GRAY – „Fractal“ –  Trackpremiere

GRAY: Entlastung, Aufatmen, Loslassen

GRAY (Photo: Alessandro De Matteis)


Nach viel zu langer Wartezeit wird Stefanie Grawe alias GRAY in den kommenden Monaten endlich peu a peu die Stücke ihrer Debut-Ep »Dialogue Systems« mit uns teilen. Endlich, da wir nun auch schon ganze zweieinhalb Jahre seit ihrem fulminanten Auftritt im Rahmen von „Köln ist kaput“ im Soja 
auf diesen Moment warten. Aber wir wollen uns nicht beschweren, immerhin können wir Euch heute bereits ihre Single „Fractal“ vorstellen; zudem hat Stefanie ein paar Fragen zum Entstehungsprozess ihrer Musik beantwortet.

 


Stefanie, was sucht du in der Musik? Was kann nur Musik dir geben?

Musik gibt mir sehr viel. Beispielsweise das Gefühl, abtauchen und den Weltgeschehnissen entfliehen zu können – und mich ganz auf mich zu besinnen –, aber diese auch emotional zu verarbeiten. Mit ihr lässt sich besser tagträumen, sie entlockt mir Tränen, die manchmal raus müssen – mit ihr verarbeitet man Trauer und Wut leichter. Sie schafft eine besondere Intimität. Musik gibt mir außerdem Kraft, Antrieb und Energie, motiviert bei schwierigen Aufgaben, lässt meinen Körper als auch die Seele tanzen und schafft Verbindung zu meinen Mitmenschen. Musik rekonstruiert wertvolle Erinnerungen vergangener Momente und fördert die Vorstellungskraft eigener Zukunftsvisionen. Sie schafft Kreativität, Experimentierfreude und fördert mein musikalisch-tech- nisches Interesse.

Nun kennen wir uns ja schon einige Zeit und ich weiß, wie perfektionistisch du als Künstlerin veranlagt bist. Empfindest du das selbst als Segen oder Last?
Auf den ersten Blick ist es Fluch und Segen zugleich. Zum Fluch wird es besonders, wenn ich zu viele Projekte gleichzeitig und auf hohem qualitativen Niveau abwickeln möchte. Da reichen dann eigentlich auch manchmal nur 80% oder ich plane mir von vornherein mehr Zeit ein. Insgesamt fühlt es sich aber mehr wie ein Segen an. Es kommt sehr darauf an, wie man selbst mit Perfek- tionismus in manchen Situationen umgeht und ihn womöglich auch sinnvoll für sich einsetzt bzw. diese Energie in die richtigen Kanäle steckt. Ich handle gerne strukturiert, plane vorausschau- end und mag es ordentlich, sonst bricht gefühlt mein System zusammen. Insgesamt habe ich rückblickend betrachtet vieles in meinem Leben erreicht, was ich mir bewusst und unterbewusst gewünscht und darauf gezielt hingearbeitet habe. Daran war mein Perfektionismus nicht ganz unbeteiligt. Denn dies bedeutet auch, nicht so leicht aufzugeben, hartnäckig zu bleiben, nach dem Fall wieder aufzustehen und weiterzumachen. Und all das funktioniert nur so gut, weil ich in meine Produktionen viel Herzblut und Liebe investiere, so dass sich das alles nicht nur wie ein Beruf, sondern eher wie eine Berufung anfühlt und ich immer wieder neue positive Energie daraus schöpfe. Aber auch das Leiden und die Last gehören zur Kunst dazu. Sonst würde ich keine Künstlerin sein und nicht die Art von Musik machen, die von mir zu hören ist. Es ist ein Wechselspiel von Leid und Antrieb, was ohneeinander nicht funktioniert.

Der künstlerische Schaffensprozess ist ja sehr vielschichtig und reicht von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung beziehungsweise so denn man sich auch da kreativ ein- bringt darüberhinaus hinein in den Vermarktungsprozess. Selten findet man Künst- ler:innen, denen alle Stadien gleich liegen. Wie verhält es sich bei dir? Wo gehst du voll drin auf? Wo fremdelst du mit?
Im Grunde genommen gehe ich bei fast allen Prozessen richtig auf, da sie sehr nah miteinander verbunden und wichtig für das Gesamtergebnis sind. Besonders zu erwähnen sind ganz klar drei Vorgänge und die beziehen sich hauptsächlich auf das Musizieren und Produzieren: Der kreative Teil zu Beginn, bei dem ich Emotionen, äußere Einflüsse und Visionen in Klänge umwandele, mit unterschiedlichen Instrumenten experimentiere und dadurch zu neuen Ideen gelange. Dabei sind gerade die Zufälle – die Happy Accidents – die Spannendsten. Dieser Prozess spricht nun komplett gegen meinen Perfektionismus, denn dort lasse ich meist komplett los – ähnlich wie beim gemeinsamen Jammen mit der Band. Ganz anders verhält es sich, wenn ich zum Arrangement gelange. Dann forme ich bewusst und strategisch alle Einzelteile zu einem Ganzen und gebe der musikalischen Seele Leben und eine Geschichte. Die Entscheidung zu treffen, welche Klänge man wie miteinander verbindet und wie sich diese mit der Zeit entwickeln, ist ein sehr spannender Prozess. Musik bietet viele Dimensionen an, mit denen ich spielen darf. So auch beim Mixen, denn dann kommt es auf die hörbaren Details, die Räumlichkeit, Ausgewogenheit und das Per- fektionieren – da haben wir es wieder – an und diese Herausforderung macht Spaß, auch wenn dies ein lebenslanger Prozess ist, bei dem man nie gut genug sein kann. Das Ganze visuell zu formen, macht aufgrund meines Design-Hintergrundes ebenso Freude, denn man kann sich di- rekt über zwei kreative Ebenen ausdrücken – Musik und Design lassen sich heutzutage auch nur noch schwer voneinander trennen. Die Vermarktung zum Schluss ernüchtert dann eher, gehört heutzutage jedoch ganz klar zum Prozess dazu. Es wäre sehr schade, wenn das Projekt, welches man mit ganzer Mühe und Emotion über einen langen Zeitraum geschaffen hat, auf den letzten Metern nicht mehr nach außen hin kommuniziert wird und auf dem eigenen Computer liegen bleibt. Stattdessen soll es die Menschen erreichen, ob auf Platte oder live, denn dieser Teil bringt das Ganze zur Vollendung und ergibt auch erst dann wirklich einen Sinn.

Gibt es für dich Role Models? Wenn ja, welche und warum? Die Frage bezieht sich glei- chermaßen auf künstlerische wie auch strategische Prozesse.
Role Models sind für mich persönlich vor allem Menschen mit der Fähigkeit, aus Leidenschaft zur Kunst über sich hinaus zu wachsen, Grenzen zu überschreiten, andere Wege als die üblichen zu gehen, weiterzudenken, die eigene Komfortzone zu verlassen und den Mut zu besitzen, Unsicherheiten und Hindernisse zu überwinden. Dies ist vor allem für die eigene Persönlichkeitsentwicklung extrem hilfreich, um schneller an sein gewünschtes Ziel zu gelangen und eine eigene Sprache zu entwickeln. Dabei gehört das Improvisieren und Loslassen genauso zum strategischen Prozess dazu, wie der Ehrgeiz, den man benötigt, um durch harte Arbeit das Ergebnis am Ende leicht aussehen oder klingen zu lassen. Role Models sind für mich diejenigen, die mit ihrer Kunst etwas in der Welt bewegen, solidarisch mit ihrer Umwelt umgehen, etwas anstoßen und somit ihre Mitmenschen auf mehreren Ebenen inspirieren. Björk ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Sie
ist immer vorausschauend gewesen, hat die Grenzen des Klangs und des Bildes erweitert, weiß dabei genau, was sie tut, inspiriert mit ihrem hohen Einfluss bis heute, kollaboriert mit vielen unterschiedlichen Künstler:innen und erfindet sich immer wieder neu.

Der Titel „Fractal“ verweist auf dein neben der Musik zweites künstlerisches Sujet des Grafikdesigns und deine Vorliebe für feingliedrige geometrische Muster. Was denkst du woher das kommt? Gibt es da künstlerische Referenzen, die das (mit)beeinflusst ha- ben?
Auf das Grafische bezogen fand ich abstrakte komplexe Kunst schon immer spannender, da sie nicht eindeutig beziehungsweise offensichtlich erkennbar und schwerer zu durchleuchten ist. Der Interpretationsspielraum ist viel größer und bietet dem Betrachter mehr Möglichkeiten, eigene Anknüpfungspunkte zu finden. Das Gleiche findet durchaus auch in meiner musikalischen Welt statt – sowohl beim Konsumieren als auch beim Produzieren. Dort finden sich ebenfalls bestimmte repetitive Muster, die jedoch auch mal aufgebrochen werden. Künstlerische und vor allem musikalische Referenzen waren beispielsweise bevorzugte Bands aus Genres wie Midwest Emo, Math Rock oder Post-Hardcore der 90er Jahre, die vor allem typisch für ihre arpeggierten Gitarrenmelodien und Riffs sind – detailreich, verkopft und energiegeladen, aber auch emotional und zugänglich. Das Gleiche gilt auch für die elektronische Musik. Jedoch nicht nur künstlerische Referenzen, sondern das gesellschaftliche Geschehen um uns herum hat für mich momentan einen großen Einfluss.
Der Titel „Fractal“ kommt ursprünglich aus dem Lateinischen „frangere“ und bedeutet zerbrechen. Er verweist auf den Dialog in unserer Gesellschaft, wie wir miteinander umgehen und uns dabei fühlen. Mir kommen dabei sofort emotionale Begriffe wie Unmut, das Gefühl der Entkräftung, Wut, Verwundbarkeit, Angst und Hoffnung in den Sinn. Alles ist gefühlt in Einzelteile zerfallen – es klingt nicht alles glatt, sondern gebrochen und rau. Laut des Mathematikers Benoît Mandelbrot geht es beim Fraktal um Selbstähnlichkeit und dem Objekt, welches aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst besteht. Wenn ich dies auf die Situation der Menschen übertrage, sind wir alle auf gewisse Weise miteinander verbunden und füreinander verantwortlich. Und diese Verantwortung müssen wir gegenwärtig wieder mehr übernehmen.

Wie wichtig empfindest du es, dich mit anderen Künstler:innen zu gruppieren? Du bist ja beispielsweise sehr bei »female:pressure« engagiert.
Es ist immens wichtig, sich mit anderen Künstler:innen zu vernetzen – regional als auch inter- national. Gerade, wenn man ganz am Anfang steht und sich orientieren möchte, ist es wichtig, eine Art Organisation zu haben, die einen stützt. Um mal ein paar Beispiele zu nennen: Sonae aka Sonia Güttler hat glücklicherweise vor ein paar Jahren das „electronic music home“ ins Leben gerufen, bei dem sich erfahrene und unerfahrene Künstlerinnen aus dem Raum Köln und Um- gebung regelmäßig getroffen haben, um sich auszutauschen und gegenseitig mit ihrem Wissen über Themen wie Musikproduktion, Pressearbeit, Förderungen und der Erarbeitung der eigenen Künstleridentität zu unterstützen. Dies war für uns alle sehr hilfreich und es sind daraus auch gute Freundschaften in dieser Zeit entstanden – mittlerweile gibt es aus diesem Netzwerk übri- gens auch eine emh-Podcast-Reihe namens „minneola“. Wichtig ist auch die Teilnahme an Workshops, wie Remix Regendered  – ein Remix Workshop für Musikerinnen ab 16 Jahren, der hier in Köln stattfindet und von Maya Consuelo Sternel aka Donna Maya und Angelika Lepper aka Acid Maria geleitet wird. Man bekommt einen sehr guten Einstieg in die elektronische Musikproduktion und lernt in kürzester Zeit technisches Know How, produziert einen eigenen Remix von einer be- kannten Künstlerin und performt diesen im Anschluss auch direkt mit den anderen Teilnehmerin- nen live in einem Club. Das war für uns einfach eine tolle Erfahrung, um sich weiterzuentwickeln und darüber hinaus neue Kontakte zu knüpfen. Es kam dann irgendwann so weit, dass ich für female:pressure eine Radioshow produzierte und zusammen mit Sonia die Kölner f:p-Konzertrei- he kuratierte – mit spannenden nationalen und internationalen Künstlerinnen wie Loraine James, Zoë Mc Pherson und Lucrecia Dalt. Uns war wichtig, mit sowohl bekannten als auch unbekannten elektronischen Künstlerinnen gemeinsam direkt in Kontakt zu treten und allen eine weitere ge- meinsame Bühne geben zu können, um sich und ihre Kunst zu präsentieren. Durch solche Eigen- initiativen stärkt man die individuelle und kollektive Sichtbarkeit und erweitert automatisch das allgemeine künstlerische Netzwerk. Deshalb finde ich es wichtig, dass es viel mehr von solchen Projekten geben sollte – insbesondere in ländlichen Regionen – auch im Hinblick auf den Nach- wuchs. Community Building hat so einen starken Einfluss und ist in diesen Zeiten so wichtig. Denn wir brauchen gegenseitigen Mut und Zuspruch für neue Zukunftsperspektiven.

Und du hast das Timcheh Electronic Music Festival im Kunsthafen – Kunsthaus Rhe-nania mit kuratiert (und bist da aufgetreten). Welche Erfahrungen hast du damit ge- macht, quasi auf beiden Seiten gleichzeitig eingebunden zu sein?
Das Timcheh-Festival ist im Übrigen auch ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Community Building wunderbar funktionieren kann. Diverse nationale, internationale und regionale Künstler:innen, die sich teilweise zuvor noch nicht kannten, wurden für das Projekt angefragt, ob sie mitwirken möchten – ob als Teil der Live-Performance, der Kuration oder auch bei Beidem. Als Mohsen Jadidi mich eingeladen hat, bei der Gestaltung des Programmes mitzu-wirken, habe ich mich sehr gefreut und sofort zugesagt, denn ich finde die gesamte Idee einfach toll: Das Grundkonzept besteht darin, einen Raum für Begegnung und Austausch zwischen Einheimischen und Migrant:innen zu bieten und den Dialog zwischen diesen Kreativen zu fördern – also eine grenz- und kulturübergreifende Gemeinschaft zu bilden. In diesem Jahr waren es irani- sche und internationale Musikproduzent:innen als auch DJs aus ganz Europa, die ein spannendes Programm mit Live-Konzerten, audiovisuellen Performances und DJ-Sets auf die Beine gestellt haben. So ein Festival zu organisieren, ist sehr harte Arbeit, aber es ist so ein tolles Team ent- standen, welches sich gegenseitig super unterstützt und aufgefangen hat und wir sind sehr stolz, dass das Konzept aufgegangen ist und die Veranstaltung letztendlich so gut abgelaufen ist. Men- schen kamen zusammen, waren kreativ tätig, verbrachten gemeinsam eine schöne Zeit miteinan- der, inspirierten sich gegenseitig und knüpften neue Kontakte. Nach so langer Zeit der Isolation durch die Covid-19-Lage war es außerdem mal wieder schön, live vor Publikum zu spielen, diese Energie im Raum zu spüren, sich mit den Menschen über die Musik zu verbinden und auszutau- schen. Ich hoffe sehr, dass es auch im kommenden Jahr wieder ein Timcheh-Festival geben wird.

Lieblingsstück 2021 und warum?
Spontan fällt mir das Stück „Exodus / Revisited (Extended)“ von „UNKLE / ESKA“ ein, welches ich zu Beginn des neuen Jahres als Premiere bei Gilles Peterson entdeckt habe. Die düstere melan- cholische und zugleich harmonische Stimmung hat mich sehr emotional berührt. Dies war eine Zeit, in der wir – eigentlich bis heute – mit gesellschaftlichen Unruhen und Ungewissheiten zu tun hatten, aber auch gleichzeitig Hoffnung verspürten, dass sich die angespannte Situation im Laufe des Jahres zum Besseren wenden wird und sich ein neues positives Kapitel für uns öffnet, zu dem wir aufbrechen können. Dies sind auch ähnliche Beweggründe, wie meine EP kurz vor dieser Zeit entstanden ist. Zeitgleich verspürte ich beim Anhören des Songs auch eine gewisse Nostalgie, denn der Sound hat mich 20 Jahre zurück in meine Trip Hop-Phase mit Künstlern wie Dj Shadow, DJ Krush oder RJD2 versetzt. Viele von uns wünschen sich momentan das Schöne aus früheren Zeiten zurück, denn das gibt uns positive Gefühle und Halt in diesen Zeiten. Daher höre ich neben aktuellen Künstler:innen auch einfach viel zeitlose altbewährte Musik, gehe dabei gerne auf musikalische Zeitreise in die Vergangenheit und träume von einer besseren Zukunft als die aktuelle Gegenwart.

Im Februar 2022 erscheint dann ja endlich deine komplette Debut-EP. Hast du eine Vorstellung davon, wie sich dieser Moment für dich anfühlen wird?
Dieser Moment, die eigene Debut-EP nach so langer Zeit abschließen und veröffentlichen zu können, wird von unterschiedlichen Gefühlen sein: Es ist Entlastung, Aufatmen, Loslassen, das Gefühl von Stolz auf das bereits Geschaffte als auch die Aufregung darüber, diese nun endlich in die Welt hinaus senden zu dürfen. Zu guter Letzt werde ich es kaum erwarten können, zeitnah die nächste EP zu produzieren.

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