Dave Kusworth – Nachruf

„I Am Just A Broken Heart” – zum Tod von Dave Kusworth

Dave als Gitarrist der spontan supportenden Road Crew Band mit dem Nachruf-Autoren circa 1993/1994 im „Café Trauma“ in Marburg (Photo: Nikki Sudden)

 

1985 erschien der diesem Artikel den Titel gebende Song „I Am Just A Broken Heart” der Jacobites auf ihrem zweiten Album „Robespierre’s Velvet Basement”. Ich meine, in der Spex seien sie damals als so etwas wie letzte große Heuler beschrieben worden, woanders und immer wieder als wahre Troubadoure oder Rock’n’Roller – mit allen ernsthaften Kosten neben all dem temporären glamourösen Nutzen.

Der bereits 2006 in New York auf (never ending) Tour verstorbene Nikki Sudden engagierte sich unter anderem kurzzeitig journalistisch auch für die Spex. Sein kongenialer hassliebender Partner und weit mehr als das war seit Anfang der Achtziger und mit zahlreichen Brüchen Dave Kusworth, der nun laut eines Postings seiner Partnerin bei Facebook in der Nacht vom 18. auf den 19. September im Schlaf verstorben ist.

 

Der eher die besseren Songs als journalistische oder popmusikgeschichtliche Artikel schrieb wie Nikki und der die schönere hohe Stimme sowie das reichhaltigere Gitarrenspiel zu bieten hatte. Sudden strauchelte Ende der Siebziger mit seinem jüngeren Bruder Epic Soundtracks aus ihrem wegweisenden Teenie-Projekt Swell Maps, das Post Punk-Geschichte schreiben sollte. Kusworth kam aus den im britischen Birmingham hochgehandelten Rag Dolls, T.V. Eye und vor allem Subterranean Hawks mit Stephen Duffy, der später unter anderen solo große Hits hatte und Songs für Robbie Williams schrieb. Zusammen und mit oftmals befreundeten Gästen wie Duffy, Soundtracks, Mike Scott, Anthony Thistlewaite, Lizard, Primal Scream-Mitgliedern und vielen mehr firmierten sie als Jacobites und produzierten zwei phantastische Alben („Jacobites“ 1984 und „Robespierre’s Velvet Basement” 1985) voller seltsam entrückter, verwuschelter, angekränkelter und unendlich verloren-arroganter Balladen. Damit waren sie eine ganze Zeitlang neben Spacemen 3 der ‚heiße Scheiß‘ aus Birmingham UK, beide Acts ständig zu Gast in den Studios von John Rivers und Bob Lamb.

Jacobites (Photo: Bleddyn Butcher)

Die Jacobites um das Zentrum Dave und Nikki wurden insbesondere auf dem europäischen Kontinent erfolgreicher und liefen dann auch bald in ostwestfälischen Kultclubs in der Indie Disco direkt zwischen Nick Cave, The Fall und Sonic Youth. Und wurden später mannigfaltig gecovert, unter anderem von den Lemonheads und Mercury Rev. Wie Nikki in einem Interview mal sagte, Dave sei Keith und er Mick, das Ganze dann als Indie-Variante und näher an Johnny Thunders als an den Stones. Kusworth lachte seine dreckige Lache dazu und ließ Nikki reden. Bis zuletzt schwer zu überhören waren bei den beiden neben einer großen Portion Punk in der Haltung dann aber doch vor allem Glam Rock à la New York Dolls, Sweet und Marc Bolan und über oder unter allem die Rolling Stones und Bob Dylan. Wo Sudden immer Kontakte in Richtung coolem Swamp Blues (Hugo Race, Rowland S. Howard etc.) oder Indie Rock (so unterstützte er die frühen Element of Crime und die Creeping Candies) hielt, war Dave dem Rock’n’Roll näher, unter anderem mit den Dogs D’Amour und auch einigen sehr knalligen Alben seiner Bounty Hunters. Wobei eben gerade die Bounty Hunters – wie auch Sudden zeitweilig bei Alan McGees „Creation“ Records oder deren Sublabels unter Vertrag – doch auch wieder unendlich verträumt und verpeilt waren, rockige Gitarrenriffs von Dave hin oder her. Etwa auf ihrem legendären und legendär überhörten, 1991 von Jeremy Thirlby (aka Matmosphere und mit Kusworth immer wieder musikalisch u.a. bei Bible Belt und Bounty Hunters verbandelt) produzierten „All The Heartbreak Stories“ voller abgrundtief tröstlich-melancholische Balladen im fast schon zeitlosen Stil.

Dave Kusworth photographed in Moseley, Birmingham, on 23 June 1989 by Bleddyn Butcher

Unvergessen ein Konzert Anfang der Neunziger im Münsteraner Club „Odeon“, bei dem Kusworths genervte Bounty Hunters einfach das verzögerte Konzert begannen und launisch-verzweifelt ansagten, Dave sei irgendwo zwischen all den Kirchen verloren gegangen. Er wankte verspätet und lachend auf die Bühne und gab ein tolles, langes Konzert – mit Band. Typisch. Katastrophen und Gezeter führten zu spektakulären Abenden.

Danach, um 1992/93, flackerte die alte Hassliebe mit Nikki wieder auf, dieser konnte Dave überzeugen, mit etablierten Mitmusikern und ohne Epic, der längst nach Swamp Blues-Erfahrungen mit These Immortal Souls und Crime & The City Solution dem begnadeten Indie Soul zugesagt hatte, als neue Version der Jacobites wesentlich kraftvoller, gleichwohl deswegen auch mancher/manchem vielleicht zu rockistisch neu zu starten, seinen eventuellen Major Deal mit EMI nicht weiter zu verfolgen. Das aufwendig produzierte und sehr schmissige Comeback-Album „Howling Good Times“ (1993) kündete davon, danach kamen bei dem deutschen Label Glitterhouse Records die wiederum etwas folkig-verspielteren „Old Scarlett“ (1995) und „God Save Us Poor Sinners“ (1998) heraus. Daneben zahlreiche Compilations und Re-Releases mit zusätzlichen Songs und Versionen. Drum herum entstanden unzählige Seitenprojekte, Alben, Singles, Zusammenstellungen, Gastauftritte und Tourneen.

In den letzten Jahren spielte Dave mit den Tenderhooks und der Dave Kusworth Group, an denen u.a. die alten Weggefährten Dave Twist und Glenn Tranter teilhatten. Ferner wurden viele Gigs mit immer wieder durch deutsche, norwegische oder spanische Fan-Musiker gestaltete Bandversionen initiiert. So mutierte ja auch der hiesige Nachruf-Autor Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger vom exzessiven Hörer, vor allem mit seiner ersten großen Liebe, zum hinterherreisenden Fan und dann Merchandiser, Road Manager und Junge für alles. Wie er, von Dave auf den irrsinnigen, intensiven Tourneen quer durch Europa Anfang/Mitte der Neunziger unzärtlich Christoph „Pissed Off“ tituliert, das überleben konnte, weiß er nicht. ‚We were young‘.

 

Nikki und Dave hatten nicht nur Freunde, sie konnten als auf eine seltsam verschrobene Art gestrig oder aus der Welt oder am falschen Ort zur falschen Zeit, als merkwürdig feminin-androgyn und gleichzeitig leicht machohaft beschrieben werden. Sie haben mit Sicherheit zu viele Drogen konsumiert, um ein würdiges Altern im Rock’n’Roll zelebrieren zu können. Kusworth hat jedenfalls mit all seinen Bands doch auch einige Indie Evergreens und ohrwurmhafte Mini-Hits (von Kusworth u.a. „Kings & Queens“, „Shame For The Angels“, „Silver Street“, „Pin Your Heart To Me“, „Puppeteer’s Son“, „Threads“, „That Girl“, „For All The Perfect People“) zwischen Rock, Glam, Punk, Folk, New Wave, Jangle, Brit Pop, Indie und Alternative jenseits des blöden Stadion- oder Cock-Rocks geschaffen und performt und ganz nebenbei etwa Frisuren- und Mode-Antistile etabliert und damit einen Haufen sehr große Fans und Lookalikes weltweit hinterlassen. Mittlerweile werden die Jacobites etwa wieder von jüngeren Bands entdeckt und als Referenz genannt (zum Beispiel MGMT). Dabei waren sich Dave und Nikki treu geblieben und haben ihr volles Programm gnadenlos und mit allen Freuden und Risiken gelebt. Was man ihnen nicht nachsagen konnte, war Humorlosigkeit: In all ihrem erfolgreichen Losertum konnten Dave und Nikki auch viel (über sich selbst) lachen. Trotz ihres Images und ja auch Lebens von seufzenden Indie-Troubadouren, hatten beide eine gehörige Portion beißendem britischen Witz. Eine frühe der zahlreichen Compilations von Dave Kusworth etwa hieß „Champagne Eyes, Lemonade Pockets“. Letztlich passen ihre zu frühen Tode auf tragische Art zum luzid-ramponierten Lifestyle, einerlei ob Dave auch einfach mal gerne Tretboot in den Alpen fuhr oder Nikki mit dicker Hornbrille Romane tippte oder über (speziell britische und deutsche) Geschichte diskutierte.

Postskriptum:
Nach meinem sogenannten Vorsingen, also dem Bewerbungsvortrag für die Pop-Professur an der Uni Paderborn 2007 wurde ich anschließend nach meinem Lieblingsalbum gefragt. Ich sagte quasi-automatisch „Robespierre’s Velvet Basement“. Kaum eine Reaktion im Auditorium, eher ein halbleise unwissend lächelndes „Hm, ja, OK“ seitens des Fachpublikums. Weil kaum jemand dieses Album und seine Musiker kannte. Ist ja nicht schlimm. Ich würde es heute wieder nennen. Abends betrank ich mich damals mit meiner Freundin in der heimischen Küche zu den Klängen dieses Albums. Und weinte. Plötzlich machte alles Sinn. „But it’s alright, yeah, it’s alright. After all, it’s only children sleeping. Just my heart beating”, singt Kusworth hymnisch auf noch so einer traumhaften Heuler-Ballade „Only Children Sleeping“. Wie schreibt der „Wikipedia”-Eintrag zu den Jacobites aktuell so funkelnd unglamourös: „With Sudden’s death in 2006, and Kusworth’s in 2020, the band is now permanently defunct“. No more. Oder woanders. Dave. Machs gut. Bis dann. God save you, poor sinners!

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