Record of the Week

Seoi Nage „Tori“ / „Uke“

Cover: Benedikt Demmer

Seoi Nage
„Tori“ / „Uke“
(gemeinsam als E.P. selbst veröffentlicht und vertrieben)

Agieren. Aufnehmen. Kann passiv agiert und aktiv aufgenommen werden? Die Wirkungsforschung würde sagen: ja. So wie Unterhaltung oder Pop prinzipiell aktiv rezipiert und weiterverarbeitet werden können – und wir umgekehrt auch quasi bewusstlos aktiv sein können. Diese produktiven „Gegenübers“ – die man auch Kultur nennen könnte – macht sich das Projekt Seoi Nage zunutze, das aktuell zwei neue Songs als E.P. digital veröffentlicht, inklusive wunderbar geisterhafter Musikclips von Pogo McCartney, der ansonsten die halbe Indiewelt produziert (u. a. Stella Sommer, Joachim Franz Büchner Band, Laura Carbone) sowie bei Messer spielt und mitwirkt.
Neben Pogo an Gitarre, Bass, Percussion, Synths, Keys, Produktion und Mix agieren hier wieder Anton Zimmermann am Schlagzeug, Jakob Hersch an der japanischen Kastenzither Taishogoto und neu Lucas Prizebilla am Saxofon.

Foto: Helena Sydlik

Nach der E.P. „The Gentle Way“ im Herbst 2022 und dem Debütalbum „No Retreat, No Surrender“ im darauffolgenden Herbst beschenken uns Seoi Nage diese Woche mit ihrer popmusikalisch-spielerischen Kampfkunst. Alles hier steckt voller bunter Referenzen, etwa an Judo, japanischen Wettkampfsport, italienische Spaghetti-Western, Agentenfilme, Arthouse-Kino, Naturdokumentationen, Werbeclips, Khruangbin usw.
Nun also „Tori“ und „Uke“, die eigenständig und zugleich als Synthese funktionieren. Das klingt abstrakter, als es gemeint ist: Wenn du Seoi Nages Bezüge verstehst, wird ihr Musikverständnis richtig komplex und gewitzt. Tust du das nicht, spürst du dennoch einen, an Post-Punk und New Wave geschulten Spaß an Funk, Soul, Hip-Hop, elektronischer Musik und Soundtracks. Beide Songs – Tracks oder Dinger – evozieren bei mir jedenfalls sofort den Impuls, weiterzuforschen: nach Filmen, Serien und vor allem Musik. Sie sind sozusagen wunderbare Anstöße für einen entspannten Feierabend.

Ähnlich erging es mir bereits beim Live-Auftritt von Seoi Nage mit ihren Visuals bzw. Projektionen. Ich glaube, ein Prinzip erkannt zu haben, und frage Pogo einfach mal danach:

Wie würdest du das zur Vermengung der beiden Prinzipien erwähnte Dritte, das Dazwischen, das du für die Songs „Tori“ und „Uke“ beschreibst, genauer formulieren – auch in Bezug auf die Songproduktion? Gibt es eventuell sogar einen eigenen Begriff dafür?
Pogo: Dialektik. Als ich vor einiger Zeit das Buch „Hegel. 100 Seiten.“ von Dietmar Dath las und – etwas verkürzt – über den oft missverstandenen Begriff der Synthese nachdachte, kam mir das in den Sinn. Da die Synthese laut Dath eben kein starrer Kompromiss ist, sondern einen hochdynamischen, bewegten Prozess darstellt, schien mir diese Metapher naheliegend. Besonders spannend fand ich den Gedanken der Organisation des Widerspruchs – das Stadium, in dem wir lernen, mit Gegensätzen produktiv umzugehen und nicht daran zu zerbrechen. Ähnlich verhält es sich hier: „Tori“ und „Uke“ sind zunächst zwei Pole, die sich gegenüberstehen. Durch diese dialektische Spannung verschmelzen sie zu etwas Drittem, das dann eben zur (Kampf-)Kunst wird.

Habt ihr selbst viele Filme, Serien und Soundtracks der 1970er rezipiert?
Pogo: Selbstverständlich gibt es Soundtracks, die das Schaffen stark prägen. Lalo Schifrins Soundtrack zum ikonischen Film „Bullitt“ zum Beispiel – der Inbegriff absoluter Coolness! Can mit ihren Soundtracks, aber natürlich auch John Carpenters Werk. Gerade auch die Ästhetik des italienischen Kinos samt Komponisten wie etwa Fabio Frizzi ist nicht von der Hand zu weisen. Das aktuelle Album trägt den Namen „No Retreat, No Surrender“, der deutsche Titel lautet „Karate Tiger“. Das sind natürlich sehr persönliche, biografische Bezüge.

Wieso wirken eure Stücke und Musikclips nicht – was ja naheliegen könnte – trashig oder rein retro, sondern einfühlsam?
Pogo: Schön, dass du das so siehst. Grundsätzlich war mein Vorhaben, eine Stimmung einzufangen, die den Bedeutungen von „Tori“ und „Uke“ entspricht. „Tori“ ist der ausführende, werfende Part, im Grunde eine Art Angreifer. „Uke“ ist der empfangende, annehmende Part, also eher defensiv ausgerichtet. Aber in diesen Bedeutungen stecken eben auch Begriffe wie bewahren, retten, annehmen oder erleiden. Gerade im Video zu „Uke“ findet das alles statt: Diese wunderschönen Naturaufnahmen, die eigentlich eine Katastrophe darstellen, spielen mit diesem Umstand und fühlten sich für mich stimmig an.

Wer hat die Clips produziert?
Pogo: Die habe ich produziert.

Dann also widmen wir uns diesen nur scheinbar widersprüchlichen Klängen, Bildern und den dadurch hervorgerufenen Imaginationen – zwischen aktiver Rezeption und passiver Interaktion; und das durchaus sehr „sleazily sophisticated“ bzw. „sophisticatedly sleazy“. Oder so.

Clip „Tori“:

Clip „Uke“:

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