NICA artist development am Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik Stadtgarten – Interview mit Kornelia Vossebein

“Es wird mit allen Künstler:innen ein individueller Fahrplan erarbeitet”

Seit dem Herbst 2019 existiert im Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik Stadtgarten mit dem NICA artist development ein Förderprogramm mit neuartigen Zuschnitt. Statt auf statische Strukturen wird auf stete Kommunikation und individuelle Programme gesetzt, um so bestmögliche Ergebnisse im Interesse der Künstler:innen zu erzielen. Weswegen die Verantwortlichen auch nicht von Stipendiat:innen  sprechen , sondern von Teilnehmer:innen. Der zweite Jahrgang wird von Heidi Bayer, Leif Berger, Sonae, Laura Totenhagen, Janning Trumann und Philip Zoubek gebildet. 

Kornelia Vossebein (Photo: Patrick Essex)

Thomas Venker im Gespräch mit Kornelia Vossebein, die im Stadtgarten Köln für das NICA artist development zuständig ist. 

Kornelia, als das Programm im Herbst 2019 mit den ersten vier Künstler:innen Elisabeth Coudoux, Pablo Giw, Pablo Held und Tamara Lukasheva gestartet wurde, lebten wir noch in einer anderen Welt, Corona existierte für uns noch nicht. Vor diesem Hintergrund möchte ich meine Einstiegsfrage aufteilen: Wie bewertest du den bisherigen Verlauf des Projektes, bei dem du selbst als Projektleiterin seit letzten Herbst dabei ist, denn generell?

Kornelia Vossebein: Unterm Strich sehr positiv. NICA startete in 2019 als Pilotprojekt des Landes NRW, um herausragende Künstler:innen aus NRW im Bereich Jazz und aktuelle Musik in ihrer künstlerischen und beruflichen Entwicklung zu unterstützen und ihnen damit eine nachhaltige Karriere zu ermöglichen. Der Ansatz des Programms, dabei individuell von den jeweiligen Künstler:innen her zu denken und individuelle Unterstützung in allen relevanten Bereichen des Berufes geben zu können, ist europaweit einzigartig. Damit wurde Neuland in der Konzeption und Herangehensweise von Künstler:innenförderung betreten. Ein herausfordernder Ansatz, auch für die Künstler:innen selbst. Es gibt bei NICA so gut wie keine Standardmodule oder Pflichtveranstaltungen, sondern es wird mit allen Künstler:innen ein individueller Fahrplan erarbeitet, ausgehend von ihren Ausgangslagen, Zielsetzungen und Bedürfnissen. Das bedeutet hohen Einsatz und große Eigenverantwortlichkeit von allen Beteiligten.
Seit 2019 wurde viel erreicht: Die Projektkonzeption wurde ausgebaut und verfeinert, Webseite und weitere Kommunikationsmaterialien sind erstellt, das Netzwerk internationaler Kooperationspartner wächst stetig, ebenso der Pool von internationalen Mentor:innen und Coaches. In Kürze veröffentlichen wir die erste Studie überhaupt zu europäischen Künstler:innen-Förderprogrammen im Bereich Jazz. Das Wichtigste aber: Die NICA artists profitieren sehr von der Förderung. Nach etwa einem Jahr Teilnahme und Arbeit im Programm berichten die vier der ersten Generation über positive Entwicklungen: Steigende Anfragen für Konzerte, Kompositionen und Kollaborationen, größere Fokussierung auf Wesentliches möglich, neue oder erweiterte künstlerische Projekte und Perspektiven, mehr Kompetenzen in Organisation und Finanzierung, Verbesserung der Kommunikation und Außendarstellung, wachsende Netzwerke. Findung oder Schärfung der Künstlerpersönlichkeit und damit auch von Alleinstellungsmerkmalen. Und das alles trotz der corona-bedingten Einschränkungen seit über einem Jahr.

Und wie drastisch sind die Auswirkungen von Covid-19 auf die Intention des Programms und die konkreten Projekte der Künstler:innen?

Drastisch, wie in der gesamten performativen Kulturszene. Die Intention des Programmes leidet allerdings nicht, wohl aber braucht(e) es große Anpassungen der inhaltlichen Maßnahmen. Zu den drei Hauptsäulen des Programms gehören Masterclasses, Residenzen im In- und Ausland sowie die Schaffung von Konzertmöglichkeiten. In 2020 mussten geplante Arbeitsaufenthalte etwa in New York oder Oslo abgesagt werden, neue Austauschprojekte mit Partnern aus den Niederlanden oder Belgien konnten nicht stattfinden. Bei allem, was mit Reise und persönlichem Kontakt zu tun hat, sind die Maßnahmen jetzt ‚on hold‘ und sind wir in Vorbereitung mit unseren internationalen Partnern.
Selbstredend sind in den Lockdowns vor und nach dem Sommer 2020 auch etliche andere Konzerte der NICA artists ausgefallen. Wir haben im Stadtgarten und auch mit NICA gegengesteuert und unter anderen im Sommer wöchentliche Konzerte im Green Room, unserem Draußen-Konzertsaal, veranstaltet sowie seit November Video-Drehs und Streamkonzerte organisiert – mit Honorarzahlung.
Ebenso intensiviert ist seit Lockdown alles, was trotz der Restriktionen möglich und sinnvoll ist: Online- und Hybrid-Formate sowie viele andere Einzelprojekte. Ein Beispiel: Das Pablo Held Trio hatte einen Auftritt beim Jazzycolors Festival in Paris, durfte aber nicht einreisen – so gab es kurzfristig in Kooperation mit dem Festival und dem Goethe Institut einen Live-Stream aus dem Stadtgarten. Und ganz aktuell bahnt sich zum Beispiel. mit dem Hong Kong Jazz Festival ein spannendes hybrides Konzertformat an.

Trotz der widrigen Rahmenbedingungen geht das Programm aktuell in die zweite Runde mit sechs weiteren Musiker:innen. Kannst du diese sechs jeweils mit ein paar Sätzen vorstellen – gerne mit je einem Song auch, als Soundcloud, Bandcamp oder Youtube Link idealerweise.

Die zweite NICA Generation besteht aus Heidi Bayer (Trompete, Flügelhorn), Leif Berger (Schlagzeug), Sonae (DJ, Electronics), Laura Totenhagen (Gesang), Janning Trumann (Posaune) und Philip Zoubek (Piano, Syntheziser). Darf ich aber für weitere Infos und Audio/Video auf www.nica-artistdevelopment.de verweisen? Da findet sich alles Wissenswerte gesammelt, inklusive Links zu Musik und Projekten aller NICA artists.

Hast du das Gefühl, dass die Künstler:innen bedingt durch die Corona bedingten Unsicherheiten mehr den Dialog mit dir und dem restlichen Stadtgarten Team suchen?

Ich denke schon, dass in dieser Situation die Zugehörigkeit zu NICA für viele der Künstler:innen eine … sagen wir nochmal andere und zusätzliche Wichtigkeit bekommen hat, nämlich die der Kommunikation und des Austauschs, untereinander und mit uns. Das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern kontinuierlich Unterstützung zu bekommen. Neben der monetären Unterstützung, die das Programm bietet – Finanzierung von Coachings und Beratungsprozessen, Erstellung von Pressematerialien, Gagenzahlungen bei (Stream-)Konzerten im Stadtgarten, Finanzierung künstlerischer Vorhaben etc. – ist dieser „weiche Faktor“ noch wichtiger geworden. Ein Ergebnis der Studie zu Förderprogrammen (siehe Frage 1) ist, dass verlässliche Ansprechpartner:innen und Mentor:innen über einen längeren Zeitraum spielentscheidend für den Erfolg eines Programmes sind. Das ist bei NICA von Anfang an mitgedacht, nicht umsonst ist Pannonica de Koenigswater Namensgeberin des Projektes.

Die Stipendien sind auf bis zu drei Jahre angelegt und erlauben es, wie du bereits erwähnt hast, Kollaborationen einzugehen und Aufträge zu erteilen. Man kann also auch sagen, dass das NICA artist development Programm mehr als nur eine Künstler:innen-Förderung ist, sondern auch eine Strukturförderung. War das von Anfang an so intendiert? Inwieweit seid ihr in diese Prozesse denn mit eingebunden? Kommunizieren die Musiker:innen vorher mit Euch, bevor sie ihr Geld ausgegeben? Oder müssen sie es gar?

Es werden keine Stipendien vergeben, wir reden eher von Teilnehmer:innen oder besser von NICA artists. Diese von einer Expert:innen-Jury ausgesuchten Künstler:innen erhalten kein Geld oder festes Budget pro Monat. Alle Maßnahmen und Projekte, die für den jeweiligen NICA artist innerhalb der individuellen Ziele und des Fahrplanes produktiv und sinnvoll sind, werden im Vorfeld abgesprochen und dann von uns finanziert. Manchmal langfristig, manchmal kurzfristig, und immer so unbürokratisch wie es geht im Rahmen der Verwendungsrichtlinien des Landes.

Aktuell ist der Stadtgarten wie alle anderen Veranstaltungsorte auch geschlossen. Die Hoffnung liegt auf fallenden Zahlen und der Rückkehr zu Indoor-Konzerten unter Corona-Auflagen im Jahresverlauf sowie bereits ab Mai zu Open-Air-Veranstaltungen, die sich im Stadtgarten ja im hinteren Bereich anbieten. Im letzten Jahr habt ihr dort den sogenannten “Green Room” etabliert.
Vor einigen Wochen habt ihr die vom NICA Magazin präsentierte Streaming-Reihe aus dem Stadtgarten gestartet. Wie hast du die bisherigen erlebt, wie sieht es mit Feedback von Außen aus und was steht für die kommenden Wochen an?

Die wöchentliche Reihe „Nica Magazin presents“ zeigt Einzelclips des NICA Magazins plus unveröffentlichtes Konzertmaterial des jeweiligen NICA artist als 30 bis 40 minütigen Zusammenschnitt, also fast eine TV-Sendung. Das bildet sehr gute Portraits der Künstler:innen, sehr kurzweilig und trotzdem informativ. So auch die positiven Reaktionen von außen. Dieses Format läuft noch bis zum 03. Mai (am 26.04. mit Pablo Giw, am 03.05. mit Sonae). Danach hoffen wir auf Live-Konzerte im Green Room, müssen aber aufgrund der aktuellen Lage flexibel bleiben: Solange Veranstaltungen mit Publikum nicht möglich sind, streamen wir jeden Montag ab 20:00 Uhr die ursprünglich für den Green Room geplanten Live-Konzerte der NICA artists. Alle Infos dazu finden sich auf www.nica-artistdevelopment.de und auf www.stadtgarten.de

 

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