Donnerstag, 20.02.2020
Buchmarkt in Flammen

“Unsere Kunden können mit Literatur nichts anfangen” – Das Ende des Unsichtbar Verlags

Im Unsichtbar Verlag erschienen die Bücher so mancher Szenengröße, Dirk Bernemann, Jan, Off, Andy Strauss, Felix Scharlau zum Beispiel. Ein subkulturelles Herzblut-Ding mit Standort nahe Augsburg – doch Verleger Andreas Köglowitz macht den Laden jetzt dicht. In seinem vielbeachteten Text erfährt man dabei nicht nur das Wieso, sondern erhält zudem noch Einblick in die hiesige Buchveröffentlichungsrealität. Wir freuen uns, dass er diese nun auch unserem Blog hier zur Verfügung gestellt hat.

Nach nunmehr zwanzig Jahren verlegerischer Tätigkeit ist es so, dass ich ab 2020 kein festes Programm an Büchern mehr verlegen werde. Nach all den Jahren, in denen ich Herzblut und Leidenschaft in den Verlag gesteckt habe, ist das kein Schritt, der mir leichtfällt. Aber die Gründe dafür, die ich im Folgenden darlegen möchte, häufen sich und lassen die Entscheidung vernünftig erscheinen. Keiner der Gründe allein würde ausreichen, die Summe aber tut es. Grundsätzlich ist es so, dass seit circa zwei Jahren das Bücher verlegen von einer Einnahmequelle zum Hobby geworden ist. Nun spricht nichts dagegen, sich als Familienvater mit drei Kindern ein kostspieliges Hobby zu leisten, solange man nur genug Geld an anderer Stelle verdient. Wären da nicht noch besagte Gründe, die es selbst als Hobby äußerst unattraktiv machen:

1. Der Leser und sein Smartphone
Ich weiß, ihr, die ihr diesen Text lest, lest natürlich noch Bücher. Allerdings konkurriert das Buch immer mehr mit dem Smartphone, bzw. die beiden um die Aufmerksamkeit der Menschen. Es ist viel einfacher, kurz mal das Smartphone zu zücken und was zu spielen oder was zu checken, als sich einem Buch zu widmen. Das soll gar kein Vorwurf sein. Das ist eben so. Die Zeiten ändern sich. Irgendwann brauchten wir eben auch keine Fässer mehr.

2. Die Buchhandlungen
Euch, liebe Buchhändler, mache ich schon einen Vorwurf. (Ausgenommen die Handvoll Buchhandlungen, mit denen wir gut zusammengearbeitet haben.) Wie oft musste ich den folgenden Satz von BuchhändlerInnen hören, nachdem ich ein Leseexemplar zugesandt hatte und dann nachhören wollte, wie es gefallen hat: „Also mir hat das Buch sehr gut gefallen, aber ich denke, das ist nichts für unsere Kundschaft.“ Für was haltet ihr euch denn? Wenn ihr euren Kunden nur Harry Potter und Nele Neuhaus vorsetzt, dann werden sie auch nur das lesen und das am Ende bei Rewe kaufen, weil man die da auch bekommt und nicht extra in eine Buchhandlung gehen muss. Buchhandlungsselbstmord leicht gemacht. Aber bitte jammert nicht, solange es solche unter euch gibt, die z.B. Partie bestellen (man bestellt zehn Stück, bekommt eins kostenlos dazu, also elf), nach einer Woche zehn zurücksenden und den vollen Preis zurückwollen, weil sie ja nur zehn bestellt haben. Solange es solche gibt, die ihre Leseexemplare einen Tag nach dem Erhalt bereits auf eBay verkaufen – vor dem VÖ – und auf Nachfrage sagen, sie hätten es auf dem Flohmarkt gekauft. Solange es solche unter euch gibt, die einen am Telefon beschimpfen, weil man ihnen sagt, dass man bei einem Exemplar portofrei nicht mehr als 40% Rabatt geben kann. Solange man von euch den Satz hört: „Junge Leute kommen sowieso nicht zu uns, um Bücher zu kaufen“ oder „Unsere Kunden können mit Literatur nichts anfangen“. Ihr grabt euch das Wasser an zwei Seiten ab. Nicht genug, dass ihr so eure Kunden verliert. Ihr vernichtet auch die kleinen Verlage auf diese Weise. Was wollt ihr denn verkaufen, wenn es keine Verlage mehr gibt? Ihr merkt, ich steigere mich rein. Wollen wir es dabei belassen, auch wenn ich noch lange so weitermachen könnte.

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Record of the Week

Messer “No Future Days”

Messer vollziehen die Entwicklung von Post-Punk-Bands wie Gang Of Four oder The Cure nach, die um 1981 herum dazu übergingen, ihre Musik in- und aufwendiger zu gestalten. – Mario Lasar über "No Future Days" von der Gruppe Messer. …

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5 Jahre Mansions and Millions – Interview mit dem Labelbetreiber und DIY-Tausendsassa Anton Teichmann

Anton Teichmann (Mansions and Millions): „Ich kann mir keine Fehler erlauben, da ist kein Geld auf der Bank“

Magic Island, Better Person, Coma, John Moods, World Brain, nur einige von vielen Musiker_innen, mit…

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Record(s) of the Week Special

Weekend & Coffee w/ Jeff Parker, Irreversible Entanglements & Peter Evans

Neue Alben von Jeff Parker, Irreversible Entanglements, Peter Evans – und Alabester DePlume, geh…

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Hendrik Otremba im Interview – „No Future Days“ von Messer

Messer: Musik wie eine Tapetentür, die man nicht mit Schlüsseln öffnen kann.

„Das Schreiben von Texten ist immer der Versuch und die Möglichkeit, daran zu arbeiten, dass Ding…

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Thank Me Later 17 – Playlist

Thank Me Later 17 w/ The Strokes, Messer, Tame Impala, Billie Eilish, Kaleo Sansaa

Zu den beliebtesten Phrasen der tonträgerveröffentlichenden Industrie zählen „heiß ersehnt“ …

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CHILDREN - "Hype"

Was ist dein Hype?“ – CHILDREN & der Blick in den Rückspiegel

CHILDREN beschäftigen sich auf „Hype“ viel mit Zeit und das auf verschiedenen Ebenen: Zeit als …

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Neues aus Trondheim

J00 – Norwegische Newcomer in 3D

Ende Januar lud die überschaubare, norwegische Stadt Trondheim ein, die hiesige Musiklandschaft nä…

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