Sonic Morgue – Interview mit Christian Morin

Christian Morin: „Ich merke, dass ich Sehnsucht habe, nach einem mythischen Ort.“

Christian Morin

Ab dem 23. März hat Berlin eine neue Konzertreihe, die soviel mehr als nur eine Konzertreihe ist: Sonic Morgue. Konzipiert und umgesetzt von Christian Morin, den man als Mastermind hinter der Bookingagentur Headquarter sowie als Dramaturg des Pop-Kultur Festivals kennt. Los geht es gleich mit drei Veranstaltung, neben der Opening Night mit Others, Roller Derby, Plaisir, Apex Anima & Frznte gibt es einen Abend mit BOHREN & DER CLUB OF GORE sowie einen Abend mit ARAB STRAP und  HACKEDEPICCIOTTO.

Christian Morin war so nett im Flieger nach Austin zum SXSW ein paar Fragen zu beantworten. 

 

Christian, zunächst einmal Gratulation zur neuen Konzertreihe. Wie kam es zu dem Namen Sonic Morgue?

Der Name war mir ziemlich schnell klar die Konzerte finden ja im Silent Green statt, einem alten Krematorium in Berlin Wedding. Dort befindet sich auch seit einigen Jahren mein Büro. Die unterirdische Betonhalle, in der jetzt am 23.03. auch die Eröffnung stattfindet, war ja tatsächlich die alte Leichenhalle des Krematoriums. Als ich dort zum ersten Mal unten war, gab es noch Leichenkühlschränke, wie man sie zumeist nur aus dem Krimi kennt. Jetzt nach der Renovierung befindet sich dort die Bar. Ich wollte den Veranstaltungen einen kuratorischen Rahmen geben, deshalb war mir gleich klar, es musste einen starken Namen geben. Sonic Morgue beschreibt im Grunde nur, was das ganze ist, eine “klingende Leichenhalle”.
Ich finde, das hat etwas sehr poetisches, und außerdem klingt es einfach gut. Ich habe dann die Worte mit allen möglichen Schriften probiert, aber ich bin ja bestenfalls Hobbygrafiker. Die Hamburger Star-Parfümeurin Kim Weisswange hat sich dann angeboten mir ein Logo zu basteln. Das hätte ich selbst gar nicht hinbekommen.

Mir gefällt das Motto “ leave all your things behind!“, mit dem du aufgreifst, dass es nicht nur um reine Konzerte geht, sondern dass du gemeinsam mit der Künstlerin Kerstin Junker eine Erlebniswelt drumherum konzipiert hast mit Videoinstallationen Performances und Kunstprojekten. Wie seid ihr darauf gekommen und wie habt ihr die Idee ausgearbeitet?

Ich hatte ziemlich viel Zeit zum Nachdenken in den ganzen Lockdowns. Ich habe unter anderem ein Theaterstück geschrieben, für das ich leider noch kein Geld zur Realisierung gefunden habe, und ich hatte Lust mir eine Veranstaltungsreihe auszudenken, in der man wieder sehr viel spielerischer an die Zusammenkunft der Menschen herangeht. Der erste Club, an dem ich über die gesamten neunziger Jahre beteiligt war, war ein besetztes Haus in der Rosenthaler Strasse mit dem Namen “Eimer”. Hier war das Konstrukt “Club” tatsächlich noch ein utopischer Raum. Das war gar kein Konzept, es hat sich einfach ergeben. Heutzutage ist ja alles eher sehr nüchtern, besonders in der Konzertwelt. Total durchgetaktet und eher von Business-Menschen gemacht. Wenn der letzte Ton gespielt ist, drängen einen schon die Türsteher Richtung Ausgang. Alles ist Kulturwirtschaft. Ich merke, dass ich Sehnsucht habe, nach einem mythischen Ort. Eher nach dem kollektivem Empfinden von Musik als Kunstform.
“Leave all your things behind” ist in diesem Zusammenhang ja eine Aufforderung, den ganzen Ballast unserer Alltagsidentität hinter sich zu lassen, und sich einer anderen Welt zu öffnen. Das hat gar nichts mit Realitätsflucht zu tun, aber seien wir mal ehrlich: “Identität ist die Pest!” Wenn ich mir die Rethorik um das Kriegsgeschehen in der Ukraine anschaue, wird mir Angst und Bange… und von allen Seiten werden die Menschen mit irgendwelchen Identitätsangeboten zugeschüttet.
Kerstin Junker habe ich durch Zufall gefunden. Ich habe ein Werk von ihr auf Facebook gesehen und sie angeschrieben- Am selben Abend haben wir telefoniert und dann bin ich im November nach Dresden gefahren, und habe sie in ihrem Atelier besucht. Ihre Bildwelten haben mich sofort in den Bann gezogen, und ich wollte wirklich handgemalte Bilder für die Visualität der Reihe finden, nicht Computergrafiken. Kerstin ist ja tatsächlich noch eine gelernte Theatermalerin. Das finde ich toll!
“Leave all your things behind” ist übrigens auch der Name einer Sound und Videoinstallation, die ich für die fast 40 Meter lange Eingangsrampe der Betonhalle konzipiert habe. Bei der Realisation hat mir meine alte Freundin Barbara Wagner geholfen. Sie ist Musikerin bei der Band Britta, und schon immer Tourmanagerin von Tocotronic, aber eben auch Kamerafrau und Cutterin. Meine große Tochter Tamina hat die Absprachen mit dem Förster für unseren Walddreh übernommen, und spielt einen Schatten. Kristof Hahn von den Swans hat Musik und Stimme beigesteuert. Mehr will ich dazu noch nicht verraten.

Du arbeitest zudem als Festivaldramaturg bei Pop-Kultur. Würdest du mir zustimmen, dass die dortigen Auftragsarbeiten und das generell sehr breite Verständnis von Pop-Kultur, die das Festival auszeichnen, von Einfluss war mehr als nur reine Konzerte zu organisieren?

Ja auf jeden Fall. Bei Pop-Kultur hat mich die langjährige Zusammenarbeit mit Martin Hossbach geprägt, der ja nach der Digitalausgabe 2020 das Team verlassen hat Er hat die immer sehr viel künstlerische Impulse eingebracht, gerade für die Commissioned Works, die Auftragsarbeiten des Festivals. Da haben wir uns manchmal ziemlich die Köpfe heiß diskutiert, und waren nicht immer einer Meinung. Trotzdem war das am Ende immer ein total produktiver Austausch. Mit Pamela Schlewinski als Produktionsdramaturgin, haben wir ja auch eine Person als Leiterin dieser Abteilung die auch vom Theater kommt, und noch mal einen ganz anderen Blick hat, als jemand der vom klassischen Konzertgeschehen kommt. all das hat mich natürlich beeinflusst in den letzten Jahren.

Wie zentral ist das Silent Green für deine Vorstellung von Sonic Morgue?

Ehrlichgesagt, beim Nachdenken ist mir aufgefallen, dass sich um mein Büro herum, oder besser gesagt unter meinen Füssen, fantastische Möglichkeiten bieten. Damit war die Idee geboren. Irgendwann habe ich das dann dem Betreiber Jörg Heitmann vorgeschlagen.

Du warst bis vor kurzem zwölf Jahre lang für das Musikprogramm der Volksbühne verantwortlich. Ich will jetzt gar nicht auf die Probleme des Abschieds größer eingehen, mich interessiert eher was man als persönliche Highlights und Lernerfahrungen aus einer so langer Zeit in einer großen und im eigenen Wasser fahrenden Institution wie der Volksbühne für sich mit nimmt?

Die Volksbühne ist für mich ein schwieriges Thema. Ich liebe ja das Haus und all seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, vor allen Dingen in den Gewerken. Ich bin den zwölf Jahren (und ca 350 Abenden, die ich konzipiert und geleitet habe) durch viele Höhen und Tiefen gegangen, und viele haben ja gehofft, es wird jetzt besser. Deshalb ist es umso trauriger zu sehen, wie das Haus immer weiter in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Es gibt dort ja immer noch gute Leute, wie die langgediente Dramaturgin Sabine Zielke, aber wenn der Chef nur noch wie ein König im Märchen herumläuft der immer vor sich hinmurmelt “Ich bin kein König, ich bin ein Kollektiv”, und das Hauptthema des Diskurses nur noch die eigene künstlerische Praxis ist, dann ist leider Hopfen und Malz verloren. Es geht dann ja nur noch um Selbstbezüglichkeit und das Kollektivverständnis ist auch eher das, eines alten Adelsgeschlechts. Neulich habe ich auch einen Post von Max Müller gelesen, man hätte seiner Band Mutter auf Anfrage gesagt, sie passe nicht mehr in das Profil der Volksbühne. Das kommentiere ich jetzt mal nicht.
Aber egal, wir wollten ja eher über meine Erfahrungen reden. Ich lasse die ganzen politischen Verwerfungen der letzten Jahre mal aus, denn das würde zu weit führen. Grundsätzlich ist ein solcher Tanker, wie es die Volksbühne ist ja immer Fluch und Segen zugleich. Einerseits bieten sich ja sehr viele Möglichkeiten und in den Gewerken ist eine extrem hohe Expertise vorhanden, gleichzeitig treiben einen die administrativen und strukturellen Prozesse oft in den Wahnsinn. Man muss selbst extrem strukturiert und effektiv arbeiten, sonst verheddert man sich ständig in der riesigen Struktur.
In meiner neuen Reihe habe nun ja fast alles selbst gemacht, von der Pressearbeit bis zum Plakatdesign. Da vermisst man schon die Infrastruktur einer solchen Institution. Außerdem setze ich bei Sonic Morgue natürlich mein Geld ein. Wenn die Leute jetzt doch noch keine Tickets kaufen, wegen Corona oder aus anderen Gründen, dann bin ich schlicht und einfach Pleite. Das kann eine Institution natürlich einfacher abfedern.
Was Highlights anbetrifft, ist das wirklich schwierig bei so vielen Abenden. Sehr bewegend war der achtzigste Geburtstag von Yoko Ono, oder auch OOPS, das Peaches Musical, welches ich mit dem Kampnagel in Hamburg koproduziert habe, was dann meine letzte große Produktion vor Corona werden sollte. Es gab auch so viele kleine unvergessliche Abende. Gerade muss ich viel an einen Film & Musik Abend 2017 über den Donbas denken, mit dem Filmemacher Tom Franke und dem ukrainischen Geiger Marc Chaet. Es waren ca 100 Leute im großen Saal. Ein Spezialthema eben über ein brennendes Haus, welches niemanden interessierte.

Wie geht es mit Sonic Morgue weiter? Folgen weitere Abende? Wann? Kannst du schon verraten mit wem?

Ja, es wird auch einige kleine Abende in der Kuppelhalle geben zum Beispiel mit Finn Ronnsdorf oder Crime & City Solution. Am besten folgt man uns auf Facebook (Sonic Morgue) oder Insta (sonic_morgue). Gerade habe ich die Musikerin Lisa Morgenstern mit dem Detect Ensemble verknüpft, und bin auch im Gespräch mit Michael Rother über das 50 Jährige Jubiläum der ersten Veröffentlichung von Neu!. Das zeigt etwas von der Bandbreite.
Außerdem habe ich mir mit dem Volkstheater in Wien einen regelmäßigen Event mit dem Namen “Desertshore” ausgedacht, meine Lieblingsplatte von Nico. Ich versuche gerade eine Synergie zu schaffen, um Künstler*innen dann dort und bei Sonic Morgue auftreten zu lassen. Das relativiert gerade bei internationalen Acts dann auch die Reisekosten. Schauen wir mal.

 Letzte Frage: Welche Tipps hast du für das SXSW?

Das kann ich noch gar nicht sagen. Vorgestern habe ich eine sehr tolle junge Indieband gesehen: Lunar Vacation. Das war eine echte Entdeckung. Aber schauen wir mal, ich bin ja noch ein paar Tage hier.
Dieses Jahr spielen hier auf jeden Fall viele tolle deutsche Bands, was mich sehr freut. Sophia Kennedy, Roller Derby, Minimal Schlager, Ava Vegas .. und einige mehr.

YOU ARE ENTERING SONIC MORGUE. LEAVE ALL YOUR THINGS BEHIND!

23.03.22 THE OPENING: Others, Roller Derby, Plaisir, Apex Anima & Frznte
24.03.22 BOHREN & DER CLUB OF GORE
28.03.22 ARAB STRAP, HACKEDEPICCIOTTO

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