Götz Bühler: „Jazz ist, was Musiker:innen selbst so definieren“

Vom 22. bis 25. April findet in Bremen das jazzahead! Festival statt, das größte Jazz-Meeting der Welt. Neben dem hochwertig kuratierten Festival-Programm umfasst das Event zusätzlich eine große Jazz-Messe.
Luca Grenzer hat für Kaput im Vorfeld den künstlerischen Berater Götz Bühler getroffen und mit ihm über die stilistische Bandbreite des Festivals, das diesjährige Partnerland Schweden sowie das Konzept des „Green Tourings“ gesprochen.
Götz, Jazz gilt vielen szenefernen Menschen als Musik vergangener Epochen, als nicht mehr zeitgemäß. Was versucht die jazzahead!, diesem weit verbreiteten Image entgegenzusetzen?
Götz Bühler: Gleich zum Einstieg mit Vorurteilen aufräumen? Gerne. Das Image des angeblich unzeitgemäßen Jazz ist gar nicht so weit verbreitet – um das zu erkennen, braucht man nicht unbedingt Abstand zur Szene. Klar: Jazz ist eine Nische, aber mit einer sehr treuen und sich immer wieder erneuernden Fanbase. Der „Marktanteil“ des Jazz ist, solange ich denken kann, unverändert im einstelligen Prozentbereich, aber der Einfluss auf populärere Musikstile enorm. Raye? Laufey? Fleas „Honora“?
Aber um die Frage zu beantworten: die jazzahead! ist das Sprungbrett für eine internationale Karriere auf Jazz-Festivals, in Clubs und Medien, die den aktuellen Stand der Szene vor allem mit ihren von handverlesenen Jurys ausgewählten Showcases einem Fachpublikum aus mehr als 60 Ländern präsentiert. Wer heute auf der jazzahead! spielt, ist potenziell morgen auf allen anderen Bühnen zu entdecken.
Die stilistische Bandbreite der jazzahead! ist im Vergleich zu anderen, traditionelleren Jazz-Festivals auffallend hoch. So finden sich im diesjährigen Line-Up Acts aus den Bereichen Pop, HipHop, Funk, Singer-Songwriter und andere. Was die naheliegende Frage aufwirft: Lässt sich »Jazz« anno 2026 eigentlich noch auf einen Begriff bringen – und wenn ja, auf welchen?
Götz Bühler: Jazz ist, was Musiker:innen selbst so definieren. Wir bestehen in unseren Auswahlkriterien im Grunde nur auf einem einzigen musikalischen Element: Improvisation. Und weil Jazz schon immer eine stilistisch offene Musik war, die anfangs vor allem Broadway-Popsongs verarbeitet und später improvisierend alles von afrokubanischer Musik über Prog-Rock und Funk bis Hip Hop und Drum’n’Bass inhaliert hat, kommen die Sound- und Rhythmus-Inspirationen heute vielleicht eher aus modernen Musikstilen als aus Swing oder Bebop.
Jedes Jahr erhaltet ihr mehrere hundert Bewerbungen für die begehrten Showcases. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Acts für das Line-Up aus?
Götz Bühler: Neben Improvisation ist Professionalität auch wichtig, denn die Bands und Künstler:innen werden im Idealfall von der jazzahead! direkt in die große, weite Jazzwelt gebucht. Da hilft es natürlich, wenn sie auch auf dieser Ebene „funktionieren“, also alle nötigen technischen Details beisammenhaben, Pässe und Visa besitzen oder organisieren können, zeitlich flexibel sind, Verträge machen können oder vielleicht Manager:innen oder eine Booking-Agentur haben, die all das für sie erledigen. Wichtig ist uns Diversität und eine mögliche Gender-Parität – mehr als die Hälfte der Bands, die in den Showcases auftreten, werden von Frauen geleitet oder haben weibliche Bandmitglieder:innen. Grundsätzlich wird nach Qualität ausgewählt und danach, was sich die internationalen Kolleg:innen der Jury auch als Bookings für ihre jeweiligen Festivals, Clubs oder Veranstaltungen wünschen.
Du bist „künstlerischer Berater“ der jazzahead. Was genau fällt dabei in Deinen Aufgabenbereich?
Götz Bühler: Meine Kollegin Sybille Kornitschky, seit 20 Jahren Leiterin der jazzahead!, und ich arbeiten eng zusammen. Wir sind ein perfektes Tag Team, wenn es etwa um die Planungen zukünftiger Partnerländer oder Fokus Themen (dazu später mehr) oder die Zusammenstellung unserer fünf Jurys geht, die fast ausschließlich aus Personen bestehen, die die Möglichkeit haben, selbst Bands zu buchen. Ich höre mir alle Bewerbungen an, dieses Jahr über 800, und sitze mit einer Stimme in allen Jurys, sodass ich auch für einen Überblick sorgen oder bei Patt-Situationen schlichten kann. Ich versuche mir so viele Bands wie möglich live anzusehen, um einen besseren Eindruck zu bekommen und im entscheidenden Moment zu sagen: „Ich sehe auch, dass die Bewerbung nicht so super war, aber live sind die der Hammer!“ Nicht jede Band kann aus dem Stand Videos und Aufnahmen präsentieren, die ihre wahren musikalischen Qualitäten zeigen. Außerdem stelle ich mit unseren Partnerländern das Programm des Grand Opening zusammen, dieses Jahr unter anderem mit KNOWER, oder berate an Musik-Unis oder Förderinstitutionen von Brasilien über Luxemburg bis in die Niederlande, wie man sich als Teilnehmende am besten auf die jazzahead! vorbereitet. Ein Großteil meiner Arbeit ist die Pflege und Erweiterung unseres sehr umfangreichen Netzwerkes.

Wie bist Du persönlich zur jazzahead! gekommen?
Götz Bühler: Ich war als Musikjournalist von Anfang an und bisher bei jeder jazzahead! dabei. Von der ersten Ausgabe 2006 bis 2019 habe ich den Stand des Magazins Jazz thing aufgebaut und betreut, dort Interviews geführt und mich mit Musiker:innen und Partner:innen ausgetauscht. Nach dem Covid-Totalausfall 2020 habe ich 2021 die „hybride“ Ausgabe der jazzahead! moderiert, drei Tage lang von morgens bis abends vor Kameras in einer menschenleeren Halle die internationalen Teilnehmer:innen an den Bildschirmen durch das Programm geführt, live und per Videocall Musiker:innen interviewt und das Fachprogramm geleitet. Im Jahr darauf hat mich das Team, eben auch Sybille Kornitschky und die beiden vorherigen künstlerischen Leiter Uli Beckerhoff und Peter Schulze, gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die künstlerische Leitung zu übernehmen. Wir haben den Titel zum „Berater“ angepasst, um deutlicher zu machen, wie wichtig die Jury-Entscheidungen für das Programm sind.
Partnerland der diesjährigen Ausgabe ist Schweden. Was zeichnet die dortige Jazz-Szene für dich aus?
Götz Bühler: Vielseitigkeit und ein sehr kreatives Gleichgewicht zwischen Tradition und Innovation. Schweden war eines der europäischen Länder, die schon früh amerikanischen Jazz und die dazugehörigen Musiker:innen willkommen geheißen haben. Musiker wie der Pianist Bill Evans oder auch Quincy Jones fühlten sich in Schweden sehr wohl, waren wichtige Impulsgeber für die dortige Szene und wurden im Gegenzug auch von der dortigen Folk-Musik inspiriert, deren Melodien sie in einen Jazz-Kontext übersetzten. Was übrigens schon damals und auch heute noch viele Schwed:innen selbst auch machen. Dazu kommen eine sehr gute Ausbildung und die musikalisch sehr offenen Einflüsse von Ethiojazz über Klassik oder NuSoul bis zu verschiedenen elektronischen Musiken.
Die Wahl auf Schweden fiel auch deshalb, um damit die Kooperation im Bereich des „Green Tourings“ zu vertiefen. Was hat es damit auf sich?
Götz Bühler: Es wird immer wichtiger, auch beim Booking auf eine gewisse Nachhaltigkeit zu achten. Wir haben mit unseren schwedischen Partnern schon seit Jahren Touren veranstaltet, bei denen die Strecken zwischen den Venues hauptsächlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder sogar Lastenfahrädern organisiert werden. Das darf gerne auch international Schule machen. Wir haben deshalb mit Partnern aus Frankreich ein Tool namens CooProg Music aus der Taufe gehoben, über das sich Clubs und Veranstalter austauschen können, beziehungsweise gemeinsame Touren europaweit einfacher organisieren können. Übrigens nicht nur auf Jazz beschränkt. Wenn ein deutscher Club Kontakt mit einem Artist aus Brasilien, zum Beispiel, hat, den oder die er gerne booken würde, aber eben nicht nur für ein einziges Konzert nach Europa fliegen kann und will, holt er sich so rechtzeitig Partner:innen ins Boot, die auch Interesse an diesem Artist haben – europaweit. Auch Buchungslücken können so elegant geschlossen werden, weil ein Club in den Niederlanden oder an der französischen Grenze vielleicht noch Kapazitäten an dem Mittwoch hat, der auf der Tour noch nicht vergeben ist. Das spart nebenbei auch Kosten und macht so einige Touren überhaupt erst möglich.
Schaut man sich die Partnerländer seit 2011 an, fällt auf: Bis auf Israel und Kanada gab es bisher ausschließlich Partnerländer aus Europa. Da drängt sich der Eindruck auf, dass man in der konkreten Praxis der vielbeschworenen Diversität nicht gerecht wird. Wie kommt das?
Götz Bühler: Wir haben Teilnehmer:innen aus über 60 Ländern – und es kommen ständig neue dazu. Neben dem Prinzip der Partnerländer bespielen wir seit drei Jahren auch ein sogenanntes Fokus Thema, um auf etwas weniger aufwändige Art und Weise einen noch weiteren internationalen Bogen zu spannen. In diesem Jahr liegt unser Fokus der jeweils dreijährigen Reihe zum dritten und letzten Mal auf „Jazz from Africa“. Der Kontinent und seine Talente waren bisher unserer Meinung nach unterrepräsentiert, inzwischen haben wir Brücken geschlagen, die dafür sorgen werden, dass in Zukunft völlig selbstverständlich Jazz-Musiker:innen vom afrikanischen Kontinent bei unseren Showcases vertreten sind. Wir haben, auch mit Hilfe des Goethe Instituts, Bands und Musiker:innen aus dem Senegal, Nigeria, Kenia, Südafrika, Marokko, aus Togo der dem Tschad zu uns geholt, teilweise zum ersten Mal nach Europa überhaupt. Daraus hat sich eine neue gegenseitige Aufmerksamkeit ergeben, auch was das Interesse afrikanischer Labels, Clubs und Journalist:innen an Bands aus Europa angeht. Ab dem nächsten Jahr bis 2029 ist dann der „Asia Pacific“-Raum in unserem Fokus.
Auf welche Acts freust du dich in diesem Jahr ganz besonders?
Götz Bühler: Ich müsste jetzt mindestens 38 Namen nennen, schließlich habe ich mich mit den Jurys aus einer immer noch sehr umfangreichen Shortlist für diese 38 entschieden. Okay, ich freue mich sehr auf das Eröffnungskonzert, unser „Grand Opening“, mit der Norrbotten Bigband aus Schweden und Gästen wie etwa KNOWER aus Kalifornien, auf den Voodoo-Drummer Kossi Mawun aus Togo, auf Langendorf United oder BITOI aus Schweden, auf Àbáse aus Berlin, Laura Jurd aus London, die singenden Bassistinnen Tonina aus den USA oder Knobil aus der Schweiz, Michael Pipoquinha aus Brasilien … einfach auf das komplette Programm, auch weil sich keine Showcases überschneiden, man also wirklich stressfrei alle erleben kann.
Neben der jazzahead!: Was sind deine drei liebsten Jazz-Festivals – und warum?
Götz Bühler: Ich bin seit einigen Jahren regelmäßig beim Jazzfestival Saalfelden und moderiere dort auch einige der Konzerte an, bin also etwas parteiisch. Für mich ist es ein ideal kuratiertes Festival mit einer sehr guten Mischung aus alten Held:innen mit neuem Programm und – für mich – kompletten Neuentdeckungen, oft aus der spannenden österreichischen Szene und der internationalen Avantgarde. Das Winter Jazz Festival in New York war, bevor mich meine Trump-Phobie von US-Reisen abhielt, immer ein großer Spaß, auch weil man viele Bands dieser Jazz-Hauptstadt zum ersten Mal mit neuer Musik erleben konnte – und das oft in kleinen Clubs. XJazz in Berlin war immer ein absolutes Muss und ich freue mich, dass es dieses Jahr trotz des politischen Super-GAUs und der daraus resultierenden Absage des Festivals, immerhin einen auch von Musiker:innen getragenen XJazz Weekender vom 25.-31.5 geben wird.









