Protomartyr „Hotel Usona” (Domino/GoodToGo)

Protomartyr
„Hotel Usona”
(Domino/GoodToGo)
Die Post-Punks aus Detroit verwandeln sich. Und behalten doch Kontur. Wir alle tun das. Auch im Anhören dieser wuchtigen Musik. Es schien mir eher unwahrscheinlich, was nunmehr passiert: Im doch leicht saturierten und gesetzten hohen Pop-Alter haut mich das dritte Protomartyr-Album hintereinander weg aus dem sich drehenden Schreibtischstuhl. Nach „Formal Growth In The Desert“ aus 2023 (schwer liebestrunken)
und davor „Ultimate Success Today“ aus 2020 (schwer pandemieverwirrt) wird es gleichzeitig immer heftiger und sanfter.
Nach Ana di Sliva von den Raincoats haben sie dieses Mal für das Infosheet Iggy Pop von den Stooges für ein paar Zeilen über die Band gewinnen können. Wahrlich keine schlechten Referenzen. Wo stehen, sitzen, liegen oder laufen wir 2026? Zwischen Extremismen, Weltuntergangsstimmungen, dem alltäglichen Krakeelen diverser überreizter und überregter Menschen und manchmal auch Tiere, wobei letztere noch eher Grund dazu haben, kapseln wir uns alle immer mehr in uns selbst ab. Da helfen Noise Cancelling-Kopfhörer gut im Pendelwahnsinn. Und doch sollten wir ja eigentlich in einer rücksichtlosen Welt mehr aufeinander achten.

Protomartyr, MiniDV, „Heads“ (Credit Trevor Naud), courtesy of Label, Band
Na gut, dann eben ohne Knöpfe in den Ohren und mit laut aufgedrehter Anlage das „Hotel Usona“ hochjagen und in vollen Krachzügen genießen – voller Liebe, liebevoll sozusagen. „The Old Hotel“ weist den Weg und wirkt wie eine durchgeknallte Fremdenführung durch das verrottende Overlook-Hotel aus Stanley Kubricks Jahrhundertverfilmung des Stephen King-Klassikers „The Shining“. Joe Casey als Jack Torrance aka Nicholson irrt durch die Gänge, hat den Zustand der Welten auf der Zunge, singt, ruft, schreit ihn heraus. Gemächlich läuft der Groll an, eventuell gedämpfte Trompeten begleiten das heraufziehende Unwetter.
Doch dann der Fade Out. „Sound We Cannot´t Hear“ ist da deutlicher. Irgendwie gnadenlos und -voll gleichzeitig. So war das doch schonmal bei Scratch Acid, Tar, Big Black, Killdozer, Bastro, Live Skull, Sonic Youth, God Bullies und Co. Und dann später bei Protomartyr selbst, Shame, Squid, Idles, Gewalt oder Candelilla. Dave Fridman (Nick Cave, The Flaming Lips, MGMT) hat Protomartyr so etwas wie Trost und Barmherzigkeit eingeflößt. Sein Sohn Jon hat offenhörbar seine Bläser mehr als eingestreut und ergänzt Casey, Alex Leonard, Scott Davidson und Greg Ahee, der auch koproduziert hat, kongenial. Die Anfangszeile „We got a bad review“ auf „Exalted Eagles“ hat nicht nur Iggys Aufmerksamkeit erregt: Protomartyr lassen ihn quasireligiös formulieren, werden hymnisch, driften kurz in Krach ab, dann floaten sie durch den unendlichen Space.
„The Knife Dream“ rutscht fast gänzlich weg ins Psychedelisch-Dunkle. Der Abwasserkanal will gefüttert werden („Feed The Sewer“) und zieht einen wunderschönen Wurmfortsatz auf „Lavender – Gospel“ hinter sich her. Ach du liebes bisschen. Sie nehmen einen mit. Ich bin mitgenommen. Unter dem Bulldozer. Und doch von Kissen umgeben.
„Was für ein Biest“, textete mir mein guter Freund Carsten heute zu „Hotel Usona“. Nicht ahnend, dass ich das Album gerade rezensiere. Der muss es wissen. Der spielt in Indie-Bands. Habe mit ihm in engen Räumen und weitläufigen Cafés aufgelegt. Gerne immer wieder Noise Rock. Das hier ist doch der Rock, den wir immer wollten. Apropos Messer: Wie sang-nölte Rowland S. Howard einst auf dem Debüt seiner phantastisch-elenden These Immortal Souls, die ich auch jedes Mal gespielt habe, „I ate the knife, and the knife won“. Schluck.








