafte Wort „Frontmann“ zu meiden) überhaupt ist. Umso besser, wenn man sich zuallererst darauf einigen kann, was man nicht will: „Die pure Wiederholung wäre nicht das Richtige“, sagt Tielsch über den Ansatz des neuen Albums, an dem die Gruppe fast ein halbes Jahrzehnt gearbeitet hat. „Sich selber kopieren würde sich gar nicht gut anfühlen.“ Das haben Von Spar auf den neun Titeln auch nicht getan: Ihre Route führt sie zu Art-, Dream- und ja, auch zu so etwas wie Krautpop mit rhythmischer Stringenz. Gleichzeitig entfernen sie sich vom House-Track, zu dem es den LP-Vorgänger „Streetlife“ am Ende hin verschlug. Dass die neuen Stücke noch organischer wirken, liegt auch an der überlangen Gästeliste. Auf der stehen unter anderem der DIY-Unterground-Kassetten-Veteran R. Stevie Moore, die Stereolab-Sängerin Lætitia Sadier und der kanadische Sänger Chris A. Cummings. Mit dem haben Von Spar bereits auf „Streetlife“ zusammengearbeitet, mittlerweile genießt er bei der Band „blindes Vertrauen“. Trotzdem: „Vieles arbeiten wir erst einmal instrumental aus. Dann überlegen wir, ob der Song überhaupt Gesang braucht. Im nächsten Schritt fragen wir uns, für wen das geeignet sein könnte, wessen Stimme und musikalischer Ansatz dazu passt“, erklärt Blume. Die Textarbeit liege dann meistens bei der Sängerin oder dem Sänger.

Von Spar hören also Stimmen, deren TrägerInnen erst noch gefunden werden müssen. Nicht nur deshalb beanspruchten einige Titel von „Under Pressure“ viel Zeit. Der in seiner finalen Version leicht hypnotisch geratene Titel „Boyfriends (Dead Or Alive)“ hat besonders viele Richtungswechsel und Zwischenstadien hinter sich. Das instrumentale Grundgerüst der Kollaboration mit der britischen Musikjournalistin Vivien Goldman entstand ursprünglich in einer Session. Danach verlief die Editierarbeit „interaktiv“, via Videotelephonie. Der Terminkalender von dem Gründungsmitglied der Flying Lizards ist ziemlich voll: „Sie hielt kürzlich eine Vorlesung in London, ist viel unterwegs“, schwärmt Blume über Goldman, die unter anderem schon für Massive Attack Songs geschrieben hat und an der Universität von New York Musikgeschichte lehrt. „Ich habe mich erst seit der Platte ausgiebiger mit ihr beschäftigt. Es ist erstaunlich, was sie für ein Oeuvre hat und wohin ihre Verbindungen führen.“ Auch von „Falsetto Giuseppe“, einer basslastigen Zusammenarbeit mit R. Stevie Moore und viel Lo-fi-Drive, gab es unzählige Versionen. „Die Produktionszeit ist wirklich lange. Es kommt schon mal vor, dass man in einem Stück mehr als 120 Spuren findet“, sinniert Tielsch, bis sein Bandkollege interveniert: „Mehr!“ In solchen Fällen unabdinglich: Regelmäßig ein Backup erstellen. Zudem haben Von Spar es mittlerweile gelernt, in den Dumbo Studios ihre „Scheuklappen“ anzuziehen, um sich besser auf ihr eigenes Projekt konzentrieren zu können. Auch während des Interviews wird im sogenannen „Schmelztiegel von technologischem Durchblick“ (Facebook-Seiteninfo) geprobt, Keshav Purushotham hält gerade einen Raum besetzt. Vor kurzem wurde in dem Studio noch die neue Single von Albrecht Schrader und Hazel Brugger gemischt, die Räumlichkeiten haben sich unter anderem schon PTTRNS und Camp Inc. geteilt, in seinen Anfangstagen hat hier auch Roosevelt seine Synthesizer eingestöpselt. Nur wer im Flur das Poster von John Cage aufgehangen hat, weiß keiner mehr so richtig.
Von Spar profitieren in den Sudioräumen nicht selten vom „regen Austausch an Instrumenten“. Dennoch hat das Wohlfühl-Ambiente nicht nur Vorteile: „Der Segen ist, ohne Zeit- und Kostendruck unendlich an einem Song feilen zu können. Das ist aber auch wiederum das Problem. Es ist manchmal schwierig, zu einem Abschluss zu kommen. Bei dem aktuellen Album war es eine Fügung, dass ein Label mit konkretem Veröffentlichungstermin auf uns zugekommen ist. Erst dadurch ist der Druck entstanden, dass wir es wirklich fertig gemacht haben“, erinnert sich Blume. Tielsch fügt hinzu: „Das Problem ist eigentlich eher da, wenn man keine Fristen hat.“ Die Deadline als Befreiung? Zumindest als positiver Druck. Bandstatus: „Under Pressure“. Aber mit Euphorie.

Es wirkt jedenfalls kokett, wenn Lætitia Sadier im für dieses Album so programmatischen Titel „Extend The Song“ von ewig anhaltender Songerweiterung phantasiert: “If someone would ask me, could I go on?”, singt sie hier. Eine Zeile, die scheinbar unwissentlich die Bandsituation während der Aufnahmen auf den Punkt bringt. Zufall? „Sowas hängt natürlich auch daran, dass man mit Songwritern zusammenarbeitet, die sehr gut mit so einer Vorlage umgehen können“, meint Blume. Aber was ist mit der Verflechtung von Text und Musik, mehr noch, einem konzeptuellen Überbau? Gab es nie. Vielmehr geht es Von Spar darum, Vielstimmigkeit einzufangen. Die Stimmen auf „Under Pressure“ kommen aus New York, Toronto, Nashville, London und Toyko: Für den flüsternden Dreampop-Opener konnte die Gruppe sogar die japanische Songwriterin Eiko Ishibashi gewinnen, die zuletzt ein forderndes Konzeptalbum über die kriegerische Expansionspolitik ihrer Heimat aufnahm. Auf „Under Pressure“ denken Von Spar so global wie nie: „Ohne das mit einem Manifest untermauern zu können, spiegelt das schon unsere Interessen wieder. Wir sind nicht krass in einer rein deutschen Musiktradition verwurzelt. Wir versuchen auch nicht, gezielt deutsche Hörer anzusprechen“, meint Blume, den es familiär oft nach Athen verschlägt. Im Fokus stünde hingegen ein „Versammeln mehrerer Stimmen und verschiedener musikalischer Ansätze“. Ist das nicht auch irgendwie Kraut? Zumindest, wenn man Wolfgang Seidel folgt, Autor und ganz früher Drummer von Ton Steine Scherben. Er definiert den frühen Kraut als Sehnsucht, Teil einer „transnationalen Musikbewegung zu sein“: „Denn wenn es den Krautrockern um etwas ging, dann darum, mit ihrer Musik den größtmöglichen Abstand zwischen sich und diese Nation zu bringen.“ (Wolfgang Seidel: Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, Reeducation. Ventil Verlag, Mainz 2016, S. 36).
Auch in ihren neuen Musikvideos üben sich Von Spar lieber in einer Ästhetik des Verschwindens, beziehungsweise tauchen gar nicht erst selber auf. Diesen Job übernehmen im aktuellen Video zu „A Dream (Part 2)“ zwei Plüschpuppen in Hund- und Katzenform. Ende April postete die Band ironisch auf Facebook, dass sie auf Label-Wunsch nun etwas mehr Promo für das Album betreibt. „Wir sind etwas sperrig, was Vermarktungssachen angeht. Weil wir keine Videos machen, wo wir uns selbst in Pop-Posen ablichten, sondern eher versuchen, kollektiv an musikalischen Dingen zu arbeiten, dazu andere Leute einzuladen und so eine Open-House-Strategie zu fahren. Das ist das Wesentliche, wenn man darüber spricht, was die Band eigentlich ausmacht: Es ist das Zurückstecken von Personality-Vibes gegenüber einem gemeinsamen musikalischen Projekt, das man aber auch nicht auf uns vier beschränkt, sondern andere Leute mit einbezieht.“
Trotzdem schließt das Album mit einem Stück ohne Vocals und Feature-Gast: „Mont Ventoux“ ist eine irrwitzige Song-Odyssee mit sphärisch-verträumtem Intro, die in einem größenwahnsinnigen Gitarrensolo gipfelt und laut Blume nur eine Konstante aufweist: Einen „Fünf-Achtel-Groove“, dem die Puste nicht ausgeht. „Das hat so etwas Stunt-Gitarren-mäßiges aus rockigen Gefilden. Wobei es in den ersten Teilen des Songs krautiger zugeht“, bestätigt Tielsch, der zeitgenössische Diskussionen über das Ende der Rockmusik gerne überhört. „Wobei wir das auch immer wieder in Frage stellen. Man hört sich sowas an und denkt: Ist das nicht ein bisschen drüber?“ In der finalen Version klingt der wabbrig-vielschichtige Sound zu Beginn sehr nach NEU! – die Band verneint, denkt eher an Qluster. Von Spar haben sogar darüber nachgedacht, das Album mit „Mont Ventoux“ zu eröffnen. „Es gab die Diskussion, ob wir das Gitarren-Solo rausnehmen, weil dann zu viele Leute schon verschreckt wären“, lacht Blume. „Am Ende hat man geschaut, ganz unabhängig von Referenzen: Wie kriegt man für das Drama am Berg die größte Klimax hin?“ Das Stück geht auf den gleichnamigen Berg in der französischen Provence zurück. „Die Inspiration kommt letztendlich vom Radfahren. Es ist einer der legendären Tour de France-Berge und wir haben in großen Teilen der Band eine unterschiedlich lang gepflegte, aber doch intensive Leidenschaft für den Radsport“. Der Mont Ventoux symbolisiert in der Radsportgeschichte vor allem ein tragisches Ereignis: 1967 verstarb auf dem Berg ein englischer Radprofi vor Erschöpfung. 1970 erlitt der Wettbewerbssieger Eddy Merckx nach Überschreiten der Zielgeraden einen Schwächeanfall. Die Landschaften der Bergetappe weisen drastische Steigungen auf, die Von Spar strukturell im Song nachahmen. Eine Erinnerung daran, dass Musik auch im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ein physischer Prozess bleibt? Blume tritt auf die Bremse. „Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir immer erst die Musik machen – hier hat es sich so aufgedrängt, diese Geschichte damit in Verbindung zu bringen.“

Ganz ähnlich verlief die Arbeit an der 2017 erschienenen und komplett instrumentalen EP „Garzweiler“ (Vocal-Samples nicht mitgezählt), die nach einem Braunkohle-Tagebau benannt ist. Ein Themenkomplex mit unverminderter Aktualität also. Und auch mit diesen Takes haben Von Spar sehr viel Zeit verbracht. Blume hat damals Garzweiler besucht, ist später sogar Geisterlandschaften im Hambacher Forst abgefahren. Natürlich alles auf seinem Fahrrad. Darf man das als investigative Song-Recherche bezeichnen? „Es ist immer peinlich, wenn man das gegenüber Journalisten zugestehen muss. Aber der Titel kam erst ganz zum Schluss – wir sind nicht so konzeptuell, dass wir mit dem ansetzen, losziehen und Matthew Herbert-mäßig Samples auf einem Hof aufnehmen, auf dem Schweine geschlachtet werden, sondern wir gucken am Ende, was für eine Setzung und was für einen Assoziationsraum man aufmachen kann, der bestenfalls auch etwas Politisches transportiert.“ Was bedeuten denn dann die zwei griechischen Titel, die namentlich auf einen Platz und einen Stadtteil in Athen verweisen? Dann hören Von Spar und dieses Mal auch ich eine Stimme: Der nächste Journalist ist schon da und die Zeit wie immer knapp. Vor allem bei zuviel Fragenmaterial. Ganz kurz habe ich das Gefühl, dass die Band mich mitleidig anschaut. Ich muss fertig werden, zum Ende kommen. Na gut, denke ich. Manchmal kann ja genau das auch eine Befreiung sein.

Text: Philipp Kressmann

[Philipp Kressmann lebt in Köln und ist freier Mitarbeiter beim WDR, wo er vor allem als Reporter für die Radiosendung 1LIVE Plan B tätig ist. Während seines Germanistik- und Philosophie-Studiums hat er hat den Musikjournalismus beim Campusradio für sich entdeckt. Nebenbei schrieb er u.a. für auftouren und kulturnews, 2016 folgte freie Mitarbeit bei der SPEX (zu deren Analog-Zeiten)].

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