Interview / Gewalt

„Die Spotifyisierung, die viel kaputt macht“ – Patrick Wagner über aktuelle Konzertmiseren

Patrick Wagner über „Gier“, die letzte Gewalt-Tour, bürokratische Untiefen hiesiger Kulturförderung und die Zukunft der Live-Musik jenseits der großen Hallen. Von Marc Wilde.

Nachdem Rocko Schamoni im Angesicht der zunehmend konzertmüden Ü35-Fraktion („Szenerentner“) die Livekultur abseits des Mainstreams vom Aussterben bedroht sieht, nachdem in einschlägigen Musikjournalen darüber berichtet worden ist, dass Konzerte aus teilweise fadenscheinigen Gründen abgesagt werden, weil über die wahren Gründe (rückläufige Besucher- und Verkaufszahlen) kaum jemand zu sprechen wagt, befragt nun kaput, Ihr Magazin für Insolvenz & Pop, den Sänger der Band Gewalt zur Misere in der deutschen Konzertlandschaft.
Patrick Wagner kennt die alternative Musikszene aus teilnehmender Beobachtung seit vielen Jahren und weiß sie aus unterschiedlichen Perspektiven einzuordnen: von innen, als Künstler, Manager und ehemaliger Labelchef (Louisville Records) ebenso wie von außen, als Experte des Scheiterns und unbequemer Beobachter unser Zeit. Dass er dabei in der Regel um keine Antwort verlegen ist und auch dann kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er sich auf dünnem Eis bewegt, macht ihn für Marc Wilde zu einem interessanten Gesprächspartner. Herausgekommen ist ein spannendes Interview über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: über die Erfahrungen, die Patrick mit seinen beiden Mitstreiterinnen Helen Henfling (Gitarre) und Jasmin Rilke (Bass) während der letzten Tour quer durch Europa gesammelt hat, über die aktuellsten Marketingtrends im Musikbiz (Plakate kleben) sowie über zukünftige Wege aus Staatsbürokratie und Künstlerprekariat (Grundeinkommen).

Patrick, die Gewalt-Tour namens „Gier“ liegt hinter euch. Ihr habt ein irres Tempo vorgelegt und 30 Shows in fünf Ländern gespielt. Wie war‘s?

PATRICK WAGNER Krass. Das war schon hart, auch körperlich anstrengend. Wir haben insgesamt 12.000 Kilometer zurückgelegt und gefühlt halb Europa vermessen. Schön war, dass wir die Stücke gemischt haben, also die tanzbareren Sachen von der neuen Platte mit den alten Singles, die eher so emotional stark sind. Es war uns selbst nicht klar, ob das funktionieren würde. Hat es aber. Ich hatte das Gefühl, dass wir durch die Bank glückliche Leute vor uns hatten.

Ihr wart ja auch im nicht-deutschsprachigen Ausland unterwegs. Wie seid ihr da angekommen, zumal die Texte ja bei Gewalt ein durchaus tragendes Element sind?

Das war total cool und bis auf eine Show wirklich ausnahmslos gut. Es ist auch echt schön, irgendwo ganz neu anfangen zu können. Und ich glaube schon, dass unsere Texte auch im Ausland verstanden werden. Die sind in ihrer Kernaussage ja sehr einfach. In Paris haben die Leute bei unserem Stück „Szene einer Ehe“ alle mitgeschrien: „Was ist? Was ist denn? Was willst du denn von mir?“ Das bedeutet, man fühlt das, man spürt die Energie. Da ist so ein urge, und das nimmt dann die Leute auch mit.

Wie sah es denn mit den Besucherzahlen bei Euren Konzerten aus? Das ist ja für Bands gerade eine nicht ganz so einfache Zeit. Viele klagen über ausbleibende Besucherzahlen; teilweise müssen Konzerte abgesagt werden, weil es sich nicht mehr rechnet.

Wir hatten schon auch Konzerte, wo nur wenige Leute waren. In Zürich haben wir vor nahezu niemandem gespielt. Dennoch war das für uns ein super Auftritt. Toller Raum, es hat gut geklungen. Die wenigen Leute, die da waren, haben das auch voll gecheckt. Also es geht uns jetzt nicht um Erfolg – fuck that shit. Es geht einfach darum, was bei dir was zum Schwingen bringt und was nicht. Aber insgesamt war die Tour gut besucht, sogar einen Tick besser als vor der Pandemie. Ich fand die Zahlen trotzdem nicht so dolle, obwohl viele so meinten: „Hey wieso? Bei euch läuft es doch super.“ Aber da muss eigentlich mehr gehen, einfach weil ich denke, dass wir so als Gewalt in Städten wie Hamburg vor 250 Leuten spielen müssen, und nicht vor 120. So muss das sein, so würde es sich richtig anfühlen. Aber das findet halt gerade nicht statt.

Tatsächlich scheint vieles zurzeit Glückssache zu sein. Ob ein Konzert gut besucht ist oder keiner kommt, ist kaum vorherzusehen. Ich weiß nicht, ob Du den Artikel „Das drohende Verschwinden der Merkwürdigen“ von Rocko Schamoni gelesen hast. Seine These: die großen Konzerte funktionieren, für die Bands abseits des Mainstreams wird es dagegen immer schwerer. Die Leute bleiben nämlich zunehmend zuhause. Glaubst Du, das ist noch so ein Nach-Pandemieeffekt oder hat sich der Konzertbetrieb womöglich nachhaltig gewandelt, mit der Folge, dass es für die Künstler im Nischenprogramm immer prekärer wird?

Also erstmal stimmt das. Woran das dann im Einzelnen immer liegt, ist schwer zu sagen. Rocko hat da ja vor allem das Ü35-Publikum im Auge gehabt hat, die es sich Zuhause bequem eingerichtet haben. Wir selbst haben vielleicht ein bisschen das Glück, dass auch die jüngeren Leute zu uns kommen. In Brüssel, wo wir auch gespielt haben, waren viel auch so „Tech-Heads“ am Start. Die hatten zwar bestimmt noch nie eine Vinyl in der Hand, dafür aber einfach Bock zu dancen. Das passiert dem Rocko Schamoni vielleicht nicht so. Letzten Endes ist es die Spotifyisierung, die vieles kaputt macht. Da geht es halt nur um Massenzeug; Massenzeug funktioniert. Wir sind aber kein Massenzeug, und dann greift der Algorithmus halt nicht so.

Foto: Frank Egel

Glaubst Du, dass man vielleicht beim Marketing andere Wege gehen müsste, um die Leute mehr zu den Konzerten zu bewegen?

Kann schon sein. Viele Veranstalter haben jedenfalls auch die Entwicklung bei Facebook nicht wirklich verfolgt. Das finde ich noch ein viel größeres Problem, dass die echt sagen: „Ja aber wir haben doch Promo gemacht, wir haben es gepostet“. Wo ich dann nur denke: „Schön und gut, aber der Post erreicht acht Leute.“ Facebook gibt es nicht mehr. Diese Plattform ist nicht mehr existent, es sei denn, du bezahlst viel Geld dafür. Was ja dann auch so Bands wie Die Sterne und Tocotronic oder Jochen Distelmeyer alle schön brav machen, dass die ihre – ich würde jetzt mal so schätzen – 500 bis 1000 Euro im Monat zu Herrn Zuckerberg rüberschieben. Wir haben das auch einmal probiert, das habe ich mir dann angeschaut und gesagt: auf keinen Fall nochmal. Das fühlt sich einfach zu ekelhaft an, diesen Leuten Geld zu geben. Lieber kommt dann niemand – schon okay. Jedenfalls scheint diese Entwicklung an den Veranstaltern irgendwie so ein bisschen vorübergegangen zu sein. Wenn ich dann frage, „habt ihr denn auch ein paar Plakate hingehängt?“, ernte ich nur fragende Blicke. Dabei ist alles wie früher, man muss wieder Plakate kleben.

Lass uns gern noch etwas über die so genannten „Gesetzlichkeiten des Marktes“ sprechen. Zurzeit gibt es ja allerhand Förderinitiativen, wie zum Beispiel „Neustart Kultur – Initiative Musik“. Und das ist ja auch super, dass es das gibt: Clubs können wieder verlässlicher planen, Bands spielen zu vernünftigen Konditionen und für das Publikum ist der Eintritt teilweise frei. Dennoch halte ich diese Art von Förderpolitik für ein zweischneidiges Schwert: Gerade mit dieser „Kein-Eintritt-Policy“ wird doch ein falsches Signal gesetzt, künstliche Nachfrage und beim Publikum eine problematische Gratis-Mentalität erzeugt. Wobei ich dann auch erlebt habe, dass die Säle selbst dann leer bleiben, wenn es nichts kostet. Auf lange Sicht kann das meines Erachtens nicht funktionieren, es sei denn, man sagt, wir behandeln jetzt die Popmusik so wie das Theater und subventionieren das dauerhaft. Wie sieht denn da deine Position aus, zwischen einem marktwirtschaftlichen, liberalen Ansatz einerseits und einer gewissermaßen staatlich gelenkten Förderkultur andererseits?

Also, ich kann nur sagen, wir waren jetzt bei der Tour auch gefördert. Und wenn das nicht gewesen wäre, hätten wir uns das sicherlich nicht leisten können; ich habe dafür – wie die anderen beiden Bandmitglieder auch – zwei, drei Jobs absagen müssen. Und ohne Förderung hätte auch meine Miete nicht bezahlen können, ganz simpel. Also insofern haben wir davon enorm profitiert. Und ich würde auch sagen, wir sind so eine Band, wo das auch Sinn macht. Für mich ist es letztlich wichtig, dass das funktioniert. Und das bringt auch nichts, Shows zu spielen, die zwar okay bezahlt sind, zu denen dann aber trotzdem niemand kommt. Ich habe da grundsätzlich eine ganz klare Haltung: wir brauchen, so wie es das in anderen Ländern bereits gibt, ein Grundeinkommen für Musiker. Das ist – jetzt auch, um auf Rocko zu antworten – einfach total sinnvoll. Und vor allem wird damit nicht diese irre Bürokratie aufgebaut, in der wir uns mit der gegenwärtigen Förderpolitik und den ganzen Richtlinien leider auch bewegen.

Was bedeutet das denn ganz konkret für Euch als Band, wenn ihr Fördergelder bekommt?

Das ist schon ein hoher Aufwand. Du schreibst Berichte, alle Ausgaben musst du nachweisen und abrechnen. Das ist ja auch an sich verständlich, aber ich mache im Jahr gefühlt fünf Steuererklärungen, und das ist dann irgendwie das Gegenteil von Kunst. Das eigentliche Problem aber sehe ich darin, dass die bei den Ämtern angesichts der Fülle an Förderungen alle überfordert sind. Und es werden ja auch immer 10 Prozent der geplanten Ausgaben einbehalten, solange bis der Bericht geprüft und alles abgerechnet ist. Und das dauert. Das heißt, wir haben Gelder ausgegeben, bleiben aber auf einen Teil unserer Kosten sitzen und kommen dann in eine prekäre Situation, die wir selbst nicht verursacht haben. Inzwischen warten wir da schon seit zwei Jahren auf mehrere tausend Euro. Diese Bürokratie ist aus meiner Sicht ein total aufgeblasener Bullshit. Warum machen wir es nicht einfach so wie in Frankreich oder Belgien? Da musst Du eine bestimmte Anzahl an Shows nachweisen und damit hat es sich. Dafür bekommst du ein Grundeinkommen von ca. 1.200 Euro im Monat und kannst so viel dazu verdienen, wie du willst. Das ließe sich auch auf Clubs und weitere Berufsgruppen in der Konzertbranche ausweiten. Das wäre für alle sinnvoll und letztlich auch
für den Staat günstiger als dieser bürokratische Irrsinn.

Zurück zur Zukunft von Gewalt. Habt ihr während der Tour denn Gelegenheit gehabt, an neuen Songs zu schreiben?

Überhaupt nicht. Weil das war zeitlich so eng getaktet, da ging gar nichts. Das saß auch energetisch überhaupt nicht drin. Also wir waren wirklich voll auf diese 70 bis 80 Minuten ausgerichtet, die wir am Abend gespielt haben. Eigentlich wollten wir auch bei jedem Konzert ein anderes Set spielen, aber auch dazu hat die Kraft nicht gereicht.

Was steht denn jetzt bei Euch noch bis Ende des Jahres an?

Also wir spielen noch ein paar wenige Konzerte. Und dann wollen wir jetzt auch bald wieder anfangen, neue Sachen zu machen. Eine neue Single aufnehmen vielleicht. Und wir haben im Clouds Hill so eine Akustik-Session gemacht, die auch demnächst rauskommen sollte. Also Gewalt mit Akustikgitarren und Bass. Wobei das nur so halb akustisch ist, der Drumcomputer brettert auch weiter dahin. Aber ich finde das durchaus spannend, so dieses Zarte an Gewalt.

Darauf freuen wir uns und auch auf alles Weitere von Gewalt, vor allem auf gut besuchte
Konzerte, die immer ein ganz besonderes, nach meinem Empfinden ja quasi-religiöses Erlebnis, sind. Danke für das Gespräch und Deine Zeit, Patrick!

Interview und Text: Marc Wilde

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