Mittwoch, 24.10.2018
Eine emotionale Bestandsaufnahme mit André Sauer, Denise Oemcke, Jan Lankisch und Wolfgang Frömberg

Zehn Jahre King Georg 


Lange im Leben versteht man nicht, was genau Einstein mit seinem Postulat von der Zeit meinte, die relativ sei. Dann wacht man eines Tages auf und irgendwas ist anders. Plötzlich ist das, was man bis dahin als eine seltsam zeitlose Konstante im Sinne von „er/sie/es ist immer da und wird immer da sein“ empfand – losgelöst von allen Unsicherheiten der Welt und auch deren hektischen Zeitgeistbefindlichkeiten – urplötzlich mit einer geradezu grausamen Faktizität historisch angekommen ist.
Über die großen Einschlaglöcher will ich jetzt gar nicht zu schreiben beginnen (sie sind in der folgenden Gesprächsrunde sowieso nicht zu vermeiden), aber auch die Erkenntnis, dass das King Georg, das doch gerade erst aufgemacht hat und seitdem eben ganz casual da vorne am Ecke am Ebertplatz steht, bereits seit zehn Jahren existiert ist so ein Momentum, das nachdenklich stimmt.
Zehn Jahre? Jetzt wirklich?

 

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Jan Vater & André Sauer

André, lass uns chronologisch anfangen. Meine eigene Erinnerung ist bereits leicht vage verblasst: wie nahtlos war der Übergang vom Stadt Venlo, deiner Bar zuvor, zum King Georg?
André Sauer: Es war eine überlappende Naht. Das Stadt Venlo hat im Mai 2009 geschlossen und ich habe das King Georg bereits im September 2008 eröffnet, die beiden liefen also acht Monate parallel. Wir hatten mit dem Stadt Venlo ja nur einen Mietvertrag auf fünf Jahre und da es zuviel Ärger im Haus gab, wie immer bei solchen Projekten, wussten wir schon zwei Jahre vorher, dass er nicht verlängert würde.

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Peter Scheiffele

Das Stadt Venlo hast du ja noch mit anderen gemacht. Ein solches partnerschaftliches Modell war aber keine Option mehr für das King Georg?
André Sauer: Du fängst Partnerschaften oft aus einer finanziellen Notwendigkeiten heraus an. Anfangs gibt es noch die Illusion, dass das nun auch deine Freunde sind und auch immer deine Freunde sein werden, aber so läuft das meistens nicht. Solche Partnerschaften führen auf Dauer oft zu Frust, da man nicht das machen kann, was man eigentlich möchte und zu viele Kompromisse schließen muss.
So war das Stadt Venlo also nur teilweise das, was ich wollte. Es gab inhaltliche Querelen. Welche Wandfarbe, welcher DJ – man kann sich über alles streiten und macht das komischerweise auch. Insgesamt war es natürlich ein Wahnsinnsladen, aber auch wahnsinnig anstrengend.
Das King Georg war hingegen nun der Ort an dem ich frei arbeiten konnte. Ich hatte vorher fünf Jahren einen Laden betrieben, den Kredit brav abgestottert und mir so bei der Bank einen guten Namen gemacht und durfte einen Kredit abholen. Endlich konnte ich mein Ding machen, mir meine Partner aussuchen. Deswegen war der erste, mit dem ich hier drin stand, der Peter Scheiffele. Mit Peter habe ich viele Nächte hinterm Tresen im Stadt Venlo verbracht. Ein smarter Typ, mit dem man sich wunderbar streiten konnte. Peter war bei der Begehung gleich voll begeistert: „Lass uns das machen! Ich hab so Bock drauf. Das wird der beste Laden!” Die Programmentwicklung ging dementsprechend relativ schnell. Es gab schon im ersten Jahr Lesungen und Konzerte und ab 2009 stand jenes Team, das bis heute existiert.
Wolfgang Frömberg: Die erste Lesung war im November 2008.
Denise Oemcke: Wir sind eben intellektueller geworden.
Wolfgang Frömberg: Wir haben uns etabliert. Wobei der Tod von Peter im Herbst 2015, mit dem ich die Lesungen bis dahin veranstaltet habe, natürlich ein großer Einschnitt war.
André Sauer: Nach Peters Tod ging erstmal gar nichts. Es dauerte lange, bis wir das Ereignis und die Folgen richtig begriffen. Betrieblich hat das Personal damals stark zusammengehalten und uns entlastet. Aber es war ein harter Schlag fürs King Georg. Peter war jemand, der Öl ins Feuer gießen konnte, aber im Kern war er immer bemüht, die Streitwogen zu glätten.
Wolfgang Frömberg: Ich kann das nicht in Worte fassen. Ohne Peter wäre ich nicht hier. Er hat das alles ja forciert. Sein Tod war das Schlimmste. Immer wenn ich hier bin, denke ich an ihn, auch das ist ein Grund für mich so oft hier zu sein. Es ist die Fortschreibung von dem, was er mitinitiiert hat.

Jan Lankisch wird von André Sauer aus dem Taxi ausgelöst.

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Jan “Music Lover” Lankisch

Jan Lankisch: Ich fing auf Basis eines 400€ Jobs an im King Georg Konzerte zu buchen. Damals gab es schon oft Diskussionen, warum ein Abend nicht gut lief oder dass ich eben keine Garantiegage für eine Band anbieten konnte, auch wenn die drauf bestand. Das war teilweise schon unbefriedigend. Da hat man schon keine Leute im Laden und dann kriegt man noch eins auf den Deckel. Aber das war für mich auch ein Reinfinden in die Arbeit.
André Sauer: Bestimmte Gagen sind halt bei 130 Leuten, die maximal reinpassen, nicht möglich. Irgendwann hast du es dann eingesehen, dass man auch mal 500€ runterhandeln muss.
Jan Lankisch: Wir waren uns oft nicht bewusst, was wir den Bands alles ganz selbstverständlich gaben: Saufen ohne Ende, tolle Abendessen und Hotelzimmer. Die dachten sich nur: „Die Freaks aus Köln, da kommen wir wieder!“ Die hatten es schon gut. Ich wollte, dass sie gerne kommen. Obwohl ich angestellt war, stand ich eher zwischen André und den Künstlern – und dann wundert man sich, warum es sich am Ende nicht rechnet.
André Sauer: Ich erinnere mich an Abreisen von Bands, wo Jan einen Kasten Bier und einen Kasten Wasser in den Tourbus eingeladen hat.
Jan Lankisch: Die sollten ja nicht dehydrieren auf der Fahrt.
Wolfgang Frömberg: Die netten Standards gehören bei uns schon dazu. Wir kümmern uns um unsere Gäste. Als Antonia Baum hier las, war ihr vorher das Handy geklaut worden. Weil sie am nächsten Morgen früh raus musste, bekam sie Christians Yoda-Wecker. Einzigartiger Service, würde ich sagen. Bis dahin wusste ich nicht mal, dass es so was wie einen Yoda-Wecker gibt.
Jan Lankisch: Das macht den oft suboptimalen Sound wett. Natürlich gibt es woanders drei Monitore… Aber mich interessiert eine gute Atmosphäre mehr.
André Sauer: Ich möchte noch mal betonen, dass ich ein Fan von Jans Konzertprogramm bin. Das waren oft so irrsinnige Bookingideen wie Ariel Pink, Kim Fowley, R. Stevie Moore, The Bats, Monochrome Set, Dirty Beaches, James Chance und tausend andere, da hat man alles unternommen um sie umzusetzen. Auch wenn man am Ende nur mit blauen Augen und gerade so mit plus minus null herauskam.

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Thurston Moore (Photo: Christian Faustus)

Jan, aus Zeitungsredaktionen kennt man, dass die Redakteure aller Ressorts bei der Musik denken, mitreden zu können. Verhält es sich so nicht auch mit dem Booking? Hattest du immer mit den anderen „Bookern“ des Ladens zu kämpfen?
Jan Lankisch: Das nicht, aber es kam schon vor, dass jemand von der Bar Crew ankam und sagte, sie oder er habe da eine eigene band Band. Da muss man dann eben diplomatisch sein, wenn´s einem dann nicht gefällt.

Noch schlimmer dürfte das ja beim DJ Booking sein? Wer ist denn dafür zuständig?
Denise Oemcke: Das macht der André. Ich versuch mich zwar immer mal wieder einzubringen, aber er vergisst das dann oft.

Wie wichtig ist die Auswahl des DJs für den Barvibe am Abend aus Sicht der Thekencrew?
Denise Oemcke: Es gibt ja nicht den einen Geschmack des Teams. Aber ich habe DJs, bei denen ich lieber arbeite als bei anderen. Es gibt Abende, da ist die Musik so gut, dass man gar nicht mehr merkt, dass man arbeitet. Aber ich mag ja eh alles, was hier passiert.
Jan Lankisch: Es ist schon schön, wenn jemand von der Bar Crew zu dir kommt und sich bedankt für die Musik, die man auflegt.
Wolfgang Frömberg: Man kann als DJ hier andere Sachen ausprobieren als woanders. Es gibt Leute, die total gute Bar DJs sind. Jemand, der sonst nur in Clubs auflegt, fremdelt hier vielleicht.
Denise Oemcke: Ich war ja großer Fan von Lars Fleischmanns DJ Booking! Gerade wenn er es geschafft hat, mal Leute von weiter weg zu buchen, Leute, die am Tag davor oder danach dann auch im Salon Des Amateurs in Düsseldorf aufgelegt haben.

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Korkut Elbay in DJ Pose

André Sauer: Es ist wichtig, dass man Leute bucht, die den Laden und die Situation mit den Nachbar verstehen. Die Anlage ist schwierig. Um sie angemessen in den Griff zu bekommen, musst du ein paar mal hier aufgelegt haben. Unsere Residents wie Korkut, Hermes und Jo sind Profis, sie garantieren, dass wir Ruhe haben.
Wolfgang Frömberg: Ich frage für den Donnerstag gerne Leute an, die zur Literaturreihe einen Bezug haben und nicht nur zum Laden an sich. Das gilt auch für die Moderation. Wir haben mit den Lesungen damals eine Form eines kuratierten Programms entwickelt, die wir seitdem durchziehen.
Denise Oemcke: Und du bist selbst oft DJ.
Wolfgang Frömberg: Das stimmt, seit einiger Zeit lege ich auch auf. Es gibt einen unheimlich guten Austausch mit dem Leuten, die herkommen. Ich fühle mich als Teil des Ladens. Das war am Anfang nicht so, da dachte ich immer, ich müsse mich an der Tür und der Theke noch vorstellen. Inzwischen gehöre ich hier rein wie Denise und André. Der Laden ist ein Zuhause.für mich
Jan Lankisch: Mir ist die Leidenschaft abhanden gekommen. Ich hatte früher auf jeden Fall noch mehr Spaß am Auflegen. Ich habe mich aber auch sehr gerne verausgabt.
Denise Oemcke: Ich erinnere mich.
Jan Lankisch: Nun bin ich zu alt.
Denise Oemcke: Du bist damals ja um 3 oder 4 Uhr morgens oft einfach so nach Hause gegangen, oder, das andere Extrem: hast dir ein Mikrofon geholt und zu singen begonnen. Obwohl ich sie immer versteckt habe, hast du immer eins gefunden.
Wolfgang Frömberg: In der ersten Nacht, in der ich aufgelegt habe, war ich sehr aufgeregt. Man legt im King Georg ja sehr exponiert am Ende der Theke auf. 360 Grad. Irgendwann klopft André mir auf die Schulter: “Am Arsch kratzen beim Auflegen geht gar nicht!” Und ich merke, wie meine Hand vor lauter Nervosität ganz tief in meiner Hose steckt. Ich denke: Scheiße, wie viele Minuten hat mir der Laden denn dabei zugeschaut!
Denise Oemcke: Ja, das ist ein Problem der Bar. Man kann sich nicht die Nase putzen oder die Unterhose zurecht rücken. Das Team ist für die Sicherheit des DJs zuständig.
Wolfgang Frömberg: Apropos Sicherheit. Ich musste bei den Lesungen auch öfter mal den Vortragenden, die ein paar Kurze zu viel hatten, sagen, dass sie mal besser aufhören sollten. Aber ich nenne keine Namen.

André, hattest du den Laden vor der Übernahme denn bereits länger im Visier?
André Sauer: Nein. Ich bin über den Jörg Waschat, der mit Jan das Week-End-Festival gegründet hat und mit seiner Agentur nondesign später auch für die visuelle Identität des King Georg verantwortlich werden sollte, an den Laden gekommen. Er hatte mich über Stephanie Thiersch vom Mouvoir Theater an den Besitzer für die Pacht empfohlen.

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Jörg Waschat

Jörg ist ja Ende Februar schrecklicherweise viel zu früh verstorben.
André Sauer: Ich kenne Jörg seit der Popkomm 2002 im Blue Note, dem Laden, den ich in Köln mit Henry Storch vom Düsseldorfer Unique Club betrieben habe – Henry ist ja fünf Tage nach Jörg verstorben und beide hinterlassen eine nicht zu füllende Lücke in Köln und Düsseldorf. Ich bin sprachlos. Jörg hat damals seine unglaublich coole “Neue Mitte”-Parytreihe mit Gästen wie Cobra Killer oder Jake the Rapper im Blue Note Club gemacht. Das war damals der heiße Scheiß. Später hat er das emblematische King Georg Posterdesign entwickelt. Er war natürlich Stammgast im King Georg, ein hell leuchtender Stern, Macher und Freund.
Jan Lankisch: Ich bin immer noch total paralysiert und mir fehlen die richtigen Worte. Jörg war in vieler Hinsicht eine große Inspirationsquelle für mich und ich habe seine Dynamik und seine Leidenschaft immer sehr bewundert. Auch in musikalischer Hinsicht haben wir uns immer perfekt ergänzt. Ich weiß gerade noch nicht wie das jetzt sein wird ohne ihn. Ich versuche mir vorzustellen dass er gerade in eine andere Stadt gezogen ist und diese nun umkrempelt und neugestaltet.

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Coffee and Cigarettes

André, wie kam es denn dann dazu, dass zu heute das ganze Haus besitzt?
André Sauer: Es ging gleich so unfassbar ab. Wir hatten praktisch drei Jahre lang jedes Wochenende 30 Meter Schlange vor der Tür. Der Hausbesitzer hat auch schnell erkannt, dass ich das ganze Haus übernehmen sollte, eben da ich es bespielen kann.

Nach Außen wird das King Georg ja gerne als Kollektiv wahrgenommen. Wobei der Laden das aber nicht ist. André, wie empfindest du das denn?
André Sauer: Zunächst einmal: Nachtleben ist eine gemeinsame Revolution gegen den Alltag. Das gemeinsame Feiern, ein kreativer, sinnlicher und befreiender Akt. Das King Georg ist ein selbstorganisierter Raum. Jeder hat seine Rolle und die organisiert er selbst. Peter hat seine Sachen gemacht. Wolfgang macht seine Sachen. Jan macht seine Sachen. Ich mache meine Sachen. Auch die Barcrew organisiert sich selber. Das einzige, wofür wir uns zusammensetzen mussten, sind die grundlegenden Arbeitsbedingungen, denn die können zum Zusammenbruch des Systems führen. Denn wenn jemand zum Beispiel meinen Budgetplan übergeht, dann überschreitet er die Grenzen seines Bereichs und kann in meinem ganz schön Chaos ausrichten.
Das mussten wir lernen – bis klar war: ich bin der Verantwortliche im Rahmen der Struktur. Und die Struktur bricht schnell zusammen, wenn man zum Beispiel vier Konzerte von Montag bis Donnerstag bucht und am Wochenende keine. Oder wenn man jemand für eine Lesung eine Gage verspricht, die alles übersteigt, was an der Kasse reinkommen kann. Aber das haben wir eigentlich lange hinter uns.

Das sind alles reale Ereignisse?
André Sauer: Ja, alles passiert. Der Laden wurde geschröpft und ausgenommen, da die Lust am machen so groß war. Das ist das Tolle am Prinzip der Selbstorganisation, es entwickelt sich immer weiter, es ist ein autonomes System. Es gibt den Leuten viele Freiheiten mit allen Konsequenzen. Wir hatten dann irgendwann massive finanzielle Probleme, die korrigiert werden mussten. So kam es dann zum Bild von mir als Boss. Aber das ist Quatsch. Wir sind Freunde und wir machen ein Freundschaftsprojekt.
Wolfgang Frömberg: André sollte enteignet werden, aber er hat sich mit Händen und Füßen gewehrt.
Denise Oemcke: Am Türrahmen festgehalten.
(lautes Lachen)
André Sauer: Die Vereinsidee? Das scheiterte daran, dass das King Georg eng ans Haus gekoppelt ist. Und welcher Verein wäre in der Lage das Haus anzukaufen?

Peter Scheiffele mustert “Die Türen”-Reklame

Wenn ich mich richtig erinnere, gab es auch mal die Idee, die Tätigkeiten rotieren zu lassen.
André Sauer: Peter wollte unbedingt einführen, dass wir alle einmal monatlich die Position wechseln, er war ja bekennender Marxist und Soziologe. Er hat also seine Studien hier im KG-Labor durchgeführt. Oder im St. Angelo:)
Wolfgang Frömberg: Fand ich ne gute Idee, wobei ich nicht für alles talentiert wäre. Tür und Garderobe habe ich schon gemacht, Theke noch nicht.
Denise Oemcke: Ich will auch nicht jeden an der Theke sehen.
Wolfgang Frömberg: Es ist wichtig, dass es sich sukzessive erweitert. Nicht jeder alles, aber eben auch andere Dinge. Denise legt auch auf. Lars war einer, der alles konnte. Er hat jedenfalls irgendwann angefangen alles zu machen: Konzerte, Moderationen, Auflegen. Auch anderen haben verschiedene Jobs gemacht: Michaela moderiert Lesungen, Nicole legt auf. Beide arbeiten auch an anderen Stellen im Laden. Und so weiter.
Denise Oemcke: Lars war der einzige im Laden, der alles konnte. Er wollte und konnte alles machen.
André Sauer: Lars war in der Rolle hervorragend. Er war damals eine Verjüngung für den Laden. Aber auch Mitarbeiter wie Jenna Schulz und Christian Görlitz sind, auf Ihre Art, genauso wichtig für die jahrelange Stabilität des King Georg.
Denise Oemcke: Wenn man will, kann man alles ausprobieren. Früher musste ja jeder von der Bar mal eine Stunde in der Nacht an der Garderobe machen – wobei das nie einer machen wollte.
André Sauer: Peter wollte ja den Laden auch 7 Tage die Woche aufmachen.
Wolfgang Frömberg: Der war verrückt, was das anging. Aber das fing ganz anders an, die Dynamik entwickelte sich allmählich. Wir konnten lange auch gar nicht so viel organisieren, da Jan ja so viel buchte – Jan, du bist ja auch manisch, also jetzt im positiven gemeint.
Jan Lankisch: Ja, es gab sicher eine Phase in der ich keinen Horizont mehr gesehen habe, in dem ich wirklich nur zufrieden war, wenn möglichst viel passiert. Da habe ich mir dann zwei Wochen Urlaub in der Agentur genommen um zehn Shows zu machen. Das ist zum Glück nun besser organisiert. Ich mache auch seit Jahren nicht mehr die Betreuung am Front of House. Das ist einfach nicht gut, wenn man alles macht. Es passieren Fehler und man laugt einfach ziemlich schnell aus.

Wie hast du denn deine Rolle konkret in dieser Dynamik empfunden, André?
André Sauer: Es ging darum, die passende Umgebung und Strukturen zu erschaffen, umso die Basis für die inhaltliche Arbeit zu legen. Es gilt mit den richtigen Partnern zu arbeiten und so die richtigen Veranstaltungen reinzuholen, seien es Konzerte, Lesungen, oder eben Kooperationen mit anderen örtlichen Kunst- und Kulturschaffenden wie beispielsweise dem Museum Ludwig oder der Akademie der Künste der Welt. Das ist alles ein Teil meiner Arbeit. Dadurch entstehen dann die King Ludwig Konzerte oder auch die Boutique am Ebertplatz, deren inhaltliche Offenheit man ja bis heute am Ebertplatz nachbeben spüren kann.
Die drakonische Gentrifizierung der Innenstädte ist ein Problem und ein Motivator für Leute wie mich. Wenn die Stadt uns keinen Raum gewähren will, dann schaffen wir den eben einfach selber. Dafür muss einer da sein, der das Risiko übernimmt und bereit ist, sich zu ruinieren – und das war ich. Ich habe in das King Georg mehr reininvestiert als ich je hatte. Aber das war und ist es wert: die Stadt braucht solche Orte zum toben und wild sein.

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Alle sind draußen Rauchen…

Ein Laden zum toben und für wilde Nächte ist das King Georg aber aktuell nicht mehr im gleichen Ausmaß wie früher. Wie seht ihr denn das King Georg von heute im Vergleich zum King Georg der Anfangstage? Und wie erklärt ihr euch die Entwicklung
André Sauer: Ich glaube eine Phase von sechs wilden Jahren ist es, was man maximal aushalten kann. Unsere ging von 2008 bis zur Etablierung der „King Ludwig“-Reihe im Museum Ludwig 2013/14, das war die Sahne obendrauf, mit der wir uns komplett verausgabt haben. Von da an haben wir nicht mehr nur im Winter produziert, sondern auch im Sommer, es gab gar keine Pause mehr. Wir waren kaputt. Wir haben uns auch aneinander gerieben. Du hast unsere Streits ja mitbekommen teilweise. Aber es ging immer um die Sache. Es war nie so, dass wir uns nicht mochten, aber es wurde immer härter und riskanter. Der Laden hatte seit dem Rauchverbot einfach auch viel weniger Geld zur Verfügung. All das hat uns aufgefressen. Ich bin happy, dass wir die Energie überhaupt solange aufrecht erhalten haben, was natürlich auch daran lag, dass mein bester Freund Jan Vater mit ins das Team kam und seitdem den Laden mit mir gemeinsam schmeißt. Er hat mir geradezu das Leben gerettet.
Denise Oemcke: Apropos Anfangszeit. Damals bin ich nicht reingekommen, weil es immer so voll war. Aber ja, das ist ein großer Unterschied: Früher war es viel voller. Die Leute gehen heute eben viel raus zum rauchen und dann gehen sie weiter. Das alte Publikum ist zudem auch rausgealtert. Viele frühere Stammgäste kommen nur noch sehr selten, da sie Familie und keine Zeit mehr haben. Wir haben aber immer noch das netteste Publikum in ganz Köln – wobei ich nicht viel anderes kenne, da ich ja nur hier bin.
André Sauer: Ja, das Rauchverbot war eine Zäsur. Ein Drittel der Umsätze war von heute auf morgen futsch.
Denise, wann bist du eigentlich dazugekommen?
Denise Oemcke: Ich habe bei der Hug Me Heimlich Ausstellungsreihe in der Boutique die Theke gemacht und dir immer sehr viele starke Gin Tonics gemixt, die du gut fandest, André. Als du dann via Facebook nach Leuten gesucht hast, habe ich mich beworben. Die Zusage kam mit der ersten Schichtanfrage – während ich meiner Mutter beim Halbmarathon zuschaute. Ein sehr einschneidendes Ereignis in meinem Leben. Konkret angefangen habe ich zur 3-Jahres-Feier im Oktober 2011.
André Sauer: Das heutige King Georg wird mehr vom Team geleitet als von den Protagonisten der Konzert-, Literatur- und DJ-Reihen. Das liegt daran, dass wir nach den Konzerten und Lesungen eben eher Heim gehen oder entspannt an der Bar sitzen.
Denise Oemcke: Wobei immer noch welche kommen und meinen, dass sie schon so viel vom King Georg gehört hätten und es endlich mal sehen wollen.

Wie sieht es denn mit unerwünschten Gästen aus? Ist das ein Thema?
Denise Oemcke: Wir schmeißen gar nicht so viele raus, wie man denken könnte. Wir haben ein angenehmes Publikum. Wobei es früher schon mehr war, da erstens mehr Leute kamen und zweitens bei dem Gedränge Leute eben auch schneller negativ auffielen.
André Sauer: Wir hatten die ersten Jahre ja einen richtigen Bouncer an der Tür, der das Altpublikum vom Laden fern halten sollte. Da kam schon mal ein schräger Kölner mit seiner Tussi. Vielleicht erklären, was mit Altpublikum gemeint ist. Ist ja nicht jedem klar, was das früher für ein Laden war.
Denise Oemcke: Die kommen immer noch, die dürfen jetzt auch wieder rein, da sie so alt sind. Neulich erst kam einer um die 60 mit riesigem Cowboyhut, schwarzen Shirt mit Nietenprint drauf, spitzen Stiefeln, vier Silberkettchen und Pferdeschwanz – nach vier Stunden mit Kölsch an der Bar meinte er zu mir, wie schön der Abend doch gewesen sei.

Wie verhält es sich denn mit den King Georg „Zweigstellen“ wie Die Werft 5 im Rhenania und King Ludwig, wie kam es zu diesen?
André Sauer: Das King Ludwig enstand gemeinsam mit meiner damaligen Mitbewohnerin Jasmina Merz, die die rechte Hand vom Museums Direktor Kaspar König war. Sie wollte etwas machen, um jüngere Leute ins Museum zu holen. König wollte das auch, er hat mich mal in der Boutique am Ebertplatz angesprochen. Und so entstand die Idee auf der Dachterasse Konzerte zu machen. Jörg Streichert von den Jungen Kunstfreunden, der ein Freund des King Georgs ist, war uns dabei auch eine große Hilfe. Und es war keine Frage, dass Jan Lankisch das Booking machen würde. Ich muss rückblickend sagen: Das hat soviel Spaß gemacht. Die besten Jahre meines Lebens.
Jan Lankisch: Ja das ist wahr. Natürlich hat der Ort, die Dachterrasse mit dem Dom in direkter Nachbarschaft einen wirklich einzigartigen Reiz ausgemacht. Und dann hatte man einfach Glück, dass sich so viele tolle Künstler bereit erklärten dort für oft kleine Gagen aufzutreten. Wir hatten unt anderem Julia Holter, Tune-Yards, Parquet Courts oder – von allen Highlights meine größten Highlights – Stephen Malkmus und die Hälfte der Talking Heads aka Tom Tom Club.

André, du hast gerade die Boutique angesprochen. Wann war die denn nochmal?
André Sauer: Die Boutique hat seit 2011 stattgefunden. Die Architektur verwandelt den Ort im Sommer in einen schön abseitigen Underground Open-Air-Club. Es ging darum, etwas originäres zu gestalten, das sich ganz natürlich mit dem King Georg verbindet. Damals war unten die European Kunsthalle eingezogen und wir hatten einen guten Draht miteinander, damit begann diese Bewegung von unten nach oben und von oben nach unten und heraus kam dann die Boutique.

Gab es denn keine Angst, sich selbst Konkurrenz zu machen?
André Sauer: Wir bekamen immer wieder Anfragen mit Kunstbezug für das King Georg, die aber nicht so richtig in den Raum passen wollten. Die Boutique empfanden wir als einen Treffpunkt, wo Kunst nicht alleine im Vordergrund steht, sondern der popkulturelle Kontext, bei dem sich Musik und Kunst vermischen. Das war für mich nach dreieinhalb Jahren Kino Georg konzeptuell etwas neues und hat mich in meinem Entschluss bestärkt im freien Kunstbereich weiterzuarbeiten. Deshalb war das eine reizvolle Idee, mich für die Stelle des Kulturmanagers für den Raum im Kunsthaus Rhenania zu bewerben.

Zudem gibt es ja seit einigen Jahren auch noch die Kooperation mit Akademie der Künste der Welt für ausgewählte Veranstaltungen im King Georg.
Wolfgang Frömberg: Das kam über Peter, der 2013 bei der Akademie eingestiegen ist.
Denise Oemcke: Wobei sie vorher hier schon Veranstaltungen gemacht haben.
André Sauer: Das stimmt.
Wolfgang Frömberg: Es wurde dann aber schnell eine inhaltliche Kooperation, die über Peter lief. Aber das ist ja generell so: viele wollen den Laden mieten. Da muss man dann schauen, was inhaltlich passt. Man muss die eigenen Sachen schützen, damit es nicht durcheinander geht und jeder was machen kann. Alle können alles machen – das gibt es hier nicht!

Kaput_King-Georg-10_12_BüdchenWie hart wurde diskutiert?
Wolfgang Frömberg: Hart. Sehr hart. Aber das zeigte mir nur, dass sich die Leute für die Reihe interessieren und dass sie Erwartungen an sie besitzen. Persönlich fand ich zum Beispiel die Lesung von Ronja von Rönne vollkommen in Ordnung, auf die ich im Vorfeld viel angesprochen worden war.
Mit Peter habe ich viel inhaltlich diskutiert, auch ob ein Abend gut oder schlecht war. Es gab schon unterschiedliche Sichten, ob nun etwas scheiße war oder nicht. Mit dem Eigentümer des Ladens diskutiert man andere Sachen – wir hatten es bereits. Rückblickend kann ich sagen: Die besten Phasen sind immer die, wo es verbindliche Teams gibt. Bei der Lesungsreihe haben wir seit geraumer Zeit ein ziemlich konstantes Team So eine eingespielte Struktur ist wichtig. Ich freue mich immer auf die Abende mit Christian, Jenna, Lena, Michaela, Hannah, Matthew, Denise und einigen anderen und auch auf so manchen Stammgast. Die Bunt Buchhandlung ist seit Jahren mit ihrem Büchertisch am Start, die sind alle supernett und leisten auch finanziell und inhaltlich einen Beitrag. Und Jan Vater ist die Säule im Hintergrund. Ohne seinen Support und seine Geduld ware der Donnerstag mit Sicherheit irgendwann abgesoffen. Bei ihm kann ich mich gar nicht genug bedanken.
André Sauer: Die Kooperation mit der Akademie der Künste der Welt war übrigens insofern besonders wichtig für uns, als dass sie uns den Impuls gegeben hat, uns mit mit dem Thema Förderungen auseinanderzusetzen.
Wir haben lange nicht begriffen, dass wir hier ein Programm fahren, das eigentlich gefördert werden müsste. Die Kooperation und der Spielstättenprogrammpreis, den wir 2015 und 2016 bekommen haben und so jeweils 15.000€ Fördergeld generieren konnten, brachten uns überhaupt erst auf die Idee, beim Kulturamt Anträge für die „We Are Always Coming Back To You“-Konzertreihe und die Lesungen einzureichen. Wir haben am Anfang ja nur Vollgas gegeben, erst als die Ermattung und die finanziellen Probleme, die durch das Rauchverbot ein Thema wurden….
Wolfgang Frömberg: Je mehr man macht, desto mehr Anfragen bekommt man. Wenn etwas wachsen soll, ist es schon wichtig dass man Unterstützung bekommt – es ist ja nicht viel Geld, das muss man auch mal sagen. Es ist nur legitim darauf hinzuweisen, was man seit Jahren macht, damit es städtische Förderung gibt. Damit gibt man seine “Unabhängigkeit” nicht preis und es ist auch kein Sellout.
Denise Oemcke: Es hilft Sachen zu veranstalten, wo man weiß, dass nicht unbedingt 100 Leute kommen.
Wolfgang Frömberg: Genau. Und die Kohle von der Stadt schränkt einen nicht ein, sondern gibt einem die Möglichkeit Dinge auszuprobieren.

Chris Imler von Die Türen (hat was mitgehen lassen)

Womit wir ganz konkret beim Thema Geld wären André, wie fühlt es sich denn an, dass alle immer denken man würde reich mit einem Laden?
André Sauer: Es ist schwer, Außenstehenden das zu vermitteln, wenn sie so ein Projekt nie von Innen gesehen habe. Es kommt viel Geld rein, aber das wird dann eben verteilt. Die Geldverteilung in einem Projekt wie hier ist intensiv: es gibt eine Menge an Löchern, die es zu stopfen gilt. Außerdem muss ich seit zehn Jahren den Kredit aufs Haus bedienen, der uns das Arbeiten ja erst ermöglicht hat, aber das Risiko auf den Kredit und die Belastung der monatlichen Abzahlungen sind schon enorm.
Aber das war es mir immer wert: ich brauche nicht viel Geld. Ich lebe seit 7 Jahren auf 20 Quadratmetern in WG´s und habe dadurch geringe Lebensgrundhaltungskosten. Das Geld, das ich verdiene, benutze ich zum Reisen. Ich denke aber auch nicht, dass ich zu wenig verdiene, für das, was ich leiste, empfinde ich es als angemessen.

Die Preispolitik für die Veranstaltungen im King Georg ist ja sehr moderat.
Wolfgang Frömberg: Absolut. Wir haben von Anfang an eine faire Preispolitik gefahren. Früher kosteten die Lesungen ja immer 6€ Eintritt, inzwischen sind es 8€. Als dann Simon Reynold da war, der aus New York kommt und bei dem kleinen Ventil Verlag ist, da kamen Leute und beschwerten sich, da wir ausnahmsweise mal 12€ Eintritt nehmen mussten.

Absurd. Aber so ist es eben: die Erwartungen an euch sind eben ganz andere als an andere Veranstaltungsorte.
Wolfgang Frömberg: Bei “politischen” Veranstaltungen nehmen auch schon mal 2,3 oder 4€.
Jan Lankisch: Ich habe mit 6€ angefangen für die Konzerte und bin jetzt bei 12€.
Wolfgang Frömberg: Wobei inzwischen ja auch zehn Jahre vergangen sind.
Jan Lankisch: Bei 6€ hat nichts funktioniert. Ich weiß nicht, wie wir am Anfang gerechnet haben.
André Sauer: Wir haben nicht gerechnet. Es war uns egal.
Wolfgang Frömberg: Man lernt mit der Zeit mehr über die ökonomischen Zwänge und Notwendigkeiten. Wenn solche Kritik wie bei Reynolds aufkommt, dann muss man das selbstbewusst wegstecken, denn man weiß, es geht ja gar nicht anders.

Wobei es löblich ist, dass ihr euch der Kritik noch so annehmt. Dieses Indietum, dass da mitschwingt, findet draußen in der Welt ja gar nicht mehr statt. Alle haben sich Markenevents und Sponsoring ergeben. Das King Georg als das letzte Gallische Dorf?
Jan Lankisch: Viele Veranstalter da draußen denken anders als wir. Diesen Idealismus, den wir alle hier jahrelang eingebracht haben – man darf nicht vergessen, ich habe ja die meiste Zeit hauptberuflich in einer Agentur gearbeitet und bin nach Arbeitsschluss sofort immer zum Soundcheck ins King Georg geradelt –, der vielleicht auch getrieben und überzogen war, teilen sie nicht. Für die ist das ein Job. Wenn sie ein Konzert ansetzen, ist es für sie ein Booking und das sollte in erster Line finanziell erfolgreich laufen. Bei mir steht die Zufriedenheit von Band und Publikum an erster Stelle. Klar, Gewinn ist wichtig, aber was habe ich von Gewinn, wenn ich diese Glücksgefühle, die ich so oft durch die Konzerte bekommen habe nicht bekommen hätte.
Wolfgang Frömberg: Merkst du denn bei den Künstlern einen Unterschied heute. Nehmen sie den Laden anders wahr, verhalten sie sich anders?
Jan Lankisch: Früher habe ich mich bei den Bands dafür entschuldigt, dass sie nicht die Situation vorgefunden haben, die sie vielleicht erwartet haben. Eine richtige Bühne, Monitorboxen etc. Sie widersprachen immer sofort: „Nein, alles ist super hier.“ Ich weiß gar nicht, warum ich mich jahrelang immer noch so klein gemacht habe zu Beginn. Es gab in zehn Jahren vielleicht maximal drei Künstler, die sich in diesem intimen Setup nicht wohlgefühlt haben.
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André Sauer: Die meisten schätzen die Wohnzimmeratmosphäre und den direkten Kontakt mit dem Publikum.
Wolfgang Frömberg: Hier haben ja auch Weltstars gespielt.
Jan Lankisch: Weltstars?
Wolfgang Frömberg: Indiestars wie Thurston Moore zum Beispiel.
Jan Lankisch: Der kam rein und sagte gleich: „Wow, das wird schön!“
Wolfgang Frömberg: Der Puff an sich macht schon was aus.
Jan Lankisch: The War on Drugs, die gerade einen Grammy gewonnen haben, waren nach dem Konzert bis 4 Uhr morgens mit mir unten am Ebertplatz noch trinken – da bin ich übrigens am Morgen danach um 9:00 Uhr mit dir, Thomas, dann auf eine Radtour gefahren. Als der Sänger Adam Granduciel Jahre später  interviewt wurde, hat er sich noch an die Nacht den Abend und das King Georg erinnert. Man hinterlässt also doch einen Eindruck. Das ist sehr schön.
Denise Oemcke: Ich höre sehr oft von Bands, dass sie immer wieder gerne im King Georg spielen, da diese Auftritte zu ihren schönsten Konzerten gehören.
André Sauer: Es gab ja nie die Idee, an einem Markt teilzunehmen. Wir haben uns auch nie an anderen orientiert. Das war doch aus Spaß an der Sache. Ich habe z.B. das Booking und die Kalkulation von Konzerten von Jan gelernt, der damals vom Label Tomlab kam.
Jan Lankisch: …und der nie vorher eine Kalkulation gemacht hatte.
(alle lachen)
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André Sauer: Ich war begeistert von Jans Arbeit – aber irgendwann erkannte ich, dass wir auch mal rechnen müssen.
Jan Lankisch: Ich habe jahrelang geblufft und er hat es mir abgenommen.
(lautes Lachen)
André Sauer: Es hat wahnsinnig Spaß gemacht.
Jan Lankisch: Alles-ist-möglich, das ist der Grundstein unserer Arbeit hier.
Wolfgang Frömberg: Was wir noch nicht so deutlich ausgesprochen haben: Es gab in den zehn Jahren immer wieder überwältigende Abende hier. Abende, wo nicht nur die Künstler cool waren und alles gut geklappt hat, sondern wo man beim rausgehen dachte: “Oh mein Gott, was war denn das?”. Beispielsweise die 300 Leute, die hier bei Die Sternen waren.
Jan Lankisch: 200.
Denise Oemcke: 800 Leute im King Georg – unglaublich!
(lautes Lachen)
Wolfgang Frömberg: So hat sich der Laden in uns eingeschrieben.
Denise Oemcke: Für mich sind das oft Nächte mit dem Team. Ich bin ja oft unabhängig von Veranstaltungen hier. Für mich sind die Veranstaltungen gar nicht unbedingt das King Georg. Das Team ist das King Georg. Es macht soviel Spaß hier zu arbeiten. Ein ganz tolles Team.
Wolfgang Frömberg: Das geht mir auch so.

Was war denn jeweils für euch der beste King Georg Abend?
Denise Oemcke: Mein erstes King Georg Konzert als Mitarbeiterin war am 13. Oktober 2011, genau zehn Tage nach meiner ersten Schicht. Gespielt haben Pollyester, die ich vorher nicht kannte, die mich aber sehr begeistern konnten. Seitdem und für immer eine meiner Lieblings Livebands. Dazu sind die vier Bayern auch noch ganz fantastische Menschen und ich bin froh, dass sich unsere Wege immer wieder kreuzen.
Jan Lankisch: Der Auftritt von Kim Fowley. Ich hatte ihm für sein Konzert eine All-Star Band zusammengestellt. Kurt Kreikenbom, der ein riesiger Fan von Fowleys Gesamtwerk war, kam extra aus Berlin und brachte zwei Buddies mit. Mein Freund Felix Hedderich spielte Keyboard. Der Produzent Fowley, begleitet von seiner damaligen Freundin/Muse Snow Mercy, beeindruckte mich schwer, als er innerhalb einer Stunde vor dem Auftritt alle 14 Songs des Abends „eingeprobte“. Keiner der Beteiligten wusste vorher, was passieren wird. Alle Stücke wurden quasi „from scratch“ geschrieben. Musikalisch keine schwere Kost, aber unheimlich unterhaltsam. Seine unermüdliche Dynamik, sein übergroßer Egoismus und seine exzentrische Darbietung die oft grenzwertig aber eben Fowley-typisch war, haben sich fest in meine Erinnerung gebrannt. Zwei Jahre später starb Fowley an Krebs im Alter von 75. Der viel jüngere Kurt Kreikenbom, der den ganzen Abend rythmustechnisch zusammengehalten hatte, folgte Fowley überraschend 2017 nach kurzer schwerer Krankheit.
Kaput_King-Georg-10_20Ich erinnere mich auch sehr gerne an meine Mutter, die auch ein, zweimal im King Georg zu Gast war. Einmal wollte sie erst gar nicht hin. Als wir dann da waren, gefiel es ihr so gut, dass sie, als ich langsam schlapp machte gar nicht mehr gehen wollte. Ich musste sie dann überreden mit zu kommen. Es war sehr schön, sie zu beobachten, wenn sie unter Menschen war. Da war sie ein ganz anderer Mensch. Was würde ich nochmal für so einen Abend mit ihr geben.
Wolfgang Frömberg: Ich habe sehr viele Lieblingsabende im King Georg, an manchen gab es gar keine Veranstaltung, wir haben einfach nur an der Theke oder am Tisch gesessen, getrunken und geredet. Solche und alle anderen Abende mit Lesungen und Konzerten sind meine Lieblingsabende.
Eine von tausend möglichen Geschichten zu einer Veranstaltung aber vielleicht doch: Als Viv Albertine von den Slits ihre Autobiografie gemeinsam mit Übersetzerin Conny Lösch vorstellte, sagte sie nach dem Soundcheck, der DJ dürfe auf keinen Fall Postpunk auflegen, sondern Musik von Frauen, bloß nicht nur altes Zeug: »I am not a throwback!« Und was der DJ üblicherweise so spiele? »Schon ein paar Postpunk-Sachen, David Sylvian hatte er letztens dabei.« Und Viv: »That`s not Postpunk anyway, and tell him NOT to bring it!« Während der Lesung verspeiste sie nach wenigen Sekunden Connys Moderationszettel und zwang sie zu improvisieren. Daniel am DJ-Pult musste das nicht. Ich hatte ihn mit einer SMS vorgewarnt und er hatte die richtigen Platten dabei. Nur keine Slits. Das fand Viv dann doch ein bisschen schade. Allerdings verabschiedete sie sich nach einem sehr coolen Abend auf ihre Art: »I love that place. And even the DJ turned out to be really interesting. You WILL invite me again.«
André Sauer: Da gab es unendlich viele, aber krass war zum Beispiel die Vernissage-Party von Cosima von Bonin zu Ihrer Ausstellung im Museum Ludwig. In der Nacht haben Freunde von Cosima im King Georg als Teil der Ausstellung aufgelegt. Der Laden war wahnsinnig voll. Es herrschte eine ekstatische Stimmung. Nach anderthalb Stunden kam es zu einer Attacke auf die Toiletten. Jemand stopfte beide Klos mit Papier zu und die Toiletten liefen mit Scheiße über. Der Abend war aber zu gut, um ihn sich zerstören zu lassen. Also öffneten wir die Türen durchs Lager ins Haus und ließen die Leute im Büro und in zwei der Apartments auf die Toiletten gehen. Nach einiger Zeit fingen die Leute dann an auch an in den Apartments zu feiern und ich habe oben im Büro gesessen und mit den anderen den Sponsoren-Champagner vernichtet und gefeiert. So gehts hier immer: auf und ab.

Da merkt man die Gastronomietradition in deiner Familie, André. Wie fanden denn deine Eltern deine Berufswahl?
André Sauer: Meine Eltern waren positiv dazu eingestellt und haben in all meinen Läden seit 2003 immer eine Aufsichtsposition eingenommen. Bis heute kommen sie jeden Mittwoch ins King Georg und schauen nach dem Rechten. Die bringen sich total ein. Es ist ein großer Spaß mit seinen Eltern zu arbeiten. Meine Eltern haben eine Aufgabe hier. Meine Mutter schreibt Zettel für das Personal, die sie im Laden verteilt. Wenn dann jemand die Kasse öffnet, findet er einen Zettel auf dem steht: “Die Handtücher zum Trocknen aufhängen und nicht in die Kiste knüllen.”

Kaput_King-Georg-10_27_Eltern

Papa und Mama Sauer

Wie haben sie es denn aufgenommen, dass du in diesem Jahr nochmal viel Energie ins King Georg stecken möchtest, um das Jubiläum angemessen zu begehen, danach aber den Laden wohl aufgeben möchtest?
André Sauer: Für meine Mutter ist es sehr schwer. Sie hängt sehr am King Georg. Mein Vater ist entspannt. Sie verstehen, dass ich nach vielen Jahren im Nachtleben etwas anderes machen möchte.
Generell merkt man, dass wir verschiedenen Generationen entspringen. Das mit der Selbstorganisation konnten sie nie verstehen. Für sie muss der Chef alles im Auge haben und die Kasse bewachen. Ich habe aber noch nie Kassenkontrollen gemacht, meinen Leuten immer vertraut. Die ein-, zweimal, wo es aufgeflogen ist, dass Leute reingegriffen haben, wurde mir das von Mitarbeitern gesteckt. Das Korrektiv ist das Team.

Kaput_King-Georg-10_11_papaLass uns zum süß-sauren Ende kommen. Sprechen wir zunächst über die Jubiläumsfeierlichkeiten, die für den September anstehen. Könnt ihr schon sagen, was geplant ist?
André Sauer: Die Sterne sollen zurück kommen. Maurice Summen wird da sein, die feiern das 15-jährige Staatsakt Jubiläum. Perfekt.
Jan Lankisch: Ich hätte gerne ein paar Sachen, die eigentlich zu groß sind für den Laden. Oder auch DJs, die am Anfang hier aufgelegt haben.
Denise Oemcke: Paranthetical Girls würde ich mir noch mal wünschen.
Jan Lankisch: Jeremy Jay vielleicht noch mal. Der war ja der allererste im September 2008. Er hatte ja dann insgesammt fünf Shows gepinselt über die Jahre.
Wolfgang Frömberg: Konkrete Pläne fürs Programm habe ich noch nicht. Am liebsten würde ich alle einladen, die in den letzten 10 Jahren bei “Literatur zur Zeit” waren und mit ihnen die Bar leer saufen.

Zum Jahresende soll ja Schluss sein, zumindest mit dir als Betreiber, André.
Jan Lankisch: Wann ist denn Übergabetermin?
André Sauer: Es gibt noch keinen Käufer.

Kaput_King-Georg-10_25_KleidWieso soll denn überhaupt Schluss sein, André?
André Sauer: Die Erschöpfung der letzten Jahre kam bei mir erst Ende 2017 heraus. Plötzlich war da dieses Gefühl des Nichtmehrkönnens, der Wunsch rauszugehen. So ein Projekt verschlingt Unmengen an Energie. Ständig. Jeder, der schon mal einen Ort über längere Zeit bespielt hat, kennt das, besonders der ganz Kleinkram nervt gewaltig. Das reicht dann irgendwann. Ein Jubiläum ist auch ein guter Schlussstrich. Aber noch ist ja nichts verkauft. Noch ist es eine Idee. Jetzt gilt es jemand zu finden, der das ganze Projekt übernimmt, da das King Georg ja am Haus dran hängt.

Wie fühlt sich das Ende denn für euch an?
Wolfgang Frömberg: Weiß ich nicht. Schwer zu beantworten.
Jan Lankisch: Solange man nicht weiß, was danach passiert, ist es schwer zu sagen. Aber eigentlich weiß ich schon, dass egal wer den Laden macht… ich will weder übernommen werden, noch will ich mich nochmal beweisen müssen. Ich finde die Idee nicht schlimm, dass es mit André auch für mich hier endet.
Wolfgang Frömberg: Lass es mich so sagen: Der Ort ist nicht nur das coole Ladenlokal, sondern vor allem das, was sich hier entwickelt hat. Natürlich ist ein Verkauf ein einschneidender Punkt. Wir können das leider nicht ändern, es ist Andrés Sache. Ich habe auch kein großes Interesse jetzt darüber nachzudenken, was man danach machen kann, dazu muss man die neue Person erst mal kennen, die ihn übernimmt. Vielleicht hat sich bis dahin schon war ganz anderes ergeben und eventuell ist die Geschichte halt an dem Punkt zu Ende. Was will man machen. Rip it up and start again.
André Sauer: Aber erstmal steht ja für September das Zehnjährige Jubiläum an. Wir gucken nicht auf die Kosten und buchen, worauf wir Lust haben.
Wolfgang Frömberg: Und dann fackeln wir den Laden ab.

 

 

The Sound of King Georg: 

Denise Oemcke – All Saints “Pure Shores”
“In meinen sieben Jahren im King Georg hab ich viele neue Lieblingslieder gefunden, von denen ich einige auch gar nicht mehr so gut finde. Ein Lied, dass mich aber für immer ans King Georg erinnern wird ist “Pure Shores” von All Saints, das während eines Zeitraum, an den ich mich sehr gerne erinnere, ein unverzichtbares Lied für das Aufräumen nach der Schicht wurde!”

André Sauer – Paul Armfield „Sloe Gin“
“Symbolisch für all die schönen Singer-Songwriter Abende, an denen wir die Zeitmaschine auf stop eingestellt haben. Am Ande hat Paul die Flasche rausgeholt und allen einen “Sloe Gin” ausgegeben. Bombe.”

Jan Lankisch – Kim Fowley & Snow Mercy “King Georg is God”
“Deshalb.”

Wolfgang Frömberg – Talking Heads “This Must Be The Place”

Christian Faustus –  Damien Jurado “Ohio”
“Am 13.09.2010 meinte Jan Lankisch ich müsse unbedingt das Konzert, welches er an diesem Abend im King Georg veranstaltete fotografieren. Irgendein Singer/Songwriter aus Seattle. Ich hatte an dem Tag super viel zu tun und ehrlich gesagt wenig Lust mir einen Typ mit akustischer Gitarre anzusehen.  Da ich Jan aber nur schlecht einen Gefallen ausschlagen kann und auf sein Urteilsvermögen eigentlich immer Verlass ist, komme ich pünktlich um 21 Uhr in der Bar an. Es waren circa 30 Leute da. Ich bestellte ein Bier und dachte mir, dass das wohl keine Fotos mit Erinnerungswert werden würden. Ich setzte mich auf den Boden vor die Bar und bemerkte einen nicht sonderlich fotogenen Typ im Holzfällerhemd, welcher in einem der Separees aufgeregt an seinem Glas Whisky nippte.  Sekunden später betritt der Typ die Bühne und ich werde Zeuge eines der magischsten Konzerte welches ich je gesehen habe. Damien Jurado stellt seine Platte “Saint Bartlett” vor. Das war der richtige Moment und der richtige Ort um diesen Künstler zu sehen. Einmalig! Er war nie mehr so gut.”

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