Records of the Week

Arctic Monkeys „Live At RAH“ / The War On Drugs „Live Drugs“

Arctic Monkeys, live in der Royal Abert Hall, London (Photo: Andy Paradise)

Dezember 2020. Live-Musik, wie fühlt sich das nochmal an? Zuletzt erschienen zumindest einige Live-Alben, die einem dieses Gefühl in Erinnerung rufen; so veröffentlichte beispielsweise Nick Cave ein Flügelkonzert (das man bis dato im Sommer nur via Livestream verfolgen konnte). Aber es gibt auch Live-Musik aus der Prä-Corona-Zeit, bei der man sich den Applaus nicht extra dazu denken muss: The War On Drugs und die Arctic Monkeys haben jetzt ihre ersten Live-Alben veröffentlicht. Dabei verfolgen die Bands einen unterschiedlichen Ansatz. Eine Doppelkritik:

Wer hätte gedacht, dass Konzertaufnahmen der Arctic Monkeys jemals so melancholisch stimmen könnten? Allein der anfängliche Jubel, als das Licht im Saal dunkler zu werden scheint. Das Stimmen der Gitarren. Wer kriegt hier bitte keine Sehnsucht nach Live-Kultur?
Aufgenommen wurde das Konzert im Juni 2018 in der Londoner Royal Abert Hall, zu Beginn der Tour zum Studioalbum „Tranquility Base Hotel + Casino“ – ein Abend, an dem Alex Turner besonders ambitioniert seine an Referenzen reiche Zeilen croont. Die Band spielt dazu lässigen Lounge-Sound mit erhöhtem Vintage-Grad. Turner torkelt mitunter zum Piano oder zum Vako Orchestron, wo er lustvoll die Lust daran verliert, Songs mit Refrain zu schreiben. Das sonore Kontrastprogramm zum frühen, treibenden Britrock, dem die Arctic Monkeys allerdings schon häufiger Updates verpasst haben.

Die Gruppe aus Sheffield hat Gespür für Dramaturgie und platziert die fünf Stücke aus „Tranquility Base Hotel + Casino“ clever im Set. Ihr Klang wirkt gediegen, aber weniger glattgebügelt als Turners Hemd. Das elegante „Four Out Of Five“ eröffnet die knapp neunzig Minuten, dann folgt das scheppernde „Brainstorm“, das schnell von Chören begleitet wird. Und doch fühlt sich das nicht wie ein Bruch an, die Werkschau ist kohärent. Das liegt auch an der versierten Technik der Band, der etwa ein perfekter Übergang zwischen dem Klavier-Pop von „One Point Perspective“ und einer mächtigen Darbietung von „Do Me A Favor“ gelingt. Der opulente Sound ist wohl auch Cameron Avery geschuldet. Der Multiinstrumentalist, Teil von Tame Impala und der Band Pond, war an den Aufnahmen von „Tranquility Base Hotel + Casino“ beteiligt und sorgte auch live bei einigen Stücken für Unterstützung.
Das Live-Album bietet nun Gelegenheit, „Tranquility Base Hotel + Casino“ noch einmal neu zu hören. Stempeln wir es nicht als kulturkonservativ, sondern vielmehr als kulturkritisch ab. Oft geht es nämlich um die Schattenseiten von Social Media im zwischenmenschlichen Bereich sowie Abgründe der virtuellen Unterhaltungsindustrie. Turner antizipiert in „Star Treatment“ etwa die unverminderte Aktualität von Neil Postman sowie explizit George Orwells Dystopie „1984“: „Floating down the endless stream of great TV. 1984, 2019“.

Nebenbei spürt man auch, wieviel Ironie im Werk der Arctic Monkeys eingebettet ist: „I just wanted to be one of The Strokes, now look at the mess you made me make“, heißt es beispielsweise. Alex Turner fragt somit indirekt: Rock Musik, quo vadis? Der Song folgt witzigerweise und wohl nicht zufällig direkt auf den groben Klassiker „I Bet That You Look Good On The Dancefloor“. Dass Turner später im punkigen Debüt-Opener „The View From The Afternoon“ ganz kurz die Puste wegbleibt: Verziehen. „Live At The Royal Albert Hall“ ist ein ambitioniertes Live-Album, das sogar einen guten Zweck verfolgt. Die Band spendet wie beim damaligen Konzert den gesamten Erlös an War Child. Die UK-Wohltätigkeitsorganisation unterstützt Kinder, die von kriegerischen Konflikten betroffen sind und leistet etwa Hilfe in Flüchtlingslagern, unter anderem mit der Verteilung von Hygiene-Kits und Schutzmasken. War Child hat aufgrund der Covid 19-Pandemie 2020 deutlich weniger Spenden erhalten.

Auch The War On Drugs verausgaben sich auf der Bühne und erinnern so daran, dass Musik auch physischer Prozess ist. Auf „LIVE DRUGS“, dem ersten Live-Album der Band aus Philadelphia, findet man allerdings kein 1:1 aufgenommenes Konzert wie bei den Arctic Monkeys, es handelt sich um zehn Fundstücke aus einer über 40 Festplatten umfassenden Sammlung von Liveshow-Aufnahmen. Eine kleine Reise durch Raum und Zeit. Dennoch klingt der Mix von „LIVE DRUGS“ wie aus einem Guss. Das liegt am obessiven Studiomusiker und Bandleader Adam Granduciel sowie an Dominic East: Gitarrentechniker, Bühnenmanager und langjähriger Freund von Granduciel. East ist der Koproduzent von „LIVE DRUGS“ und sorgte laut Granduciel dafür, dass alles richtig zusammenläuft. Das ist gerade in Corona-Zeiten ein wichtiger Reminder daran, dass auch die krassesten Bands auf Produzent:Innen und Stagehands angewiesen sind.

Die Reihenfolge orientiert sich an einer typischen Setlist der Band: „LIVE DRUGS“ versammelt zehn Stücke epischer Gitarrenmusik, die einen umarmen möchten. Dazu gehört auch ein Cover von Warren Zerons Stück „Accidentally Like a Martyr“; Granduciel schätzt den US-Songwriter für sein simples wie wahres Songwriting. Die meisten Titel auf „LIVE DRUGS“ stammen aber wie zu erwarten vom Album „Lost In The Dream“ sowie dem Grammy-prämierten „A Deeper Understanding“. 2017 sagte Granduciel dem Guardian, dass die Arbeit an jenem Album und die Tourzeit ihm auch bei seiner psychischen Erkrankung geholfen haben. Tatsächlich spürt man, wieviel Freude die Band auf der Bühne entwickelt. Einige Titel wie „Eyes To The Wind“ werden leicht modifiziert, Granduciel wagt vereinzelt neue Gesangsharmonien. Highlights gibt es einige: Das ausufernde Gitarrensolo des hoffnungsvollen Songs „Strangest Thing“, eine anfangs reduzierte Version von „In Reverse“ sowie ein grandioses Baritonsaxophon im sphärischen 12-Minüter „Under The Pressure“. Hier klingt die Shoegaze-Gitarrenmasse noch intensiver als im Studio-Edit, Granduciel noch euphorischer. „Very special, I remember this forever!“, verabschiedet er sich einmal von einem ebenso verzauberten Publikum.

Wenn Live-Alben so etwas einfangen, macht das die Welt selbst im Krisenmodus ein klein wenig besser. Kann man von Musik in diesen Zeiten mehr verlangen?

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