Sonia Güttler & Jennifer Trees im Interview zu ihrer Klanginstallation "SUMMER"

Sonae + Trees „Das alarmierende ist, dass es erst eine Flutkatastrophe im eigenen Revier braucht, damit das Thema Klimaschutz in der gesellschaftlichen und politischen Mitte ankommt“

Sonia Güttler (Sonae) & Jennifer Trees (Trees) (Photo: Katja Ruge)

Am 4. September fand im Kölner Stadtgarten die Premiere der 35-minütigen Multimedia-Installation „SUMMER“ der Kölner Künstlerinnen Sonae & Trees statt. Die beiden widmen sich mit der Arbeit dem Thema Klimawandel mit einer raumhohen A/V-Installation auf zwei Leinwänden zwischen denen sich die Besucher:innen frei bewegen können.

Im Anschluss an die Premiere tauschten Thomas Venker und die beiden Künstler:innen Fragen und Antworten aus.


Sonia, Jennifer, am Anfang einer jeden künstlerischen Kollaboration steht ja immer das soziale Momentum des Zusammenkommens. Wie habt ihr beide Euch kennengelernt?

Sonae + Trees: Vorgestellt hat uns Gudrun Gut; Jennifer hat die Visuals für Gudruns Album-Tour „MOMENT“ gemacht, Sonae released auf Gudruns Label Monika Enterprise, da begegneten wir uns irgendwann. Wir haben uns über einen längeren Zeitraum immer wieder getroffen und näher kennengelernt. Mit der Zeit wurde klar: das könnte passen.

Bitte führt doch jeweils kurz aus, was Ihr an der anderen Person besonders schätzt.

Sonae + Trees: Wir schätzen beidseitig unsere Arbeit, künstlerisch und inhaltlich sind wir uns in vielen Punkten einig, wir haben da einen ähnlichen inneren Kompass. Das sind die Gründe, warum wir überhaupt miteinander arbeiten wollten. Im Miteinander ergänzen wir uns ohne viele Worte, eine hat immer gerade das parat, was die andere braucht, sei es eine Idee, Energie oder ein Käsebrot. Auf inhaltlicher Ebene funktioniert das genauso, eine denkt an der Stelle weiter, bis zu der die andere gerade gekommen ist.

Video von: jm-video (Photo: Niclas Weber)

Wie hat man sich denn Eure Arbeitsweise vorzustellen? Habt ihr jeweils individuell Eure künstlerischen Territorien gestaltet, also du Sonia die Musik und du Jennifer die bewegten Bilder, oder gab es da jeweils auch gemeinsame Arbeitsphasen des intensiven Dialogs auf dem Terrain der jeweils anderen?

Sonae + Trees: Bei „SUMMER“ war das Album zwar schon in der Mache als Jennifer dazu kam, aber das war lediglich dem Projektablauf geschuldet. Denn zuerst kam die Anfrage des Labels mit der Bitte um ein Sommeralbum, dann wurde Sonae in das NICA Förderprogramm aufgenommen, wodurch die Möglichkeit gegeben war, „SUMMER“ über das Format eines Albums hinauszudenken. Das war der Moment, in dem Jennifer dazu kam. Und von da ab haben wir alles gemeinsam erarbeitet.
Klar hat Jennifer die Videoskills und Sonae die Soundskills, die technischen Handgriffe liegen also bei der Expertise, aber alle Entscheidungen haben wir gemeinsam getroffen, wir haben zusammen das Konzept für die Installation entwickelt, haben zusammen die Abfolge der Stücke und die Übergänge festgelegt, das Videomaterial gesucht, und so weiter. Wir haben die meiste Zeit zusammen an einem Tisch gesessen.

Wie kam es zur Idee zu „SUMMER“?

Sonae + Trees: Das Thema hat unwillkürlich das Label l a a p s formuliert, das sich ein Sommeralbum von Sonae wünschte. Da begann die Beschäftigung mit dem Begriff. Unsere Wahrnehmung von Sommer hat sich in den letzten Jahren durch unser Erleben der Effekte des Klimawandels stark gewandelt und in dieser heutigen Färbung wurde sich künstlerisch noch nicht mit Sommer beschäftig. Das war der Auslöser, die Arbeit ganz wortwörtlich diesem Thema zu widmen.

Inwieweit gibt es Role Models für eine solche multimediale Installation für Euch?

Sonae + Trees: Gibt es nicht. Wir haben uns das Ding einfach ausgedacht.

Nun erscheint einen Monat nach der Präsentation im Kölner Stadtgarten die Musik beim französischen Label LAAPS, das auch ursprünglich mit seiner Anfage für ein Sommeralbum den Impuls zu „Summer“ gegeben hat. Das im Hinterkopf frage ich mich, ob sich das auf die Art und Weise, wie du die Musik angelegt hast, ausgewirkt hat, Sonia? Damit meine ich, ob es einen gewissen künstlerischen Egoismus gibt, der verhindert, dass du sie nur in den Dienst der Installation stellst, sondern eben auch die Ausspielform als eigenständiges Artefakt mitdenkst?

Sonae: Im Entstehungsprozess der Musik hab ich mich nur darauf konzentriert, was das Thema verlangt, insofern steht meine Musik immer in einem Dienst, nämlich im Dienst des Themas. Das war bei „I STARTED WEARING BLACK“ auch schon so. Worum geht es bei „SUMMER“? Das müssen alle Darstellungsformen in dem Projekt vermitteln können, sei es die Musik, sei es die Installation, seien es die Videos, die Teaser, der Trailer, das Albumcover, die Texte oder die Fotos. Alle Elemente einer Arbeit müssen sich aufrichtig dem Thema hingeben.

Trees: Wir denken die Darstellungsformen nicht getrennt und unterwerfen sie auch keiner Hirarchie. Klangliches und Visuelles gehören zusammen, sie gehen Hand in Hand. Diese Haltung ermöglicht unsere Art der Zusammenarbeit, denn jede von uns kann sich zu jeder Darstellungsform äussern und einbringen.

Videos von: sibstock (li) /eldelik (re) (Photo: Niclas Weber)

Wie hat man sich deine Herangehensweise an die Bilder vorzustellen, Jennifer? Du hast konsequent mit lizenzierten Stock-Bildern gearbeitet, standest also vor der Aufgabe ein sehr heterogenes ästhetisches Feld zu collagieren. Wie leicht/wie schwer hat man sich einen solchen Prozess vorzustellen?

Sonae + Trees: Zuerst haben wir Track für Track ein spezifisches Thema eingegrenzt. In „La Nuit“ geht es um eine laue Sommernacht in der Stadt, da ist man auf der einen Seite beim festlichen Funkeln der nächtlichen Beleuchtung, auf der anderen Seite geht es um Stromverschwendung und Lichtverschmutzung. Wir haben mit einer wilden Materialsammlung begonnen und uns erst einmal den Bilderwelten angenähert. Es waren ganz unterschiedliche Qualitäten dabei. Aber das Stock-Material und die Musik wirken zusammen auf besondere Weise und scheinen sich gegenseitig zu verstärken. Die glossy Bilder und die Stimmungen der Musik erzählen gemeinsam die Bedeutungsebenen des Sommers und legen deren Tragik bloss.

Als wir nach der Vorführung kurz miteinander sprachen, beschäftigte mich die Frage der gewählten Ästhetik – die bei vielen Einstellungen wenig mit meiner Lebenswelt zu tun hat, da bewusst sterile, oder vielleicht besser überzeichnete Bilder ausgewählt wurden – und was diese bei mir auslösen soll. Vor allem bei den Strandsequenzen ging mir das so. Sollen die Bilder dem Impuls entsprechen, die Klimafrage guten Gewissens von sich wegzuschieben, da man sich eben nicht mit den gezeigten Verursacher:innen identifiziert?

Sonae + Trees: Wir haben Motive gewählt, die eine breite gesellschaftliche Gültigkeit haben. Eis essen, in den Pool hüpfen, im Park rumliegen, in den Urlaub fliegen, das sind Bilder, die wir doch alle aus dem Sommer kennen. Interessant, dass die Ästhetik der Bilder dich dazu animieren, dich nicht zu der Gesellschaft zugehörig zu fühlen, die durch ihren Lebensstil den Klimawandel mitbegünstigt. Interessant, dass du uns danach fragst. Welchen Instagram-Filter bräuchte es denn, damit du dich dazuzählst?

Kommen wir zur inhaltlichen Ebene der Arbeit: Mit „SUMMER“ haltet ihr den Zuschauer:innen einen Spiegel ihrer oft verdrängten Realität vor und zeigt, dass der Klimawandel quasi permanent von uns Menschen mit unserem Lebensstil unterfüttert wird. Was war für Euch persönlich denn jeweils das alamierendste Ereignis des Sommers?

Sonae + Trees: Das alarmierende ist, dass es erst eine Flutkatastrophe im eigenen Revier braucht, damit das Thema Klimaschutz in der gesellschaftlichen und politischen Mitte ankommt. Der Mangel an Einsicht, Lern- und Handlungswilligkeit in unserer Gesellschaft ist echt schwer auszuhalten.

Wie habt ihr beiden Euren Sommer 2021 verbracht? Merkt ihr, dass ihr – abseits der Veränderungen, die die Pandemie mit sich gebracht hat – Eure Lebensweise verändert?

Sonae: Auf jeden Fall. Fleisch ist bei mir raus, insgesamt hab ich mein Konsumverhalten und auch meine Mobilität hinterfragt und umgestellt. In den Urlaub geht es mit dem Zug.
Trees: Ich habe meinen Sommer unaufgeregt zu Hause verbracht.

„Summer“ wurde mit der Unterstützung des NICA Artist Development-Projekts und des Europäischen Zentrums für Jazz und zeitgenössische Musik produziert, Sonia, du bist im NICA Programm, wie empfindest du die Zusammenarbeit? Inwieweit hat NICA deine künstlerische Arbeit verändert?

Sonae: Seit September 2020 bin ich ein NICA artist, also genau seit einem Jahr. Der Ruf in das Programm kam grad im richtigen Moment, ich wollte alles hinschmeissen. Die Anbindung an das Programm und die persönliche Betreuung hat mir geholfen, mich aufzurappeln und weiter zu machen. Jetzt gehe ich den Sonae-Weg weiter. Das Programm bedeutet für mich, meine Ideen vollständig ausformulieren zu können. Das erlaubt groß denken und groß arbeiten. Das verändert meine Arbeit nicht im Wesen, aber in der Form.

Video von: discovod (Photo: Niclas Weber)

 

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