Records of the Week – Special Double Edition

Desperate Journalist „Maximum Sorrow”
 / Anika „Change”

Desperate Journalist „Maximum Sorrow”
 (Fierce Panda/Cargo)
Anika „Change” (Invada/Sacred Bones/PIAS)

„Pop ist eine Frau“, schrieb Andreas Hartmann angesichts eines Zwischenfazits zu weiblichen Popstars dieses Jahr in der Wochenzeitung „Der Freitag“ (siehe Anmerkung (1)). „Pop ist Drag“, titulierte Diedrich Diederichsen (siehe Anmerkung (2)) vor auch schon wieder acht Jahren in dem eine Ausstellung begleitenden wissenschaftlichen Sammelband „ShePOP“. Beide Autoren schauen kritisch auf Pop und verstehen diesen übrigens nicht als vermeintlich seichtes, weibliches Genre gegenüber dem männlich dominierten ‚Cock Rock‘ (Angela McRobbie & Simon Frith). Vorsichtiger Fortschritt in Richtung Gleichstellung wurde also konstatiert. Na immerhin. Von Männern. Auch im Popmusikjournalismus bewegt sich was. Was wohl Frauen und Drags dazu dachten und denken?

Daran anschließend erschienen dieser Tage die neuen mollvollen Alben von Desperate Journalist und Anika. Mal sehen, was seit The Slits, Siouxsie & The Banshees, Nichts und Östro 430 im Bereich von Post/New Wave/Punk und Epigon*innen so passiert ist (vgl. dazu auch meine hiesige Doppelrezension von No Joy/J. Zunz). Die einen benennen sich gewissermaßen nach verzweifelten Schreibenden, die andere (Annika Henderson) schreibt gleich selbst Musik, Lyrics und Journalistisches.

„Formaldehyde“ startet das neue, vierte Album „Maximum Sorrow!“ und beginnt/endet mit Jo Bevans etliche Male wiederholten „When you are gone, will they forget your face?“. Die Single „Fault“ und „Fine in the Family“ bollern dann sogleich mit Simon Drowners Bass, schneiden klirrend mit Rob Hardys Gitarre und angetrieben von Caz Hellbents Schlagzeug verhallt in Richtung köpfegesenkter Tanzböden und in Sound, Stimme, Lyrics und Haltung offenhörbar klaren Referenzen zu Bands wie eben den Banshees, deren Seitenprojekt Creatures, andere auch weibliche und heute etwas vergessene britische Gothic Post Punk Bands wie Ghost Dance, The March Violets oder – aktueller und dementsprechend präsenter – Warpaint oder Savages. Ich persönlich höre solche Acts viel mehr aus Desperate Journalist raus als die ewig zitierte Blondie-Referenz. Letztlich aber niemals abgekupfert oder nachgespielt, sondern eben als mal nähere, mal fernere Bezugspunkte im Kosmos von Desperate Journalist. Pathos wird hier nicht zurückgehalten, manchmal für meinen Geschmack eine Stimmlage und etwas anti-ironisch zu viel investiert („Utopia“, „Everything You Wanted“, etwas zuviel Simple Minds und, sorry, U2). Melancholie und doch auch in Musikkultur gegossene Wut vom Mikropolitischen (ich, du, Beziehung) zum Makropolitischen (wir, ihr, Welt), vom Privaten über Londoner Wohnzustände bis zur Online-Gesellschaft eröffnen Bevan und Band aber stets Fenster zur Hoffnung, selbst in „Armageddon“. So ähnlich fühlte sich das auch Mitte der 1980er an, sagt jemand, der das nicht gestrig, sondern im heute meint. Und wer seinerzeit noch keine Popmusik (er-)leben konnte, die oder der kann ja in die alten Sachen rein hören und sinnieren, wieso es zu Zeiten des Kalten Kriegs, der Sauren Wälder und der Atombedrohungen schon mal ähnlich klang. Geschichte wiederholt sich nicht, aber Probleme und Ängste bleiben.

Nochmals und immer wieder Referenzen: Ich habe den tollen Pretenders-Song „I Go to Sleep“  tatsächlich überhaupt erst durch Anikas wundervoll trostlose Version kenne gelernt – und auch das nur durch eine verflossene Musikliebhaberin mitgeteilt bekommen. Die selbst vielleicht noch gar nicht weiß, dass Chrissie Hynde und Band einst den großen Ray Davies von The Kinks coverten. Wird sie von mir auch nicht mehr erfahren. Entdeckungsland Pop. Anika zeigt eine klare Anti-Attitüde, bei der, wenn auch manchmal sehr unter Sprödem, Pseudogelangweiltem und Abwesendem vergraben, eine ganze Portion energisches Augenzwinkern oder sogar Witz lagert. Die in Surrey (UK) geboren und mit Bristol-Berlin verwachsene Anika veröffentlicht sicher nicht umsonst auf Geoff Barrows „Invada“-Label, denn dessen Projekte Portishead und BEAK> (bei letzterem war Anika auch schon beteiligt, wie sie auch bereits mit Tricky, Shackleton, T.Raumschmiere und, und, und gearbeitet hat) und vor allem ihr anderes Seiten-Band-Ding Exploded View leben von einer dunklen Tristesse, die gleichwohl leuchtend strahlt – eben gerade nicht radioaktiv, sondern voller Hoffnung. Anikas Zweitling klingt ähnlich und doch auch ganz anders als das Debüt vor – urgh – elf Jahren. Trotz Vorgelsterbens und all den hier anklingenden Sorgen ist „Change“ nicht nur wegen des Albumtitels ein Fingerzeig nach vorne. Wo Nico in schier grenzenloser Dunkelheit versank und ähnlich eigen sang, schwingt bei Anika etwas viel Doppelbödigeres mit. Deswegen aber niemals unernst. Repetitiv krautig („Finger Pies“, „Rights“), verhallt indietronisch („Sand Witches“), (be-)rührende Beinahe-Electronica („Critical“), cool und anti post-new-wavig („Naysayer“, „Freedom“) schon sehr spektakulär schillernd grau („Change“, Achtung: Erleichterungsheulhymne), neuerdings mit einem knallroten Einschlag (alle neun Songs auf 37 Minuten).

Ob Pop nun eine Frau, ein Mann, divers, Drag oder extraterristrisch ist, ich weiß es nicht. Ein Seismograph bleibt Pop jedenfalls. Und in Bewegung: „I think we can change“ (Anika). Ich glaube das auch, vielen Welteindrücken zum Trotz. Pop lernt und lebt.

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(1) Hartmann, Andreas (2021): Pop ist eine Frau. Sounds. Adele, Helene Fischer, Billie Eilish: Weibliche Stars prägen derzeit die Popmusik. Es geht zaghaft voran. In: Der Freitag. Nr. 18 vom 06.05.2021, S. 11.

(2)  Diederichsen, Diedrich (2013): Endlich ohne Männer und Frauen – Pop ist Drag. In: rock’n’popmuseum/Thomas Mania/Sonja Eismann/Christoph Jacke/Monika Bloss/Susanne Binas-Preisendörfer (Hrsg.): ShePOP: Frauen. Macht. Musik!. Münster: Telos, S. 181-191.

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