Boards of Canada „Inferno” (Warp/Rough Trade)
Boards of Canada
„Inferno”
(Warp/Rough Trade)
„Introit“: Orange, übergeblendet, verwaschen, Super 8, ruckelig und doch fließend, Stimmen irgendwo, Wolken von Erinnerungen.
Schnitt: Früher, in Kindheit und Jugend, an den mal mehr, mal weniger opulenten HiFi-Anlagen der zumeist älteren Brüder guter Freunde, standen und liefen auf ihnen gerne mal Alben von Superstars wie Tangerine Dream, Mike Oldfield, Jean-Michel Jarre oder Pink Floyd.
Während ältere Schwestern guter Freunde letztere auch mal geschwisterlich herzlich verkloppten. Mehr die Musik und weniger die Kloppe war faszinierend, gleichzeitig wollte man sich dann natürlich gegenüber des Bombast-Rocks absetzen. Andere ältere Brüder hatten da mit Palais Schaumburg, Fischer-Z, Ultravox oder The Wirtschaftswunder schon Abseitigeres zu bieten.
Trotzdem sind die Elektronik-Feuerwerke irgendwie ein Leben lang auch ein Stückweit geblieben. Fast geisterhaft. Irgendwie melancholisch ohne offenbarte Begründung. Wenn Du sowas auch fühlen kannst, ohne es erlebt zu haben, bist Du in der Hauntology angekommen. Höre „Prophecy At 1420 MHz“. Da gluckst sogar eine tiefe, verzerrte Stimme tief aus dem Gulli der Indietronics.
Schnitt: Womit wir im auch schon wieder über 30 Jahre alten Land der schottischen Boards of Canada angekommen sind. Deren Soundtracks zu imaginären Horror-SciFi-Filmen zwischen ihren Labelmates Aphex Twin, Autechre, Seefeel, Mira Calix, TripHop à la dunkle Portishead oder Depeche Mode-verarbeitende Kruder & Dorfmeister, Filmmusiken von John Carpenter oder Angelo Badalamenti, (distorted) Dream Pop à la Spacemen 3, Cocteau Twins, Mazzy Star, Opal oder Bersarin Quartett und mitunter eher tanzbaren Varianten des Post Punk, New Wave, Industrial, Electronica à la Coil, This Mortal Coil, Cabaret Voltaire oder Severed Heads haben mich schon immer einlullend begeistert und mit einem kleinen, wohligen Schauer verunsichert., hier etwa auch auf „Hydrogen Helium Lithium, Leviathan“. Klatscht synthetische Hände.

Boards of Canada, 2013 (Photo: Peter Iain Campbell)
Schnitt: Als nun 13 Jahre nach „Tomorrow’s Harvest“ die ersten Teaser, Snippets und Andeutungen zu einem neuen, sechsten Album der Boards of Canada im Netz auftauchten, fand ich das zuerst sehr schön cool und angenehm mysteriös, dann wurde es gleichwohl etwas ‚too much‘ inklusive Tickets für Listening Sessions, und hat mich zärtlich zu nerven begonnen.
Wenn das vielseitige und erwartungsgemäß wunderbar geschriebene Infosheet vom Label „Warp“ dann auch noch von Simon Reynolds verfasst wurde, dessen neues Buch zu Shoegaze gerade im Erscheinen begriffen ist, ja was soll ich dann noch hinzufügen, außer subjektiver Einschätzungen und Assoziationen? Das mache ich dann aber doch freilich sehr gerne.
Schnitt: Boards of Canada haben kein Image, sie erzeugen Bilder in unseren Köpfen, schreibt Reynolds sinngemäß.
Schnitt: Beyoncés jüngere Schwester Solange hat die Boards zitiert, ihre abgedrehte und doch eingängige Musik lädt kultürlich zum Sampeln ein.
Schnitt: Ich mag die Begriffe „uncanny“ und „weird“ sehr, „Blood In The Labyrinth“ lässt grüßen.
Schnitt: Die Brüder Michael und Marcus Eoin Sandison aus Edinburgh bleiben sich treu im Hin- und Herreisen zwischen Zeiten, Generationen (ihr Name stammt laut Reynolds aus kanadischen Naturdokus in pädagogischen TV-Programmen, als die Brüder mit ihrem Vater in Alberta lebten), Technologien (Tape Culture!), Genres, Stilen und Farben, ihre Stimmungen weisen eine Stringenz auf zur versponnenen, schon erwähnten Melancholie ihres gesamten Werks, siehe auch die zahlreichen geheimnisvollen Fotos und Collagen in den Visualisierungen.
Schnitt: Bei den Boards war die Gestaltung des Sounds und auch insbesondere der Plattencovers, ihr Artwork im weiten Sinn, wegweisend für eine erfreulich seltsame futuroretroistische Gefühlskultur: Wenn du nun das neue Doppel-Vinyl-Cover plus Booklet plus 8“-Flexidisc um dich herum aufbaust, kannst du in diesen popmusikkulturellen Altar quasi hinein- und aus der Welt herausfallen. Das ist schon alles sehr durchdacht, stylish und entrückt kuschelig. Und dann wieder so gar nicht, das Krankenhaus lässt piepsend grüßen auf „Memory Death“. Schluck. Abschied.
Schnitt: Ein Tracksong oder besser Songtrack wie „You Retreat In Time And Space“ geht mir durch und durch, ohne durchzurutschen – beRÜHRUNGen. Die strahlende Klarheit des verhuscht eiernd Nebulösen. Schon den Film „In die Sonne schauen“ geschaut? Fade out.








