Interview mit Kornelia Vossebein (Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin Stadtgarten Köln) über die European Jazz Conference 2026

„Wir alleine können zwar nicht die Welt retten, aber wir versuchen es“

(Photo: Niclas Weber)

 

Im September 2026 richteten der Stadtgarten Köln, die Monheim Triennale und die Cologne Jazzweek gemeinsam die European Jazz Conference aus. Für Kaput zieht die Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin des Stadtgarten Kornelia Vossebein Bilanz über vier Jahrzehnte europäischer Netzwerkarbeit, kulturpolitische Solidarität in Zeiten schrumpfender Etats und die Kunst, ein Konferenzprogramm ohne Überschneidungen zu kuratieren.

Im September 2026 wurde Köln nur kurze Zeit nach der Cologne Jazzweek bereits wieder für einige Tage zum Treffpunkt der internationalen Jazz- und Improvisationsszene: Gemeinsam richteten der Stadtgarten Köln, die Monheim Triennale und die Cologne Jazzweek die European Jazz Conference 2026 aus. Die Ausgabe fiel gleich mit zwei besonderen Jubiläen zusmmen, dem 40-jährigen Bestehen des Stadtgarten Köln und der der vierzigsten Mitgliederversammlung des Europe Jazz Network, das vor vier Jahrzehnten als überschaubarer Zusammenschluss von Spielstätten und Festivals begann und heute 208 Mitgliedsorganisationen aus 38 Ländern vereint.

Unter dem Motto „Who we are, what we stand for“ kamen rund 440 Teilnehmer:innen zusammen, um über faire Arbeitsbedingungen, ökologisches Touren und kulturpolitische Strategien in Zeiten leerer öffentlicher Kassen und erstarkender rechter Strömungen zu beraten, während auf den Bühnen der Stadt dreizehn Bands das aktuelle Geschehen der deutschen Szene präsentierten.

Kurz nach dem Ende der Konferenz sprach Thomas Venker mit Kornelia Vossebein, die als Nachfolgerin von Netzwerk-Mitbegründer Reiner Michalke seit vier Jahren den Kölner Stadtgarten leitet, über die gewachsenen Strukturen des Verbands, das Gefälle europäischer Förderlandschaften und den Zusammenhalt einer Szene über Ländergrenzen und Generationen hinweg.

Sera Kalo (Photo: Niclas Weber)

Zum Einstieg für alle, denen dieses etwas abstrakte Gebilde nicht im Detail vertraut ist: Was genau ist die European Jazz Conference, in welcher Tradition steht sie, und seit wann gibt es sie?

Kornelia Vossebein: Die European Jazz Conference gibt es als Konferenz seit vierzehn oder fünfzehn Jahren. Sie ist weltweit die bedeutendste Fachmesse des Jazz und der kreativen Musik und wird vom Europe Jazz Network ausgerichtet. Dieses europäische Netzwerk, kurz EJN, besteht seit mindestens vierzig Jahren und umfasst inzwischen 208 Mitgliedsorganisationen aus 38 Ländern, zu denen mittlerweile auch Israel oder Kanada gehören – Europa im erweiterten Sinne, wenn man so will.

Das Europe Jazz Network war damals und ist bis heute das größte und wichtigste kulturelle Netzwerk europäischer Art, das sich aus rein inhaltlichen Gründen zusammengefunden hat. Den Begründern des Netzwerks, zu denen schon sehr früh auch der Stadtgarten Köln gehörte, ging es tatsächlich um den inhaltlichen Austausch. Wir reden bei diesem Netzwerk über Veranstalter:innen, hauptsächlich Spielstätten und Festivals, inzwischen ergänzt um sogenannte National Organisations. Damals ging es ganz konkret darum, Künstler:innenaustausch zu ermöglichen oder gemeinsam Programme zu entwickeln – und eben nicht zuvorderst darum, ein Netzwerk zu gründen, um EU-Mittel zu akquirieren. Das kam erst viel später, weil man für eine solche Unternehmung natürlich irgendwann auch Geld braucht. Seitdem ist das Europe Jazz Network höchst produktiv und mittlerweile natürlich auch EU-gefördert.

Und wie ist aus diesem Netzwerk heraus die heutige Konferenz entstanden?

Kornelia Vossebein: Die Konferenz geht direkt aus der eigentlichen Mitglieder:innenversammlung hervor. Ich kenne das Netzwerk noch in viel kleinerem Rahmen, als es gerade einmal sechzig Mitgliedsorganisationen waren. Damals gab es die jährliche Mitglieder:innenversammlung, die genau wie heute die Konferenz durch Europa mäanderte und immer in verschiedenen Städten zu Gast war, in Oslo, Budapest und so weiter. Aber das war eben eine geschlossene Veranstaltung nur für die Mitglieder:innen, wie eine klassische Vereinsmitgliederversammlung.

Auch heute findet am Vorabend der öffentlichen Konferenz noch immer diese reguläre Mitglieder:innenversammlung mit dem ganz normalen Vereinsprozedere statt, bei der das Managing Board, also die Geschäftsstelle, über die vielen Projekte und Aktionen berichtet, die innerhalb des Netzwerks existieren. Lustigerweise war es jetzt im September in Köln genau die vierzigste Mitgliederversammlung, was wir vorher gar nicht wussten.

Wir haben im September also nicht nur 40 Jahre Stadtgarten, sondern auch vierzig Jahre EJN gefeiert. Wir hatten uns 2023 zu dritt – Monheim Triennale, Cologne Jazzweek und Stadtgarten – ganz gezielt wegen des Stadtgarten-Jubiläums für 2026 als Austragungsjahr der Konferenz beworben. Das passte wie die Faust aufs Auge, und wir waren sehr glücklich, als wir tatsächlich den Zuschlag bekommen haben. Da wussten wir noch nicht, dass auch EJN 40 wird…

Steht schon fest, wohin die Konferenz als Nächstes weiterzieht?

Kornelia Vossebein: Nach Sardinien, nach Alghero. Sie findet immer Ende September statt.

War nicht die Ausgabe vor Köln auch schon in Italien?

Kornelia Vossebein: Ja, in Bari. Das ist tatsächlich ungewöhnlich und aus ganz profanen Gründen so gekommen. Geplant war Dänemark, aber jetzt wird es eben Sardinien. Für 2028 steht das Land auch bereits fest, das wird immer mit relativ weitem Vorlauf geplant.

Ich frage bei Italien auch deshalb nach, weil die Wahl des Austragungsortes ja vermutlich auch die Inhalte mitprägt. Habt ihr in Köln die Themen aus eurem spezifischen Zuschnitt heraus selbst gesetzt, oder gibt die internationale Gruppierung das Programm vor?

Kornelia Vossebein: Es ist etwas dazwischen. Für Köln gab es ein zwölfköpfiges Programmkomitee. Das setzte sich zusammen aus interessierten Leuten aus dem Vorstand des Europe Jazz Network, dem Managing Board mit seinen drei Hauptamtlichen und uns drei Veranstaltenden hier vor Ort, also Reiner Michalke, Janning Trumann und meiner Wenigkeit.

Das Gute war, dass dieses Komitee unsere Grundidee aufgegriffen hat. Wir wollten eine Konferenz gestalten, die eine Art Standortbestimmung des Netzwerks vornimmt – daher auch das Motto „Who we are, what we stand for“. Um dafür kurz auszuholen: 2010 entstand in Budapest das sogenannte „Budapesto“, ein Manifest, das sehr komprimiert den Kern und die Haltung des Netzwerks deutlich macht. Darin steht, wofür wir – als Netzwerk und einzeln – einstehen: weltoffen, länderübergreifend, demokratisch, ohne Vorurteile, nicht rassistisch, inklusiv – eben essentielle Werte, die in Zeiten wie diesen aktueller denn je sind. Verfasst wurde dieses Manifest damals von zwei Leuten: Nod Knowles, der seinerzeit das Bath Festival in Großbritannien gemacht hat, und Reiner Michalke vom Stadtgarten.

Wir fanden es an der Zeit, diese sehr groß gewordene Konferenz – wir reden inzwischen über vier- bis fünfhundert Teilnehmende jedes Jahr – wieder auf die Kerninhalte des Netzwerks zu fokussieren. Im Programmkomitee haben wir dann gemeinsam diskutiert, wie der genaue Ablauf aussieht, welche Redner:innen eingeladen werden, wie viele Working Groups wir machen und welche Themen dort im Detail verhandelt werden. Das war eine echte Gemeinschaftsarbeit.

v.l.n.r.: Virgo Sillamaa, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Shabnam Parvaresh, Daniel Zimmermann, Eric-Birath (Photo: JS©)

Wie hat sich diese inhaltliche Fokussierung vor Ort übertragen? Gibt es bei so vielen Teilnehmenden eine Art Themenhierarchie zwischen den großen Panels für alle und kleineren Arbeitsgruppen?

Kornelia Vossebein: Ja, genau so ist es gedacht, denn mit vierhundert Menschen gleichzeitig kann man nicht diskutieren, das geht nur in kleineren Runden. Es gab zunächst die großen Panel Debates, die uns, wie ich finde, sehr gut gelungen sind. Die erste fand unter anderem mit Isabel Pfeiffer-Poensgen statt, der ehemaligen Kulturministerin hier in NRW, und mit Daniel Zimmermann, dem ehemaligen Bürgermeister von Monheim, der dort in Sachen Kultur und pädagogischer Kulturarbeit Hervorragendes geleistet hat.
Unter dem jeweiligen Oberthema gab es dann die Working Groups, die sich mit spezifischen Aspekten wie etwa Fair Pay und überhaupt Fair Play beschäftigt haben. Die größeren Gruppen umfassten vielleicht achtzig Leute, die kleineren zwanzig.

Und wie fließen die Ergebnisse aus diesen kleineren Räumen wieder zurück in die große Gruppierung? Ist das im Nachgang auch für Außenstehende einsehbar?

Kornelia Vossebein: Jede Working Group hat eine Moderation oder Leitung sowie eine Person für das Note-Taking, die alles mitschreibt. Außerdem wird alles auf Video festgehalten. Daraus entsteht im Nachgang immer eine ausführliche Dokumentation, in der sämtliche Ergebnisse zusammengetragen werden. Und über die Webseite des Europe Jazz Network sind solche Dinge auch öffentlich zugänglich – das ist ja nichts Internes oder Heimliches.

Neben den Diskussionsformaten ist die Konferenz für das gastgebende Land immer auch eine enorme Möglichkeit, die eigene Musikszene ins Schaufenster zu stellen. Wie habt ihr das Showcase-Programm für Köln aufgestellt?

Kornelia Vossebein: Zu jeder Konferenz gehört zwingend ein Showcase-Programm, bei dem das jeweilige Gastgeberland gefragt ist, die Speerspitze seiner Musikerinnen und Musiker auf die Bühne zu stellen. Das Netzwerk besteht ja aus Veranstalter:innen, deshalb präsentiert jedes gastgebende Land natürlich heimische Künstler:innen – die Belgier haben vor zwei Jahren in Gent belgische Gruppen präsentiert, die Italiener in Bari italienische, und für Sardinien hoffe ich sehr, dass sie dort einen Fokus auf die hochinteressante sardische Szene setzen, auf Tenores und stärker volksmusikalisch geprägte Ansätze.

Hier in Köln hatten wir für das Showcase-Programm ein sechsköpfiges Kurator*innenteam: neben uns dreien aus Köln waren das Annika Sautter, die das Jazzfest Leipzig macht, Louis Rastig, ehemals A L’ARME! Festival, und Marie Blobel von der Jazzwerkstatt Peitz. Genau wie wir uns vorgenommen hatten, die Konferenz auf Kernthemen zu fokussieren und nicht ausufern zu lassen, sind wir auch beim Showcase-Festival vorgegangen. Wir haben gesagt: Wir nehmen nur aktuell interessante Künstler:innen ins Programm, die auch tatsächlich „bookable“ sind – also fest existierende Gruppen, die ein Veranstalter auch wirklich einladen kann, und keine reinen Kunstprodukte oder einmalige Auftragskompositionen. Von der Besetzungsgröße her reichte das vom Duo bis zum dreizehnköpfigen Ensemble von Holly Schlott. Und wir haben den Zeitplan so gestrickt, dass nichts parallel lief und ein Besucher theoretisch jedes einzelne Konzert sehen konnte.

Chaerin Im (Photo: Niclas Weber)

Man hatte den Eindruck, dass dieses Programm nicht nur für die Fachbesucher:innen, sondern auch für die normale Kölner Stadtgesellschaft sehr greifbar war.

Kornelia Vossebein: Das sollte auch genauso sein. Das Gros des Showcase-Festivals war öffentlich, in den Sartory-Sälen zum Beispiel, um genau diese Sichtbarkeit in der Stadt herzustellen. Ausgenommen waren nur ganz wenige Konzerte, bei denen von vornherein klar war, dass die Kapazität nicht für einen freien Verkauf reicht: Bei uns ins JAKI etwa passen zweihundert Leute rein – wenn da die Teilnehmenden der Konferenz kommen, ist der Laden voll.

Bekommst du aus dem Nachgang der Konferenz schon mit, ob dieses Konzept für die Bands aufgeht und tatsächlich Folge-Bookings im Ausland entstehen?

Kornelia Vossebein: Das werden wir noch genau auswerten. Wir hoffen das sehr und haben alle Beteiligten aufgefordert, uns das rückzumelden. Das gehört auch zur eigenen Auswertung des Europe Jazz Network, das unter den Mitglieder:innen eine Umfrage durchführt, wie es ihnen gefallen hat.
Wir sehen dieser Auswertung extrem positiv entgegen, weil wir schon vor Ort unglaublich oft den Satz gehört haben: „Best conference ever.“ Unser Konzept ist komplett aufgegangen. Wir haben ja selbst schon genügend EJCs besucht, um genau zu wissen, welche Fehler wir vermeiden wollten und wie perfekt wir es haben wollten. In Köln hat alles ineinandergegriffen: das Festival-Hotel, das wir exklusiv nur für die Konferenzgäste hatten, die unmittelbare Fußnähe zum Konferenzort, überhaupt die Tatsache, dass alles fußläufig erreichbar war, und dazu ein herausragendes musikalisches Programm ohne Überschneidungen.

Ein exklusives Festival-Hotel bedeutet natürlich auch, dass im Grunde ein 24-Stunden-Konferenzprogramm läuft, weil man sich unentwegt über den Weg läuft.

Kornelia Vossebein: Exakt. Wie bei jeder Konferenz sind die Freizeiten, also die eigentliche Networking-Time, total wichtig. Viele Kontakte und Ideen entstehen ja gerade deshalb, weil man morgens gemeinsam frühstückt oder nachmittags zusammen einen Kaffee trinkt.

Gehst du selbst aus solchen Gesprächen und Begegnungen auch mit konkreten Programmideen für den Stadtgarten heraus, weil man sich plötzlich wieder an bestimmte Szenen oder Verbände erinnert?

Kornelia Vossebein: Aus den Gesprächen durchaus, und bei Konferenzen im Ausland vor allem aus dem Showcase-Programm. Unser eigenes Showcase-Programm hier in Deutschland hielt für mich persönlich natürlich weniger Überraschungen bereit, weil die meisten ohnehin schon im Stadtgarten gespielt haben. Bei den Ausgaben in anderen Ländern nimmt man aus den Showcases aber immer wieder Programmideen mit.
Was den vertieften kuratorischen Austausch angeht, muss man allerdings dazu sagen:

Die große Konferenz, die EJC, widmet sich übergeordneten Themen und ist inzwischen weniger der Ort für den reinen Fachaustausch derjenigen, die konkret das Programm machen. Bei der EJC sind neben den Festivals und Spielstätten viele National Organisations vertreten, also nationale Büros, die sich um die Stärkung und den Export der jeweiligen Szene kümmern, wie etwa Jazz Danmark – so etwas hat Deutschland leider nicht. Damit diejenigen, die als Kurator:innen tatsächlich verantwortlich Programme auf die Bühne bringen, künstlerisch in die Tiefe gehen können, gibt es innerhalb des EJN deshalb noch ein eigenes Format: die Artistic Exchange Platform, bei der sich drei- bis viermal im Jahr ausschließlich die Programmmacher:innen treffen.

Wie diskursiv muss man sich das Aufeinandertreffen auf der großen Konferenz vorstellen? Ist man dort vor allem unter Gleichgesinnten und definiert gemeinsame Wege, oder gibt es auch ernsthafte Reibungspunkte und Polaritäten?

Kornelia Vossebein: Im Grunde genommen beides. Das Gute am Europe Jazz Network ist zunächst einmal, dass es im Wesentlichen tatsächlich ein Netzwerk Gleichgesinnter ist. Deshalb betone ich immer so sehr, dass es ein Zusammenschluss von Veranstalter:innen und Supporter:innen ist – nicht von Künstler:innen und auch nicht von Agenturen. Dort sitzen diejenigen, die veranstalten oder unterstützen und die alle dieselben Sorgen, aber auch dieselben guten Seiten kennen, die es nun einmal mit sich bringt, wenn man eine Spielstätte oder ein Festival betreibt.

Als ich vor über zwanzig Jahren dazukam, war das für mich ein ganz wichtiger Blick über den Tellerrand, plötzlich festzustellen: Es gibt weltweit Menschen, die vor ganz ähnlichen Fragen stehen. Wie generiere ich Publikum für experimentelle, nicht-kommerzielle Inhalte? Welche Modelle gibt es fürs Fundraising? Welche kulturpolitischen Strategien verfolgt ihr in euren jeweiligen Ländern? Da gibt es enorm viele Gemeinsamkeiten. Gleichzeitig gibt es natürlich die kulturellen Eigenheiten der jeweiligen Länder – die gibt es ja oft schon innerhalb einzelner Metropolen. Die meisten im Netzwerk sind hochgebildete, politisch interessierte Kulturleute, und natürlich wird dort in den Panels und Gesprächen auch sehr ernsthaft und über unterschiedliche Auffassungen im Detail diskutiert.

Ein massiver Unterschied zwischen den Mitgliedsländern liegt ja in den ökonomischen Rahmenbedingungen und der Nähe zur Kulturförderung. Wenn man mit Kolleg:innen aus osteuropäischen Ländern spricht, in denen die Förderung viel schlechter aussieht, heißt es mit Blick auf Deutschland oft, wir lebten hier im Rosengarten – auch wenn sich das vor Ort natürlich ganz anders anfühlt. Wie geht das Netzwerk mit diesem Gefälle um?

Kornelia Vossebein: Das Netzwerk ist genau dafür da, dass die einzelnen Mitglieder:innen ohne Wertung miteinander über diese unterschiedlichen Bedingungen in ihren Ländern oder Kommunen sprechen können. Man schaut gemeinsam: Welche Ausgangsvoraussetzungen habt ihr, könnt ihr uns Tipps geben, was können wir voneinander lernen?

Ein kurzer Einschub aber an dieser Stelle: Nicht wenige der europäischen Länder haben eine stärkere Förderung der aktuellen Künste und somit auch der aktuellen improvisierten Musik als wir hier in Deutschland, wo das Gros ins kulturelle Erbe fließt.

Darüber hinaus gibt es innerhalb des Netzwerks ganz konkrete transnationale Zusammenarbeiten, bei denen einzelne Organisationen in den Lead gehen, also die Hauptverantwortung übernehmen. Das EJN fungiert dabei als Dachverband, der EU-Mittel für bestimmte Projektstränge oder thematische Linien verwaltet. Wenn sich Mitgliedsorganisationen aus drei, fünf oder acht verschiedenen Ländern – da gibt es die Abstufungen small, medium und large – mit einer gemeinsam tragbaren inhaltlichen Idee zusammentun, können sie direkt beim EJN Fördergelder für ihre Zusammenarbeit beantragen.

Ein lang existierendes Programm dieser Art ist zum Beispiel „Green Touring“. Dafür braucht es Mitgliedsorganisationen aus mindestens drei verschiedenen Ländern, die gemeinsam eine Band oder Künstlerinnen und Künstler einladen und die Tournee so planen, dass innerhalb Europas ausschließlich auf Zugdistanzen gereist wird – erlaubt sind maximal zwei Flüge, einer nach Europa hinein und einer wieder hinaus. Solche solidarischen Kooperationsmodelle sind im Netzwerk völlig selbstverständlich.

Hast du das Gefühl, dass diese Solidarität in Zeiten, in denen die Rahmenbedingungen selbst in wohlhabenderen Ländern spürbar prekärer werden, langsam bröckelt – oder rückt man angesichts der politischen Lage seit dem Budapester Manifest von 2010 eher noch enger zusammen?

Kornelia Vossebein: Eindeutig Letzteres. Es herrscht eine große Solidarität, und genau das war auch eines der wichtigsten Ergebnisse unserer Konferenz in Köln, die gemeinsame Feststellung: Wir müssen zusammenhalten. In Zeiten von Rechtsradikalismus und rigiden Staaten müssen wir zusammenstehen. Wir alleine können zwar nicht die Welt retten, aber wir versuchen es. (lacht) Denn das, was wir tun, ist a priori gefeit gegen Nationalismus und Rechtsextremismus. Das geht nicht im Jazz. Das schließt sich komplett aus.

Darüber hinaus bestärken wir uns gegenseitig in einer Lage, die finanziell fast überall schlechter wird. Auch in Deutschland sind die öffentlichen Kassen leer, wir beobachten allenthalben Kürzungen von Kulturetats, und das bei gleichzeitig steigenden Kosten. Das befindet sich im Moment alles auf keinem einfachen Weg, und auch deshalb müssen wir eng zusammenarbeiten und gemeinsam schauen, wie wir damit umgehen.

Was gibt dir mit Blick auf die Zukunft des Netzwerks dennoch Zuversicht?

Kornelia Vossebein: Zu sehen, wie verlässlich, produktiv, kreativ und stabil dieses Netzwerk ist – und wie lebendig es sich erneuert. Jedes Jahr kommen viele Jüngere dazu. Entweder gibt es Generationenwechsel und Nachfolgen in den bestehenden Häusern, so wie ich ja auch die Nachfolgerin des Gründers Reiner Michalke bin oder wie man es im Bimhuis in Amsterdam erlebt hat, oder es kommen ganz neue Mitglieder und sogar Neugründungen hinzu. Selbst die Cologne Jazzweek ist ja erst sechs Jahre alt.
Es ist toll zu beobachten, wie diese jüngere Generation Formate wie die Speed-Meetings nutzt, um im Vier-Augen-Gespräch diejenigen kennenzulernen, die wie Reiner Michalke, Xavier Lemettre oder Jan Ole Otnæs mehr oder weniger von Anfang an dabei sind.

Gibt es für deine eigene Arbeitspraxis im Stadtgarten einen konkreten Arbeitsauftrag, den du aus den Kölner Konferenztagen für die nächsten zwölf Monate mitgenommen hast?

Kornelia Vossebein: Ein neues Thema ist mir nicht aufgefallen, es geht jetzt eher darum, die wichtigen bestehenden Stränge – internationale Zusammenarbeit, Green Touring, gemeinsame Kompositionsaufträge, den Austausch von Residenzen und die kulturpolitische Vernetzung – konsequent weiterzuverfolgen. Das ist im Alltag durch unser Jubiläum und die Rolle als Ausrichter der Konferenz zwangsläufig ein wenig in den Hintergrund geraten und steht jetzt wieder voll auf der Tagesordnung.

Zum Schluss noch eine musikalische Frage, jenseits aller diplomatischen Gastgeberpflichten: Was war dein persönliches Konzerthighlight unter den dreizehn Showcase-Bands?

Kornelia Vossebein: Ich habe es schon völlig ernst gemeint, dass alle dreizehn Bands hervorragend waren – wir hatten das Programm ja bewusst sehr vielfältig gestrickt, von Elektronik über kammermusikalisch-landschaftliches Arbeiten bis hin zum fast schon großen Ensemble. Aber natürlich fand ich Holly Schlotts „Unique“ fantastisch, oder Evi Fillipou inEvitable. Und ich bin sehr stolz auf Luise Volkmann, die mein Vorschlag innerhalb des Showcase-Programms war. Sie hatte ohnehin ein tolles Jahr mit viel verdienter Anerkennung hinter sich, und bei ihrem Konzert in Köln kam noch hinzu, dass Max Andrzejewski, der langjährige Schlagzeuger ihres Trios, kurzfristig ausgefallen war. Für ihn ist Dominik Mahnig eingesprungen, sie hatten kaum Proben – und es war trotzdem ein herausragendes Konzert.

Konnie, danke für das Gespräch.

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