METHODE RAINER WERNER FASSBINDER Eine Retrospektive

Rainer Werner Fassbinder: „Ich bitte Sie zur Kenntnis zu nehmen….“


Es gibt zwei Erzählstränge zur aktuellen nennen wir es „Retrospektive“ zu und mit Rainer Werner Fassbinder in der Bonner Kunsthalle. Nein, es gibt natürlich viele mehr, aber zwei begegnen einem zunächst als dominant.


Zum einen, sich an der Begrifflichkeit „Retrospektive“ reibend, die Kritik, dass man die Filme nicht sehen könne, wo es doch genau um diese bei ihm ginge. Eine Kritik, die natürlich sehr kurz greift, denn dafür gibt es ja die Filmreihen in den Kinos und bei Filmfestivals – wobei, soviel Einschränkung muss man gerade als Kölner:in zulassen –: leider nur, wenn es denn noch eine funktionierende Kinolandschaft gibt, die einen mit lebensnotwendigen Filmen wie jenen von Fassbinder versorgt.

Trotzdem ist es natürlich absurd, dass man eine Ausstellung, die offensichtlich wo ganz anders hin zielt, dafür kritisiert. In Bonn, so der zweite Haupterzählstrang erhält man Zugang in das Backend des Filmwerks von Reiner Werner Fassbinder, in einen mäandernden Fluss aus Leidenschaft, Mitteilungsdrang, Uneinverstandensein, Sehnsucht, Machtspielen, und, ja, auch Kontrollwahn – aber vor allem Leidenschaft. Man bekommt Einblicke in Korrespondenz, Drehbücher, interne und externe Arbeits- und Sozialprozesse und – gerade bei der Fassbinder Familie – auch in persönliche Befindlichkeiten zur Zeit und zu den anderen Menschen. Die etwas einfach gehaltene aber nicht falsche Lesart dieses zweiten Erzählstrangs: es ist eine Materialsammlung.

Ob man aus dieser wirklich die „Methode“ rauslesen kann, dazu kommen wir nun. Denn all die weiteren Erzählstränge, die in der Ausstellung angelegt sind – der Titel „Eine Retrospektive“ markiert ja bereits die vielen Narrative und Interpretationen, die uns Fassbinder hinterlassen hat –, ergeben vielmehr das Gesamtbild eines Akteurs zwischen diversen Einflussströmen.

Das zentrale Element der Ausstellung ist für mich ein Brief von Fassbinders Mutter Liselotte Eder an den Sohn, in dem sie, erschöpft vom Abtippen eines Drehbuchs und vor allem von der ihr aufgetragenen Arbeit seine Finanzen zu führen, ihn warnt, dass das System Staat in Persona des Finanzamts schon bald für Probleme sorgen wird. Ihre Bitte, er solle doch endlich mit dem Sammeln von Quittungen anfangen, wirkt natürlich naiv, denn die Belege für Essen, Trinken und nennen wir es Blumen waren sicherlich nur der letzte Tropfen auf den heißen Geysir des Finanzsystem Fassbinder.

Man kann sich Fassbinder beim besten Willen nicht als Buchhalter seiner eigenen ungebremsten Kreativität vorstellen. Wie denn auch? An dem System scheitern ja schon die Bürokraten selbst, wie soll es denn dann einer erfolgreich bespielen, der letztlich auf diesen Staat geschissen hat? – schön in diesem Zusammenhang auch, dass er den „Preis der Bundesrepublik Deutschland“, den irgendeine staatliche Instanz ihm für „Deutschland im Herbst“ geben wollte, mit Verweis auf die inneren Widersprüche (oder besser Zusammenhänge) zwischen Werk und Staatslob ablehnte.

Dieses Staatslob in Form von Prädikaten, die Filmen verliehen oder eben nicht verliehen werden, zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Man kann diverse Pamphlets lesen, wo sich irgendein Beamter, den gewiss niemand mehr kennt, einen darauf runter holte, dem wilden, linken Filmemacher zu erklären, dass seine Geschichte nicht stringent genug erzählt sei, die Personenkonstellationen und Orte nicht richtig funktionieren würden oder schlichtweg seine Messages nicht passe – selbige Briefe gibt es, und das ist schon bedeutender in der historischen Verortung, auch von diversen Fernsehredakteuren und -produzenten, angesichts derer Dukten ich einige mal an den Andreas Dorau Song „Größenwahn“ denken musste:

„Größenwahn kam zum Treffen pünktlich 20 nach 8 / Er hatte wie immer neue Ideen mitgebracht /  Er redete wild und wir hörten brav zu
Bedenken und Zweifel warn für ihn ein Tabu /  Falls wir was sagten war ihm das egal /  Ihm zuzuhören wurde langsam zur Qual /  Was er auch sagte es war ein Muss / Als wir alle nickten war endlich Schluss …“

Was müssen Fassbinder und seine Leute gelitten haben im nennen wir es trotzdem mal Dialog mit dieser personifizierten Mittelmäßigkeit deutschen Kulturbetriebs, die ihnen mit dem Ego von zweistelligen Einkommensstufen und ohne einen Hauch von Selbstzweifel ihre Ideen ausbreiteten, nicht als anregender Input, sondern als Tor zur nächsten Finanzierungsrunde – denn ohne das Geld aus den Töpfen der Filmförderung und des Fernsehens waren die Budgets der Filme von Fassbinder irgendwann natürlich kaum mehr zu stemmen.

Ein zeitloses Thema. Im Film schon seit jeher, aber auch in der Musik geht kaum mehr etwas ohne Förderungen heutzutage. Gerade der subkulturelle Markt bricht  peu a peu zusammen, die Pandemie wirkt da nur als Brandbeschleuniger. Das Löschwassermischmasch aus Soforthilfen, Stipendien und Projektgeldern ist da natürlich ein Segen, aber wie bei jedem Segen kommt er eben nicht aus altruistischen Händen auf einen herunter, sondern aus einer kafkaesken Welt mit x Formularen, Excel-Listen und Deadlines. Und schon verlieren sich die Künstler:innen in Anträgen, Abrechnungen und Berichten, müssen entweder selbst ihre Dukten so affirmativ anpassen, dass das System die Sätze abnickt oder sich Personal dafür an Bord holen (das dann einen nicht kleinen Teil des Budgets frisst – ich weiß, wovon ich rede, ich bin teilweise dieses Personal für Künstler:innen, aber ich weiß deshalb auch, wieviel Zeit es Bedarf das System zu bespielen). Was das mit den Künstler:innen macht, davon zeugt zwischen den Zeilen auch die Bonner Ausstellung: Bürokratie frisst die Zeit wie Angst die Seele auf isst.

Kurzer Einschub: dass es auch anders gehen kann, davon zeugten während der Pandemie die NRW-Soforthilfen, Künstler:innen-Stipendien, die auf Basis eines kurz gehaltenen Konzepts von Expert:innen vergeben wurden und bei denen ein kurzer Abschlussbericht reichte und eben nicht ein umfangreiches Abrechnen und Belegen das vor allem eins ist: Ein Misstrauensvotum gegen die Künstler:innen; und siehe da: die Ergebnisse dieser NRW-Soforthilfe-Stipendien können sich sehen und hören lassen, denn, wer hätte es gedacht, Künstler:innen wollen vor allem eins: arbeiten und Werke umsetzen.

Ich drifte ab – aber auch nicht. Denn wenn Rainer Werner Fassbinder eins gemacht hat, dann manisch sein Werk vorangetrieben: Film um Film, Drehbuch um Drehbuch. Nie zufrieden mit dem letzten Film, immer schon beim nächsten. Und in jeder Sekunde gegen das System.

RWF war aber natürlich keineswegs nur ein Opfer des bundesdeutschen Unkulturbetriebs. Er hat sich zwar daran gerieben und zu einem gewissen Grad auch gerade dort  viele der körperlich-geistigen Verletzungen geholt, die ihn so rasant haben verfallen lassen, aber er hat das System wie jeder gute Kulturanarchist auch mit den eigenen Mitteln geschlagen. Zumindest legen das die endlosen, oft herrlich hingekritzelte Filmkalkulationen nah, wo immer mal wieder ein Posten sehr absurd aus dem Raster fällt, so dass man kein Schlingel sein muss, um zu erraten, was sich dahinter verbergen könnte. In diesem Momenten musste ich dann immer an „Fick das System“ von Die Sterne denken, von Frank Spilker so treffend getextet:

„25.000 müde Knochen aufgepunpt zu neuem Leben / Mit Mitteln für die schnelle Tour / Die letzten drei Zellen in Reihe geschaltet und Sinn produziert / Ich konnte das immer, jetzt nicht mehr / Manchmal ist zugedröhnt besser als nichts / Atmosphäre verdorben, in den Luftschacht gepisst, verflixt (…)  Nur kein Pathos, ratlos, harmlos, keinen Pathos /  Tote werfen keine Schatten, keine Parolen, keine Blöden wie die: Fickt das System / Ist das der Eingang den der Architekt benutzt /  Oder nimmt er die Hintertür / Zeigt sich das Arsch in der Öffentlichkeit /  Oder findet man nur seine Spur …“

Die Spuren der Ärsche in „Methode Rainer Werner Fassbinder“ sind schon längst vom Sand der Geschichte verweht, die Filme von RWF aber hallen nach, einerseits als Mahnmal an eine Ära, in der der bundesdeutsche Kulturbetrieb zwar schon viel Sand im Getriebe hatte aber eben noch nicht so auf die Hunde gekommen war, wie er es heute ist, andererseits und viel viel wichtiger als großartige Utopien für eine bessere Wirklichkeit, bei deren Umsetzung die Protagonist:innen selbst auch oft gescheitert sind, was ihre Versuche aber nicht entwertet, sondern umso kostbarer macht.

 

METHODE RAINER WERNER FASSBINDER
„Eine Retrospektive“
noch bis 6. März 2022 in der Bonner Bundeskunsthalle

https://www.bundeskunsthalle.de/fassbinder.html

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