Record of the Week

Kai Althoff „Aber mich macht´s traurig“

Kai Althoff
„Aber mich macht´s traurig“
(Sonig)

Auf dem Cover des neuen Albums von Kai Althoff, dem ersten das der Kölner Künstler seit langen unter seinem eigenen Namen und nicht als Fanal oder Workshop veröffentlicht, ist eine Clique zu sehen, die um eine Sitzbank herum lungert. Ihre Gesichter sind per Weichzeichner unkenntlich gemacht, was der Kraft ihrer Blicke jedoch nichts anhaben kann, es lädt sie in ihrer brutalen Dringlichkeit nur noch auf, so dass man an die „Kinder des Zorns“ aus dem gleichnamigen Buch von Steven King denken muss. Den gespenstischen Effekt, den das hat, unterfüttert die Tatsache, dass der Autor dieser Zeilen genau weiß, wo diese Bank steht, nämlich in unmittelbarer Nähe zu seiner Wohnung.
Wäre diese Besprechung das Intro zu einer Science Fiction Geschichte, würde jeder, der „Aber mich macht´s traurig“ hört, sein ganz individuell aufgeladenes Titelbild zu sehen bekommen. Zu Steven King würde es hervorragend passen, zum Albumtitel auch; denn zumindest bei mir funktioniert es so: das Cover macht mich nervös und auf eine eigentümliche Art sehr traurig.

Kai Althoff by Yair Oelbaum

Was ich von der Musik nicht sagen kann, das Gegenteil ist – wie immer bei Althoff – der Fall, sie schenkt mir ein Gefühl von Zugehörigkeit. Wie keinem anderen Musiker seiner Generation gelingt es ihm die Klangversprechen der 70er Jahre aufzugreifen und auf eine angenehm unambitionierte Art fortzuschreiben. Es geht ihm nie um so etwas banales wie Musik zur Zeit und auch nicht um eine Idee von Modernität. Vielleicht ist dies das Geheimnis, weswegen der ewige Junge vom Brückmauspfad all das einzulösen vermag, woran die meisten anderen scheitern.
„Aber mich macht´s traurig“ vereint Weirdo-Folk, experimentelle Electronica, Free-Jazz und eine große Neugierde für Klänge aus aller Welt miteinander, generiert vom Solo-Orchester Althoff, der mit Rasseln, Flöten, Gitarren, Ratschen. Synthesizern, afrikanischen Trommeln und japanischen Saiteninstrumenten hantiert. Das mag virtuos klingen, die Art und Weise, wie er mit diesem Spektrum an Instrumenten umgeht, ist jedoch so unspektakulär wie man es sich nur wünschen kann.

Das faszinierendste an „Aber mich macht´s traurig“ aber ist die Abwesenheit einer auffälligen Dramaturgie, Althoff scheut sich nicht seine Songs vom narrativen Druck zu befreien, sie dürfen in sich zusammensacken, wenn es ihnen danach ist, oder auch Pausen einlegen. Sollen doch die anderen immer funktionieren, hier muss es keiner. Vielleicht weil er weiß, was die meisten sich nicht getrauen zu akzeptieren, „Weil sie allein gehen kann“, die Musik, wenn man ihr nur die Freiheit wirklich zugesteht.
Thomas Venker

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