Reeperbahn Festival 2025 – Vorbericht

REEPERBAHN FESTIVAL 2025 MIT DRY CLEANING, MEI SEMONES, JACE, WESTSIDE COWBOY, ROBERT STADLOBER …

Das Reeperbahn Festival findet dieses Jahr vom 17. bis zum 20. September statt. Das vielversprechende Line-Up könnte kaum besser sein: Post-Punk, Deutschrap, Indie-Folk und noch vieles mehr. Hier kommen nicht nur talentierte Acts, sondern auch neugierige Musikfans und Leute aus der gesamten Popindustrie zusammen. Nachdem ich letztes Jahr als Sprecher vor Ort war, darf ich auch diesmal wieder nach Hamburg reisen und über dieses supertolle Festival berichten. Hier eine Liste der Acts/Talks zusammengestellt, auf die ich mich am meisten freue, die man keineswegs verpassen sollte. Nachbericht folgt!

Westside Cowboy (Mittwoch, 20:55 Uhr, Nochtspeicher)

Bei dieser talentierten Newcomer-Band aus Manchester kommt einiges zusammen: Alternative-Countryrock (à la MJ Lenderman), Post-Punk-Revival (à la Shame), Midwest Emo (à la Sunny Day Real Estate) und Slacker-Indie (à la Pavement). Man muss sich nur mal ihre vielversprechende Debüt-Single „I’ve Never Met Anyone I Thought I Could Really Love (Until I Met You)“ anhören, in der auf großartige Weise mit dynamischen Wechseln und diverse Rockeinflüssen umgegangen wird, sodass daraus letztendlich ein großer Refrain und vor allem ganz, ganz große Emotionen entstehen. Westside Cowboy haben eine äußerst frische Ästhetik, die sich zwischen UK und USA bewegt – und mich damit in den verschiedensten Momenten abholt.

Die P (Mittwoch, 23:30 Uhr, Schmidtchen)
Kaum abwegig klänge es, würde man behaupten, Die P sei rappend geboren. Als unverfälschtes Produkt einer Subkultur, die mittlerweile eher Hauptkultur ist, hält die Bonner Musikerin die Fahne hoch – für eine ursprüngliche Form von Hip-Hop, die auf knalligen Boom-Bap-Beats und beißenden Punchlines basiert. Jener Rap halt, mit dem Patricia Pembele aufgewachsen ist. […]
Meinen ganzen Artikel zu Die P könnt ihr in der bald erscheinenden November- Ausgabe des Musikexpress lesen!

Getdown Services (Mittwoch, 00:05 Uhr, Molotow)
Zum Einstieg bietet sich an, einen ausgewählten Song zu beschreiben. Im Falle von Getdown Services ist es vor allem der supertolle Track »Dog Dribble«, der die ansprechende Ästhetik der Band am besten repräsentiert: Sofort fällt die perkussive Natur dieser Musik auf, im Hintergrund klappert es, als würden die Gruppenmitglieder nicht nur ihre Instrumente spielen, sondern gleichzeitig darauf rumhauen. Das Gitarrenriff erinnert sofort an vergleichbare Gruppen wie Viagra Boys, heißt: augenzwinkernder, halbironischer Post-Punk mit einer ordentlichen Prise Humor. Die Gesangsstimme(n) sind tief, also auffällig tief, was sich wundervoll mit den groovigen Dance-Punk-Beats a la LCD Soundsystem ergänzt. Große Empfehlung an dieser Stelle für das offizielle Debütalbum der Band, „Crisps“. Extrem britisch, extrem gut. (Diesen Text hab ich ursprünglich als Konzerttipp für die Kölner Stadtrevue geschrieben)

„Evil-E – Eva Ries und der Wu-Tang Clan“ (Donnerstag, 18:45 Uhr, Imperial Theater)
Schon das Buch „Wu-Tang Is Forever: Im engsten Kreis der größten Band der Welt“, in dem die Musikmanagerin Eva Ries über ihre verrückten Erfahrungen mit dem legendären Wu-Tang Clan schreibt, hab ich extrem gerne gelesen. Nun existierte auch ein Doku-Film zu dem Thema! Es geht darum, wie eine junge Frau sich plötzlich im Kreis der besten Rap-Gruppe aller Zeiten wiederfand. Julian Brimmers, der auch schon als Kaput-Autor aktiv war, und Jermain Raffington führten Regie: „‚Evil-E – Eva Ries und der Wu-Tang Clan‘ erzählt von Abenteuern, konstantem Hustle, hart erarbeiteter Street-Credibility und der Loyalität einer jungen weißen Frau. Eine Frau, die sich plötzlich neben ihrem eher konventionellen Job im Musikmarketing mit der rauen Straße in all ihren Facetten konfrontiert sieht.“

Man/Woman/Chainsaw (Donnerstag, 19:00 Uhr, Molotow)
Die im Mai veröffentlichte Single »Adam & Steve« erinnert an Black Country, New Road – barocke Einflüsse, poppige Komplexitat, ständiger Wechsel zwischen männlicher und weiblicher Stimme –, so gibt es auch hier auffällige Violinenparts und eine gewisse Unschuld in den Lyrics. „What Lucy Found There“ ist ähnlich gelungen, so wird semi-punkiger Indie-Rock darin mit einer gewissen Orchester- Asthetik vermischt. Nicht nur wegen der Geigeneinlagen, sondern auch weil die Songstruktur sich linear voran entwickelt. Einerseits The Libertines sein zu wollen – also mit einer rohen Energie simplen Krach zu machen –, gleichzeitig aber die emotionalen Arrangements von Arcade Fires „Funeral“ einfangen zu wollen, ist eine Mission, die Man/ Woman/Chainsaw definitiv gelungen ist. Bin auf’s Debütalbum gespannt! (Diesen Text hab ich ursprünglich als Konzerttipp für die Kölner Stadtrevue geschrieben)

Rike van Kleef – Billige Plätze (Donnerstag, 19:00 Uhr, Prinzenbar)
Große Buch-Empfehlung: „Billige Plätze – Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche“, erschienen im Ventil Verlag, das die Autorin Rike van Klee auf dem diesjährigen Reeperbahn Festival vorstellen wird. Wie kann es sein, dass die Musikindustrie so sehr von Männern dominiert wird? Die Ungerechtigkeit auf Festival-Line-Ups ist eindeutig… Wie können wir das ändern?
Rike van Kleef hat mit zahlreichen Akteur:innen aus der Live- und Festivalindustrie gesprochen und zeichnet ein offenbarendes Porträt der Branche. Sie untersucht, welchen Schwierigkeiten FLINTA-Künstler:innen begegnen, wie Machtstrukturen in der Branche greifen, warum Frauen immer noch schlechter verdienen und wie es um die Sicherheit von weiblichen und queeren Musiker:innen in Zeiten von Post-#MeToo gestellt ist. Van Kleef zeigt zudem auf, wie der Weg zu mehr Gendergerechtigkeit aussehen könnte: Wie Booker:innen zu diverseren Line-ups finden, was Festivals zu sicheren Räumen für FLINTAs machen würde und wie männerdominierte Strukturen aufgelöst werden können.

Mei Semones (Donnerstag, 19:30 Uhr, Mojo Club)
Jazz scheint als Musikgenre ja erstmal weit von den eher rudimentären, oft rohen Charakteristika des Indie-Rock entfernet zu sein; bis auf jene Platten sammelnden Supernerds gibt es aus Seite der Konsument*innen nur wenig Überschneidungen. Mei Semones beweist das Gegenteil: Ihre Musik ist spirituell dem Indie-Rock der Nullerjahre verbunden, lebt aber von Einflüssen aus Jazz und Bossa Nova. Liebliche Harmonien machen immer wieder platz für komplexe Melodieläufe, alles wirkt trotzdem wie aus einem Guss. Dass sie in ihren Songs außerdem die englische mit der japanischen Sprache vermischt, macht es noch spannender. Das ist Musik, die unsere kleiner werdenden Aufmerksamkeitsspannen belohnt – weil immer wieder Überraschungen auftauchen und das Ganze lebendig halten.
(Diesen Text hab ich ursprünglich als Konzerttipp für die Kölner Stadtrevue geschrieben)

Dry Cleaning (Donnerstag, 23:40 Uhr, Uebel & Gefährlich)
Wenn Florence Shaw, Frontfrau der one-of-a-kind Band Dry Cleaning, zwischendurch mal in sowas wie eine Gesangsmelodie stolpert, hält das meistens nur für wenige Augenblicke an – fast so, als wär’s ein Ausrutscher gewesen, ein Versehen. In Songs wie „Gary Ashby“ sind Anflüge von melodiösem Singen lediglich kurze Happen, ehe Shaw wieder in ihren semi-ironischen Sprechgesang (nicht im Sinne von Rap, sondern im allerwahrsten Sinne des Wortes) verfällt. Derart entertaining bleibt Florence Shaws abstruse Bizarrerie aber auch nur, weil die Musik darunter so ist, wie sie halt ist: ideenreich und voll mit subtilen Entwicklungen. Der wirkliche Held von Dry Cleaning ist Gitarrist Tom Dowse mit seinem schmatzigen Sound zwischen perkussivem Akkordgeschrabbel und fast schon melancholischer Melodieführung. Man fühlt sich ebenso an altbekannte, britische Riffmaschinen (zum Beispiel Keith Richards) wie an eher unkonventionelle Post-Punk-Klanggestalter (zum Beispiel Keith Levene) erinnert. Plus: Wenn die Vocals und der Rest fast schon losgelöst voneinander sind, hast du als Instrumentalist logischerweise Freiheiten, die man bei einer engen Verzahnung von Gesang und musikalischer Untermalung eben nicht hat. Die Konsequenz ist bei Dry Cleaning also, dass die Gitarrenparts nicht nur extrem fantastisch, sondern auch beeindruckend in ihrer schieren Anzahl sind. Qualität ist natürlich besser als Quantität, aber wisst ihr, was noch besser ist? BEIDES.

JACE (Freitag, 14:30 Uhr, 25 Club)
Kurz gesagt: Sein Album „9 Leben“ ist (für mich) das beste Deutschrap-Album der letzten zwei bis drei Jahre! Lieb ich komplett, alles daran. Danke an Nikolai Schirrmeister für die Empfehlung! Hyped auf’s Konzert!

Robert Stadlober (Samstag, 20:20 Uhr, St. Pauli Kirche)
Auf seinem neuen, wirklich toll zurechtgemachten Album „Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“ hat Robert Stadlober, der sonst vor allem als Schauspieler bekannt ist, verschiedene Gedichte des linksgeprägten Schriftstellers Kurt Tucholsky vertont und zu wundervollen Liedern verwandelt. Dadurch liefert Stadlober einen frischen Zugang zu dem bedeutenden Werk dieser Autorenlegende.

 

Die Heiterkeit (Samstag, 21:15 Uhr, Knust)
Schon seit einer gefühlten Ewigkeit wird mir gesagt, ich müsse mich mal mit Stella Sommer und ihrem Musikprojekt Die Heiterkeit beschäftigen; zu meiner Schande muss ich nämlich gestehen, das ich dazu bisher nie wirklich gekommen bin. Letztens war es soweit: Weil Die Heiterkeit auf dem diesjährigen Reeperbahn Festival auftreten wird (und bereits auf dem Pop-Kultur Festival aufgetreten ist), bin ich tief in ihre Neuveröffentlichung „Alles, was ich je geträumt hab“ eingetaucht. Als Fan von legendären Folk-Musikerinnen wie Joni Mitchell, aber auch Joanna Newsom war ich sofort davon angetan, ihre Stimme ist ultrabesonders und weich und doch aneckend, dazu dann überragende Texte. Mit einer wirklich tollen Songwriterin haben wir es hier zu tun. „Alles was ich je geträumt hab, wunder wahr ein hundertfach“. Eben dieses Gefühl von Magie wird in ihrer Musikdeutlich – von niemandem lassen wir uns lieber verzaubern. Die Heiterkeit war dieses Jahr schon auf dem Pop-Kultur Festival super, die Vorfreude ist also groß!
In diesem Pop-Kultur-Nachbericht hab ich u.a. über Die Heiterkeit geschrieben.

Everything Everything (Samstag, 23:30 Uhr, Docks)
Wenn die „No Reptiles“ spielen, schmelze ich…

Und dann gibt es noch die International Music Journalism Award (Freitag, 16:30 Uhr, Schmidt Theater)

Ich freu mich sehr, dass meine Kaput-Kolumne „We Better Talk This Over“ für den International Music Journalism Award nominiert wurde! Kategorie: „Best Work Of Music Journalism – New Perspectives / U30“. Kaput-Chef Thomas Venker ist ebenfalls nominiert, für seinen Text „Pulp im Hospital“! Kategorie: „Best Work Of Music Journalism Text (Deutsch)“.

 

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