Konzertabend im HAU Hebbel am Ufer

X-BERG Kız Meslek Chor: „Für Migrant*innen ist ein Kiez manchmal mehr als ein Kiez; er ist eine neu aufgebaute Zugehörigkeit.“

X-BERG Kız Meslek Chor  (Foto: Goeksu Baysal)

Im HAU2 treffen an diesem “Berlin bleibt! #5” Abend – wir zitieren von der Website des HAU Hebbel am Ufer –kollektive Stimmen auf psychedelische Grenzgänge und post-punkige Reibung und machen die Vielfalt urbaner Gegenwart spürbar. Der zehnköpfige queere X-BERG Kız Meslek Chor um Emrah Gökmen bringt vielsprachigen, türkisch-kurdischen Chorgesang auf die Bühne. Geprägt von kollektiver Praxis vereint der Chor migrantische, antifaschistische, feministische und internationalistische Perspektiven. Als Gast erweitert Adir Jan den Abend mit seinem “Cosmopolitan Kurdesque” – zwischen kurdischen Referenzen, Psychedelic und globalen Sounds.“

Ergänzt wird der Abend durch das Konzert der Band Erregung Öffentlicher Erregung, im Anschluss legt Slimgirl Fat im WAU auf. 

Kaput hat dem X-BERG Kız Meslek Chor im Vorfeld ein paar Fragen gestellt.

 

Wie empfindet ihr angesichts eures traditionellen Repertoires die Auftrittskonstellation mit dem Post-Punk-Act Erregung Öffentlicher Erregung?

X-BERG Kız Meslek Chor: Punk is not dead, und Migration wird es auch nie sein. Punk zu sein ist eine Form des Widerstands; unsere Existenz hier als queere, migrantische und FLINTA* Individuen ist es ebenfalls. Genau diese gemeinsame Widerstandserfahrung verbindet uns. Auch wir kommen von der Straße, und wir verstehen die Straße nicht nur als physischen Ort, sondern als Raum, in dem Solidarität entsteht, Begegnungen stattfinden und politische Subjekte sich konstituieren. Deshalb ist es für uns sehr bedeutsam, mit Erregung Öffentlicher Erregung auf einer Bühne zu stehen: unterschiedliche musikalische Sprachen, derselbe Widerstandsgeist. Am Ende ist sowohl Punk als auch das, was wir tun, ein Einspruch gegen die Rollen, die uns die Gesellschaft zuweist, und gegen eingeschränkte Identitäten.

Was ist das Erste, was euch in den Kopf kommt, wenn ihr an Berlin denkt?

Community. Ohne unsere Gemeinschaft wäre Berlin für uns nur eine Stadt, in der wir leben. Was diese Stadt zu einem Zuhause macht, sind die Menschen, die Solidaritätsnetzwerke und die Räume, die wir füreinander öffnen.

Und die gleiche Frage für die Türkei / Kurdistan?

Rassismus, Faschismus, Krieg und Unterdrückung. Aber gleichzeitig Sehnsucht. Stimmen, Gerüche, Sprachen, gemeinsame Tische und Menschen, die wir zurücklassen mussten. Eine widersprüchliche, aber ungebrochene Verbindung.

Was ist euer Lieblingsort in Berlin und warum?

Kreuzberg/Neukölln. Unser Kiez. Der Ort, wo wir unsere Sprache auf der Straße hören, wo der Geruch aus den Läden uns an zu Hause erinnert, wo wir vor der Tür sitzen und Tee trinken können. Hier sind unsere gewählte Familie, unsere Freunde und unsere Solidaritätsnetzwerke. Für Migrant*innen ist ein Kiez manchmal mehr als ein Kiez; er ist eine neu aufgebaute Zugehörigkeit.

Und euer Lieblingsort in der Türkei / in Kurdistan?

Wir kommen aus verschiedenen Städten Anatoliens und Kurdistans, deshalb ist es schwer, einen einzigen Ort zu nennen. Jede*r von uns hat ihren eigenen Stadtteil, ihre eigene Straße, ihren eigenen Baum, ihren eigenen Geruch. Vielleicht sind unsere Lieblingsorte jene, die wir in unserer Erinnerung tragen und die wir im Erzählen füreinander immer wieder neu aufbauen.

X-BERG Kız Meslek Chor  (Foto: Sibel Soezen)

Was sucht ihr in Musik, das nur Musik euch geben kann?

Musik bringt uns zusammen. Sie vereint unterschiedliche Sprachen, Geschichten und Erfahrungen in einem gemeinsamen Atemzug. Sie kann zum Beispiel die Berufsschulen dort mit dem XBerg Kız Meslek Lisesi Chor hier zusammenbringen, der diesen Namen trägt. Musik ist einer der seltenen Räume, in denen Grenzen, Pässe und Kategorien nicht funktionieren. Dort, wo wir gemeinsam singen können, können wir uns gegenseitig wieder hören.

Welcher Song hat euch dazu gebracht, Musiker*innen zu werden?

Jede*r von uns hat eine eigene Geschichte. Aber was uns als Chor zusammengebracht hat, war weniger ein bestimmter Song als die Erfahrung des gemeinsamen Singens selbst. An einem Sommerabend, als wir zusammen Volkslieder sangen, haben wir gemerkt: gemeinsam singen ist nicht von gemeinsam existieren zu trennen.

Euer Lieblingssong mit Berlin-Bezug? / Euer Lieblingssong mit Türkei-/Kurdistan-Bezug?

Einen einzigen Song zu wählen fällt uns schwer. Die Lieder in unserem Chor-Repertoire selbst verbinden uns sowohl mit Berlin als auch mit den Geographien, aus denen wir kommen. Sie sind Teile unseres kollektiven Gedächtnisses. Diese Lieder, die wir von dort mitgebracht haben, singen wir hier gemeinsam mit unserer neu gewählten Familie. Vielleicht sind sie das Einzige in unseren Koffern, das nie Gewicht hat.

Warum muss Berlin bleiben?

Weil Berlin nicht nur eine Stadt ist, sondern für viele queere und migrantische Menschen einer der wenigen öffentlichen Räume, in denen man atmen kann. Es ist einer der Orte in Deutschland, an dem wir uns am sichersten fühlen. Hier können wir sichtbar sein, uns zusammenfinden und unsere Stimme erheben. Unsere Stimme ist nicht nur Musik; sie ist der Beweis, dass wir hier sind, dass wir zusammen leben und dass wir kämpfen. Berlin wird nicht von Investorinnen gemacht, sondern von Migrantinnen, Queers, Arbeiterinnen, Künstlerinnen und Menschen, die Widerstand leisten. Wir sind eine dieser Stimmen.

 

X-BERG Kız Meslek Chor & Adir Jan / Erregung Öffentlicher Erregung
Konzert Im Rahmen von “Berlin bleibt! #5”
Einlass: 19:00

Im Anschluss: Break @WAU DJ-Set von Slimgirl Fat 

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