Irakli Kiziria – Interview

Irakli: Die Poesie des nicht perfekten


Die Staub Parties, die Irakli Kiziria gemeinsam mit Ines Manseder und Jan Henschen seit sieben Jahren und zuletztim about://blank organisert, haben dem Berliner Nachtleben (wobei man besser Tagesleben sagen müsste, finden sie doch immer einmal im Monat Samstags tagsüber statt) einen stimulierenden Twist gegeben. Das Trip setzt nicht auf bekannte Namen (das Lineup wird vorher nicht bekannt gegeben) und spielt auch beim Gagen-Poker, der zumindest vor Corona in Berlin die Arbeit für die meisten Organisatoren nicht leicht machte, nicht mit – hier bekommen alle, ganz gemäß des alten DIY-Punk/Hardcore-Ethos die gleiche Gage.



Für Kaput hat Thomas Venker mit Irakli Kiziria neben Staub vor allem über seine alte Heimat Tiflis, Georgien gesprochen.

Irakli (Photo: Iyky Galore)

Irakli, was hat es mit dem Dialog auf sich, der mit dem Album publiziert wird?
“Is this an unknown language?” one asked
“This is the first time this has been heard throughout our history,” the other answered.
They listened again and again.
“This electricity has been arranged to form a cohesive entity,” the first said.
“Why would machines be used to create that?” the second mused.
Something had awakened inside of them, an obsessive curiosity they had never experienced before. They did not understand and were blown away by the beauty of it.
“Do you think it could have been left by humans before us?” one whispered.
“If it was, these would be Major Signals,” the other concluded.
As they processed these thoughts, the two artificial intelligences sat still.
Mir ist immer wichtig, wie man seine eigene Sachen präsentiert, ich will eine gewisse Richtung zeigen aber nicht alles offen legen. Jeder soll selbst auf eine eigene Reise gehen, wenn man meine Musik hört, liest oder sieht. So ist das auch mit diesem Dialog. Es ist ein Versuch die Atmosphäre und die Gedanken abstrakt darzustellen. Wir sind mittlerweile daran gewöhnt, dass alles sofort und direkt verständlich ist – und da wollte ich gegensteuern, so dass die Lesern beziehungsweise Zuhörer nicht alles erklärt bekommen, sie aber auf einen Weg gebracht werden.

Es ist das alte Bladerunner-Spiel der Verwirrung: Wer ist Mensch, was ist AI? Was reizt dich an diesem Thema?
Inwieweit hat es einen auch tieferen Einfluss auf deine Produktionsweise im Studio? Experimentierst du auch mit AI-Software oder ist es primär ein Referenz-Topic für dich, mit dem du die Veröffentlichung popistisch kontextualisierst.
Ich bin kein Technologie-Freak und muss nicht immer alles was neu ist haben oder ausprobieren. AI interessiert mich nicht als Technologie sondern als Phänomen. Das ist wie eine neue Art der Industrialisierung, die unsere Leben verändern wird und es auch schon getan hat.
Was mich aber daran allerdings interessiert ist, wie wir damit umgehen wollen – und noch wichtiger die Prozesse dahinter. Diesen Zwischenstand, in dem die Maschine noch nicht alles gelernt hat und “Fehler” macht, die Poesie des “nicht perfekten”. Ich denke da ist viel Potenzial für eine künstlerische Auseinandersetzung.
Rei Kawakubo hat mal in einem Interview nach ihre erste Show in Paris (ist ja auch Jahrzehnte mittlerweile her) gesagt, dass es eine große Herausforderung war den Maschinen beizubringen Fehler zu machen. Für mich ist es auch wichtig, nicht Perfektion zu erreichen, sondern spannende Fehler zu entdecken. So war das auch mit dem Album. Es sind einige Momente drin, wo die Maschinen durch Feedbacks oder durch die Fehler Sound erzeugen, diese fand ich super spannend. Das ganze ist auch ein Versuch diese Poesie herauszufiltern und zu präsentieren.

Das Cover zu deinem Album stammt von Annette Kelm. Wie würdest du die Beziehung zwischen dem Motiv und deiner Musik bezeichnen?
Es ist ein “magnetisches” Bild, es hat Tiefe und lässt sehr viel Raum zu Interpretationen. Die Annäherung an das Sehen, an die Realität, das ist für Sie wichtig, ich glaube in diesem Fall die Realität ist etwas abstrakter aber auch deswegen spannender. Für mich muss ein Album muss die Qualität besitzen, jedes Mal beim Hören ein andere neue Perspektive aufzuzeigen, andere Elemente entdeckter zu machen. Ich weiß es nicht ob das mit mein Album gelungen ist? Das sollen anderen beurteilen, aber Anette ist das mit diesem Bild auf jeden Fall gelungen.

Das Album vermittelt visuell und klanglich den Eindruck eines Konzeptalbums. Inwieweit hat sich diese Ambition auf deine Produktionsweise ausgewirkt? Sind die hier versammelten Stücke in dieser Kombination in kurzer oder langer Zeitspanne entstanden? Ich könnte mir eher letzteres vorstellen.
Jeder Form, Farbe, Linie hat eine gewisse Logik. Genauso verhält es sich auch mit den Klängen und Geräuschen. Bewusst oder unbewusst, jeder konstruiert diese logischen Zusammenhänge – und so gesehen ist das Album ein Konzeptalbum.
Man macht sich doch so viele Gedanken, was man macht und warum man das so macht und nicht anders. Die Stücke sind über einen längeren Zeiträume entstanden, nicht dass ich Jahre lang an einem Stück gesessen habe, nein ich hab sie nach dem produzieren zur Seite gelegt und sie wie einen guten Wein reifen lassen. Manche Tracks sind vier oder fünf Jahre alt. Ich denke, wenn man seine eigene Stücke nach so einer Zeit immer noch gerne hört, dann sind sie reif für einen Release.

Das Album erscheint auf Dial, du hast es schon gepostet, ein Label, dessen Betreiber und Platten dich als Tänzer und Produzent geprägt haben. Kannst du einen Lieblingstrack auf Dial ausmachen? Und gibt es eine besondere Erinnerung, in der die Dial Protagonisten und Dial Musik von großer Bedeutung sind?
Die ersten Alben von Lawrence, Efdemin und Pantha Du Prince, das waren die Zeiten Anfang 2000er, die Zeit in der ich nach Köln gezogen bin, und in der ich angefangen habe die De:Bug zu lesen. Wie sagt man: “The good old Times” 😉
Großartige Releases, die ich und meine Freunde quasi in einer Dauerschleife gehört haben. Insofern kann ich sagen, dass Dial definitiv eines von den wichtigsten Labels ist, welches mich musikalisch sehr mit beeinflusst hat. Ich denke das hört man auch dem Album an, deswegen bin ich sehr glücklich es auf Dial zu veröffentlichen.

Irakli (Photo: kulisek)

Lass uns mal kurz ein paar Track-Titel des Albums heranziehen für ein Impuls-Spiel:
Was willst du für „Forever“ haben?
Neue und spannende Musik.

Welche „Blessings From The Future“ fantasiert sich Irakli her?
Eine friedliche und gerechtere Welt wäre ein “Blessing”, die wir uns alle wünschen sollten.

Welche „Sin“ schleppst du mit dir herum?
Viele aber hoffentlich sehr kleine 😉

Wohin für „This Way“?
Es soll “your way” sein, wohin ist total egal.

Welche „Memories“ willst du nie verlieren?
Es sind so viele, aber wenn diese wirklich wichtig sind, verliert man sie auch nicht.

Und last but not least: Wenn das „Selfupdate“ möglich wird, was wäre das erste, dass du angehen würdest?
Ich würde mein semantisches Gedächtnis komplett update machen.

Der erste lange Teil dieses Gesprächs ist im vergangenen Sommer entstanden, als Corona noch relativ neu in unserem Leben war. Nun schreiben wir den Anfang des Jahres 2021 und so wie es aussieht werden wir auch in diesem Jahr kaum (legal) so in Deutschland elektronische Musik erleben können, wie wir das lange gewohnt waren und es uns herbeisehnen und somit auch keine der von dir mit organisierten STAUB Parties. Wie gehst du mit den Defiziten um? Hast du andere künstlerische Routinen gefunden?
Es wäre falsch zu sagen, dass ich mich damit komplett abgefunden habe, aber ich hab einen Umgang mit der Situation gefunden und bin auch einigermaßen zufrieden damit. Lesen, sich weiterbilden, mehr Musik machen und neue spannende Ideen und Konzepte suchen. Natürlich fehlen mir Menschen und die Spontanität, der Austausch und die an einer Bar oder Tanzfläche entstandene Ideen. Das kann man nicht ersetzen, aber man sucht sich neue Wege für inspiration und das kann überall sein, man muss nur mit offenen Augen oder Ohren durch die Welt (in diesem Fall virtuellen Welt) laufen.

Wie sieht es denn in Georgien aus? Wie ist da der Covid-19-Status-Quo, wie sieht es mit Regulierungen aus und wie geht die Bevölkerung mit dem Thema um?
Es ist sehr schwierig, gerade für Kulturschaffende, es gibt keine Hilfen, kein Verständnis und wenig Solidarität. Es tut weh, wenn man sieht dass manche ihre Platten oder Hardware verkaufen um zu überleben. Das Infektionsgeschehen ist, so wie ich es verstanden habe, aktuell unter Kontrolle, aber wirtschaftlich wird es immer schwieriger und schwieriger. Also ziemlich ungewiss alles.

Ist der georgische Produzent Michail Todua, mit dem du 2019 kollaboriert hast, denn noch immer (wegen des Besitzes von Drogen) im Gefängnis?
Wenn ja: hast du zuletzt Kontakt gehabt? Ich frage, da man sich fragt, wie in solchen Kontrollinstitutionen mit Corona umgegangen wird.
Ja das war sehr intensiv und schwierig zusammen zu arbeiten. Schwierig, weil er damals im Gefängnis war und seine Freundin die Audio-files immer mitgebracht und mir zugeschickt hat. Ohne Internet und ohne direkte Kommunikation. Das wohl spannendste war, dass er sich das produzieren selbst im Gefängnis beigebracht hat, ohne der Hilfe von Tutorials oder dem Austausch anderer Produzenten. Wir können uns ja so eine Herangehensweise erst mal gar nicht vorstellen, ohne Internet und in Isolation. Das hat das Projekt natürlich noch spannender gemacht. Er ist mittlerweile zu Hause, muss aber noch einige Monate Abends immer zu Hause sein und ständig mit den Behörden in Verbindung bleiben. Aber immerhin kann er wieder mit seiner Familie zusammen sein, kann mehr lernen und sich austauschen.

Irakli (Photo: George Nebieridze)

Interviewteil 2020

Irakli, du bist in Tiflis geboren und aufgewachsen. Wann und wieso hast du die Stadt und dein Heimatland verlassen?
Irakli Kiziria: Ich hab Georgien Anfang der Nullerjahre verlassen. Es gibt da eine witzige Story zu, denn eigentlich wollte ich in London den Master in Architektur machen, doch leider kam die Post mit vier Monaten Verspätung bei mir Zuhause an (die Georgische Post hat damals wirklich so langsam gearbeitet), so dass ich schon längst in Deutschland war. Dort haben einige Freunde von mir damals bereits studiert und die haben bei mir dann bei den Bewerbungen vor Ort geholfen. Und so bin ich in Köln gelandet, wo ich als Zweitstudium Design studiert habe.
Man kann also sagen, dass ich aus Studiumsgründen das Land verlassen habe, ich wollte mehr Erfahrungen sammeln und herausfinden, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. 2010 bin ich dann nach Berlin gezogen, wo ich bis heute lebe.
Vielleicht war das ganze eine Selbstfindungsphase, am Ende will man dann doch nur noch Platten auflegen.

Wie war denn die (geo-)politische Situation zum Zeitpunkt deiner Abreise in Georgien?
Es ist sehr kompliziert, gerade mit (der geo-) politische Lage, das sind komplexe Zusammenhänge. Ich versuche es mal kurz zusammenzufassen:
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wollte die Russische Regierung natürlich ihre Macht nicht verlieren – mit dem Ergebnis, dass die kompletten 1990er Jahre in Georgien ein einziges Chaos aus internationalen kriegerischen Auseinandersetzungen und Bürgerkriegszuständen waren. Die Folge: Hunger, kein Strom und kein Wasser, also ein ziemliches Elend für die Bevölkerung.
Es waren schwierige Zeiten, aber diese haben gerade meiner Generation auch Mut gegeben. Einerseits wollten wir die Unabhängigkeit feiern – andererseits wie macht man das, wenn draußen geschossen wird? 
Man kann das nicht mit der Situation in Spanien und dem Ende der Franco Diktatur vergleichen. Denn bei uns war Russland (als Macht) immer noch da – und ist bis heute. Und Russland ist ein hartes Regime mit einem Diktator, der alles tut, um seine territoriale Macht zu erhalten. Leider ist da kein Ende zu sehen, er agiert noch immer so.
Wenn man sich das Ganze auf der Karte anschaut, versteht man die Situation besser: Auf der einen Seite die Türkei, auf der anderer Russland – zwei Länder, in denen Autokraten regieren. Dazu kommt noch die USA, welche ebenfalls ihre ganz eigenen strategischen Zielen haben und die EU, die sich letztlich nicht entscheiden kann, beziehungsweise sich nicht traut, wirklich gegen Russland etwas zu unternehmen. Es ist wirklich ein Trauerspiel. Historisch ist das schon immer so gewesen –und trotzdem wurde in Georgien viel getanzt und gesungen, das ist eine Art von Selbsttherapie, würde ich sagen. So bin ich auch aufgewachsen.

Du bist unregelmäßig-regelmäßig in Georgien zum Auflegen und Freund_innen besuchen. Würdest du sagen, dass sich zwischen diesen Besuchen immer viel tut im Land? Man hört ja viel von der großen gesellschaftlichen Aufbruchsdynamik, die Georgien als Land und besonders Tiflis als Stadt prägt.
Ja, es verändert sich ständig etwas. Zum Glück gab und gibt es Unterstützung vom Westen für das Land und die Bevölkerung, wobei man vielleicht etwas mehr tun könnte, um die demokratische Institutionen zu stärken.
Wer in Deutschland lebt vergisst oft, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern etwas, für das man jeden Tag kämpfen muss. Genau das sehe ich jedes mal, wenn ich in Georgien bin, ich beobachte, wie die neue Generation um die Freiheit und die Demokratie kämpft. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung.
Natürlich gibt es in Georgien aber auch ganz schwierige, konservative und traditionell geprägte Fraktionen wie die Orthodoxe Kirche, die einen Info-Krieg führt. Das sind die Herausforderung für die neue Generation.

Aufbruchsdynamik meint ja oft schlichtweg Gentrifikation und eine Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich. Ist dem auch so in Tiflis?
Ja, das sind globale Tendenzen und wahrscheinlich überall das Problem. Georgien bildet dabei keine Ausnahme. Die Neoliberale Wirtschaftspolitik im Land hilft da auch nicht, schon gar nicht, dass Georgien eine Sowjet-Vergangenheit hat und so negativ konnotiert ist. Es gibt in Georgien nur sehr wenig Leute mit richtig linken politischen Positionen. Das hat neben der Historie auch einen anderen Grund: Durch die Geo-politische Lage wird es für die Georgier zu einem Zwang, die kulturelle Identität zu bewahren – und das führt zu eher nationalistischen Tendenzen in der Politik.

Als wie unterschiedlich empfindest du denn das Tiflis deiner Jugend und die heutige Stadt?
Tiflis bestand damals aus Ruinen (wirtschaftlich und politisch) aus den Sowjet Zeiten. Wir haben Radio mit Batterien auf Walkman gehört, über Freunde haben wir CD’s und Kassetten kopiert (es gab keine Plattenläden), das war die einzige Möglichkeit an Musik zu kommen. Zur Uni sind wir zu Fuß gelaufen, es gab keine Heizung in den Unterrichtsräumen…
In Georgien herrschte damals eine komische Stimmung, und dennoch spürte man einen gewissen Optimismus. Wir hatten beispielsweise Freiräume, um künstlerisch agieren zu können. Aber im Großen und Ganzen es war eine sehr geschlossene Struktur. 
Ich hatte Glück, dass ich Architektur studieren und so einige Künstler kennen lernen konnte. Auch einige meiner Professoren waren sehr open-minded, das hat meiner Generation etwas Licht am Ende des Tunnels gezeigt.
Heute ist Tiflis eine sehr lebendige Stadt, zwar gibt es sehr viele politische und wirtschaftliche Herausforderungen, aber trotzdem passiert sehr viel in die unterschiedlichen Richtungen. Die junge Generation hat mehr Möglichkeiten, aber von Freiheit und Demokratie, wie man das hier kennt, ist Georgien schon noch weit entfernt.

Wie sehr hat sich denn die Szene für elektronische Musik seit deinem Weggang verändert?
Als ich dort gelebt habe, gab es ein paar Pioniere der Elektronische Musik, Leute wie: Nikakoi, Natalie Beridze, Gogi Dzodzuashvili. Es war eine sehr überschaubare Szene. Man hat nicht unbedingt Musik zum Tanzen produziert, eher experimentelle Electronica, etwas poppiger manchmal, aber sehr emotional und tiefschürfend.
Clubkultur gab es so gut wie gar nicht damals, das ging erst vor ein paar Jahren los. Seitdem gibt es ein paar neue Produzenten und Djs in der Stadt.
Wie in vielen Städten, die im Umbruch sind, verändert sich alles ständig, man hört immer neue Künstler, die etwas interessantes machen, sowohl was den Clubkontext angeht als auch außerhalb von diesem.

Vielleicht kannst du zunächst ein bisschen über den Status Quo während deiner Sozialisation erzählen und dann den Abgleich mit den heutigen Verhältnissen herstellen.
Das ist schwierig, es hat sich sozial und politisch und auch wirtschaftlich viel zu viel verändert. Das lässt sich kaum mehr vergleichen.

Verstehe. Irakli, wer sind für dich denn die wichtigsten aktuellen Protagonist_innen vor Ort: DJs und Produzent_innen?
Es gibt mittlerweile einige Leute, die etwas eigenes erschaffen: Natalie Beridze, Nikakoi, Rezo Glonti, Zesknel, Greenbean & Leon (Boyd Schidt, Vulkanski), Gacha Bakradze, Michailo, Zitto, Newa – und natürlich auch ein paar der Residents von den wichtigen Clubs von Tiflis, dem Bassiani, dem Khidi und dem Mtkvarze.

Was unterscheidet die Szene in Tiflis/Georgien am ehesten von den Szenen in den Anrainer-Staaten, vor allen Dingen im Vergleich zur Türkei und zu Russland? Gibt es Besonderheiten oder Probleme als „georgischer“ Künstler in der DJ-Welt zu releasen, zu spielen, aufzulegen?
Der große Unterschied existiert bei der Clubkultur. In Georgien hat sich in den letzten Jahren eine starke Subkultur herausgebildet, die sehr viel präsenter ist im Vergleich zu den Nachbarländern. Das hat damit zu tun, dass einige wenige Leute sich von Anfang an sehr stark sozial, politisch und kulturell engagiert haben und die Clubkultur als soziale Bewegung gesehen haben: als Hedonismus. Deswegen wurden sie von den konservativen Mächten in Georgien angegriffen. Die Clubkultur hat für die LGBTIQ Community im Land und die soziale Gerechtigkeit generell mehr getan und bewirkt als alle politischen Parteien und NGOs zusammen. Dafür braucht man Mut und Energie. Da muss ich meine Freunde Paata Sabelashvili und Naja Orashvili erwähnen, die das White Noise Movement gegründet haben und so einer neuen Generation gezeigt haben, dass Veränderung machbar sind.

Und welche Institutionen muss man gesehen haben, wenn man Tiflis besucht?
Architektonisch gibt es immer noch einige Schätze aus den Sowjet-Zeiten – verteilt über die ganze Stadt: das alte Verkehrsministerium zum Beispiel, das archäologische Museum, der Saburtalo Housing Complex (Nutzubidzis plato), der Fernsehturm, das Fußball Stadion (in dessen Katakomben sich der Bassiani Club befindet). Die Nationalgalerie ist einer meiner Lieblingsorte. Ansonsten hat die Altstadt einige Ecken, die man entdecken aufsuchen sollte: Abanotubani, Qartlis Deda.

Irakli, wie war das während deiner formativen Jahre? Gag es da lokale Role Models für dich? Und einen Ort, der besonders wichtig für die Schärfung deiner künstlerischen Identität war?
Es gab einzelne Personen, mein Kunstlehrerin an der Schule zum Beispiel, oder meine Professoren an der Uni etwas später – und Künstler wie Irakli Charkviani, Lado Burduli und Kote Kubaneishvili, die die „Reactive Poetry“ gegründet haben Anfang/Mitte der 90er Jahre. Das war unser Underground, diese Leute haben mich inspiriert. Orte waren mir nicht so wichtig, eher Menschen.


Ein einschneidender Moment für die Wahrnehmung der Techno-Szene in Tiflis waren die Proteste vom Mai 2018. Damals kam es zunächst zue militärischen Intervention im Bassiani, vordergründig ging es um Drogen, defacto aber war es ein Angriff auf die offen-freizügige Atmosphäre einer LGTBIQ Community – was man vor dem Hintergrund starker klerikaler und auch rechtsradikaler Gruppierungen in der georgischen Gesellschaft sehen muss.

Wie hast du die damaligen Staatsaktionen und die Reaktionen darauf wahrgenommen.
Es war ganz eindeutig ein Kulturkampf, basierend auf einem Generations- und Wertekonflikt. Es wurden Freiräume angegriffen – und das leider mit sehr viel Erfolg. Davon hat sich die Subkultur nie richtig erholt. Aber wie es historisch immer so war: Wir tanzen und singen immer noch und lassen uns nicht unterkriegen. Die Aktionen gehen weiter, vielleicht nicht immer auf der Straße, aber die Menschen hinter diese Aktionen machen Filme, Ausstellungen und machen weiterhin auch Bildungsarbeit. Es ist sehr wichtig, dass man nicht aufgibt und weiterhin für die Gerechtigkeit kämpft.

Es kam zu Europaweiten (teilweise auch Weltweiten) Unterstützungsaktionen aus der Clubkultur heraus. Wie nachhaltig hast du diese empfunden?
Die ersten Reaktionen waren stark – und natürlich hat es dann nachgelassen, aber hin und wieder gibt es Initiativen und ich hoffe dass diese nicht aufhören und es so weitergeht. Weltweit machen Clubs aktuell sehr schwierige Zeiten durch und man kann nur hoffen, dass viele diese wichtigen Räume überleben werden.

Hat sich die (kultur-)politische Situation im Land denn seitdem verändert?
Ja, aber ich denke nicht unbedingt zum Besseren. Alles hat sich verlagert und äußert sich noch nicht so stark.

Und wie steht es um die fragile Beziehung zwischen Staatsapparat und Clubkultur heute?
Es sind immer noch die gleiche Menschen an der Macht als früher, viele davon sind noch zu Sowjet-Zeiten aufgewachsen und kennen es nicht anders. Die Demokratie im Land ist ein Schutzschirm, es wird sehr lange dauern, bis die neue Generation die Alten ablösen kann. Aber genau solche Aktionen wie jene in 2018 machen mir Mut, dass es sehr kreative und kluge junge Menschen gibt, die etwas erreichen werden.

Irakli, was mir gerade einfällt: Bei deinem Namen handelt sich sich ja um die georgische Variante des griechischen Namens Herakles, der wegen seiner heldenhaften Stärke in den Olymp aufgenommen wurde. Gibt es eine Geschichte hinter dem Namenstransfer ins Georgische?
Nein, nicht wirklich. Zumindest ist mir das nicht bekannt. Es gab Könige mit diesem Namen. Es ist ein weit verbreiteter georgischer Name. 
Zu heldenhafte Stärke und vorbildlichen Kriegertum kann ich nicht wirklich was sagen, aber 16 Stunden habe ich schon aufgelegt und würde das auch sehr gerne öfters tun – das ist meine Superpower.

Lass uns mal von Tiflis nach Berlin wechseln: Du gehörst zusammen mit Ines Manseder und Jan Henschen zu den Organisatoren der Staub Parties, die seit sieben Jahren in Berlin einmal monatlich tagsüber an einem Samstag stattfinden (aktuell im about://blank). Man könnte nun denken, dass es sich bei Staub um eine klassische Afterhour-Party handelt, doch dem ist ja nicht so, es ist wirklich eher eine Tagsüber-Party, oder? Vielleicht kannst du das Konzept etwas erläutern und auch die Reaktionen der Berliner Community darauf.
Als wir Staub starteten, gab es in Berlin kaum Events tagsüber, wo Techno gespielt wurde. Außer natürlich zur Berghain Klubnacht. Aber das waren dann Sonntage. Samstags tagsüber gab es kaum Angebote. Es waren die Zeiten, wo Techno auch kommerziell erfolgreicher wurde. Um eine Party erfolgreich zu gestalten, ging es in der Regel um große Namen: Hype usw.
Wir haben uns damals überlegt, an das Thema anders heranzugehen und so den Fokus wieder mehr auf die Musik zu legen. Für uns geht es bei Techno um Menschlichkeit und die Gleichbehandlung aller Beteiligten. Wir haben nach jeder Party die Abrechnung gemacht, zunächst den Club bezahlt, und das, was übrig war, danach unter allen Artists gleich aufgeteilt. Egal ob jemand einen großen Namen hat und schon seit 20 Jahren dabei ist oder das erstes Mal spielt. Alle haben die gleiche Gage gekriegt, wurden gleich behandelt.
Besonders an Staub ist auch, dass das Line Up nie angekündigt wird. Es hat zwar etwas gedauert, bis sich das Konzept etablierte, aber durch das große Vertrauen unserer Gäste konnte die Party kontinuierlich wachsen. Zuerst haben wir einen Floor bespielt, inzwischen sind es bis zu drei Floors tagsüber, was uns die Möglichkeit bietet, musikalisch noch offener zu werden – es gibt experimentelle Sachen, Ambient, House und natürlich Techno, von sehr langsam bis schnell. Alles, was wir für richtig und gut halten und was dramaturgisch Sinn macht.
Staub hat etwas mystisches – eine Familie von unbekannten Künstlern, Line-ups und Menschen.

Staub gibt es mittlerweile ja auch als Label – wobei auffällig ist, dass ihr auch da die Produzent_innen hinter den Tracks nicht nennt; analog zu den nicht angekündigten Party-Lineups. Nun leuchtet der Gedanke dahinter ein, also dass man nicht auf Namen als Lockmomentum setzen möchte, sondern auf die Musik an sich. Andererseits ist es ja aber auch immer ein wichtiges Anliegen, dass die richtigen Leute die Wertschätzung für ihre Arbeit bekommen sollen, oder?
Ja, natürlich ist uns die Wertschätzung wichtig, aber es gibt doch so viele Labels, die es anders machen. Bei uns geht es primär um die Musik und nicht um Personen, die sie produzieren oder deren Image. Wenn man die Namen weglässt, dann konzentrieren sich die Hörer_innen und tauchen mehr in die Musik ein. Ohne Vorurteile – denn die haben wir doch alle sonst, wir hören mit Vorurteil. Und das wollten wir wegnehmen. 
Jedes Release kommt von Various Artists – und bei jedem Release ist mindestens ein(e) Produzent_in dabei, die/der das erstes mal überhaupt released aber eben gleichzeitig auch einige sehr erfahrene Produzent_innen, also genau wie bei unsere Parties.

Irakli, du steckst ja aktuell in den letzten Zügen deines kommenden Albums? Was kannst du uns denn dazu schon verraten?
Es gab bei mir im Studio immer wieder mal ein Stück, bei dem ich mir dachte, es aufbewahren zu müssen, um es dann irgendwann auf mein Album zu packen – und ich denke dieses irgendwann ist jetzt wirklich bald. 
Ich mag es, meine Sachen mit einem zeitlichen Abstand anzuhören, und wenn die Stücke dieses “kritisches hören” überstehen, dann landen sie in meiner Album-Playlist. Manche Stücke sind schon vier oder fünf Jahre alt – und sie haben es nun geschafft. Das ist wie mit einem guten Wein, der muss auch erst mal liegen, bevor er reif ist für die Welt da draussen. 
Die größte Arbeit für das Album war das dahinter liegende Konzept: was will man Menschen da draußen mitteilen? 
Nun, Anfang 2021 wird es erscheinen, dann kann man ich mehr dazu erzählen.

Zurück nach Georgien. Kannst du deine sechs Lieblings-Tracks Georgischer Produzent_innen nennen?

Natalie Beridze / Ryuichi Sakamoto „Blue Shadow“

Nikakoi feat Maya Sumbadze „Sentimental“

Rezo Glonti „Mentors“

Vulkanski „Red Dinner“

Gogi Dzodzuashvili „Post Industrial Boys“

Boyd Schidt „Morning Utopia“

 

 

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