Interview mit Folly Ghost aka Max vom Berliner DJ-Kollektiv No Shade

DJ Folly Ghost: „Teil einer Gruppe zu sein, macht eine:n stärker“

Folly Ghost

No Shade ist ein Berliner Kollektiv, das seit knapp vier Jahren Mentoring-Programme für queere, weibliche, Trans- und non-binary-DJs anbietet, um größere Vielfalt in die noch immer cis-männlich-weiß-dominierte Clubszene zu bringen. Und das ziemlich erfolgreich: Im letzten Jahr spielten die No Shade-DJs ihre ersten Boiler-Room-Sets, außerdem sorgte No Shade für die Aftershow der großen Ausstellung “No Photos On The Dancefloor” im C/O Berlin. Doch dann kam Corona und veränderte auch für No Shade buchstäblich erstmal alles. Ein Gespräch – nicht nur über Covid-19 -–mit DJ Folly Ghost aka Max, der vor einigen Jahren aus Rio de Janeiro nach Berlin kam und zum No Shade-Kollektiv gehört.

Wann bist du zu No Shade gekommen?
Max / Folly Ghost: Ich bin Anfang 2019 dem Mentoring-Programm beigetreten. Zu diesem Zeitpunkt war jede:r, der/die dem Programm beitrat, automatisch in das Kollektiv aufgenommen. Zu einem Kollektiv zu gehören, kann auf verschiedene Weisen vorteilhaft sein. Teil einer Gruppe zu sein, macht eine:n stärker.

Was genau bietet No Shade an – werden Anfängern DJ-Kenntnisse vermittelt? Eher Technisches oder wird man auch darin unterstützt, einen eigenen Stil zu finden?
Max: No Shade begann als Kollektiv, das Anfänger-DJs als Mentoren betreute. Wir beenden das Programm immer mit einer Abschlussparty mit den Mentees, No Shade-Kernmitgliedern und einem Headliner. In der letzten Runde gab es zum ersten Mal ein Parallelprogramm zum DJ-Mentoring, das sich auf die visuelle Gestaltung des Clubs konzentrierte. Wir eröffneten zwei Spots für dieses neue Training, das VJing und Licht umfasste. Wir schlossen auch Vorträge und Vorlesungen über die Industrie, PR und andere relevante Themen ein, die dazu beitragen, die Karrieren der Mentees zu fördern, die in früheren Versionen des Programms nicht beinhaltet waren. Die Sitzungen können je nach Mentor und Mentee, entsprechend der Beziehung, die sie gemeinsam entwickeln, und dem Grad des technischen Vorwissens der Mentees sehr unterschiedlich ausfallen. Im Moment konzentrieren wir uns mehr auf Kollaborationen und unsere Residency in der Factory Berlin. Deshalb gibt es noch keinen Termin für eine nächste Runde, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir dieses Jahr noch eine machen werden. Ich würde sagen, dass die Pandemie in hohem Maße dafür verantwortlich ist, dass wir das Mentoring-Programm für eine Weile aussetzen.

Der Begriff „No Shade“ bezieht sich auf die Voguing-Szene* – „to throw a shade“ steht im Voguing für eine Beleidigung, einen Diss. Hast du Verbindungen zu Vogue-„Houses“?
Ich selbst habe keine Verbindungen zu einem bestimmten House, aber Carmel, einer der Gründer, ist Tanzlehrer, Choreograph und ein sehr aktives Mitglied der Tanzszene.

Hattest du schon Erfahrung als DJ, bevor du zu No Shade kamst?
Ein wenig. Ich habe ein paar Mal in Brasilien und einmal in Berlin gespielt, meist auf kleinen Partys. Einmal war ich im selben Line-up wie Diplo in Rio de Janeiro, weil jeder andere DJ auf dieser Party sein Set sehen wollte und sie jemanden brauchten, der den zweiten Floor bespielt. Damals wusste ich so wenig, dass jede Gelegenheit zum Üben eine gute Gelegenheit war, aber erst nach dem Mentoring-Programm nahm ich das DJing ernster.

Hast du Signature-Tracks? Welchen Song spielst du, um die Dinge in Gang zu bringen?
Einige Tracks bleiben für eine Weile bei mir: einer der Tracks, die ich viel gespielt habe, ist „Chocolate“ von Jesse Rose & Troze.

Hattest du Vorbilder, als du mit dem Auflegen anfingst?
Ich neige nicht dazu, Menschen zu vergöttern, aber es gibt schon eine Menge DJs, die ich bewundere. Zum Beispiel Evehive von Bandida Coletivo, Tahyana von NAAFI, Sherelle und Iasmin Turbininha.

Würdes du sagen, dass sich die Akzeptanz für und die Sichtbarkeit von nicht-binären Menschen in den letzten Jahren verbessert hat – oder ist dies ein Mythos, der nur in Großstädten wie Berlin lebendig ist?
Ich denke, dass Sichtbarkeit nicht unbedingt Akzeptanz und Inklusion bedeutet. Nur weil manche Leute dich nicht mehr als Freak bezeichnen, heißt das nicht, dass du plötzlich in die Gesellschaft eingegliedert bist. Soziale und politische Strukturen müssen sich stark verändern, damit nicht-binäre Menschen genauso respektiert werden wie alle anderen. Die Leute wissen, dass es dich gibt, aber sie pflegen immer noch ausschließende Praktiken wie die Frage „wie heißt du wirklich?“, oder fragen nach den Pronomen einer Person nur dann, wenn sie androgyn dargestellt wird; oder Fragen nach Geschlechtsunterschieden und so weiter. Außerdem erlaubt Berlin weder mir noch irgendjemandem eine Identifikation mit einem Geschlecht, das anders ist als männlich oder weiblich. Wenn man also nicht bürokratisch existieren kann, ist es schwieriger, überhaupt zu existieren und gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Wir haben genug Hashtags, wir brauchen mehr Politik!

Viele weibliche und non-binary DJs wollen nicht mehr über Gender sprechen, weil sie sich für ihre musikalischen Fähigkeiten unterschätzt fühlen. Kannst du das nachvollziehen?
Alibifunktion ist etwas, das jede Randgruppe erleben muss. Natürlich wollen Frauen, Transsexuelle oder People of Color nicht wegen ihrer Identität gebucht werden, jeder DJ will wegen seines Talents gebucht werden. Tokenism nimmt den Menschen das, was sie sind, und sie werden nur zu einem Label. Einige Plattformen/Clubs glauben, dass sie aktuelle Anforderungen aufgreifen, wenn sie eine „Sonderausgabe“ machen, in der sie eine bestimmte Randgruppe buchen, wie zum Beispiel einen speziellen BLM-Tag. Sie laden nur Schwarze ein, an diesem Abend zu spielen – und in der nächsten Woche kehren sie zum regulären Programm zurück, bei dem nur Nichtschwarze eingeladen werden. Das ist performative allyship. Positiv anzumerken ist allerdings, dass sich die Menschen meines Erachtens allmählich etwas bewusster darüber werden, was Inklusion ist und was nur ein Versuch ist, inklusiv zu wirken, so dass Plattformen nicht so leicht mit diskriminierenden Prozessen davonkommen.

Es heißt ja immer wieder, dass die Clubkultur liberal und offen sei – stimmst du dem zu?
Ich glaube nicht, dass das ganz richtig ist. Es gibt viele Techno-Parties, die behaupten, vielfältig und offen zu sein, aber je weiter du als Person vom Bild eines weißen cis-Schwulen entfernt bist, desto weniger wirst du dich einbezogen fühlen. Das fängt schon in der Schlange an – die meisten Clubs haben eine Türpolitik, bei der ein großer, muskulöser, einschüchternder, meist weißer cis-Mann entscheidet, wer hineingeht und wer nicht. Das führt oft zum Ausschluss von BPOC-Personen und nimmt ihnen gleichzeitig das Recht, das Geschehen als Rassismus zu bezeichnen. Wenn man sich offen darüber äußert, dass man wegen seiner Hautfarbe nicht hineinkommt, kommt der Club gewöhnlich mit der Behauptung davon, dass die betreffende Person lediglich nicht „cool genug“ war, um hineinzukommen, auch wenn es eindeutig ein Muster gibt. Wenn man erst einmal drin ist, ist klar, für wen die Party wirklich ist. Diese Räume sind stolz darauf, so offen zu sein, aber in Wirklichkeit reproduzieren sie nur alte konservative und diskriminierende Strukturen wie künstliche Verknappung (Raum/Leute), oder den Einsatz von Weißsein und Männlichkeit als gewalttätige Autorität und rassistische Ausgrenzung.

In den vergangenen Wochen wurde feiernden Leuten häufig vorgeworfen, in Zeiten der Pandemie „zu hedonistisch“ zu sein – was sagst du?
Wenn die Zahl der Infektionen nicht so schwindelerregend hoch ist, dass ein strikter Lockdown erforderlich ist, gibt es meiner Meinung nach Möglichkeiten zum Feiern, die die Sicherheit der Menschen nicht gefährden, wenn die Hygienevorschriften eingehalten und verstärkt werden. Ich habe vor kurzem die Veranstaltung von No Shade für den Tag der Clubkultur kuratiert und organisiert (ein Festival zur Feier der Clubkultur am Tag der Wiedervereinigung), und ich bewundere wirklich die Mühe, die darauf verwendet wurde, dass für alle Veranstaltungen strenge Vorschriften galten. Das zeigt, dass in Berlin weiterhin Veranstaltungen stattfinden könnten, solange wir kohärente Regeln aufstellen und uns an diese halten. Ich tadle unverantwortliche Zusammenkünfte, bei denen Sicherheitsbedenken außer Acht gelassen werden.

Etwas persönlicher: Wie hast du die letzten Monate überstanden?

Es war ein sehr hartes Jahr für viele Menschen, und ich bin da keine Ausnahme. Kurz bevor es richtig schlimm wurde, war ich nach Brasilien gereist, um meinen rechtlichen Namen zu ändern und auf Tournee zu gehen. Die Tour wurde abgesagt, ich durchlebte einen bürokratischen/biologischen Alptraum, um meinen Namen ändern zu dürfen. Am Ende durfte ich niemanden mehr sehen und musste mit Einschränkungen klarkommen, die ich noch nie zuvor erlebt habe. Ich musste einen ganzen Monat allein in einer Wohnung verbringen, das fordert auf jeden Fall einen Tribut an die psychische Gesundheit. Alles in allem war ich immer noch in einer besseren Verfassung als die meisten Menschen dort. Ich fühle mich aus vielen Gründen wirklich gesegnet, zum Beispiel weil ich nach Berlin zurückkehren konnte und Unterstützung von sehr guten Freunden hatte. Ich versuchte, ein Gleichgewicht zu finden: mit anderen in Verbindung zu bleiben und im Augenblick zu leben, weil man ja nichts planen konnte. Ich hörte viel Musik und konzentrierte mich darauf, buchstäblich von Tag zu Tag zu leben. Als die Einschränkungen gelockert wurden, wurde es viel leichter, damit zurechtzukommen. (wir sprachen Anfang Oktober – inzwischen sind die Auflagen ja wieder strenger geworden, Anm. cm)

Wie sehen die Pläne für die Zukunft von No Shade aus? Vorausgesetzt, dass es Clubs noch geben wird…
Wir arbeiten derzeit an No Shade TV, einem Youtube-Kanal, der ein Gemeinschaftsprojekt ist und ein Programm mit Musik, Tanz, Dokumentarfilmen, Kochen, Tutorials und mehr bietet. Wir beabsichtigen, ihn Ende Oktober zu starten.

Wie wird deine Rolle aussehen?
No Shade TV wird eine Vielzahl von Shows mit verschiedenen Themen haben. Im Moment kuratiere und organisiere ich eine Talkshow, die von den aktuellen weltweiten Veränderungen in der Gesellschaft durch die Pandemie und das wachsende politische Bewusstsein inspiriert ist. Ich möchte Debatten über neue Wege der Organisation, des Lebens und der Interaktion miteinander anregen, da wir einen Moment der Zäsur erleben.
Abgesehen davon führe ich zusammen mit Sara Fumaça die AV-Mixe an: Dabei handelt es sich um eine Reihe von audiovisuellen Mixen, bei denen ein DJ oder Tonkünstler mit jemandem zusammenarbeitet, der die visuelle Umsetzung übernimmt. Das kann ein Videofilmer, Motion Designer, Illustrator usw. sein. Wir legen bei dieser Serie den Schwerpunkt auf internationale Zusammenarbeit, da sich die beteiligten Leute ja nicht im selben physischen Raum befinden müssen. Wir sind alle ziemlich aufgeregt über die neue Plattform und die Inhalte, die wir auf ihr präsentieren werden!

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