Danielle De Picciotto & Friends – Käthe Kruse

Käthe Kruse: “Eine halbherzige Arbeit ist nichts wert”

Käthe Kruse – Die Tödliche Doris in „The Kitchen“, New York 1984, Foto: Doll Mohead


Zum ersten Mal von Käthe Kruse erfahren habe ich 1986. Damals war sie bereits eine Berliner Ikone. Jeder, der sich für experimentelle Musik interessierte, kannte sie, und auch in Köln, wo ich kurzzeitig in einem Plattenladen jobbte, wusste man von Ihrer hochgesteckten Dreadlock Frisur und der Tatsache, dass sie die Schlagzeugerin der Band Die Tödliche Doris war. Die Photographien von ihr faszinierten mich, denn sie strahlten eine ungeheure Kraft aus. Wegen diesen Photos hörte ich mir die Kassetten der Tödlichen Doris an und informierte mich über die von Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen gegründete Band.

Die Vermischung von Kunst und Musik entsprach meinem Geschmack und der Dadaistische Ansatz begeisterte mich sehr. Obwohl ich kurz danach nach Berlin zog und Ihre Präsenz allgegenwärtig war, lernte ich Käthe Kruse allerdings erst sehr viel später kennen. Zu dem Zeitpunkt war sie schon als interdisziplinäre Künstlerin erfolgreich. Wir freundeten uns an einem Abend an, an dem Gudrun Gut und ich gemeinsam auftraten, seitdem sehen wir uns so oft es geht. Ich freue mich immer darauf sie im Atelier zu besuchen oder Ihre nächste Ausstellung anzuschauen. Ob Photographien, Bilder oder Objekte, die Arbeiten von Käthe Kruse sind klar, präzise und trotzdem vielschichtig und  bringen unbewusstes und ungewöhnliche Zusammenhänge mit überraschenden Perspektivenänderungen ans Licht. Käthe geht mit einer ungeheuren Ehrlichkeit und Hingabe in die Tiefe und berührt so den Besucher nachhaltig.

Momentan stellt sie ihre neusten Arbeiten in zwei Berliner Galerien gleichzeitig aus. Unter dem Titel “Ich sehe” präsentiert die Galerie Nord 80 Leinwandbilder als Fries, der sich durch sämtliche Räume zieht. In der Zwinger Galerie wird das Archiv der gesammelten Überschriften der Bilder unter dem Titel “366 Tage” aufgeschlagen. Das Gesamte Werk ist in seiner Konzeption und Ausarbeitung beeindruckend und besteht aus Sprache, Bild und Ton. Das Ergebnis der Aneinanderreihung der Wörter ergibt ein erstaunlich, unvergessliches Ergebnis. Ich freue mich sehr Käthe Kruse hier vorstellen zu können.

Käthe Kruse (Photo: Enrico Böttcher)

Danielle De Picciotto: Du hast gerade zwei große Ausstellungen in Berlin, die gleichzeitig laufen. Worum geht es bei den Ausstellungen?
Käthe Kruse: Ja, eine Doppelausstellung. Für die beiden Werkkomplexe “Ich sehe” (Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten) und “366 Tage” (Zwinger Galerie) sammelte ich fast zwei Jahre täglich 25 Überschriften aus jeweils einer deutschsprachigen Tageszeitung wie zum Beispiel Taz, Tagesspiegel oder Süddeutsche Zeitung. Unterschiedslos bediente ich mich aus den Sparten Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Ökologie, Sport und Kultur. Bei der Auswahl der Headlines verließ ich mich ganz auf meine eigene künstlerische und politische Sensibilität. Kalendarisch abgespeichert, sammelte ich ein Kontingent aus Sätzen und Substantiven – ein subjektives Archiv zur jüngsten Zeitgeschichte in knappster Form –, welches keiner festen inhaltlichen Systematik folgt, aber in der künstlerischen Transformation ein äußerst beunruhigendes gesellschaftliches Bild entwirft.
Auf einzelne Din-A4-Fototafeln gedruckt, ordnete ich die 366 Tage streng in zeitlicher Abfolge und konzipierte sie zu einem Bildkomplex, der, nun gerahmt, als Fries in der Zwinger Galerie ausgestellt ist.
Im zweiten Schritt des Komplexes extrahierte ich alle Substantive aus den Überschriften, zeichnete und malte sie über vier Jahre Wort für Wort alphabetisch geordnet und in Druckschrift mit dünnem Pinsel auf Leinwände aneinander. Es entstanden 80 schwarz-weiße, enzyklopädisch anmutende Wortbilder mit insgesamt 3927 Nomina: von Abstiegsangst bis Zuwanderungsrekord. Das Tableau mit dem Anfangsbuchstaben X enthält nur ein einziges Wort: Xenophobie – der Rest ist weißer Bildraum.
In der Isolierung und in der monotonen, stakkatohaften und konsequenten Aneinanderreihung der Sätze und Nomina sowie in der reduzierten räumlichen Inszenierung liest sich die gefährliche Kraft der unreflektierten Nutzung von Sprache fast beiläufig. Durch das Entfernen syntaktischer Beziehungen und semantischer Abhängigkeiten zwischen den Wörtern erschließen sich irritierende neue Bedeutungsebenen. Die Wortbilder sind in der Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten auch als Fries präsentiert, der sich über 60 Meter durch alle Räume zieht.

Farbstreifeninstallation, Kunstverein, Kunsthalle Bremerhaven, Foto: Heike Ollertz, 2000

Du bist eine interdisziplinäre Künstlerin – was bedeutet es für dich interdisziplinär zu arbeiten?
Für mich ist es wichtig, mit verschiedenen Medien zu arbeiten, denn dadurch entstehen Werke, die ich nicht vorhersehen kann. Jede Idee, die ich aus verschiedenen medialen Perspektiven betrachten kann, bringt mich zu ganz eigenen künstlerischen Ausdrucksweisen. Oftmals beherrsche ich die Medien gar nicht und bin auf Hilfe angewiesen, das hat den Vorteil, dass ich nicht in professionellen Mustern denke, sondern mit ganz unverstelltem Blick arbeiten kann. So ein Werkkomplex vervollständigt sich während des Arbeitens daran, es kommen immer neue Ideen hinzu, bis es den Zeitpunkt gibt, an dem ich sehe, dass alles was das Werk braucht hergestellt ist und zusammengehört.
In meinem neuesten, oben besprochenen Werkkomplex habe ich ganz bewusst auf die visuelle Kraft der Fotografie und des Filmes verzichtet. Hier untersuche ich mit den Mitteln der Malerei, Musik und Performance die Wechselwirkung von Sprache, Politik und medialer Berichterstattung.
Dafür war es mir wichtig, den an 366 Tagen gesammelten Überschriften die Substantive zu entnehmen und minutiös mit kleinem Pinsel als Wortbilder zu malen und die Überschriften selbst Blatt für Blatt im Fotostudio digital zu drucken und einzeln zu rahmen. Es ist über fünf Jahre hinweg eine rein schwarz-weiße Werkgruppe entstanden.
Und da zu einem Werkkomplex für mich auch immer eine Musik-Performance gehört, habe ich mich entschlossen, dieses Mal auch eine Schallplatte aufzunehmen. Die Musik sollte einfach und monoton sein und die 3927 Wörter wie Nachrichten gesprochen werden.

Die Künstlerin und Pianistin Myriam El Haik faszinierte mich mit ihrem Klavierspiel und so probten wir und entschieden sofort, dass ihr Piano und meine Stimme perfekt zusammenpassen. Dass ich bei Alexander Hacke in seinem Studio 65 Berlin aufnehmen würde, war schon vorher verabredet. Seine Professionalität als Musiker und Techniker, aber auch seine Lust an Musik und Improvisation halfen mir, die Schallplatte aufzunehmen und eine wirklich musikalische, fast tanzbare Musik zu produzieren. Er hat aus den tiefen Klängen des Pianos einen Bass unter die Musik gelegt und meine Soundaufnahmen aus Tiflis, Georgien, die ich mit der Filmemacherin Tamuna Karumidze aufgenommen hatte, in die Musik integriert. Auf jeder Seite der Doppel-LP kommt ein neuer Sound hinzu, und dann beginnt das Schlagzeugspiel meiner Tochter Edda Kruse Rosset.
Dem interdisziplinären Ansatz entsprechend werden wir die Aufnahmen als Sprechkonzert aufführen. Die Überschriften werden als mehrtägige Leseperformance präsentiert.
Ein wichtiger Teil des Projekts besteht in einer Publikation, die begleitend zu der Doppelausstellung bei DISTANZ erscheinen wird und die Doppel-LP, 80 Bildtafeln, eine Zeitung mit sämtlichen Überschriften sowie ein Begleitheft mit Installationsansichten der Ausstellungen umfasst. Die nummerierte und signierte Vorzugsausgabe enthält ein Tuch aus Modal, mit allen 3927 Wörtern bedruckt.

Danke! Die Tödliche Doris, Käthe Kruse 2013, Zwinger Galerie, Berlin, 2013, Foto: Ludger Paffrath

 

 

Haben deine vergangenen Kollaborationen wie zum Beispiel mit der Gruppe Die Tödliche Doris heute noch eine Verbindung zu deinen Arbeiten?
Ja, unbedingt. In der Galerie Nord zum Beispiel werde ich in der Reihe Grenzgängerinnen, präsentiert. Hier laden sie Künstlerinnen ein, die sich über Grenzen und Genres hinwegsetzen und diese erweitern. Dazu schrieb Veronika Witte, die künstlerische Leiterin der Galerie Nord und Kuratorin der Ausstellung: „Die dritte Ausstellung in dieser Reihe ist Käthe Kruse gewidmet, einer Künstlerin, die seit den 1980er Jahren, damals noch als Teil des legendären Westberliner Avantgarde-Trios Die Tödliche Doris, mit der Verschränkung von Musik, Texten, Performance, Video und Malerei neue Formate entwickelt hat, die sich nicht in herkömmliche Kategorien einordnen lassen. Auch heute verbindet Kruse als Solokünstlerin unterschiedlichste Medien konzeptionell zu einem eigenen künstlerischen Ansatz.“
Mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller habe ich von 1982 bis zu unserer Auflösung Ende 1987 täglich zusammengearbeitet. Für unser erstes gemeinsames Konzert im Januar 1982 im Arsenal-Kino in Berlin entwarfen wir das Naturkatastrophenkostüm und entwickelten das Naturkatastrophenballett, für das ich zum ersten Mal mit der Tödlichen Doris das Mikrofon feuerspuckend für den WDR-Rockpalast in Brand setzte. Später wiederholten wir das bei unzähligen Konzerten im In- und Ausland, was jedes Mal die Tontechniker enorm irritierte. Heute wäre das aus brandschutztechnischen Gründen gar nicht mehr möglich. Aber in erster Linie habe ich das Schlagzeug gespielt, jede Komposition von Die Tödliche Doris beginnt mit meinem Schlagzeugspiel, darauf aufbauend kommen die anderen Instrumente hinzu. Die Super-8-Filme verschönten die oft technisch aussehenden Bühnen.
Als wir dafür bekannt waren, dass wir jedes Mal etwas anderes spielten und sich kein Konzert wiederholte, erarbeiteten wir eine Bühnenshow mit Kostümen, die insgesamt 15 Mal identisch präsentiert wurde. Sogar Tabea Blumenschein, die gelegentlich mit uns als Gast unterwegs war, hat sich unsere billigen Kleider vom Türkenmarkt und die von uns entwickelten und von Angie Rullkötter genähten Kostüme übergeworfen. Sie hat ja selbst sehr viele extravagante Garderobe für Filme entworfen und natürlich tolle Kostüme für sich selbst. Ich hatte das Glück, dass sie mir auch ein schwarz-graues Batikkleid genäht hat, das ich nicht nur auf der Bühne getragen habe.
Einmal wurde diese Kostüm-Show mit dem Titel „Insgesamt gibt es fünfzehn Vorstellungen“ von uns dreien außerhalb der öffentlichen Auftritte präsentiert: Am 10. Juli 1985 morgens um 10 Uhr im Raum 140-141 an der Hochschule der Künste Berlin (heute UdK) bei Professor Wolfgang Ramsbott. Es handelte sich um die Meisterschülerprüfung von Wolfgang und Nicci an der ich der Vollständigkeit halber teilnehmen musste, und die ich, wie mir Wolfgang Ramsbott sagte, auch mit Bravour bestanden hatte. Auf sein Anraten hin habe ich dann 1990 das Studium der Visuellen Kommunikation an der HdK aufgenommen und 1997 mit der zweiten Meisterschülerprüfung abgeschlossen.

“Ich sehe”, Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten, 2020, Foto: Christine Fenzl

Wie würdest du dich als Künstlerin/Musikerin beschreiben?
Schwierig zu beantworten. Ich bin vom Typ her offen und ehrlich, geradlinig und direkt. Das heißt, ich verstecke mich hinter gar nichts, im Gegenteil, ich mache mich angreifbar. Das halte ich aber auch für notwendig, denn, egal ob in der bildenden Kunst, der Musik oder Performance, macht es keinen Sinn, so zu tun als sei da mehr als da tatsächlich ist, das spüren Publikum und Betrachter*innen sofort. Mir ist es wichtig, alles zu geben, mich ganz zu zeigen und damit mein Gegenüber anzusprechen und vielleicht sogar zu erreichen. Das heißt aber auch, dass ich jedes Mal meine Angst überwinden muss, wenn ich mit einer neuen Arbeit, Musik oder Performance an die Öffentlichkeit gehe. In der Performance arbeite ich ja mit sehr persönlichen Texten über zum Beispiel meine eigenen Abtreibungen oder über den Alkoholismus meines Vaters. Da gebe ich viel von mir preis und das muss ich dann aushalten können, das Publikum aber auch, manchmal weinen Leute vor Ergriffenheit oder sagen mir, dass sie soviel nachzudenken hatten und nicht mit dem Taxi fahren konnten, sondern nach Hause laufen mussten. Wenn die Performances nachwirken und sie nicht beim Gläschen danach wieder vergessen sind, dann ist das ein großer Erfolg für mich. Musikalisch komme ich ja aus der Gruppe der Genialen Dilletanten. Blixa Bargeld hat dieser Bewegung seinen Namen gegeben. Bis heute habe ich es nicht geschafft, ein Instrument zu erlernen oder Gesang zu studieren, obwohl ich sehr gerne singe. Deshalb freue ich mich, dass ich seit zehn Jahren mit meinen Töchtern Edda und Klara Kruse Rosset, die mich häufig musikalisch unterstützen, zusammenarbeiten kann. Das ist ein großes Geschenk, das ich aber auch gerne annehme. Mit Myriam El Haik am Piano ist meine neueste Performance richtig musikalisch geworden, das finde ich toll.
Als Künstlerin begreife ich mich vielleicht am ehesten als Konzeptkünstlerin. Wo die Ideen im Einzelnen herkommen kann ich gar nicht sagen, oft kommen sie in der Nacht und wenn ich sie dann am Morgen noch habe und notiere, über sie nachdenke, und anfange, an ihnen zu arbeiten, wird es im Laufe des Arbeitens klar, ob das jeweils eine gute Idee ist, die ich weiterverfolgen möchte oder nicht. Die letzte dauerte dann ja in der Ausführung fünf Jahre. Da kommt mir meine akribische und fleißige Arbeitsweise zugute und dass ich die Energie habe, über Jahre an einer Sache zu arbeiten. Dafür bin ich sehr dankbar.
Außerdem habe ich einen großen Fundus an alten Ideen und Materialien auf die ich gegebenenfalls zurückgreifen kann. Da wird es mir nie langweilig, zumal ich mich immer wieder neuen und mir nicht vertrauten Medien zuwende und dabei immer lernen kann – ein toller Beruf!!!

“Ich sehe”, Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten, 2020, Foto: Christine Fenzl

Findest Du Künstler*innen sollten ein Grundeinkommen bekommen? Oder könnte es demotivieren?
Ja, ich finde Künstler*innen sollten unbedingt ein Grundeinkommen haben. Es gibt sicher einige, die das demotivieren könnte, aber um die geht es nicht. Es geht darum, die Kulturschaffenden zu unterstützen, dass sie mit weniger finanziellen Sorgen an ihren Künsten arbeiten können. Es geht ja um die Vielfalt und Freiheit der Künste und darum, dass die Kunst Denkanstöße gibt und auch politisch Stellung beziehen kann. Das ist wichtig für eine offene und demokratische Gesellschaft.

Du reist sehr viel für deine Arbeiten – welche Reise hatte das größte Ergebnis?
Meine Reisen 1996 nach Bhutan und 1999 nach Amerika waren am intensivsten und führten zu einer raumfüllenden, interdisziplinären Arbeit. Das dort gefilmte Bildmaterial bearbeitete ich konzeptuell zu einer Video-Audio-Installation, die ich „Amerika – Deutschland – Bhutan“ nannte.
Unter den Schlagwörtern Verkehr, Pubertät, Bielefeld und Abtreibung brachte ich die visuellen Aufzeichnungen beider Reisen mit eigenen Texten über Deutschland zusammen, die ich entweder als Lese-Performance oder als Audioformat präsentierte. Ebenso fotografierte ich alle Filme am Computer ab, so dass ich eine schier unendliche Reihe von verfremdeten Fotografien beider Länder habe, die zeitgleich mit den aus Soundduschen plätschernden deutschen Texten gezeigt werden. Zudem sind, nach den Reisezielen getrennt, auf zwei Monitoren Stadtszenen, Landschaften und Menschen zu sehen. Während die Landschaftssequenzen geografisch eher unspezifisch bleiben, sprechen Architekturen, Gesichter, Posen, Kleidung und Rituale ihre Herkunft mit.
Den Kontext organisierte ich in der Gegenüberstellung von großstädtischen und ländlichen Strukturen, von Zeichen unterschiedlicher Staatsformen, von Bildern einer kapitalistisch-medial und einer traditionell-religiös organisierten Kultur. Erst durch meine Texte gebe ich eine Perspektive zu erkennen: Während ich in Chicago den Verkehr aus einer Ringbahn filmte, der nur die Fassaden und flüchtigen Eindrücke der unterschiedlichen Stadtteile entlang der Bahnstrecke zeigt, fokussierte ich in Thimphu, der Hauptstadt Bhutans, einen Polizisten auf einer im traditionellen Stil überdachten Verkehrsinsel, der einen einspurigen Kreisverkehr regelte. Dieser wird im Verhältnis zum eleganten Rhythmus, in dem er seine Befehle mit dem ganzen Körper gleichsam tanzte, völlig nebensächlich.
Doch erst der Text über einen Spaziergang den Kottbusser Damm in Neukölln entlang spitzt die kulturell und sozial differente Urbanität der „fremden“ Städte zwischen Faszination, Wunschbild und skeptischem Abstand zu und macht das Prinzip deutlich, über die persönliche Beobachtung durch die eigenen Lebensumstände hindurch, ein Bild der Welt zu zeichnen. So rückt das Ferne in die Nähe und der Alltag zeigt exotische Seiten. Schließlich führen die Namen der Imbisse und die Waren der Geschäfte in alle Welt, während die zahllosen Sonderangebote etwas über die soziale Existenz der Bewohner sagen.

Lieder in Leder mit Edda Kruse Rosset, Zwinger Galerie, Berlin 2013, Foto: Zwinger Galerie

Wie würdest du deine Musik beschreiben? Ist sie dir noch so wichtig wie in den 80igern oder eher die darstellende Kunst? Gibt es einen Schwerpunkt?
Musik liebe ich sehr, höre sie sehr gerne und sie hilft mir in so ziemlich vielen Lebenssituationen. Ich habe mich selbst nie als Musikerin verstanden, wohl aber als Schlagzeugerin. Das ist mein Instrument, ich bin rhythmisch und kann den Takt lange halten. Das Durchhaltevermögen ist es wohl, dass mich zur Schlagzeugerin gemacht hat. In den 80iger Jahren liebte ich es, mit der Tödlichen Doris zu spielen und auf Tournee zu gehen. Wir sind ja sogar ein Jahr nach unserer Auflösung im November 1988 noch zu Konzerten nach Tokio gereist und haben uns eigens dafür eine Show ausgedacht, in der wir uns selbst gespielt haben: Anmoderation von Masanori Akashi, Vorhang auf, Lieder von 1982/83, Vorhang wieder zu, Anmoderation von Masanori Akashi, Vorhang auf, Chöre & Soli von 1984, Vorhang zu, Anmoderation … und so weiter bis zum Ende unseres Repertoires.
Später habe ich nur eine Schallplatte „Elegie im März“ und eine DVD „Le Sexe Rouge“ als Schlagzeugerin und Musikerin produziert und eingespielt. Nachdem ich noch jahrelang bis ins Jahr 2000 hinein mit Wolfgang Müller Performances entwickelt habe und wir gemeinsam international aufgetreten sind, war ich als Solokünstlerin doch eher der Bildenden Kunst zugewandt. Das war für mich ein neues und sehr spannendes Feld, da konnte ich mich anders ausprobieren und entwickeln und mich neuen Medien und Drucktechniken zuwenden. Ja, mein Schwerpunkt ist die Bildende Kunst. Doch nach zehn Jahren hatte ich wieder das Bedürfnis, auf der Bühne zu stehen. Plötzlich kamen auch wieder Einladungen für Performances und ich begann, mit meinen Töchtern zu arbeiten. Hauptsächlich sind es Text-Musik-Performances. Doch mit der neuen Doppel-LP 3927 Wörter werden wir wohl wieder Konzerte spielen, ich freue mich darauf.

Was rätst du jungen Künstlerinnen?
Nicht so schnell aufzugeben und sich nicht schnell zufrieden zu geben mit der eigenen Arbeit. Es geht oft noch besser, nachdem man sich hinterfragt und alles von verschiedenen Seiten aus betrachtet hat. Sich stetig steigern und entwickeln, Schmerzgrenzen überschreiten, alles aus sich herauszuholen und alles geben. Eine halbherzige Arbeit ist nichts wert. Egal, ob ein Punkt auf ein Blatt Papier gemalt wird oder ein wandfüllendes Gemälde entstehen soll, sind die Notwendigkeit der Arbeit und der Gedanke hinter der Arbeit äußerst wichtig. Die Ausführung muss sorgfältig und perfekt sein. Arbeiten mit Hingabe! Dass der Punkt genau so und nicht anders gemalt werden konnte und perfekt platziert ist – die Betrachter*innen spüren das!

Links zu Käthe Kruse:

“Ich sehe” – Katalog bei Distanz  

Ausstellung “Ich sehe” in der Galerie Nord/Kunstverein Tiergarten 

Film zur Ausstellung auf der Website des Museum der Subkulturen & Friends 

Artikel von Brigitte Werneburg in der taz: “Kunst in der Coronakrise: Nazipelz und ein Kilo Kokain”

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