Sebastian Ingenhoff interviewt seine Romanfigur Solana



„Okay, ich glaube, ich würde das Interview gerne autorisieren, bevor du es veröffentlichst.“

Sebastian Ingenhoff (Photo: Frederike Wetzels)


Sebastian Ingenhoffs Roman „Ghosting“ ist ein magischer Trip durch die Welt von R&B, HipHop und Hauntology. Das Buch handelt von Popstar Solana, die auf Tour mit den Symptomen einer aus den Fugen geratenen Welt konfrontiert wird. Damit nicht genug. Nach einem Flugzeugcrash strandet sie in der Wildnis Grönlands und trifft auf den fünfzehnjährigen Ausreißer Alfie … 



„Ghosting“ erscheint am 07. Mai im Ventil Verlag.


Für das Kaput Magazin hat Sebastian Ingenhoff vorab ein exklusives Interview mit seiner Romanfigur geführt.

 

Interviews mit Künstlerinnen, die einem wirklich etwas bedeuten, gehören natürlich zu den absoluten Highlights im Musikjournalismus. Vor allem, wenn sie einen schon länger durchs Leben begleiten. Ich erinnere mich an ein Telefoninterview mit Björk, nach dem mein Telefonkabel total verheddert war, weil ich vor Aufregung die ganze Zeit im Kreis gelaufen bin. Damals gab es noch kein Zoom, und ich war als Teenager wirklich großer Björk-Fan.
Ich habe länger nicht mehr musikjournalistisch gearbeitet und hoffe, das merkt man dem nachfolgenden Interview nicht an. Denn heute ist die Aufregung mal wieder groß. Ich darf ein Interview führen mit einer Künstlerin, die mir wirklich etwas bedeutet und mich mehrere Lebensjahre begleitet hat – Solana, international erfolgreiche R&B-Sängerin und Hauptfigur meines Romans „Ghosting“. Sie war mit ihrem Album Multiverse auf Welttournee und ist nach einem Flugzeugunglück in der Wildnis Grönlands gestrandet. Ihr werdet nicht glauben, was dort passiert ist! Aber das könnt ihr alles im Buch nachlesen. Von den Strapazen scheint sie sich gut erholt zu haben.

Sebastian Ingenhoff (Photo: Frederike Wetzels)

Hallo Solana. Wie geht es dir?
Danke, mir geht es gut. Zumindest kann ich wieder halbwegs schlafen.

Bei dir war der Jetlag auf Tour immer ein Problem, oder?
Ja. Vor allem, wenn es Richtung Osten geht. Weil sich der Tag dann verkürzt. Manchmal hatte ich nur vier oder fünf Stunden Schlaf. Man schwebt mehr so durch den Tag. Aber woher weißt du, dass der Jetlag bei mir so krass ist?

Ach, nur so. Meine Schlafqualität ist gerade auch eine Katastrophe.
Hast du Jetlag?

Nee, Lockdown.
Was für ein Lockdown?

Lockdown wegen … das ist eine lange Geschichte. Lass uns lieber über deine Welt und dein Album Multiverse sprechen. Das Album wurde von der Kritik ja ziemlich gefeiert – „modernes Meisterwerk, völlig neue Dimension der Popmusik“ und so weiter. Setzt dich so etwas nicht auch unter Druck?
Mit Druck muss ich klarkommen. Wir haben das Album in nur zwölf Tagen aufgenommen. Mir war damals schon klar, dass es ziemlich gut geworden ist. Aber dieser ganze Trubel ist natürlich absurd. Vor allem, wenn man weiß, was im Studio abgelaufen ist.

Offiziell wird ja der anonyme Beatbastler Schizo als Produzent genannt, von dem es keine Fotos gibt und der durch sein Mixtape Stealism bekannt geworden ist. Stealism war eine völlig neue Mischung aus Garage, Grime, Trap, Reggaeton und R&B. Die Parallelen zu Multiverse sind offenkundig. Es gibt im Internet Gerüchte, du selbst seist Schizo und hättest dein Album somit auch selbst produziert.
Ein Gerücht ist ein Gerücht ist ein Gerücht. (lacht) Nein, im Ernst. Ich finde es natürlich cool, wenn alle glauben, ich hätte mein Album selbst produziert.

In Filmen und Büchern ist es ein beliebtes Stilmittel, Figuren so zu gestalten, dass am Ende rauskommt, sie haben Dinge gemacht, ohne davon zu wissen. So wie in Fight Club. Vielleicht hast du Multiverse ja wirklich selbst produziert und weißt es bloß nicht mehr.
Den Witz hat meine persönliche Assistentin Ana auch schon mal gemacht. Keine Ahnung, ich habe Fight Club nie gesehen. Ana meinte mal, Fight Club sei ein Film über toxische Männlichkeit. Über Männer, die sich prügeln und an jeder Ecke eine Verschwörung wittern. Finde ich bisschen cringy ehrlich gesagt.

Wollte dich auch nicht mit den Dudes aus Fight Club vergleichen. Ich hatte den Film eher als Beispiel im Kopf für „unzuverlässiges Erzählen“. Also wenn jemand eine Geschichte erzählt, und am Ende kommt raus: Eigentlich war alles ganz anders. Weißt du, was ich meine?
Ich hoffe, du versuchst nicht, mir in deinem Artikel irgendwas anzudichten. Von wegen: Eigentlich war alles ganz anders.

Um Gottes Willen, nein!
Machen Journalisten ja manchmal. Gerade im Boulevardjournalismus.

Es gab tatsächlich mal einen Journalisten, Tom Kummer, der hat Interviews mit Prominenten gefaked. Der hat denen Sachen in den Mund gelegt, die sie niemals gesagt haben. Da redet Mike Tyson plötzlich über Nietzsche und Charles Bronson über Pflanzen.
Okay, ich glaube, ich würde das Interview gerne autorisieren, bevor du es veröffentlichst.

Ich sage ja nicht, dass ich das auch machen werde. Aber es ist natürlich schon interessant, weil diese Interviews ja auch irgendwie die Grenzen zwischen Literatur und Journalismus verwisch…
Alter, ich wisch dir eine, wenn du dir irgendwas ausdenkst mit und Pflanzen und Nietzsche oder so. Das meine ich ernst.

Nein, das war doch nur so ein Beispiel. Ich denk mir nichts aus. Versprochen! Also zumindest nicht in dem Interview.
Mir kam das gerade schon so komisch vor mit dem Jetlag. Woher wusstest du …

Ich finde, das eskaliert hier ein bisschen unnötig. Können wir vielleicht nochmal neu anfangen?
Wenn du mir versprichst, dass du dir nicht irgendeinen Scheiß ausdenkst.

Ich verspreche, dass ich nichts als die Wahrheit schreibe.
Sorry, wollte dich nicht so ankacken. Über mich kursieren eh schon die wildesten Geschichten seit dem Flugzeugunglück. Kannst du dir sicher vorstellen.

Klar. Vom Management kam ja auch extra die Ansage, dass man dir besser keine Fragen zu dem Unglück stellen sollte.
Können wir nicht über irgendwas Schönes reden?

Sebastian Ingenhoff (Photo: Frederike Wetzels)

Hast du eigentlich Angst vor dem Tod?
Boy, was stimmt mit dir nicht? Das verstehst du unter „was Schönes“? Das ist außerdem eine sehr intime Frage. Ich glaube, so gut kennen wir uns noch nicht.

Ich habe manchmal das Gefühl, ich würde dich ganz gut kennen …
Okay, jetzt wird es wieder ziemlich cringy. Für was für ein Magazin schreibst du eigentlich?

Kaput Magazin aus Köln.
Und du … hast schon mal ein Interview geführt mit jemand, die Musik macht?

Klar. Ich habe sogar mal Björk interviewt.
Okay, warum reden wir nicht über Björk? Ihre Musik bedeutet mir sehr viel, auch wenn meine eigene Musik ganz anders klingt. Aber die Art, wie sie im Studio arbeitet, hat mich sehr stark beeinflusst. Sie hat ihre Songideen im Kopf und weiß genau, wie und mit wem sie sie umsetzt. Und ich liebe ihre Videos!

Björk kommt aus Island. Du warst ja auch mal in Island. Habt ihr euch da getroffen?
Nein, wir haben uns nur mal kurz gesehen bei einer Preisverleihung. Die war aber nicht in Island.

Du hattest ein sehr berühmtes Shooting für die Vogue in Island. Kurz vor … ich meine, kurz bevor du …
Kurz bevor ich mit dem Flugzeug in Grönland gecrasht bin. Ja, stimmt. Aber aus irgendeinem Grund sind die Fotos nichts geworden. Alles, was auf den Bildern war, ist nämlich weg. Megacreepy.

Die Welt ist manchmal ein Rätsel.
Du bist mir aber auch ein Rätsel. (lacht) Du wirkst ein bisschen wie … aus einer Parallelwelt.

Höre ich öfter, bin ich aber gar nicht.
Wir können auch nicht mehr ewig machen. Das Shooting wird ja gleich nachgeholt, wie dir mein Management sicher mitgeteilt hat.

Hier eine Ghosting-Playlist mit Songs, die im Roman auftauchen, die Stimmung der einzelnen Kapitel widerspiegeln oder den Autor beim Schreiben begleitet haben. Die Playlist ist auf die einzelnen Kapitel abgestimmt, das heißt beim perfekten Lesetempo kommt der perfekte Song an der perfekten Stelle!“

Warum heißt dein Album eigentlich „Multiverse“?

Der Titel geht auch auf meine persönliche Assistentin zurück. Irgendwie fasst er die Musik ganz gut zusammen, finde ich. Ana glaubt, wir leben in einem Multiversum, mit einer Vielzahl von Universen. Als der Malaysia Airlines Flug MH 370 damals über dem Meer verschwunden war, meinte Ana, das Flugzeug sei vielleicht einfach in einer anderen Dimension verschwunden. Wobei die Dimensionen auch gar keine räumlich getrennten Welten, sondern einfach verschiedene Zustände im gleichen Raum sein können. Wie die Geschichte mit der Katze in dieser einen Box.

Du meinst Schrödingers Katze?
Ja, genau. Ziemlich abgefahren, wenn man drüber nachdenkt.

Du magst Katzen, oder?
Klar. Aber es sind nicht meiner Lieblingstiere.

Was sind denn deine Lieblingstiere?
Puh. Da muss ich überlegen. Als Kind mochte ich Zikaden immer sehr gerne. Ich liebe ihren Gesang. Zikaden sind sehr musikalisch, weißt du? Man hört sie mehr, als dass man sie sieht. Sie sind fast unsichtbar, aber man spürt, dass sie da sind. Durch die Art, wie sie die Luft vibrieren lassen.

Du meinst, wie Geister?
Ja, aber ohne das Unheimliche, das Geister an sich haben.

Geister müssen ja nicht unheimlich sein. Es gibt auch gute Geister.
Schon möglich.

Was wirst du als nächstes machen? Ich meine, nach dem Shooting.
Ein Sabbatical. Die letzte Zeit war sehr stressig für mich. Deswegen werde ich jetzt erstmal nichts machen. Abhängen. Mich um meine Leute kümmern. Vielleicht mal wieder ein gutes Buch lesen.

Ich kenne da ein ganz gutes Buch gerade.
Cool. Bin immer auf der Suche nach Lesetipps.

Kann ich dir ja mal zukommen lassen. Ansonsten viel Spaß bei deiner Auszeit. Ich denke, du hast sie dir auch verdient.
Danke.

Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann einmal wieder.
Wer weiß? Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Das fände ich schön. Es hat sehr viel Spaß gemacht, Zeit mit dir verbringen zu dürfen!

 

Sebastian Ingenhoffs Roman „Ghosting“ erscheint am 7. Mai im Ventil Verlag.

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