Interview mit Dina Pascal & Max Brudi / Local Suicide / Dina Summer

Local Suicide / Dina Summer: „Die Grenze zwischen Arbeit und Hobby verschwimmt oft“

Local Suicide (Photo: Petra Ruehle)


Sagen wir es mal gleich mit einem emotionalen Superlativ: Die Berliner Musikszene kann man sich nur schwerlich ohne Dina Pascal aka Vamparela und Max Brudi aka Brax Moody vorstellen, dazu sind die beiden nicht nur zu omnipräsent, sondern vor allem jederzeit euphorisch und neugierig auf neue Sounds. Aktueller sind gleich zwei Platten mit ihrer Beeilung erschienen: „Eros Anikate“ (unter dem Duo-Signet Local Suicide) sowie „Rimini“ (unter dem Bandimprint Dina Summer). 

Am kommenden Freitag, den 22. Juli treten Dina Summer gemeinsam mit Die Selektion im kaputen Köln im Luxor auf. Das sollten sich alle Rheinländer:innen nicht entgehen lassen.

 

Local Suicide beim Berlin Festival

Max, Dina, man kennt Euch als Power-Couple der Berliner Musikszene, fast jedes Wochenende irgendwo am Auflegen und im Gegensatz zu vielen anderen Nachteulen unter der Woche beruflich eingespannt und als Produzent:innen aktiv.
Was fällt Euch zum Stichwort Life/Work-Balance ein?

Local Suicide: Das ist schwierig zu beantworten, weil sich unser ganzes Leben um die Musik dreht. Wir haben beide Vollzeitjobs in der Musikbranche, arbeiten dann meist bis spät Nachts an unseren eigenen Projekten und sind fast jedes Wochenende für Gigs unterwegs. Da verschwimmt dann oft die Grenze zwischen Arbeit und Hobby.
2022 war noch etwas intensiver also sonst, weil wir innerhalb von sieben Wochen gleich zwei Alben veröffentlicht haben. Erst unser Local Suicide Debütalbum ‘Eros Anikate’ auf unserem eigenen Label Iptamenos Discos und dann letzte Woche noch das erste Album ‘Rimini’ von unserem Nebenprojekt Dina Summer (mit Kalipo von Frittenbude). Außerdem hatten wir noch vor Corona einige EP’s und Remixes geplant, die auch dieses Jahr auf verschiedenen Labels erschienen sind.
Wir sind aber auf jeden Fall super happy, wie die Alben angenommen wurden, hoffen zugleich aber, dass der Rest des Sommers etwas entspannter wird und wir auch endlich wieder dazu kommen an neuer Musik zu arbeiten.

In der Blue Lagoon, Iceland


Zudem seid ihr auch ein Paar – macht dies die künstlerischen Prozesse leichter oder…?

Local Suicide: Wir sind seit fast 15 Jahren ein Paar und haben uns musikalisch und auch in allen sonstigen potentiellen Streitpunkten gut eingepegelt. Wenn es dann doch mal kracht ist das meist schnell wieder vergessen. Beim musizieren lassen wir uns gegenseitig viel Freiraum, kommunizieren sehr offen und ehrlich; wir kennen die Stärken und Schwächen des anderen. Wir haben aber sowieso einen sehr ähnlichen Musikgeschmack, so dass es da eigentlich keiner großen Kompromisse benötigt.

Während andere durch Covid und die sozialen und persönlichen Folgen ins Stolpern gekommen sind, scheint ihr die Zeit emotional gut überstanden zu haben, zumindest deuten die zwei gerade bereits angesprochenen Album Veröffentlichungen darauf hin.
Wie verhalten sich die Projekte für Euch inhaltlich-ästhetisch zueinander?

Local Suicide: Der komplette Stillstand, die Ungewissheit und die Absage von vielen Gigs, auf die wir uns gefreut hatten, war schon heftig, wir haben uns dann aber schnell dazu entschlossen, das Beste aus der neuen Normalität zu machen und endlich alles anzugehen, was wir schon seit langem auf dem Zettel hatten, aber davor zeitlich einfach nicht hinbekommen haben. Wie beispielsweise unser eigenes Label zu gründen und auch endlich mal ein Album zu veröffentlichen.
Das Dina Summer Album war schon vor der Pandemie fertig, wurde aber immer wieder verschoben.
Beide Projekte haben natürlich musikalische und auch ästhetische Ähnlichkeiten, der Hauptunterschied ist aber, dass wir als Local Suicide nur DJ Sets (oder manchmal Hybrid Sets mit Live Vocals) spielen und Dina Summer als klassisches Live-Band-Projekt aufgestellt ist. Der Sound von Dina Summer ist auch etwas melodischer und disco-ider als Local Suicide, wo wir auch viel düstere Wave Songs veröffentlichen.

Könnt ihr sagen, warum ihr neben dem mit Musik arbeiten und auflegen auch mit dem Produzieren begonnen habt?

Local Suicide: Wir haben schon als Jugendliche in Indie Bands gespielt, das dann aber beide parallel für ein paar Jahre ruhen lassen und erst um 2008 gemeinsam angefangen, wieder Musik zu machen. Anfangs haben wir nur mit ein paar kleinen Synths und Drumcomputern, zuhause gejammt – und das mit einen Tape Recorder aufgenommen. Irgendwann haben wir dann festgestellt, dass wir eigene Veröffentlichungen brauchen, um mehr Reichweite und größere DJ Auftritte zu bekommen, deswegen haben wir dann ab circa 2012 unser Studio gebaut und dort vermehrt Zeit verbracht.
Unsere erste gemeinsame Veröffentlichung ‘We Can Go Everywhere’ ist 2014 auf Bordello A Parigi erschienen. Seit dem haben wir über 120 Tracks und Remixes auf 30+ Labels veröffentlicht.

Angkor Wat, Cambodia


Gab es dabei Künstler:innen, die Euch inspiriert und / oder unterstützt haben?

Local Suicide: Zu unseren größten Einflüssen zählen 80er New Wave, Italo Disco und 00er Electro und Electroclash Acts. Vorne mit dabei sind bestimmt The Hacker & Miss Kittin, Black Strobe, Vitalic, Peaches, Nine Inch Nails, The Chemical Brothers, The Cure, Depeche Mode, Fad Gadget & Trevor Jackson. Wir haben immer schon viel mit befreundeten Produzent:innen kollaboriert, von denen wir unendlich viel gelernt haben, und ohne die wir nie so weit gekommen wären. Das waren Anfangs vor allem Rodion, Lee Stevens & Mijo, später dann Theus Mago, Thomass Jackson, Alejandro Paz, Inigo Vontier, und in letzter Zeit vor allem Kalipo, Curses, Skelesys, Wiener Planquadrat und Franz Matthews. Wir hatten immer das Glück Künstler:innen wie beispielsweise Asaf Samuel, Chloé oder Chris Ex mit dem selben Mindset zu finden, die an uns geglaubt haben, uns tatkräftig unterstützt haben und denen wir immer dankbar sein werden!

Trip to Rimini mit Kalipo (Photo: Matteo Rabaiotti)


Ich sprach es an, bei Dina Summer gibt es noch einen dritten Mitstreiter im Bunde. Empfindet ihr den Arbeitsprozess als arg anders dadurch als wenn ihr als eingestelltes Duo agiert? Und falls ja könnt ihr das ausführen?

Max Brudi: Wir haben schon immer gerne mit Freund:innen kollaboriert, es funktioniert nicht immer mit allen gut, aber mit Kalipo lief es von Anfang an perfekt. Wir teilen dieselbe musikalische und ästhetische Vision, haben die selben Vorbilder, und verstehen uns auch auf persönlicher Ebene super. Er spielt so ziemlich jedes Instrument das man ihm vorsetzt und ist ein Produktionsgenie! Der Arbeitsprozess unterscheidet sich schon deutlich von unseren Local Suicide Produktionen, weil Kalipo den Löwenanteil beisteuert, trotzdem schätzt er unseren Input und hilft uns auch dabei, uns musikalisch zu entfalten.

Für Local Suicide habt ihr – obwohl so gut wie kaum jemand im contemporary Musikbetrieb vernetzt – mit Iptamenos Discos ein eigenes Label gegründet. Warum?

Max Brudi: Das hat mehrere Gründe, wir wollten die volle Kontrolle über Timings, Designs und Musik von unseren eigenen Veröffentlichungen zurück bekommen, nicht abhängig von anderen Labels sein und nicht so viel Zeit mit der Labelsuche verlieren. Außerdem war es teilweise schwierig für uns mit anzusehen, wie wenig Ahnung viele kleine Boutique Labels von der Musikvermarktung und Promotion haben: wir waren enttäuscht, dass die meisten Indie Labels einfach keine Royalties zahlen und sogar nicht mal Abrechnungen schicken.

Mit der wichtigste Punkt war aber, dass wir fast täglich Songs von befreundeten Produzent:innen geschickt bekommen, denen es schwer fällt, ein passendes Outlet für ihre Musik zu finden. Gerade für aufstrebende junge Musiker:innen ist das eine Riesenhürde. Unser Grundsatz bei Iptamenos Discos ist es nicht auf Social Media Following oder potentiellen kommerziellen Erfolg zu achten, sondern die A&R Entscheidungen ausschließlich auf unserem Gefühl basieren zu lassen und unser Bestmöglichstes zu geben, die Künstler aufzubauen. Bisher hat das super geklappt und wir sind sehr stolz auf den Erfolg von Wiener Planquadrat, Dina Summer und Boys’ Shorts.

Local Suicide in der Wilde Renate, 2014


Ihr seid unter dem Local Suicide Imprint in den vergangenen Jahren viel um die Welt getourt. Oft wurdet ihr dabei als Repräsentanten des Sounds of Berlin angekündigt?
a) Wie fühlte sich das für Euch an?
Und b) Was verbindet ihr mit dieser Zuschreibung?

Max Brudi: Wir wohnen seit über 15 Jahren in Berlin und die Musik. die wir produzieren und auflegen, ist daher natürlich schwer von Berlin beeinflusst. Wir glauben aber, dass es keinen klassischen „Berlin Sound“ gibt. Es gibt so viele verschiedene kleine Szene-Bubbles in der Stadt und gefühlt für jedes kleine Subgenre mindestens einen eigenen Club. Wenn Berlin für was steht, dann für kulturelle Vielfalt und Offenheit – und das ist auch das, was uns an der Stadt so gefällt und was uns so inspiriert.
Wir sind bekannt dafür, dass wir die Genre-Grenzen sprengen und gerne mal in einem Set ein Italo Disco, New Wave, House, Acid und Electro spielen und relativ Trend-resistent sind. Falls das die Definition von Sound Of Berlin ist dann nehmen wir das gerne an 😉

Berlin hat sich im vergangenen Jahrzehnt massiv verändert. Die Stadt wurde internationalisiert und dadurch auch fast gänzlich gentrifiziert, vom DIY Spielplatz der 90er und frühen Nullerjahre ist jedenfalls kaum was übrig geblieben. Wie geht es Euch mit dieser Entwicklung?

Max Brudi: Berlin ist eine total andere Stadt als noch vor 15 Jahren. Viele Veränderungen gehen unserer Meinung nach in die falsche Richtung. Neben der heftigen Mietsteigerungen, die es immer schwieriger für Künstler:innen macht ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, sind es auch die Überkommerzialisierung und Entwicklung hin zum Mainstream von Elektronischer Musik, die wir verurteilen sowie die ganzen bescheuerten Regeln (keine Fotos in Clubs) und die strenge Türpolitik, die es noch vor einigen Jahren so nicht gab. Trotzdem lieben wir die Stadt und können uns momentan nicht vorstellen hier wegzuziehen.

 

Auf dem Forte Festival mit Mute Chef Daniel Miller, Dianne und Helena Hauff

 

Wo seht ihr aktuell in der Stadt (aber auch generell) die spannendsten musikalischen Entwicklungen?
Welche Künstler:innen haben Euch zuletzt am nachhaltigsten begeistert?

Max Brudi: Wir waren dieses Jahr wirklich viel unterwegs und haben nicht so viele Clubs oder Konzerte besucht, deswegen bekommen wir vermutlich nicht mehr so viel mit. Wir haben das Gefühl. dass die Dark-Disco- und Darkwave-Szene gerade in Berlin aber auch international einen riesigen Aufschwung erfährt. Einige unserer aktuellen Lieblingskünstler:innen sind: Rodion, Curses, Theus Mago, Cornelius Doctor, Arnaud Rebotini, Red Axes, The Hacker & Miss Kittin, Vitalic, Die Selektion, She Past Away, The KVB, Skelesys, Moderna, Joyce Muniz, Kris Baha, Damon Jee, Franz Scala, Chloe, Optimo, Sean Johnston, Ivan Smagghe uvm.

Hanoi


Ich möchte nochmals zur Einstiegsfrage zurück kommen: Max, du bist ja im Tagesgeschäft für die Deutschland Aktivitäten von Ninja Tune zuständig, wie kriegt man das denn on top zu zwei eigenen künstlerischen Projekten gewuppt. Verrat uns dein Geheimnis.

Max Brudi: Das ist schon teilweise grenzwertig und der Raubbau an meinem Körper und meiner Psyche zeigt erste Spuren, ich mache das aber alles mit Leidenschaft, deswegen fühlt sich mein Job für die Labels aber auch unsere eigenen Projekte meist nicht wie Arbeit an. Generell arbeite ich sehr schnell und strukturiert und benutze viele Tools. Glücklicherweise habe ich natürlich auch Dina die mich bei allem unterstützt und super viel abnimmt.

Dina, Max, aktueller Lieblingstrack von jedem von euch.

Dina Pascal: Letztens hab ich den Song „Vienna“ von Ultravox wieder entdeckt, den höre ich momentan jeden Abend vor dem schlafen gehen

Max Brudi: Mein aktueller Lieblingstrack erscheint leider erst im Januar 2023 auf unserem Label, den reiche ich dann gerne nach. Aktuell höre ich oft die aktuelle Single „Im Dschungel“ von Wiener Planquadrat – dazu gibt es auch ein witziges Video:

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