Quo Vadis Pop-Lehre? – Eine journalistische Umfrage unter Lehrenden – Gregor Schwellenbach

Gregor Schwellenbach: „Das Lehrenden-Team unseres Instituts steckt knietief in der Lebensrealität künstlerisch orientierter Pop-Musikerinnen.“

Mit ihrer im Herbst 2020 initiierten Aktion #95vsWissZeitVG (95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz) haben Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon auf Twitter auf die Argumentationslinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) reagiert. Das Bundesministerium spricht dabei von einer drohenden “Gefahr der Systemverstopfung“, sollte man Wissenschaftler:innen Normalarbeitsverhältnisse anbieten.
Die Reaktionen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs (aber auch darüberhinaus) waren vehement und führten zum Hashtag #IchbinHanna – „benannt nach der fiktiven Figur, anhand derer die vermeintlichen Vorteile des WissZeitVG im Video veranschaulicht werden“ (zitiert nach https://ichbinhanna.wordpress.com) –, unter dem sehr viele Wissenschaftler:innen von persönlichen Frusterlebnissen berichteten und Einblicke in ihre (oft) prekären Lebensumstände gaben.
Am 27. März 2022 erschien im Berliner Suhrkamp Verlag das Buch „#IchBinHanna. Prekäre Wissenschaft in Deutschland“.

Nicht vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz betroffen – und dennoch ähnlichen Frust- und Prekariatsverhältnissen ausgesetzt – sind die Freien Dozent:innen an Deutschen Universitäten und Hochschulen. Anders als ihre festangestellten Kolleg:innen dürfen sie zwar im Prinzip lebenslang weiter unterrichten, so denn sie es sich leisten können angesichts eher mäßiger Stundensätze, (oft) fehlender Anreisekostenübernahme und (zumeist) nicht bezahlter Vor- und Nachbereitungszeit.

Ich selbst kenne den Wissenschaftsbetrieb durch viele Lehraufträge in den vergangenen zwanzig Jahren gut – was letztlich (jenseits der genannten Publikation) über meine Gespräche mit Kolleg:innen zur Idee zu dieser Interview-Reihe führte, deren Intention es ist, den Diskurs über diese suboptimalen Arbeitsbedingungen der einen erheblichen Teil der Universitäts- und Hochschullehre ausmachenden Freien Lehrkräfte ausgesetzt sind, anzuregen, und, naiv gesprochen, damit vielleicht Impulse zu Veränderungen zu setzen.

Ich freue mich sehr über die Teilnahme von Gregor Schwellenbach an der Umfrage. Er arbeitet als Komponist, Arrangeur und Multiinstrumentalist im eigenen Auftrag sowie für Radio-, Fernseh- und Theaterproduktionen und hält einen künstlerischen Lehrauftrag am Institut für Pop-Musik an der Folkwang Universität der Künste.

Obwohl persönlich per Du mit ihm habe ich mich dazu entschieden für den „Abdruck auf kaput“ beim Sie zu bleiben.

 

Gregor Schwellenbach (Photo: Easton West)

Können Sie bitte in aller Kürze und Prägnanz ihre Hochschule/Universität, das Institut/Fach und konkret das Studienangebot/den Studiengang beschreiben.

Am Institut für Pop-Musik der Folkwang Universität der Künste wird ausschließlich ein Masterstudiengang Pop-Musik angeboten.

Wie lange sind Sie an Ihrer jetzigen Hochschule/Universität bereits tätig und in welcher Position?

Lehrbeauftragter für „Popmusik-Komposition/Arrangement“ und „Popmusikalische Praxis“ seit Gründung des Instituts 2014.

Würden Sie sagen, dass die aktuellen Angebotsverhältnisse an Ihrem Institut/in ihren Studiengängen von Ihnen mitgeprägt wurden und ihren Wünschen entsprechen?

Ohne Einschränkung! Das Lehrenden-Team unseres Instituts steckt knietief in der Lebensrealität künstlerisch orientierter Pop-Musikerinnen.
Das junge Institut für Pop-Musik ist damit seit seiner Gründung vor acht Jahren unter dem damaligen Leiter Hans Nieswandt im besten Sinne unakademisch.

Wie haben Sie an der Hochschule/Universität die Pandemie bis dato erfahren?

Die Leitung der Folkwang Universität hat aus meiner Sicht erfreulich unkompliziert reagiert:
Für die Studierenden wurde die Regelstudienzeit verlängert, so dass sie während der Pandemie Studienleistungen erbringen konnten wenn möglich, andernfalls ihnen kein Nachteil entstand.
Die Lehrenden wurden durch bezahlt, mit der Bitte, optionale Online-Angebote zu entwickeln.
Das fühlte sich sehr frei an und hat zunächst erstaunlich gut funktioniert. Die Seminare in Form von wöchentlichen Online-Konferenzen hatten während des Lockdown geradezu tröstende Intimität.
Bezahlt wurde später: Vor allem auf Seiten der Studierenden gab es nach zwei Semestern eine mehr als gereizte Abneigung gegen jegliche Form von Online-Unterricht, und die Seminare sind durch die verlängerten Regelstudienzeiten jetzt extrem voll.
Ein echtes Problem ergab sich dadurch, dass sich die Neubesetzung der seit 2019 vakanten künstlerischen Leitung des Instituts erheblich verzögerte. Die Lehrenden des noch jungen Instituts hatten weder die Stundenzahl noch das Mandat, Richtungsentscheidungen treffen zu dürfen, und konnten den sich gerade herauskristallisierenden Charakter des Instituts nur bedingt aktiv gestalten.

Was denken Sie, wie die Studierenden und Kolleg:innen die Pandemie erfahren haben? Gibt es bei Ihnen viele, die das Studium aufgegeben haben? Oder die auch durch die Pandemie in Ihrem Studiumsverhalten massiv (aufgrund von Ängsten, Depressionen etc) eingeschränkt sind? Gibt es dazu Hilfsangebote bzw. einen Austausch?

Es gab eine erhebliche Zahl an scheinfreien Studierenden der höheren Semester, die die Pandemie genutzt haben, um ihr Masterprojekt zu beenden.
Unter den zur Zeit aktiv Studierenden scheinen mentale Schwierigkeiten nach meinem Eindruck häufig zu sein. Diese werden heute weniger versteckt, als es vor 10-20 Jahren der Fall war. In welchem Maß das auf die Pandemie zurückzuführen ist, vermag ich nicht zu sagen.

Wie zufrieden / unzufrieden sind Sie mit dem aktuellen Zustand (Angebot und Umsetzung) des Lehrbetriebs an Deutschen Universitäten im Allgemein?

Ähnlich wie das Musikbusiness lebt der akademische Betrieb sehr von der Hoffnung auf späteren Erfolg. Lehrende sind bereit, enorm in Vorleistung zu treten, um sich Ansehen und Chancen auf spätere Professuren zu verschaffen. Dieses Engagement muss man sich leisten können.

Ich selbst bin Freier Dozent an drei Universitäten in NRW (an der Folkwang Universität der Künste in Bochum/Essen, an der Universität Paderborn und an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf). Wenn man Anfragen zu Lehraufträgen bekommt, schmeichelt es einem zu Beginn, recht schnell bemerkt man aber, dass ein Großteil des Betriebs Deutscher Hochschulen und Universitäten auf solchen mäßig bezahlten Lehraufträgen aufbaut (oftmals sind zudem nicht mal Anfahrtskosten und Unterkunftskosten bei mehrtägigen Seminaren abgedeckt). Und so fragt man sich schnell, warum werden in Deutschland eigentlich Lehrer:innen an Schulen gut bezahlt, an den Hochschulen und Universitäten aber hat sich ein Honorierungsmodell etabliert, das ich zynisch gerne als „Hartz 4-Lehre“ bezeichne. Auf welchen institutionellen Diskursen beruht so ein Modell? Wer hat sich das ausgedacht und die Rahmenbedingungen definiert?

Durch Informationen des Personalrats habe ich erfahren, dass dieses Problem dem Kultusministerium bewusst ist und mittelfristig an einer Änderung dieser Zustände gearbeitet wird.
Ich gehe davon aus, dass niemand solche Rahmenbedingungen gewollt und bewusst geplant hat und halte es für essenziell, das Lehrsystem solider aufzustellen.

Das Honorar für die Seminare beinhaltet in der Regel auch Vor- und Nachbereitung – und an den meisten Hochschulen / Universitäten auch Prüfungen. Das wirkt sich natürlich langfristig auf die Qualität der Lehre aus, da viele Lehrenden immer wieder die gleichen Seminare abhalten, da ihnen schlichtweg die Zeit für eine stete Neudefinition der Lehrinhalte fehlt. 
Kennen Sie diese Problemstellung aus Ihrem Alltag? Und wie positionieren Sie sich hierzu?

Als künstlerischer Lehrender kann ich nur arbeiten, indem ich Fragen nach angemessener Bezahlung abspalte: Ich frage mich im Vorfeld und in der Nachbereitung ob ich bereit bin, unter den gegebenen Bedingungen zu arbeiten. Einmal entschieden denke ich nur noch als Künstler und gebe mein volles Engagement ohne auf Uhrzeiten und Wirtschaftlichkeit achten zu wollen.

Was auch fehlt, ist die Möglichkeit, als Freier Lehrender die Hochschulen/Universitäten und die Möglichkeiten, die diese den Studierenden bieten, so zu verstehen, als dass man seine Lehrinhalte mit anderen Angeboten vernetzt denken und den Studierenden Verknüpfungshorizonte aufzeigen könnte. 
Ist das eine Beobachtung, die Ihnen auch schon gekommen ist? Werden solche ich nenne es mal Blinde Flecken des Universitätsbetriebs intern diskutiert? 
Oder teilen Sie die Beobachtung nicht?

In einem kleinen, überschaubaren, künstlerischen Studiengang nehme ich mir die Freiheit, ganzheitlich zu lehren. Einzelunterricht in Form von gemeinsamen Spaziergängen, Konzertbesuche mit Studierenden oder Kollaborationen in meinem privaten Studio gelten (unter anderen hinsichtlich Versicherungsschutz) nicht als Unterricht, gehören für mich aber gegebenenfalls zu einer künstlerischen Betreuung auf Master-Niveau unbedingt dazu.

Die Konstruktion des Hochschul- /Universität Lehrbetriebs über wenig festangestellte Professor:innen, Lehrende und Institutsmitarbeiter:innen sowie eine Vielzahl freier Dozent:innen mit in der Regel nur 2, 3 oder 4 Semesterwochenstunden reduziert natürlich auch das Wissenschaftliche Forschungspotential. Die enge Taktung der Lehraufträge ermöglicht es schlichtweg nicht, dass Freie Dozent:innen potentielle Forschungsideen einbringen und nachgehen können. Zumindest empfinde ich diese Situation von Außen so. Wie schätzen sie diesen Sachverhalt ein? Und wie wirkt sich das konkret in Ihrem Bereich aus?

Ich komme wenig dazu, wissenschaftlich forschend tätig zu sein. Wenn es der Fall ist, sehe ich die Niederschrift theoretischer Gedanken und Strukturierung meines selbst entwickelten Lehrmaterials als Engagement „auf eigene Rechnung“. Ich gehe damit in Vorleistung in der Hoffnung, eines Tages dadurch in anerkanntere Positionen zu gelangen.
Mein Engagement als Künstler, das ebenfalls auf meine Lehre abstrahlt, und ist nicht sinnvoll zu bemessen oder in Rechnung zu stellen, das folgt einem inneren Drang.

Bemerken Sie an ihrer Universität, dass die geschilderten Zustände dazu führen, dass die Fluktuation unter den Freien Dozent:innen hoch ist?

Am Institut für Pop-Musik haben wir aus meiner Sicht eine inhaltlich geradezu traumhafte Situation geschaffen, die als ziemlich befriedigend wahrgenommen wird: Die Lehrenden sind breit aufgestellt, sind aber durch gemeinsame Werte vereint und können ihre Alltagserfahrung aus der Musikerinnenexistenz nach eigenen Vorstellungen umsetzen.
Daher hält sich die Fluktuation bisher noch in Grenzen. Zum Glück, denn in einer Situation eines noch jungen Instituts im Stadium der Etablierung und ohne offizielle künstlerische Leitung empfinde ich Fluktuation unter den Lehrenden als durchaus schmerzhaft.

Das waren nun viele Kritikpunkte von mir in Fragen eingebracht.
Wenn Sie drei Wünsche für den Hochschul-/Universitätsbetrieb in Deutschland hätten, welche wären dies?

1) Speziell im Bereich der Pop-Lehre wünsche mir einen Hochschulbetrieb ohne akademische Echokammern, in dem alle Lehrenden die Realität der Künstlerexistenz aus eigener Erfahrung kennen und Netzwerke mitbringen, die den Studierenden zugute kommen.
2) Ich wünsche mir eine dem Aufwand entsprechende Bezahlung, so dass sich jede qualifizierte Person leisten kann, an einer Hochschule zu unterrichten. Ich verspreche mir davon vor allem, dass die Lehre diverser wird.
3) Ich wünsche mir, dass der Zugang zu Universitäten und Hochschulen als niederschwellig wahrgenommen wird, so dass sich möglichst unterschiedliche Personen bewerben. Dass dann aber um so strenger nach künstlerischer Qualifikation (Interessantheit, Eigenständigkeit) ausgesiebt werden kann, um letztlich eine eher kleine Auswahl an Künstlerpersönlichkeiten auszubilden.

Gibt es eine Hochschule / Universität (in Deutschland – aber auch gerne im Ausland), die sie als positives Beispiel hervorheben wollen, da dort Definition der Studienfächer und Lehrinhalte, die Organisation des Lehrbetriebs und Kommunikation mit und Arbeitsbedingungen für die Freuen Dozent:innen gut (oder gar ideal) aufgestellt sind?

Ich blicke mit einem gewissen Neid auf die Ausbildung im Bereich der bildenden Kunst. Aus meiner fernen Sicht scheinen dort mehr Freiheit und Individualität gegeben zu sein. Beneidenswert auch, dass dort nicht nach Bologna-System evaluiert wird.
Was die Vermittlung von handwerklichen Skills angeht, habe ich Achtung vor dem Output der einschlägigen Institutionen: Berklee College of Music, Julliard School (New York), Brit School (London).
Was künstlerische Eigenständigkeit angeht, können Hochschulen/Universitäten noch nicht mit lebendigen kulturellen Szenen mithalten, in denen die Jungen von den Älteren lernen. Die besten Schulen für Pop-Musik waren bisher englische Schulhöfe, die Gospeltradition der USA, diverse Internetforen und vielleicht noch die Bands von Miles Davis, James Brown und Fela Kuti.

Vielen Dank für Ihre Zeit.

 

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