Tourtagebuch Levin Goes Lightly Hongkong Juni 2026

Levin Goes Lightly in Hongkong: 
“Wir laufen durch Dschungel und Beton den Berg wieder herunter“

Tourtagebuch Levin Goes Lightly
Hongkong
Juni 2026

 

17. Juni. Tag 1. Kurz vor Hamam

Nach einer harten Nacht im Flugzeug ist es im Hongkonger Flughafen erstmal kalt wie in einem Kühlschrank, draußen dann kurz vor Hamam. Der Chauffeur fährt uns an endlosen Reihen von riesigen Hochhäusern vorbei, die aussehen wie im Computerspiel Minecraft gebaut, Ensembles aus Wohntürmen in zigfacher Ausführung. Weiter unten kleine Buchten mit bunten Fischerbuden, viele Blumen im Dschungel. Die Innenstadt dann ähnlich wie New York. Nur viel moderner, leuchtender und anders.

Wir haben knappe 10 Minuten im Hotel, um uns schnell frisch zu machen, umzuziehen und werden sofort zum Empfang des deutschen Generalkonsulats gefahren. „Smart Casual“ empfiehlt die Einladungskarte. Angst zu schwitzen. Das Dampfbad ist schon beim Einsteigen in den Wagen erschreckend. Es ist wie ein warmer leichter Regen, der ununterbrochen fällt. 
Der Fahrstuhl zur Botschaft ist aus Gold, kein echtes. Schon beim Empfang sind drei Servicekräfte mit Tablets vor uns und bieten uns extrem köstliche Häppchen im Kleinformat an, 33. Stockwerk mit atemberaubendem Ausblick. Ganz Hongkong liegt unter uns wie in Hildegard Knefs Song im 80. Stockwerk.
Künstler*innen, Galerist*innen und Mitarbeitende der Botschaft nicken uns zu und ich merke schon jetzt, dass der Raum, obwohl klimatisiert, trotzdem schwül ist. Auch bin ich so nervös, dass ich den ersten Schweißausbruch noch vor der Empfangsrede bekomme. Schweiß läuft über mein Gesicht und meine geschminkten Augen. Uns wird die Terrasse gezeigt und jetzt erschlägt mich die Schwüle. Mein Fächer kommt nicht mehr nach. Ich schwitze. Ich schwitze und schwitze. Klamotten kleben auf dem Körper. Uns werden unaufhörlich Fischschnittchen mit Rogen angeboten und Champagner. Ich brauche Wasser. „Und wie kannst du einen Anzug hier tragen“, frage ich den zweiten Botschafter, der wie alle anderen nicht schwitzt. Nur an Pauls fliederfarbenem Hemd sind die ersten dunklen Flecken zu sehen. Helmut Kohl war hier auf dieser Terrasse, erzählt jemand. Jetzt erinnert mich die Wohnung noch mehr an die Bonner Republik oder an meine Vorstellung davon.

Wie wohl Kohl hier geschwitzt hat? Wahrscheinlich nicht so wie ich, denke ich. 
Langsam geht es wieder. Werde herzlichst von der Gastgeberin mit einer Rede empfangen und sage auch selbst noch ein paar Worte. Small Talk wird besser und ich kann mich nur über die Herzlichkeit der Menschen hier auf dem Empfang freuen, alle sind super interessiert und lieb. Die Bude ist skurril, aber laut Botschafterin dient sie als Safe Space für die Szene, in dem sich alle frei äußern können. Ein Paradies, wenn auch im Dampfbad und wahrscheinlich nicht mehr von Dauer.

Danach sitzen wir in einem Englischen-Dorf-Pub. Wir bestellen Bier und Chili Cheese Fries, bekommen überraschend Pommes mit Hack, aber es ist das beste Hack, das wir je gegessen haben.

 

18. Juni. Tag 2. Black Rain und Jetlag

18. Juni. Tag 2. Black Rain und Jetlag

Eigentlich sollten wir heute einen Vortrag an einer Schule halten, an der School of Creativity. Er fällt aus. Es regnet in Strömen. Black Rain ist die höchste Regen-Warnstufe in Hongkong. Erdrutsch- und Überschwemmungsgefahr, das öffentliche Leben steht still. Man sieht weder die Wolkenkratzer noch das Meer vor den Hotelzimmerfenstern. Trotzdem 30 Grad. Nebel oder kocht das Wasser? Sitzen bis 15 Uhr im Hotel rum und bekommen die Gitarren geliefert für den nächsten Tag. Natürlich keine Fender Jaguar wie bestellt, sondern zwei rostige Stratocaster.

Wie verlassen das Hotel bei der Warnstufe Red Rain, der zweithöchsten Stufe, und gehen mit Schirmen, immer noch oder wieder schwitzend durch unser Viertel Wan Chai. Früchte, Fisch, zerhacktes Fleisch, leckeres Gebäck, ein blaues altes sehr schönes Haus, Bars und volle Restaurants. Scheinbar ist weniger los wegen der Regenwarnungen.
Nachts kurze Schlafphasen, lange Episoden des Wachseins. Die Klimaanlage brummt. 
Gestern hat ein Hongkonger Galerist gefragt, ob ich das bin auf dem Konzert-Flyer. Auf meine Antwort, dass es schon ich bin, und es keine zwei Jahre her ist, entgegnet er, dass es wohl roughe Jahre waren. Angst vor dem Alter. Müdigkeit. Die digitale Uhr leuchtet. Draußen dröhnen irgendwelche Lüftungen. Erinnerungen an vorgestern wie wir im Zürcher Abendlicht in der Flughafen-Bar Drinks bestellen. Im Indoor-Baum zwitschern echte Vögel. Kommt mir jetzt schon wie lange her vor. Im Fernsehen singt Bill Murray mit müdem Blick „More than this“. 
Am nächsten Morgen weckt mich die Reinigungskraft mit der Frage: „No colin the loom?“

 

19. Juni. Tag 3. Fringe Club, No Monitor

Der Finge Club ist schön. Ein altes kleines Haus, ehemals Milchprodukte-Lager an einer belebten Straße, oder eher auf einer sternförmigen Mehrfach-Kreuzung auf einer steilen Anhöhe. Nicht umsonst ist das Rot-weiß gestreifte Haus eine Instagram Hotspot. Junge Hipster in Manga-Styling und wilden Make Ups stehen an der Ecke vor dem schmalen Haus und warten mit ihren Freund*innen auf den perfekten Moment, ein Bild zu machen – wenn kurz nicht zu viele Passant*innen im Bild stehen. Schwierig in solch einer Stadt. Wieder hat es 30 Grad und enorme Luftfeuchtigkeit – 100 Prozent, gefühlt noch mehr.

Als wir ankommen, ist der Schweizer Act gerade beim Sound Check. Er sieht gut aus und er liest aus einem Buch vor. 
Ein wunderschöner Kronleuchter an der Decke mit gedrehtem Glas. Der Boden aus alten verzierten Fließen. Die Tontechniker können wenig oder kein Englisch. Sie bestätigen dennoch alle unsere Fragen ausnahmslos mit „yes“. Kontrast zum Klischee des deutschen Tontechniker-Sprechs (haben wir nicht, gab’s noch nie, wird niemals funktionieren) könnte nicht größer sein. Besprochene Technik wie Verstärker sind trotzdem nicht da. Der Sound ist aber laut. Sehr laut. Gitarren sind Schrott, wir lachen alle ein wenig. Wir warten dann auf die Stagetime um 21 Uhr und sitzen im Keller, 5 qm Backstage für mehrere Acts. Ich schminke mich in einer Ecke. 

Der Floor ist inzwischen voll, als wir auf die Bühne gehen. Ein kurzer Line-Check zeigt, dass der Tontechniker sich die Settings nicht gespeichert hat und alles komplett anders klingt als zuvor beim Soundcheck. Der Sekt hilft. Es sind viele junge Menschen im Publikum. Nach ein paar Songs hole ich die Menge näher an die Bühne. Die Show macht richtig Spaß: Viel mehr Punk, sehr wild – die jungen coolen Menschen tanzen und schütteln ihren Kopf. Ein Raunen geht während der Pausen durch den Saal. Ein Junge in der ersten Reihe weint bei „Speedways“. Wirklich. Ich schwitze wie Zidane in der 96ten Minute. Wasserhahn leicht aufgedreht. Aber ist auch egal. Begeistert werden wir im Anschluss empfangen. Ich schenke dem Jungen, der weinte, eine Platte. Er freut sich so und weint nochmals.

Unsere Gastgeber*innen sagen, wir haben den Leuten hier sehr viel gegeben, eigentlich bewegen sie sich hier nicht so zur Musik. So ganz nehmen wir das der Botschafterin und ihrer Entourage nicht ab, aber freuen uns natürlich auch sehr. Nach dem Konzert gehen wir um die nächste Ecke, im wohl ehemals angesagten Ausgehviertel um den Fringe Club etwas essen. Wrong Kong. Weiße Männer ohne Hemd, aufgepumpte Oberkörper. Dieses Viertel passt so gar nicht zum Rest der Stadt, laute Menschenmassen. Es fühlt sich hier eher an wie am Ballermann. Seit Corona ist das Viertel anscheinend komisch geworden, erfahren wir später. Zurück in der Hitze der Nacht. Das letzte Bild sind Kakerlaken, die über ausliegende Austern laufen. Wir wissen nicht, ob sie auch all over unsere Spießchen und gebratenen Nudeln liefen, essen schwitzend glücklich klebrig.

 

20. Juni. Tag 4. Terrible Baby

So heißt der Club in dem wir heute spielen. Wieder im Rahmen des Festivals Make Music Hong Kong. Der Laden ist im Eaton Hotel auf der anderen Seite des Meeres, Kowloon. Wir fahren mit dem Uber durch den Cross-Harbour Tunnel unter dem Meer hindurch. Ja, es ist der Tunnel aus „Fallen Angels“ von Wong Kar Wai! Kowloon ist nicht ganz so sauber und aufgeräumt wie auf Hong Kong Island, etwas rougher. Das Hotel hingegeben ist edel, gläserne runde Aufzüge bringen einen in die oberen Stockwerke. Der Konzertclub ist kleiner als die Venue gestern, aber schön plüschig, mit glitzernder Bühne und edlen Sesseln. Die besprochene Technik ist wieder nicht da, sogar noch weniger als gestern. Wieder die Gedanken, dass wir so weit gereist sind und alles in kilometer langen Emailverläufen abgesprochen haben…und wird überhaupt jemand kommen? Das Hotel scheint mir doch sehr abgelegen. Ich frage den Soundtechniker, ob er das backing ein wenig lauter auf dem Monitor machen kann. Er strahlt mich freundlich an: „No Monitor!“.

Wir beginnen schon um 19 Uhr. Der Sound ist heute schon ganz anders, weil wir keine Verstärker mit Verzerrung haben. Es sind tatsächlich viele Leute gekommen, die schon gestern da waren und stellen sich direkt in der ersten Reihe auf! Was für ein Support in einer fremden Stadt! Der Raum ist komplett gefüllt! Die Klimaanlage kommt nicht gegen die Hitze an. Unter mir bildet sich ein kleiner See und ich habe wirklich kurz Sorge in Ohnmacht zu fallen Thomas rutscht in meinem Schweiß aus.
Paul schreit mir irgendetwas zu beim lautesten Part von „Rote Lippen“. Ich verstehe ihn nicht. Später merke ich, dass sein In-Ear-Monitoring ausgefallen ist und er den Track nicht mehr hört. Er spielt trotzdem nahezu perfekt weiter. Ich denke immer wieder an den See unter mir…

Viele wollen Bilder mit mir machen. Einem jungen Musik-Influencer schenke ich meine letzte Platte. Er war gestern auch schon hier und hat seinen Zwillingsbruder und seine Freundin mitgebracht. Auch jemand von einem Schallplattenmuseum ist hier. Die Leute sind begeistert. Dass ich eine LGBTQ+Flagge (mein Handtuch von der Botschaft) kurz auf der Bühne hochhalte wird als „this move was bold“ eingeordnet.

Wir laufen nach dem Auftritt durch die Stadt und fahren mit der längsten Rolltreppe der Welt. Wir kommen immer höher auf den Berg, den sogenannten Peak. Morgens geht die Rolltreppe nur nach unten. Am Abend und der Nacht bringt die schöne Rolltreppe die Leute aus der Stadt in die Vororte. Wir laufen durch Dschungel und Beton den Berg wieder herunter. Vorbei an riesigen Bäumen, die bei uns nur als kleine Zimmerpflanzen existieren, giftige Hundertfüßer auf dem geschwungenen Betonweg. Eine Fledermaus so groß wie ein Falke. Schmetterlinge wie animiert.

 

21. Juni. Tag 5. You show us who we really are

Wir sind heute im Goethe Institut für einen Artist Talk eingeladen. Es ist genau das Gebäude neben unserem Hotel. Was für ein Glück, also weniger Dampfbad-Weg. Viel Air Conditioning. Ich gebe vorher noch kurz ein Interview. Mir werden Songs und Videos von lokalen Musiker*innen aus Hongkong vorgestellt und ich darf zu jedem Video ein paar Sätze sagen. Ich antworte die meiste Zeit mit „really cool“. Weil ich sehr überfordert bin mit den komplett unbekannten Texten oder auch der mir völlig unbekannten gesungenen Sprache. Der letzte Song der Band N.Y.P.D. Ist aber wirklich cool. Coole Typen, Musik erinnert mich selbst lustigerweise auch an meine eigenen alten Sachen. Wir könnten gut auf einer Compilation zusammen finden?! Der Song hat eine starke gute Melodie wie „She’s dancing“ und einen super treibenden Beat. Richtig cooler Underground. Cool. Really cool. Bisschen zu oft „cool“ gesagt.

Der Talk beginnt und das Team trägt mehr Stühle rein für die Leute, die noch gekommen sind. Einige erkenne ich von den Konzerten. Wir erzählen wer wir sind, dass ich meine Musik in einem Zugwaggon begonnen habe. Reden von einer Stuttgarter Szene, die in Deutschland zwischenzeitlich mal ein wenig populär war. Über gespielte Konzerte und wir zeigen Videos mit schüttelnden Haaren. Die Leute klatschen, kommentieren mit „ooooooh“ und stellen sehr viele, erstaunlich tiefgreifende Fragen. Über meine Persönlichkeit. Wieso ich in echt so anders als auf der Bühne bin. „you show us, who we really are!“ sagt eine Frau. Wir umarmen uns.

Hongkonger nehmen uns noch mit in Bars. Sie erzählen uns, dass viele Leute die Stadt in den letzten Jahren verlassen haben. Es ist nicht mehr so wie früher. Things changed. Aber wenn du Hongkong verlässt, vermisst du Hongkong. Ich denke so geht es uns auch.

Um zwei Uhr landen wir noch wirklich in einer Szene von Wong Kar-Wai. Wir betreten ein Restaurant, das stark an die Atmosphäre des Midnight Express erinnert im Film Chungking Express. Der Kellner mit dem Namensschild „Jimmy“ trägt Elvis-Tolle und eine laut lachende Frau, ruft Jimmy immer wieder Bestellungen für uns zu und macht Scherze, wir essen Dim Sum und lachen viel. Auch wir werden Hongkong vermissen.

Text/Redaktion: Levin Stadler mit Birgit Gebhard
Bilder: (C) Levin Goes Lightly
Danke für die schöne gemeinsame Zeit an: Paul Schwarz und Thomas Zehnle

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