Isolation Berlin veröffentlichen neues Album „Geheimnis“

Isolation Berlin: Verzweiflung, Eigentore und Kunstvertrauen

Isolation Berlin (Photo: Noel Richter)


Was ist Rollenspiel und was biographisch geprägt? Das fragt man sich schon länger bei der Indie-Band Isolation Berlin. Auf ihrem neuen Album „Geheimnis“ treibt die Gruppe es auf die Spitze: Über private Probleme will man nicht reden, dafür gibt es eine unironische Ode an Nina Hagen und einen Abgesang auf Sportunterricht. Wer so singt, muss das doch selbst erlebt haben! So oder so: Verzweiflung wird auf „Geheimnis“ groß geschrieben, aber es geht auch um das Vertrauen in Kunst.

Für Kaput hat Philipp Kressmann mit Sänger und Gitarrist Tobias Bamborschke gesprochen.

„Geheimnis“ – Das Plattencover hat wieder Yannick Riemer gestaltet, der eng mit Isolation Berlin zusammen arbeitet.

„Jede Figur gibt ein gewisses Geheimnis preis. Es sind eigentlich keine Geschichten für die Öffentlichkeit“, erklärt Tobias Bamborschke den Albumtitel. Der Titeltrack sei der Schlüssel zum ganzen Album, sagt er. Es geht um Ängste, Sorgen und sehr intime Geschichten, die man „nicht einmal seinen Eltern oder seinen Verwandten oder seinen engsten Freunden“ anvertrauen würde. „Ein Krieg tobt hinter meiner Stirn, mein größter Feind ist mein Gehirn“, heißt es im postpunkigen Stück und vielleicht denkt jetzt jemand an Alfred Döblins Lebensweisheit: „Das gefährlichste Organ des Menschen ist der Kopf“.

Und wie verrät man dann eigentlich Geheimnisse? Kann das überhaupt authentisch klappen? Vor allem, wenn man eine Stimme im Kopf hat, die einem häufig einredet, dass man nichts wert sei? So geht es etwa dem lyrischen Ich in „Stimme Kopf“. Ist die Preisgabe intimer Momente überhaupt gut? „Ich hab private Probleme, private Probleme und ich will nicht darüber reden“, singt Bamborschke fast genervt im rumpelnden „Private Probleme“, das sich mit diesem Slogan im Refrain gegen den Zeitgeist stellt, privates öffentlich zu machen. „Die wirklichen Geheimnisse will ja keiner preisgeben: Die wirklichen Ängste, wo die Leute sich wirklich für schämen, die eigenen Fehltritte, die eigenen Schuldgefühle. Alle geben ja nur das preis, wovon sie das Gefühl haben, dass ihnen das irgendwie weiterhilft“, so Bamborschke, der auf „Geheimnis“ ganz gezielt symbolische Figuren erschafft. „Ich kann nur über Dinge schreiben, die ich mehr oder weniger erlebt habe. Ich kann über eigene Erfahrungen reden, in dem ich symbolische Geschichten anderer erzähle“.

Beispiel dafür: „Enfant terrible“. Hier ist die Erzählstimme nicht gerade Sympathieträger, im Gegenteil. Ein Typ sagt unverzeihliche Sachen, ordert ungeduldig das nächste Bier und hält sich die Welt auf Distanz. „Ich versuche immer, wenn ich etwas verurteile an jemanden, das in mir selber zu suchen und daraus dann eine Figur zu bauen“. Das sei auch beim Gitarren-Rollen-Pop-Spiel von „Enfant terrible“ der Fall gewesen. Der Text basiert unter anderem auf Erlebnissen mit Leuten, die Bamborschke genervt haben, Typen auf Koks oder Besoffene, „die unverschämt waren“. All das fand Eingang in das reflektierte und ironische Songwriting, das durch seine Erzählstrategie bewusst auf moralische Zeigefinger verzichtet und Bamborschke riesigen Spaß bereitet hat. „Ich hasse moralische Kunst und ich hasse Kunst, die mich erziehen will und die mir sagen will, wie ich zu leben habe, wer gut ist und wer schlecht ist.“

Dabei ist „Geheimnis“ jedoch nie unparteiisch. Denn viele Songs scheinen aus der Perspektive diverser Außenseiter:Innen verfasst zu sein, die alleine gelassen werden. Und einen Song über die Schmach, als letzter beim Sportunterricht gewählt zu werden, kann man eben nicht schreiben, wenn man nicht genau sowas früher erlebt hat. „Ich hasse Fussballspielen“ erzählt von Horrorszenarien in der Turnhalle und einer Welt, in der Jungs nicht weinen dürfen. „Meine Schulzeit war schon sehr hart, ich habe schon viel Erniedrigung erfahren müssen und davon nährt sich der Song natürlich“, sagt Bamborschke und erinnert sich an den Sportunterricht: „Wer als letzter gewählt wird, ist die Person, die auch am unbeliebtesten ist.“ Im Song entwickelt das lyrische Ich aus der Not heraus stilvolle Verweigerungsgesten. Man fühlt sich an „Als letzter auf der Bank“ erinnert, eine B-Seite von Tocotronic. Bamborschke, der früher extra Eigentore schoss und sich so für die Ausgrenzung rächte, dachte zuletzt aber eher an Superpunk. Er schwärmt von deren Song „Ich bereue alles“. Reue und Selbstakzeptanz sind nämlich auch zentrale Themen auf „Geheimnis“. Der noch größere Einfluss für Isolation Berlin war aber Nina Hagen, der die Band einen wunderbaren, fast empowernden Song gewidmet hat. Im Refrain heißt es: „Mir ist egal, was die Leute sagen, ich will so sein wie Nina Hagen“. Das ist keine Ironie, auch kein Rollenspiel. Nina Hagen sei facettenreich und „sehr mutig“, so Bamborschke. Er schätzt ihre künstlerische Integrität: Es gäbe humorvolle, aber auch dunkle Momente in ihrer oft schrillen Musik.

 

Eine Parallele zu Isolation Berlin? Zumindest findet man auch in den abgründigen Songs noch humorvolle Momente. Oder aber man stolpert über Strophen wie zum Beispiel: „Du hast gesagt, dass das mit uns nichts mehr wird. Und im Fernsehen läuft Krieg“. Wie ist das gemeint? Es geht um den Irrglauben, dass das Leid anderer dazu führt, dass es einem selber besser geht, erklärt Bamborschke. „Jeder Mensch hat seine eigenen Probleme, die er durchleben muss, die er verarbeiten muss. Irgendwelche Probleme oder Konflikte als nicht gerechtfertigt abzutun, ist halt Quatsch. Jeder Mensch hat seine eigene Leidensgeschichte“, meint Bamborschke, der an Depressionen leidet. Der häufig fallende Satz, dass es anderen ja noch schlechter geht, ist gerade für Menschen mit psychischen Problemen kontraproduktiv und „macht die ganze Nummer noch viel schlimmer“.

Anderes Thema, haben wir schon über den Sound des Albums gesprochen? Da wären schließlich auch noch Max Bauer, David Specht und Simeon Cöster. Dank ihnen klingen die neuen Songs tatsächlich mal nach den Stooges oder Fontaines D.C., dann aber auch wieder reduzierter und dank Streicher-Einsätze sogar eleganter als auf dem Vorgänger. Viel Fläche kriegt etwa ein Piano in der „Klägerin einer Sünderin“. Der Liedtext ist übrigens an zwei Bücher angelehnt: Es geht um eine junge Frau in einem Roman von Charles Dickens, die… ach, das bleibt an dieser Stelle einfach Geheimnis. Nur so viel: „Literatur kann einfach in einem so viel auslösen, weil man erst einmal nicht über sich selber nachdenkt und dadurch aber viel tiefer in sich reinhorchen kann“, sagt Bamborschke.
Dieses Potential steckt auch in den Liedtexten von „Geheimnis“, die neben Verzweiflung, Selbst- und Weltekel auch ein Kunstvertrauen bezeugen. Musik und Literatur, ob von Nina Hagen oder Dostojewski, können Stütze und Erkenntnis sein. In der Kunst könnten laut Bamborschke intime Dinge verhandelt werden, ohne dabei zu privat zu werden. Im Song „Von einem der hier sitzt und Bleistifte spitzt“ singt das lyrische Ich etwa davon, dass Alpträume ihre Bedrohlichkeit verlieren, wenn man sie verschriftlicht: „Und alles was ihm Angst macht und alles was ihn quält und alles was in ihm verzweifelt schreit, schweigt für einen Moment“. Das ist doch eine der hoffnungsvollen Passagen, oder? Bamborschke bejaht: „Das Album hat eine Entwicklung: Es handelt so ein bisschen von den Schmerzen, die man durchlebt, wenn man wachsen muss oder wenn man wächst. Da muss man durch viele Hindernisse und Schmerzen gehen. Aber ja: Es geht darum, dass auch in der Kunst ein gewisses Leid zu etwas Schönem, Positivem führen kann. Das ist durchaus auch die Nachricht des Albums“. Das mag jetzt ein komisches Fazit sein, aber auf „Geheimnis“ gibt es durchaus authentische Lieder. Vielleicht gerade deshalb, weil Isolation Berlin es eben gar nicht darauf anlegen, in jeder Sekunde authentisch zu wirken.

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