HAU Hebbel am Ufer – Interview mit Annemie Vanackere, Sarah Reimann und Tobias Schurig

„Die soziale Verantwortung ist wichtiger geworden“

HAU Hebbel am Ufer, Berlin. Neueröffnung unter der Intendanz von Annemie Vanackere am 01.11.12 (Photo Marcus Lieberenz)

Das HAU Hebbel am Ufer (kurz HAU) hat sich seit seiner Eröffnung zur Spielzeit 2003/2004 als nicht mehr wegzudenkender Berliner Kulturort etabliert. Das Programm des seit 2012 von Annemie Vanackere geführten Hauses ist geprägt von sehr vielen Eigenproduktionen und umfasst neben Theater-Veranstaltungen auch Performance-, Tanz-, Musik-, Bildende Kunst- und Diskurs-Veranstaltungen. Das Haus unterhält drei Venues (HAU1, HAU2, HAU3) sowie neuerdings die Digitalbühne HAU4.

Annemie Vanackere (Photo: Dorothea Tuch)


Annemie Vanackere

Annemie Vanackere ist 2012 nach Berlin gezogen, um als neue Intendantin am HAU Hebbel am Ufer die Nachfolge von Matthias Lilienthal anzutreten. Ihre künstlerische Leitung ging mit der Spielzeit 2012/2013 los. Vanackere kommt ursprünglich aus der Theaterproduktion und war vor dem HAU von 1993 bis 1995 am Nieuwpoorttheater in Gent und von 1995 bis 2011 an der Rotterdamse Schouwburg, wo sie als künstlerische Leiterin tätig war. 
Sie definiert das HAU als ein Produktions- und Gastspielhaus, eine Anker-Institution für die Freie Szene mit multiplen Stimmen, die international und interdisziplinär ausgerichtet ist.
Gemeinsam mit Sarah Reimann hat sie den Band “Utopie und Feminismus, Reihe HKW – 100 Jahre Gegenwart Band 008“ herausgegeben, der bei Matthes & Seitz erschienen ist.

Sarah Reimann (Photo: Dorothea Tuch)

Sarah Reimann

Sarah Reimann ist ebenfalls seit 2012 am HAU. Ihr hausinterner Weg führte über die Programmassistenz zur Dramaturgie (was sie auch studiert hat und wozu unter anderen die Zuständigkeit für Kooperationen in der Stadt und mit politischen Initiativen gehörte) hin zur digitalen Bühne HAU4, für deren Programm sie sich aktuell als Kuratorin verantwortlich zeichnet.
Tobias Schurig
Tobias Schurig hat 2019 am HAU als Musik-Kurator angefangen und verfolgt in seiner Programmierung des Musikprogramms einen interdisziplinären und vielschichtigen Ansatz.

Tobias Schurig (Photo: Dorothea Tuch)

Tobias Schurig


Tobias Schurig hat 2019 am HAU als Musik-Kurator angefangen und verfolgt in seiner Programmierung des Musikprogramms einen interdisziplinären und vielschichtigen Ansatz.


Annemie, Sarah, Tobias, vielen Dank, dass Ihr Euch die Zeit für das Gespräch nehmt. Zunächst würde mich interessieren, wie die Diskursprozesse in den Gremien im Haus ablaufen? Aus dem Programm würde ich ableiten, dass die Zäune zwischen den Sparten bei Euch sehr weich sind.

Annemie Vanackere: Ich muss das Wort Gremium sofort streichen. Das passt überhaupt nicht zu uns. Das klingt so nach Behörde. (lacht)
Das war von Anfang an mein Anliegen aber auch das Anliegen von uns allen – es gibt neben der stellvertretenden künstlerischen Leitung, Aenne Quiñones, auch einen Tanz-Kurator, Ricardo Carmona, sowie eine Kuratorin für Theorie und Diskurs: Margarita Tsomou. Wir sind alle sehr interessiert aneinander – an unserem Denken und jeweiligen künstlerischen Geschmack. Da gehört es natürlich dazu, dass man nicht sagt: „Das ist Tanz, da darfst du nicht reinreden. Oder das ist Musik…“

Ist es dann auch so, dass man tatsächlich sehr oft bemerkt, dass man am Ende an Projekten gemeinsam arbeitet?

Sarah Reimann: Wir arbeiten wirklich oft an größeren Projekten zusammen, also wenn es beispielsweise um Festivals geht. Da überlegen wir uns gemeinsam ein Thema und versuchen, aus allen Disziplinen etwas dazu beizutragen. Beispielsweise bei unseren Digital-Festivals „Spy on Me“ oder aktuell mit dem Mehringplatz in der Nachbarschaft, wo wir gemeinsam mit den Bewohner:innen für den Sommer ein größeres Programm planen.

Annemie Vanackere: Zuständigkeiten gibt es natürlich, sonst würden wir alle verrückt werden. Ohne Arbeitsteilung geht es nicht. Aber gemeinsam an diesen Festivals zu arbeiten, das ist schon eine Freude. Und das schon seit vielen Jahren, da denke ich zum Beispiel an „Männlich Weiß Hetero – Ein Festival über Privilegien“ im Jahr 2015.

Sarah Reimann: Dafür ist das HAU auch von den Räumlichkeiten her ein toller Ort, da wir ja drei Bühnen haben, die sich dann auch noch in Größe und architektonischer Form sehr unterscheiden. Zudem kann man im Foyer eine Ausstellung machen oder noch eine Party danach. Man kann diese Festivals also wirklich bauen und das Programm verteilen.

Ich trage aktuell das Festivalbändchen vom CTM, auch wenn es leider eher ein symbolischer Akt ist, da das Programm dieses Jahr ja sehr abgespeckt ausfallen muss aufgrund der Pandemie. Ein nicht unwesentlicher Teil des CTM findet normalerweise im HAU1 und HAU2 statt und führt dabei das Publikum, das primär aus der Musik kommt, auch an Tanzproduktionen heran – für mich immer sehr beeindruckend, vielleicht auch da ich sie sonst eher selten besuche. Es finden aber auch Ausstellungen und Diskussionen während des CTM hier im Haus statt, es kommen also alle diese Momente zusammen, die ihr beschrieben habt. Es gelingt – und das geht mir mit dem HAU Programm in Gänze ebenso –, dass man die Disziplinen nicht mehr getrennt wahrnimmt, sondern als drei, vier Programmpunkte eines Festival, das man sich anschaut ohne in den Boxen zu denken. Ist das der Idealzustand?

Tobias Schurig: Wir schauen auf rund 12 Jahre zurück, in denen das CTM hier im Haus stattfindet. Das Festival ist insofern ein schönes Beispiel, als dass wir uns ja beide, CTM und HAU, nicht als hermetische Blase wahrnehmen, in der wir für uns allein agieren; unsere Stadt und auch der Stadtraum sind für uns immer ein wichtiges Thema. Wie bei uns spielen ja auch beim CTM Diskursformate und installative Arbeiten eine Rolle, es wird sich eben nicht eindimensional auf eine feste Form von Musikprogramm beschränkt. Uns ist es wichtig, mit Partner:innen zusammenzuarbeiten, wo wir solche gemeinsamen Nenner sehen.

Annemie Vanackere: Ich möchte an der Stelle kurz erwähnen, dass wir das CTM auch auf politischer Ebene immer sehr unterstützt haben. Auch das bedeutet für uns partnerschaftliches Kooperieren.
Du, Thomas, bist übrigens der ideale Zuschauer für solche Projekte und Festivals, wenn du sagst, „ich komme eigentlich für die Musik, dann schaue ich mir aber plötzlich auch eine Tanzproduktion an.“ Genauso erhoffen wir uns das ja, dass sich Leute aus unterschiedlichen Ecken andocken und mit den Themen verknüpfen und dabei Spaß und eine tolle Erfahrung haben und Neues für sich entdecken.

Meg Stuart / Damaged Goods „Cascade“ (Photo: Martin Argyroglo)

Es funktioniert ganz gut, da der Selektor da ist und wie bei einem DJ-Set einem die Vorauswahl abnimmt. Das Festival führt einen.

Sarah Reimann: Ja, das betrifft die thematischen Festivals, aber das interdisziplinäre Arbeiten betrifft auch viele Projekte in sich – bei der Choreografin Meg Stuart beispielsweise, oder aktuell bei vielen digitalen Arbeiten. Es können nicht nur Schauspieler:innen eine Performance auf einer digitalen Plattform machen, da müssen immer auch Software-geschulte Leute mit dabei sein.

Annemie Vanackere: Oder auch für „Cascade“, das aktuelle Stück von Meg Stuart und ihrer Company Damaged Goods, hat Brendan Dougherty die Musik geschrieben, die live auf der Bühne aufgeführt wird; das Bühnenbild ist von Philippe Quesne, einem bekannten Theatermacher aus Frankreich. Da kommen deswegen dann auch Besucher:innen aus unterschiedlichen Ecken – und natürlich all jene, die Meg als Choreografin verehren. Das ist ein gutes Beispiel für das Andocken aus verschiedenen Backgrounds heraus.

Philippe Quesne „Farm Fatale“, Münchner Kammerspiele (Photo: Martin Argyroglo)

Tobias Schurig: Um das zu unterstreichen, möchte ich auch noch an die Performance „Moonstruck: In Praise of Shadows“ von Ariel Efraim Ashbel im vergangenen Herbst erinnern. Toller Künstler, mit dem das Haus auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Er hat für „Moonstruck“ die kongolesische Musikerin Nkisi mit an Bord geholt, die ein ganz tolles, kraftvolles Soundbild mit reingebracht hat für dieses Tanzstück. Auch das Bühnenbild und das Lichtdesign waren wesentliche Bestandteile. So durchdringen sich die Dinge bei uns. Musik findet ihren Weg ins Programm also nicht nur, indem man ein Konzert ansetzt oder eine Party hat, sondern das geschieht automatisch, aus sich heraus, organisch – mit beeinflusst durch unsere Partner:innen, durch die Künstler:innen.

Ariel Efraim Ashbel „MOONSTRUCK“ (Photo: Dorothea Tuch)

Dieser Interdisziplinäre Ansatz entspricht ja auch der Art und Weise, wie viele Künstler:innen-Biographien gelebt werden. Ganz oft gibt es da den Punkt A, wo jemand mit Film anfängt und plötzlich Musik produziert, oder mit Musik anfängt und dann als Künstler:in primär arbeitet. Der Idealfall ist die Offenheit für alle künstlerischen Disziplinen – und dann die Verfeinerung der Arbeitsweise.
Sarah, hast du denn das Gefühl, dass dies bedingt durch die Prozesse der letzten zwei Jahre nun noch stärker stattfindet, weil das geteilte digitale Cluster plötzlich das einzig bespielbare war und da eben alles zusammen kam?

Sarah Reimann: Für uns sind das zwei Wege. Zum einen arbeiten wir mit ganz vielen neuen Expert:innen des Digitalen zusammen, die beispielsweise Künstler:innen und Programmierer:innen sind. Auf der anderen Seite arbeiten wir mit Gruppen zusammen, die sich – vielleicht auch durch Corona – diesem für sie neuen Feld widmen und dabei wie wir relativ am Anfang stehen von dieser Entwicklung.
Es ist aber wichtig festzuhalten, dass, wenn wir hier über neue Zusammenhänge und neue Gruppen und Künstler:innen in unserem Programm sprechen, viele von denen schon ganz lange aktiv sind, es also lediglich Neuentdeckungen für unsere Szene sind.

Ich bin selbst nicht so der Fan, die Nutzungszahlen und Wege der Leute im Netz zu verfolgen. Macht ihr das? Schaut ihr und wisst ihr, wer auf HAU4 geht? Was die Leute nutzen?

Sarah Reimann: Viele kommen wegen der Künstler:innen auf HAU4 – es ist dabei nicht so wichtig, ob dies nun Namen aus dem Musik-, Theater, Performance- oder Tanz-Bereich sind. Für uns ändert sich dadurch gar nicht so viel, da sich das Zuschauer:innenverhalten schon immer sehr stark an den Künstler:innen orientierte.
Diese neue Bühne HAU4, die auch ein echter Veranstaltungsort ist und als Plattform ganz anders funktioniert als eine Website, wo wir nur Informationen mitgeben, befindet sich noch am Anfang. Wir etablieren das jetzt, dass man da eben hingeht, wenn man etwas online gucken will.

Annemie Vanackere: Aber wir wissen natürlich nicht, wer genau da hingeht. Wir können nicht rauslesen, dass die Leute, die immer zu Tanz kommen sich auch Projekt XY im HAU4 angesehen haben. Wir können Klicks messen. Wir können auch messen, wie lange jemand dabei ist.
Die Span of Concentration ist online generell nicht so leicht zu kontrollieren. Wenn man im Theater sitzt, da weiß man: es dauert eine Stunde, zwei Stunden und widmet der Arbeit auf die Bühne seine Aufmerksamkeit. Da sind andere Verhaltens Modi im Spiel.

Sarah Reimann: Aber was wir zum Beispiel gemerkt haben, ist, dass dieses Vorurteil von wegen “im Sommer gucken die Leute nicht so gerne Sachen online an und im Winter aber schon, weil das Wetter schlecht ist“, das stimmt nicht.

Mit den digitalen Angeboten kommt es zu digitalen Dopplungen. Früher ging eine Band auf Tour und spielte in 20 Städten – aber eben in 20 Städten vor unterschiedlichen Leuten, die die anderen Städte nicht mitbekommen haben. Jetzt spielt die Band in Hamburg und das Konzert wird aufgenommen und ins Netz gestellt. Und sie spielt in Köln… und in Berlin. Es gibt im Tourverlauf plötzlich also x mal die gleiche Performance auf wertigen Plattformen im Netz. Seht ihr das Problem? Und findet das so auch abseits der Musik-Bookings statt?

Sarah Reimann: Wir versuchen die Kooperation so zu gestalten, dass wir eine Arbeit zusammen mit den Partner:innen zeigen. Mit dem CTM zeigen wir jetzt beispielsweise sechs Videoarbeiten sowohl auf deren Plattform als auch bei uns. Oder auch mit der britischen Gruppe Forced Entertainment, da haben innerhalb des Produktionshäuserbündnisses alle Partner:innen die selbe Arbeit gezeigt – und das sogar zur gleichen Zeit. Da ist es natürlich schön und auch spannend, dass das Publikum aus der einen Stadt auch auf das Haus der anderen Stadt zugreifen kann.

Annemie Vanackere: Wobei der Unterschied ist, dass diese Arbeiten für das Netz gemacht sind. Was du, Thomas, beschreibst, ist ein Livekonzert, das aufgenommen und ins Netz gestellt wird – das machen wir eigentlich nicht. Das haben viele Theater in der Tat während der Pandemie begonnen. Was das HAU4 auszeichnet, ist, dass wir dort nicht streamen, sondern Programm extra dafür entwickeln. Mit Leuten, die den digitalen Raum mitdenken und nutzen. Das sind eigenständige Arbeiten für den digitalen Raum. Diese teilen wir dann tatsächlich mit anderen Plattformen. 
Die Musikerin Valentina Magaletti hat beispielsweise extra für das HAU4 einen wunderschönen Song mit Video dazu produziert. Dass solche Arbeiten immer zur Verfügung stehen, das genießen viele Leute total, da ich nicht mehr um 19 oder 20 Uhr irgendwo sein muss, um es zu erleben.

Loulu – onlinetheater.live

Es geht Euch um den eigenen Charakter, das originäre Arbeiten stattfinden.

Annemie Vanackere: Ich gucke Theater nicht gerne online, aber diese Online-Formate finde ich total spannend, das ist eine andere, eine eigene Disziplin.

Tobias Schurig: Als sich diese Fragezeichen im Frühjahr 2020 gestellt haben, war es Musikseitig für mich relativ schnell klar: wir als Theater sollten jetzt nicht ein Konzert vorm Haus abfilmen – wobei ich das nicht prinzipiell negiere. Für uns lautet die Herausforderung in Kontakt mit unserer Künstler:innen zu treten und zu schauen, was man entwickeln könnte anstatt einfach eine abbildende Situation zu schaffen, die Erinnerung reaktiviert, wie das vor Corona war.

Annemie Vanackere: Die bereits erwähnte Gruppe Forced Entertainment, die es seit 30 Jahren gibt, hat – von uns mitinitiiert – eine Art Zoom-Performance auf Basis ihrer künstlerischen Sprache entwickelt. Ich fand das sehr schön und lustig – und tieftraurig zugleich. Aber das war eine Arbeit, um zu Hause auf dem Computer geguckt zu werden und keine Show, die man live vor Ort sehen muss. Ihre Theaterarbeiten dagegen einfach abfilmen und ins Netz stellen, das würde nicht funktionieren.

Das „Abfilmen“ fühlte sich sicherlich auch für die Leute selbst nicht gut an, es ist und bleibt halt ein Pandemie-Kompromiss. Das wird auch wieder enden. Und man darf nicht vergessen: es hat oft auch soziale Gründe gehabt, da man den Künstler:innen trotzdem die Gagen zahlen wollte. 
Was jetzt ein bisschen angeklungen ist: der Rückkanal aus dem Digitalen. Habt ihr das Gefühl, dass das HAU4-Programm nun auf HAU1, HAU2, HAU3 zurück strahlt, dass es also Impulse auf die ich nenn es mal reale Bühne gibt?

Annemie Vanackere: Eine kurze Zwischenbemerkung von mir: Da wir hier am HAU das sogenannte postdramatische Theater vertreten, sind crossmediale Erzählweisen ohnehin schon gang und gäbe bei uns. Denn wenn eine Gruppe wie Rimini Protokoll eine Art Audio-Walk macht, ist das noch Theater im klassischen Sinne? We don’t care! Aber auch ein Spaziergang kann natürlich eine Form von Theater sein. Insofern ist der Übergang hin zu anderen Formaten für uns vielleicht viel kleiner als für Häuser, die Sprechtheater basierend auf Literatur machen, oder Bühnenstücke.

Rimini Protokoll (Haug/Kaegi/Puschke/Wetzel) „Walk The Walks“ („Stadtbegehung mit Rimini Protokoll“)

Sarah Reimann: Die digitalen Technologien sind mittlerweile so stark in unserem Alltag integriert, dass wir mit dem HAU4 versuchen, einen Beitrag dazu zu leisten, dass sie auch zu selbstverständlichen künstlerischen Mitteln werden. Ob das dann nur online ist, oder ob die Arbeit auch auf der Theaterbühne stattfindet, das ist glaube ich erst mal gar nicht so wichtig. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir auch hybride Produktionen interessant finden, wo sich der analoge und digitale Raum miteinander verbinden. Denn es ist das, was wir die ganze Zeit erleben, die Räume sind nicht getrennt, wir sind eigentlich immer auch im Internet.
Es ist schon so – durch die Beschäftigung zum Beispiel mit VR-Technologien –, dass es jetzt immer mehr Theater- und Performance-Künstler:innen gibt, die dies in ihre Arbeiten integrieren. Und das fördern wir auch. Es muss aber natürlich auf eine Art und Weise gestaltet werden, die inhaltlich Sinn macht. Im Museumskontext habe ich oft das Gegenteil erlebt, also dass die Technik nur eine Vermittlungsaufgabe hat, beispielsweise um historische Themen für ein junges Publikum zu übersetzen. Aber wenn das, was möglich ist mit digitalen Mitteln – zum Bespiel Utopien neu zu gestalten und zu veranschaulichen – ausprobiert wird, dann finde ich das sehr interessant.

Annemie Vanackere: Vielleicht ist das, was wir mit „Chat Inferno“ von der Gruppe Interrobang vorhaben auch ein gutes Beispiel – diese ganze Idee von Chatten als Form des Schreibens, die sonst nur online funktioniert, in einem analogen Raum zu übertragen, wo wir dann gemeinsam chatten. Die neuen Kommunikationswege und Plattformen, die Teil unserer Realität sind, fließen auf die Bühnen und in die Stücke ein.

Sarah Reimann: Wer telefoniert schon noch? Man schreibt nur noch den ganzen Tag.

Was zur nächsten Frage führt: Ich telefoniere ja eher mit Leuten, denen ich noch mehr erklären muss, während ich mit denen, die mir vertraut sind, auch kurze schriftliche Nachrichten austauschen kann.
Davon kommend: gibt es für das HAU einen Art Schlüssel für das Verhältnis aus fortgesetzter Zusammenarbeit und neuen Zusammenarbeiten? Neue Impulse stimulieren ja das Programm, Konstanz zeugt auf der anderen Seite von Vertrauen und gibt den Künstler:innen Sicherheit in deren oft prekären Lebenswirklichkeiten.

Tobias Schurig: Ich bin hier gestartet mit einer gewissen Anzahl von Konzerten, die ich übers Jahr programmiert habe. Da habe ich versucht, eine stilistische Breite abzubilden, eine Vielzahl von Musiker:innen in das Programm reinzuholen. Da hat sich mir anfangs auch die Frage gestellt, wie bekomme ich das hin: Kontinuität mit Künstler:innen zu entwickeln, obwohl die Konzertzahl limitiert ist? Es gibt aber durchaus die Möglichkeiten, gewisse Kontinuitäten aufzubauen, indem man die Musiker:innen zum Beispiel auch in andere Projekte mit involviert. 
Annemie hat eben bereits die wirklich fantastische Musikerin Valentina Magaletti erwähnt, die inzwischen in drei verschiedenen Konstellationen in den letzten drei Jahren bei uns im Haus dabei war – und jetzt entwickelt sie für HAU4 einen Film.

Valentina Magaletti

Annemie Vanackere: Gastspiele sind bei uns im Programm weniger geworden. Das hatte zuletzt viel mit der Pandemie zu tun, natürlich. Aber vielleicht auch damit, dass wir schon seit längerem ein wenig langsamer arbeiten und ein bisschen mehr in ein bisschen weniger Künstler:innen investieren. Bei laufenden Tourneen mit zu machen, das haben wir besonders am Anfang meiner Intendanz mehr gemacht, das ist aber kontinuierlich weniger geworden.

Sarah Reimann: Das hat aber auch damit zu, dass wir noch mehr über die Stadt Berlin nachdenken. Diese Gastspiele sind ja oft internationale Gastspiele – und man zeigt die oft, um in der Stadt etwas zu präsentieren, was es hier noch nicht gibt. Berlin ist aber so wahnsinnig international geworden – natürlich nicht erst in den letzten zehn Jahren –, dass es hier bereits so viel Potenzial gibt, dass sich die Notwendigkeit eines Gastspiels oft gar nicht mehr so intensiv stellt.

Annemie Vanackere: Mit diesen Künstler;innen kommt man auch anders ins Gespräch, um auf deine Frage zurück zu kommen.

Nino Medas (im HAU für Kommunikation und Marketing zuständig, klinkt sich an dieser Stelle ein): Das hat in mehrerlei Hinsicht auch was von Nachhaltigkeit. Zum einen in der Beziehung zu den Künstler:innen, mit denen man langfristig und wirklich vertrauensvoll arbeitet und mit denen man dann eben nicht mehr telefonieren muss, sondern einfach eine kurze Mail schreibt, weil man sich kennt, versteht, weil man eine gemeinsame Denke entwickelt hat. Um den Einstieg in Deine Frage noch einmal aufzunehmen. Nachhaltig aber auch, weil das Touren natürlich immer sehr aufwendig ist, was Ressourcen angeht. Wenn da große LKWs angefahren kommen und dann für drei Veranstaltungen das große HAU1 umgebaut wird. Und gleichzeitig stärkt man so natürlich die lokale Szene – das zieht sich dann auch bis in die Gewerke rein, die hinter der Produktion stehen.

Das klang ja in meiner Frage auch schon ein bisschen an. Man hat natürlich die künstlerische Programmierung, die künstlerische Zusammenarbeit mit allen Beteiligten – aber darüber hinaus brauchen alle im zwischenmenschlichen auch viel mehr Zuwendung, da sie straucheln. Spürt ihr das in der Zusammenarbeit?

Annemie Vanackere: Zwischenmenschlich klingt ein bisschen gefühlig… aber ja, die soziale Verantwortung ist wichtiger geworden, hat einen anderen Stellenwert bekommen. Wir wollen aber auch nicht internationale Künstler:innen davon ausschließen, das wollte ich doch noch ergänzen. 
Wir sind ein Teil von Neustart Kultur, für das Frau Grütters zwei Milliarden locker gemacht hat, die über unterschiedlichste Kanäle verteilt werden. Über den Fonds Darstellende Künste sind wir für die TakeCare-Residenzen vieler Künstler:innen zuständig. Wir konnten so viele Beziehungen vertiefen und neu aufbauen, das ist schon ein Segen gewesen.
Als Bündnis Internationaler Produktionshäuser haben wir dafür gekämpft, dass auch internationale Künstler:innen teilnehmen können – das ging aber leider nicht. Deswegen haben wir über unsere eigenen Mittel hier und da auch für andere gesorgt. Denn nicht überall in der Welt werden so viel Mittel locker gemacht für Künstler:innen wie in Deutschland. Wir müssen deshalb aufpassen, dass wir nicht nur auf uns schauen und wach bleiben für die translokalen Kontakte!

Ja, viele Pandemiehilfen sind nationale Programme. Das darf man nicht vergessen.

HAU Hebbel am Ufer, Berlin. Neueröffnung unter der Intendanz von Annemie Vanackere am 01.11.12 (Photo Marcus Lieberenz)

Sarah Reimann: Dadurch dass das HAU mehr Produktionen selbst verantwortet und wir deswegen viel längere Zeiträume mit den Künstler:innen zusammen arbeiten (die alle wirklich sehr abhängig von einzelnen Anträgen und von Jurys sind), wird das in der Tat öfters an uns zurückgespielt: „Wie toll, dass wir Euch an unserer Seite haben! Denn ob der nächste Antrag bewilligt wird, das wissen wir noch nicht.“ Die ohnehin bestehenden Schwierigkeiten der Finanzierung sind jetzt durch die Pandemie noch einmal verstärkt worden. Wie viele Telefonate wir am Anfang der Pandemie geführt haben wegen der ganzen Verschiebungen… Für die Leute ist da alles weggebrochen. Und dann: „Okay, wir können es verschieben, aber wir wissen nicht auf wann und für welches Haus“ – und die Künstler:innen wissen nicht, ob sie ihr Team behalten… Das war hart. 
Die Stipendien haben da wirklich geholfen. Und das gemeinsame Ausdenken von Alternativplänen.
Annemie Vanackere: Das alles gilt nicht nur für die Leute, die auf der Bühne stehen, sondern auch für die Dramaturg:innen, die Produzent:innen, alle aus der Technik, die dazu kommen, denn ohne diese Menschen gibt es diese Produktionen nicht. Das ist durch die Pandemie noch einmal verstärkt deutlich geworden.

Tobias Schurig: Auf der Musikseite ist das nochmals schwieriger. Da gibt es zwar auch einen Musikfonds, aber was ist mit der Infrastruktur für die Touren? Die Fahrer:innen? Die Techniker:innen? Oder in den Clubs… Wenn man über unsere Strukturen hinausschaut, dann sieht es schnell wirklich verheerend aus. Es ist ein großes Fragezeichen, wie sich das wieder fangen soll. Dramatisch! Weil auch klar ist, dass die meisten Musiker:innen generell kaum davon leben können. Wenn dann noch alles wegbricht… Insofern haben uns diese Tools geholfen, Hilfestellungen zu geben.

Annemie Vanackere: Den Zwang des Antragswesens, den muss man schon aushalten können. Immer wieder nicht zu wissen, ob und wie… Diese Stipendien und Residenzen, also dass Leute auch für die Arbeit bezahlt werden, die Recherche ist, daran sollten wir – aber vor allem auch die Förderer! – festhalten, denn das wurde und wird sonst nicht bezahlt.

Tobias Schurig: Wir sind uns bewusst, dass neben der materiellen Ebene auch die psychologische Ebene für unsere Künstler:innen eine große Rolle spielt: Wie fühlt es sich in deren Situation an?
So wenig wir selbst in der Position sind, gänzlich Klarheit verschaffen zu können, versuchen wir zumindest doch als Ansprechpartner:innen da zu sein und zuzuhören.
Das war es auch, was wir im September mit dem Festival „Bildet Nischen! Rückkopplungen aus dem Zodiak Free Arts Lab“ vermitteln wollten. Ein bisschen Kraft auszusenden, ein bisschen Hoffnung zu geben, indem man einen gemeinsamen Moment gestaltet. Hier ist mal wieder ein Raum, wo Dinge auf der Bühne und vorm Haus passieren! Das war ein schönes Szenario über die ganze Woche, dass die Leute auf den Treppen vor dem HAU1 in den Austausch gekommen sind. Das war das soziale Moment, worauf ich hinaus wollte.

Haben die Rückkopplungen, die im Titel drin stecken, auch im Diskurs stattgefunden? Also dass transparent gemacht wurde, welche Prozesse damals abgelaufen sind und die Frage gestellt wurde, was man davon wieder aufrufen könnte?

Tobias Schurig: Ich finde schon, dass es mit dem Festival gelungen ist, die Verbindungen zwischen der Generation Ende der 60er und dem heutigen Berlin aufzustellen und auch zu den Subszenen dazwischen. Aber natürlich wünsche ich mir von der Politik dass sie ganz konkret Freiräume schafft, wo man Dinge entwickeln kann, laufen lassen kann. Aber vielleicht sollte man deine Frage auch eher an die Künstler:innen und Gäste richten, die da waren.

Christiane Rösinger „Stadt Unter Einfluss“

Das nehme ich mal als Stichwort, um den Dialog mit der Nachbarschaft anzusprechen. Wie habt ihr diesen in den letzten Jahren empfunden?

Annemie Vanackere: Das Gute ist, dass wir „Berlin bleibt!“, ein großes Festival, das sich mit Stadtpolitik und der Entwicklung der Stadtgesellschaft beschäftigt hat, im Herbst 2019 hatten, also vor der Pandemie; mit unter anderem “Stadt unter Einfluss – das Musical” von Christiane Rösinger. Sarah und Tobias und auch Margarita Tsomou haben dabei unter anderem mit bestimmten Mieter:innen-, Kiez- und Nachbarschaftsinitiativen gearbeitet, wir hatten eine Kiez-Party in der ehemaligen Postbankfiliale gegenüber des HAU2, die damals noch stand. Während der Pandemie war reaching out nicht so leicht, weil wir nicht zusammenkommen durften und das Theater sehr oft auch zu war, verschlossen und dunkel. Die Zusammenarbeiten im Kiez und in der Nachbarschaft konnten wir fortsetzen, dank der Arbeit, die davor stattgefunden hat.

Sarah Reimann: Es ging darum, noch mal genau hinschauen, wo genau das HAU auf der Berliner Landkarte verortet ist. Es gab ein paar Jahre, wo man von unserem Umfeld hier als Zwischenort gesprochen hat, dadurch, dass vieles hier noch nicht so entwickelt war von Investor:innen, deren Einfluss aber doch schon zu spüren war. Es gibt um das HAU herum ja wenig Cafés oder Läden – da muss man dann in den Bergmann-Kiez oder an den Potsdamer Platz. Irgendwie fühlte man sich hier immer so ein bisschen dazwischen. Das hat sich inzwischen verändert. Was passiert hier eigentlich drum herum? Wir müssen wirklich genauer hingucken. Hier werden jetzt viele teure Luxus-Wohnungen gebaut, der Mehringplatz nebenan ist hingegen eine Sozialbausiedlung, wo die Infrastruktur aktuell total hinunter geht und die Bewohner:innen kaum eine Lobby haben. 
Im letzten Juni haben wir die Chance genutzt für drei Wochen über einen Laden, den wir als Begegnungsort und Ausstellungsfläche angemietet haben, mit den Leuten aus unserem Kiez wieder mehr in Kontakt zu kommen, denn unsere Häuser waren ja zu.

Annemie Vanackere: Wir haben zwei Kolleg:innen, die monatlich zu Kiezrat-Treffen gehen und sich auch darüber hinaus in der Nachbarschaft engagieren. Da investieren wir Ressourcen. Aber das braucht es auch, damit das nicht zu kurz kommt und der Kontakt aufrechterhalten und im besten Fall sogar ausgebaut wird.

Christiane Rösinger „Stadt Unter Einfluss“

Welche Rolle spielt am Ende der Markt für die Bewertung des Programms? Gibt es auch Programmpunkte, die man einfach macht, auch wenn sie bei weitem nicht so funktionieren, wie sie funktionieren müssten, also betriebswirtschaftlich gesehen,

Annemie Vanackere: Wir sind eine landeseigene GmbH, haben jetzt fast neun Millionen Euro Förderung vom Land Berlin. Damit agieren wir, damit „spielen“ wir. Wir kriegen Geld, um dieses Programm zu machen. 
Die Förderlandschaft in diesem Land ist etwas ganz Besonderes. Was uns wichtig ist: unser Programm soll eine Wirkung haben.
Hier wird mit ganz viel Herzblut und Gehirn gearbeitet, um bestimmte Dinge zu erreichen. Wenn etwas nicht landet oder nicht wirkungsvoll ist, dann ist das erstmal nicht so schön, aber manchmal muss man einen langen Atem haben, bis etwas wirkt. Das sind die Abwägungen, die wir immer machen müssen, die ich auch mit der Politik bespreche. Wir schreiben Pläne – obwohl wir das nicht müssen. Aber ich mache das, beispielsweise auch im Falle des HAU4, um für etwas Extrageld zu werben. Wenn das gelingt und diese Pläne aufgehen, dann denke ich: „Okay, das ist eine gesellschaftliche Absegnung von dem, was wir hier machen“ – und das ist wichtig. Wenn etwas dann auch mal weniger Zuschauer:innen bekommt, ist das nicht so schlimm, solange wir denken können: „die, die da waren, die fanden es gut.“
Es ist ein anderer Markt, als der, den du meinst, der nicht nur nach kapitalistischen Mechanismen und Kriterien funktioniert. Aber Kulturpolitik ist auch Lobbyarbeit – Leute von dem zu überzeugen, was wir tun. Leute wie dich beispielsweise, Journalist:innen, die Presse, das sind unsere Stakeholder.

The Mycological Twist / Quadrat Sampling E-Ecologies

Sarah Reimann: Es ist wichtig, dass wir gemeinsam mit dem Publikum aus dem was wir produzieren und mitnehmen können, etwas mitnehmen. Es geht auch darum, einen gemeinsamen Weg aufzuzeigen.
Das ist natürlich der Vorteil, aber vor allem auch die große Chance vom subventionierten Kulturbetrieb, der zumindest teilweise vom monetären Druck befreit ist.
Ich hatte zuletzt oft Gespräche mit Game-Designer:innen und die sagen immer: „Oh, Gott, was ist das für ein Paradies!“. Denn ihre Ideen müssen immer auch sofort rentabel sein. Die finden das natürlich toll, dass wir hier Gruppen vier Wochen im Rahmen einer Residenz arbeiten lassen ohne dass es am Ende eine fertige Produktion geben muss, sondern es geht vor allem darum, gemeinsame Erfahrungen zu machen, aus den man etwas lernen kann. Der Weg ist dabei das Ziel – und das ist nur mit solchen Fördergeldern möglich.

Annemie Vanackere: Natürlich geht es auch darum, wen wir erreichen. Wenn immer die gleichen gutbürgerlichen Leute kämen, wären wir nicht zufrieden, auch wenn wir immer 100% Auslastung hätten. 
Das ist vielleicht auch wieder eine gute Brücke zum Mehringplatz; diese Umgebung, wo wir hier sind, das ist nicht Charlottenburg oder Prenzlauer Berg.

Annemie Vanackere muss leider die Gesprächsrunde verlassen, ein wichtiges Finanz-Meeting steht an.

Daran anknüpfend: der Kulturbetrieb kennt neben der Geldökonomie auch noch das kulturelle Kapital, die gemeinsamen Erlebnisse beispielsweise. Wird es schwieriger Leute für den Lebensweg HAU zu mobilisieren, wenn das Versprechen nicht mehr ganz so intensiv einlösbar ist. Die Erlebniswelt ist oft weg, das prekäre Bezahlen bleibt da. Wie geht man damit um?

Sarah Reimann: Also wenn du das Team ansprichst: Ja, es ist so, dass die Premierenfeiern fehlen, aber aus meiner Perspektive gibt es im Arbeitsalltag sogar mehr Kommunikation. Es gibt aktuell eine enorme Kraft das Haus von innen heraus zu ändern und weiter zu bringen – durch verschiedene AGs, die sich intensiv mit Themen wie Diversität, Nachhaltigkeit oder Barrierefreiheit beschäftigen. Wir haben neue Räume geschaffen, um uns auszutauschen und gemeinsam miteinander zu arbeiten. Das Haus ist auch zusammengewachsen durch diese Zeit. Es ist nicht so, dass die Leute denken, „ach, hier kann ich nicht mehr arbeiten.“

Ich dachte auch eher an die Leute, die noch Draußen sind, die Anfang 20jährigen.

Tobias Schurig: Was die Strahlkraft nach Außen betrifft, so glaube ich dass wir als HAU noch in einer guten Situation sind, da wir eben aufgrund der Förderrahmenbedingungen weiterhin gut agieren können.

Sarah Reimann: Aber eben auch weil wir immer versucht haben, produktiv mit der Situation umzugehen. HAU4 sagt ja die ganze Zeit: Es gibt ein Potential! Es gibt Gewinn! Der Krise zum Trotz!

Tobias Schurig: Das Verlustgefühlt betrifft andere Strukturen viel stärker. Beispielsweise unabhängige Clubs, wo ganz viele Leute aus meinem Umfeld in Umschulung gehen. Sehr viele ziehen sich aus dem Musikzirkus zurück und fangen ganz neue Sachen an.

Diese optimistische Lesart gefällt mir, Sarah. Ich möchte nochmals kurz zum HAU4 kommen, das ja eine zeitlang die einzige Spielstädte und somit der Hauptkommunikationsort des Hauses war. Gab es da denn auch viel direktes Feedback seitens der Besucher:innen?

Sarah Reimann: Wir versuchen mit dem HAU4-Programm durch spezifische Formatentwicklung stets daran zu denken, dass es immer auch neue Foren für Interaktion oder Kommunikation gibt. Dass man zwar alleine zu Hause ist, sich in diesem Moment aber trotzdem mit den anderen verbinden kann. Wir haben deswegen beim Start von HAU4 auch viele Workshop-Formate gemacht. Bei Diskussionsrunden gab es natürlich immer auch die Möglichkeit Fragen zu stellen. Oder wir haben Spiele auf Telegram gemacht, wo man sich mit Menschen verbunden hat, die man vorher nicht kannte. Die Idee von Vernetzung war immer ganz wichtig. Was kann digitale Liveness sein?
Das Kommentieren des Programms findet dann eher auf Social Media statt. Dem HAU eine E-Mail oder sogar einen Brief zu schreiben, das passt nicht so gut zum HAU4 Publikum 
Viele Leute, die nicht ins Theater gehen, haben sich auch durch Projekte auf Internet-Plattformen zum ersten Mal angesprochen gefühlt. Auf präsentieren wir auch politische Communities, die das Internet als ihre Bühne begreifen.
Tobias Schurig: Wir versuchen verschiedene Publika anzusprechen. Wir begreifen die Stadt als ein sehr diverses, waberndes Etwas, das wollen wir nicht nur auf der Bühne abbilden, das wünschen wir uns auch als Publikum.

Nino Medas: In gewisser Weise ist das digitale Programm ja auch verhältnismäßig barrierearm. Du kannst krank sein, du kannst mittlerweile alt sein und traust dich nicht mehr ohne Weiteres länger raus. Oder du bist alleinerziehend und hast das Kind zu Hause. Und so weiter… Und trotzdem kannst du, ein Smartphone oder ähnliches natürlich vorausgesetzt, am kulturellen Leben, an unserem Angebot teilhaben, wenn dich das interessiert.

Auch als Kölner ging es mir oft so, dass ich etwas gerne gesehen hätte, es aber nicht nach Berlin geschafft habe. So öffnet sich mir das HAU in der Tat öfter. 
Vielen Dank für Eure Zeit und Auskunftsbereitschaft.

HAU Hebbel am Ufer, Berlin. Neueröffnung unter der Intendanz von Annemie Vanackere am 01.11.12 (Photo Marcus Lieberenz)

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