Über verklären, missverstehen und erinnern. Wolfgang Müller im Interview über die Frauen der tödlichen Doris.

Wolfgang Müller – Missverständnis Wissenschaftler

Die Tödliche Doris beim Festival Genialer Dilletanten, 1981: Dagmar Dimitroff (1960 – 1990), Wolfgang Müller (* 1957) und Nikolaus Utermöhlen (1958 – 1996), Foto. Horst Blohm/Archiv der Tödlichen Doris

 

“Der überraschende Tod von Tabea Blumenschein im Februar war eine Zäsur für das Künstler*innenkollektiv Die Tödliche Doris aus Berlin. Tabea war bis zum Schluss aktives Mitglied der von Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen 1980 gegründeten Postpunk-Gruppe. Noch 2018 steuerte sie Zeichnungen von Dildos und Sextoys für die Tödliche-Doris-LP „Reenactment – Das typische Ding “ bei. Vor zwei Jahren hatte ich für dieses Magazin die Möglichkeit, Tabea in ihrem Wohnumfeld in Marzahn zu besuchen und eines der letzten Interviews mit ihr zu führen.

Mit Tabea Blumenschein ist eine einzigartige Persönlichkeit gegangen. Zahlreiche Nachrufe betonten ihre Bedeutung in der Westberliner Avantgarde-Punk- und Kunstszene der Achtziger Jahre als Schauspielerin, Musikerin oder Zeichnerin. Und auch wenn sie sich in den letzten 30 Jahren weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückzog, zeichnete sie unermüdlich weiter.

Zum Ableben einer solchen Persönlichkeit gehört auch immer die Nachbetrachtung. Das KLICK Kino in Berlin-Charlottenburg zeigt im Juli Filme von und mit Tabea Blumenschein. Den Auftakt bilden diverse Kurzfilme sowie der Film „Zagarbata“ am Freitag, den 10. Juli in Anwesenheit von tödliche Doris-Gründer Wolfgang Müller und Dr. An Paenhuysen, Leiterin des Hauses der tödlichen Doris. „Zagarbata“ ist (kurz gesagt) ein Film über Skinheads und Punks im Berlin der Achtziger, in welchem die damalige Skinhead-Band Die Böhsen Onkelz am Anfang einen überraschenden, kurzen Auftritt hat.

Der Tod von Tabea Blumenschein war Anlass, sich mit Wolfgang Müller (der bis zum Schluss mit ihr befreundet war) über die Rolle von Frauen in der Berliner Postpunkszene der Achtziger und Tabea im Speziellen und das nicht immer einfache Gedenken an sie zu unterhalten. Aber auch wenn sich durch den Tod ein Kapitel geschlossen hat, lebt die tödliche Doris weiter. Auch dazu äußerte sich Wolfgang, pandemiebedingt per Mail.

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Lieber Wolfgang Müller, Tabea Blumenschein starb vor fast einem halben Jahr. Zahlreiche Nachrufe wurden verfasst, auch von Ihnen. Welchen ganz persönlichen Eindruck hat der Mensch Tabea bei Ihnen hinterlassen?
Ja, die Zeit besteht darin, dass sie vergeht, sagte 1971 der Künstler Dieter Roth in seinem Buch „Das Tränenmeer“. Tabea war ein wirklich wunderbarer Mensch, ein ganz großes Talent. Wie ein Wesen von einem anderen Planeten. Sie war sehr liebenswert, beschenkte andere großzügig und hatte eine einzigartige Ausstrahlung. Es ist kaum zu glauben, besonders wenn man Filme oder Fotos mit ihr sieht, aber Tabea interessierte sich weder für Geld, noch für Ruhm.

Tabea Blumenschein und Wolfgang Müller 1984 in New York City (Foto(kopie): Nan Goldin/Archiv der Tödlichen Doris”


Autor Stephan Geene zitiert im seinem Nachruf zu Tabea Blumenschein (Texte zu Kunst, Nr. 118) nach Käthe Kruse den “kollektiven Entstehungsprozess der Stücke” von Tödlicher Doris wie folgt : “…Jeder brachte Texte mit (…) manchmal haben wir eine Stunde nur an einem Wort gesessen”. Du hast dich kritisch dazu geäußert. Was stimmt da nicht?
Schlecht recherchierte Nachrufe sind immer ärgerlich. Allein deshalb, weil der Verfasser garantiert keine Gegendarstellung mehr befürchten muss. Also: Die Texte der Tödlichen Doris stammen zunächst von Nikolaus Utermöhlen und von mir, also denen, die das Projekt als Kunststudenten 1980 ins Leben riefen. Schon kurze Zeit darauf kamen zwei Autorinnen dazu. Diese verfassten außerdem eigene Beiträge für das 1982 erschienene Geniale Dilletanten, nämlich Dagmar Dimitroff und Tabea Blumenschein. Allein Tabea hat etwa zehn Songtexte für Die Tödliche Doris geschrieben. Einmal brachte sie ins Studio vier neue Titel mit. Daraus entstand ein eigenes Album namens „Tabea und Doris dürfen doch wohl noch Apache tanzen“.

Also kein kollektiver Entstehungsprozess?
Individuen opferten beim Projekt Doris einen Funken ihrer Kreativität, aber nicht etwa für ein Kollektiv, sondern zum Aufbau eines körper- und seelenlosen Popstars namens Doris. Tabea Blumenschein wäre lachend davongerannt, hätte irgendein basisdemokratisches Kollektiv über eines ihrer Wörter diskutiert oder gar ihre Texte verbessern wollen. Tabea bekam in den Achtzigern unzählige Angebote von Bands. Die Tödliche Doris war die einzige Gruppe, an der sie sich jemals dauerhaft beteiligte. Das tat sie mit ihren eigenen Texten, ihren speziellen Kostümentwürfen, ihren wunderbaren Zeichnungen und genialen Ideen.

Wie entstehen solche Missverständnisse?
Der Schriftsteller Marcel Beyer kreierte bei seiner Laudatio zum Karl-Sczuka Preis 2009 auf den Musiktagen in Donaueschingen für mich die Bezeichnung Missverständniswissenschaftler. Also, das sei jemand, der Missverständnissen auf den Grund geht, ihre Entstehung erforscht, wobei etwas Überraschendes entstehen kann und Unerwartetes. Das gefiel mir gut.
Ich nehme an, es handelt sich in dem Fall nur um eine Verwechslung. Die von Geene zitierte Elke gehörte in den 80er Jahren zu den radikalen Hausbesetzern und war Kassenwartin eines besetzten Kreuzberger Hauses. Sie hatte schon früh den Künstlernamen der Schauspielerin Katharina Simon angenommen, die unter dem Namen Käthe Kruse zu Deutschlands berühmtester Puppenmutter wurde. Im vierzigköpfigen Besetzerplenum fanden regelmäßig endlose Sitzungen statt, wo es um Finanzierung und Formulierungen für Anträge ging. Dort wurde tatsächlich stundenlang über jeden Pups diskutiert (lacht). Muss auch so sein, bei Kommunen mit Gemeinschaftseinkauf und Volksküche, Zimmerverteilung, Kollektiv-Badezimmer und -WCs.

Ist Doris also eher ein Single?
Vielleicht ist Doris ein mit sich selbst verheiratetes Individuum ? Das Konservenbüchsenklapperkleid von der ersten Doris-LP könnte darauf hinweisen. Die jeweiligen Autoren von Doris-Texten, -Manifesten und -Konzepten wurden nicht explizit genannt, weil es ja vor allem um die Entstehung und Gestaltbildung eines Individuums namens Doris gehen sollte – nicht um die eigene, persönliche Profilierung innerhalb einer Gruppe. Trotzdem lassen sich bei den Texten und Konzepten der Tödlichen Doris auch heute noch deren ursprüngliche Autoren und Autorinnen leicht ermitteln. Im von An Paenhuysen betreuten Doris-Archiv sind die Originalhandschriften versammelt. Da wird eben auch deutlich, dass manche Beteiligte hauptsächlich als Performer in Erscheinung traten und daher häufiger auf Fotos von Auftritten zu sehen sind, während andere zwar viel seltener im Bild zu sehen sind, aber umso mehr Texte verfassten oder auch Konzepte einbrachten, wie Reinhard Wilhelmi, Gunter Trube oder auch die eingangs erwähnte Tabea.


Wer wurde eigentlich Performer bei Die Tödliche Doris und wie funktionierte das?
Talent, Begabung und Professionalität spielten keine Rolle. Im Gegenteil. Jeder Mensch sollte eine Chance bekommen. Daher wurden immer wieder Personen eingeladen, die vorher gar nichts mit Moderner Kunst oder Punk am Hut hatten. Also auch Krankenpfleger_Innen, Escort-Boys, Gelegenheitsprostituierte, Trans*, Hausbesetzer_Innen oder Weltenbummler_Innen. Ein begabter Profimusiker oder eine Geigenvirtuosin hätten vermutlich schlechtere Chancen gehabt. Ich engagierte mal drei arbeitslose Unterhaltungsmusiker von der Künstlervermittlung des Arbeitsamtes, die Gerry Belz-Showband für die Musik bei einer Modenschau. Oder warb 1983 per taz-Zeitungsinserat in Hamburg um neue Mitspielerinnen: „Die Tödliche Doris sucht Menschen, die noch nie live im Fernsehen zu sehen waren.“ Es meldeten sich dreißig beliebige Personen, die mit kakophonischem Gesang dann Die Tödliche Doris live in der NDR-Videonacht verkörperten. Das Video, das dabei entstand läuft noch bis Oktober 2020 in der Bundeskunsthalle in Bonn. Der junge Christof Schlingensief war übrigens ganz begeistert von der Tödlichen Doris, sagte er mir immer, wenn wir uns trafen.

Nach welchen Kriterien wurden die Rollen besetzt?
Ich war damals ein großer Fan von Maureen Tucker, die heute wiederum ein großer Fan von Trump ist (lacht). Als Dagmar Dimitroff 1981 die Rolle einer Schlagzeugerin von Die Tödliche Doris annahm, da bestätigte sich meine Vermutung, dass Frauen hinter dem Schlagzeug eigentlich nur gewinnen können. Sie wirken dort automatisch stark, stolz und selbstbewusst – im Gegensatz zu Männern, die hinter dem Schlagzeug eher Gefahr laufen, für ein bisschen doof, treu und lieb gehalten zu werden. Es ging also im Grunde darum, Schauspieler für eine Bühnenshow zu finden. Die Arbeit mit der Musik, den Texten und den Konzepten war eh noch etwas völlig anderes. Ich erinnere mich, dass bei der Aufnahme zum Album „Unser Debut“ Studioinhaberin Bettina Holland im Wedding irgendwann entnervt die Schlagzeugstöcke an sich riss und den „Südwestwind“-Track selber einspielte. So etwas fanden wir eher lustig. Die Tödliche Doris erschien auf der Bühne als eine „normale Punkband“, deren Normalität gleichzeitig eine groteske Zumutung war. Mit Gitarre, Schlagzeug und Gesang – ernüchternd normal. Ohne originelle Instrumente wie andere Bands in dieser Zeit. Die aus DDR-Haft nach Westberlin entlassene Dagmar Dimitroff war in der Rolle einer Schlagzeugerin auf dem Festival Genialer Dilletanten absolut beeindruckend. Genau wie später Käthe Kruse. Auch die war eine großartige Bühnenperformerin! Und wie Dagmar ignorierte sie scham- und hemmungslos Staats-, Eigentums- oder Anstandsgrenzen! In der gepflegten Sprache der Kunstgeschichte nennt man das heute „grenzüberschreitend“ oder noch besser „interdisziplinär“ (lacht).

Fast wäre sogar mal eine später berühmte Tatortkommissarin Schlagzeugerin der Tödlichen Doris geworden….
Ja, das stimmt, das war auf der Müller-Ost Müller West-Party 1982 im Merve-Verlag. Dort stellte Heiner Müller sein Mervebuch „Rotwelsch“ und ich mein Buch „Geniale Dilletanten“ vor. Ich suchte nach einer neuen Besetzung, da Dagmar Dimitroff gerade in einer furchtbaren Psychosekte gelandet war. Er empfahl die junge Schauspielerin Margareta Broich aus Westberlin. Ob ich sie denn nicht als Drummerin bei Die Tödliche Doris engagieren wolle?

Heiner Müller und Margareta Broich


Und, wurde sie engagiert?
Nun, Margareta Broich schien mir damals schon eine viel zu professionelle Schauspielerin zu sein, um die Rolle als Straßenkämpferin, die für die Rettung der Welt über Leichen geht glaubhaft rüberzubringen (lacht). Dachte ich zumindest. Heute kann man sie oft im Tatort als Kommissarin sehen.

Wie stehen Sie zu Mythenbildung in der Erzählung?
Die Mythenbildung bestätigt vor allem den allerersten Satz, den Die Tödliche Doris auf dem Tonträger „Stopp der Information“ von sich gab: „Die Informationen sind gegeben und verselbstständigen sich.“ Es gibt viele Menschen, die Erzählungen aus dem Nähkästchen lieben. Die da gern zuhören, wenn jemand die Welt erklärt. Auch wenn der Erzähler oder die Erzählerin sie selber ganz missversteht oder sie verklärt, zu ihren, seinen oder zu Gunsten anderer. Was ja auch völlig normal ist.

Warum läuft das so?
Also, gerade in der Kunstszene rennen Massen von Kunsthistoriker_Innen herum, die neue Mythen begierig aufsaugen, daran weiterstricken, um unsere traurige Welt damit zu verzaubern. Getrieben von groteskem Ehrgeiz werden die richtig süchtig nach solchem Stoff. Ich selber bin wohl eher für den kalten Entzug zuständig, für die Entzauberung (lacht). Das ist für mich auch viel interessanter als dieser ganze bigotte Hokuspokus. Der ist doch lächerlich.

Aber Mythen räumen auch Chancen ein und ich kann mich nicht davon frei machen. Sehr gern möchte ich den Mythos, dass Tabea eine Vorläuferin der Riot Grrrl-Bewegung war, populär machen. Liege ich damit falsch?
Aber nein, das ist doch gar kein Mythos! Manches muss nur mal ausgesprochen werden und wird so erstmals wahrgenommen, erscheint schlüssig, wird Teil der Realität und ihrer Erzählung. Vieles von dem, was Tabea in den 1970er Jahren lebte, galt damals als das glatte Gegenteil von Feminismus. Tabea sagte beispielsweise: „Ich ziehe mir doch keine Jutesäcke über den Kopf wie Alice Schwarzer, damit ich Männern missfalle. Ich mache mich doch nicht extra hässlich für Männer. Ich kleide mich sexy, weil ich auf Frauen stehe.“ Deshalb wurde Tabea nicht nur von Männern missverstanden, sondern auch von vielen Feministinnen und Lesben.

Und die Schwulenszene?
Nikolaus und ich stellten einen ähnlichen Dogmatismus in der Schwulenszene der 80er fest. Auch Mysogenie und Rassismus fanden sich dort – wie überall sonst auch. Deshalb sollte Die Tödliche Doris auch keine Gilbert & George-Kopie werden – Künstler, die Nikki und ich sehr toll fanden. Unsere allerersten Proben fanden im alten Schwuz statt, in der Kulmer Straße, mit Christine Dreier und der Saxophonistin Stefanie Mahlknecht. Stefanie, die zuvor die Lesbenbar Blocksberg betrieben hatte, gründete schon bald darauf den Punkclub Risiko, bei dem sie einen rosa Winkel am Außenschild befestigte. Das Risiko war so etwas wie eins der ersten prä-queeren Lokale.

Was macht Chris Dreier derzeit?
Chris und ich haben erst vor drei Jahren das klassische tödliche Dorisstück „In der Pause“ in neuen Varianten als Album herausgegeben, auf dem britisch-schwedischen Fangbomb-Label. Mit Sprechpause, Ratenpause, Atempause und so weiter. Es hat mir super gefallen, mit Chris wieder mal etwas zu machen, nach längerer Pause. Chris komponiert elektronische Musik, macht tolle Radioprojekte und gibt Konzerte in der ganzen Welt. Dass sie mit der US-Feministin und Künstlerin Katherine Sophie Dreier verwandt ist, der Mitbegründerin der Société Anonyme Inc., zusammen mit Marcel Duchamp und Man Ray, das hat sie mir erst Jahrzehnte später verraten.

Chris Dreier zeigt Katherine Sophie Dreier im Familienalbum.


Wir haben jetzt schon einiges über viele Frauen in den Achtzigern in Westberlin gesprochen. Sie scheint diverser als viele andere Subkulturen zu sein. Oder ist das auch ein stückweit Verklärung und Romantisierung?
Hm, ich weiß nur, dass mir irgendwann beim Verfassen meines Buchs „Subkultur Westberlin 1979 – 1989. Freizeit“ auffiel, dass niemand mehr zu wissen schien, dass die inzwischen Kult gewordenen Westberliner Punkclubs wie Risiko, Shizzo oder der Dschungel von Frauen gegründet wurden. Wer dann vierzig Jahre später den furchtbaren Film des ex-Internatsschülers Oskar Röhler vom Starnberger See sieht, der denkt doch, an diesen Orten hätten nur Männer auf Speed und Koks herumgehangen, in der Mitte Nick Cave, eine sexy Frau mit Schmollmund und ein stumpfer schwuler Neonazi … das war’s.

Also, alles bunt gemischt?
Das nun auch wieder nicht. In den Post-Punk-Bands waren Frauen tatsächlich eher selten. Völlig Frauenlos blieb jedoch nur das Mischpult bei Konzerten in den Achtzigern. Aufgefallen ist mir das erst, als ich mal wieder in einen Streit mit einem Tontechniker geriet. Mischpulttechniker waren oft schlimme Wichtigtuer, einige sogar richtige Arschkrampen. Ich bat meine alte Freundin Bärbel Beier um Hilfe. Sie erlernte die Bedienung der Tontechnik in kürzester Zeit. Danach begleitete Bärbel Die Tödliche Doris auf einer drei-Städte-Tournee bis nach Basel. Immer, wenn Bärbel zum Mischpult ging, wurde sie von Männern umringt. Die waren fassungslos, wenn sie mitbekamen, dass Bärbel das Gerät nicht etwa entstauben, sondern bedienen wollte. Und das tat sie tatsächlich hervorragend. Wahrscheinlich bin ich nur deshalb Feminist geworden, weil mir irgendwann auffiel, wie viele dumme und talentfreie Männer in wichtigen Positionen sitzen. Ich dachte mir, die könnten doch genauso gut mit idiotischen Frauen besetzt werden. Dass ich das als Mann bemerkt habe, ist also reiner Zufall.

Nach #aufschrei, #metoo und dem Weinstein-Prozess ist Sexismus und sexualisierte Gewalt erst in den letzten Jahren stark in den Focus der Öffentlichkeit gerückt. In feministisch beeinflussten Subkulturen und Szenen wurden diese Themen viel früher diskutiert. Wie sah es mit Sexismus aus?
Also, mit der Doris-Performance „Hommage an Allen Jones“ wurde die damals heiß diskutierte Frage thematisiert, ob die Frauenskulpturen des britischen Popkünstlers Allen Jones nun tatsächlich sexistisch sind oder ob sie Sexismus lediglich thematisieren. Wir drehten seine Objekte in Form eines „lebenden Bildes“ der Goethezeit um: Nun wurden die Männer zu Objekten, zu Möbeln, auf denen Frauen bequem sitzen konnten. Dazu erklang das Lied „Kavaliere“. Dessen Wörter hatte ich aus Ernest Bornemans Lexikon „Sex im Volksmund“ entnommen.


Ernest Bornemann ist eine Ausnahmegestalt aus Deutschland, war sehr vielseitig, unter anderem der Erfinder des Beatclubs…
Ohne Ironie und Humor verliert die Kunst. Anklagende oder die Rolle des Opfers reproduzierende Kunst, langweilten mich schon immer sehr. Und wenn gerade jetzt alle das Thema Sexismus entdecken und daraus Kunst machen, nun ja, dann bleibt das Anliegen auf jeden Fall nach wie vor wichtig, das war es schon immer, aber die Kunst kann aber trotzdem hundsmiserabel sein. Ist sie dann auch meist. Diese Trennung zwischen Inhalt und Form bei gleichzeitiger Intraaktion zu vollziehen, das gelingt nur den wenigsten. Erst da öffnet sich etwas.

Jon Savage macht in „Englands Dreaming“ eine zunehmende Spaltung zwischen den politischen „Sozialrealisten“ wie The Clash und Sham 69 und den künstlerischen „Arties“ wie Throbbing Gristle oder Joy Division ab 1978 aus. Gab es diese in Berlin auch?
Eigentlich schon. Als Dagmar, Nikki und ich auf dem Festival der Genialen Dilletanten in „allegorischen Kostümen“ auftraten, parodierten wir mit dieser grotesken Kostümierung die Ästhetik der neuen Frauenbewegung, die der Friedensbewegung und den individuellen Selbstentfaltungswahn jener Zeit, die mit der Gründung der Grünen 1979 einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Die inhaltlichen Anliegen dieser sozialen Bewegungen fanden wir zwar absolut richtig – aber in deren formalen, ästhetischen Gestaltung lauerte bereits die große Spießigkeit, der alte Muff, die neue Norm, das Bionadebiedermeier, das Reaktionäre, die Anpassung….

Lässt sich eigentlich vermeiden, integriert zu werden?
Nein, denn auch desintegriert ist und bleibt man ja bereits ein Teil des Ganzen. Ich finde es natürlich super, dass Die-Tödliche-Doris-Allee als Straßenname in Kreuzberg auch weiterhin völlig undenkbar ist. Das kann man von Rudi Dutschke, Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben schon nicht mehr behaupten. Letztgenannte haben gerade den BZ Kulturpreis 2020 bekommen und sich im Springerhaus mit einem Konzert bedankt. In der schnöden Realität enden die Visionen der Sozialrealisten.

Wichtig ist vielleicht aber auch zu betonen, es sich bei der Tödlichen Doris nicht um ein abgeschlossenes Kapitel handelt. Nach wie vor entsteht Neues, auch mit Tabea Blumenschein. Können Sie einen Überblick der letzten Jahre und vielleicht einen Ausblick geben?
Ja, die Offenheit ist Bestandteil, Stärke und natürlich auch Schwachstelle des Projektes gleichzeitig. Die Kunstwissenschaftlerin An Paenhuysen ist seit Sommer 2019 Leiterin vom Haus der Tödlichen Doris. Sie katalogisiert und erforscht schon seit Jahren das Werk, entdeckt dabei vieles auch mir Unbekanntes. Gerade bekam sie ein Stipendium zur Recherche über Dagmar Dimitroff, die Schlagzeugerin beim Dilletantenfestival und Sängerin von „fliegt schnell laut summend“ auf der der ersten LP. Schon ein Jahr nach Bandgründung, 1981 schrieb Wolfgang Hagen in der konkret: „Diese drei Köpfe sind mit Abstand die Intelligentesten der Genialen Dilletanten.“
– Leider hat Dagmar von diesem netten Kompliment selber nie wirklich profitieren können. Dagmar und ihr Sohn Oskar, er spielte die Titelrolle in „Das Leben des Sid Vicious“, kamen 1990 bei einem Autounfall ums Leben.

Dr. An Paenhuysen, Leiterin vom Haus der Tödlichen Doris


Und Tabea Blumenschein?
Für das neuste Doris-Album “Reenactment – Das Typische Ding” zeichnete sie 2018 einunddreißig Vibratoren und Sex-Toys. Dazu entwarf sie das Künstlerbuch „Little Willy möchte auch gern Mitglied der Tödliche Doris Concert-Band werden“. Littly Willy ist der Name eines Vibrators. Ich fuhr oft nach Marzahn, in ihre Wohnung und brachte die Vorlagen mit. Der Autor Benjamin Moldenhauer hat Tabeas Beitrag für das Album im Spiegel positiv gewürdigt.


Doris, wie eine Orvidsche Metamorphose … ohne Körper.
Ja, aus dem amorphen, siebenköpfigen Informator, eine Art Einzeller, Pantoffeltierchen oder Amöbe entstand 1980 der abwesende Körper von Doris. Dieser wurde von einer zwei, drei, vier- und vielköpfigen Band repräsentiert, die sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, 1987 in einen Weißwein auflöste, welcher jahrelang im Haus lagerte, bis er sich in Essig verwandelte, um 2019 in Gestalt von 31 Sex-Toys wieder zu erscheinen. Der Körper von Doris besteht gegenwärtig also aus den Klängen, Bilder und Beschreibungen von 31 batteriebetriebenen Maschinen – und der zeitgleichen Abwesenheit dieser Maschinen.

Und der Ausblick?
Als ich im Sommer 2017 am Engelbecken saß, sprach mich ein junger Mann an. Er sagte, dass er vor zwei Jahren mit seinen Brüdern vor dem Krieg aus Damaskus nach Berlin geflüchtet sei. Mit der Zeit wurden wir Freunde. Später renovierte Ahmad mit Imat, mit dem er im Flüchtlingsheim wohnte, das Haus der Tödlichen Doris, eine Remise hinter dem Kumpelnest 3000.

Ahmad mit Lackschuh und Schnecke

Beim Renovieren fand Imat eine verstaubte Flasche von Die Tödliche Doris, Jahrgang 1987. Der Wein war längst zu Essig geworden und Imat rief aus: ‚1987? Das ist ja mein Geburtsjahr!‘ Ein paar Tage später meinte Ahmad: ‚Wolf, könnte ich nicht für Dich die lebende Doris erfinden?‘ Das hat mich berührt, ich meinte, dass Die tödliche Doris nicht Die tötende Doris bedeute. Doch für jemanden, der aus einem Krieg flüchtet, vor Gewalt und Tod, ist der Name des Projekts sicher eigenartig. Das dreistöckige Wohnhaus im Stadtteil Jarmuk, in dem er mit seiner Familie wohnte, wurde völlig zerbombt. Ahmad ist ein großer Fan von Albert Einstein. Als wir mal nach Caputh fuhren, um dort das Wohnhaus von Albert Einstein zu besuchen, zeigte er mir erstmals ein Foto des Wohnhauses in Jarmuk auf seinem iphone, also einen Trümmerberg und lachte: ‚Caputh? Das klingt genau wie ‚kaputt‘. Also, Sprache mag er sehr. Als er nach Berlin kam, konnte er noch kein einziges Wort Deutsch, heute liebt er das Spiel mit deutscher Sprache. Zufällig ist Ahmad genau wie ich ein großer Vogelliebhaber. Seine Kanarienvögel im Heim waren ganz zahm. Neulich kaufte er sich Wellensittichpaar. Er nennt sie Lackschuh und Schnecke. In seiner neuen WG will er im nächsten Jahr Vögel züchten. Vielleicht wird aus der Tödlichen Doris irgendwann eine Vogelzucht?

Wolfgang Müller und Philipp Meinert am Haus der tödlichen Doris im Juli 2020

 

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