40 Jahre Kölner Stadtgarten: Wie man einer Stadt einen musikalischen Ort baut

Außenansicht Stadtgarten, 1986 (Photo: Hyou Vielz)
Es gibt Orte, die irgendwann so selbstverständlich zur kulturellen Topografie einer Stadt gehören, dass man vergisst, dass sie einmal hart erkämpft werden mussten. Der Stadtgarten in Köln ist so ein Ort, zumal er neben der großen Bedeutung für die lokale Jazz Szene seit langen weit über die Stadt- und auch NRW-Landesgrenzen hinaus zu scheinen und wirken weiß, unter anderem manifestiert durch den institutionellen Status als „Europäische Zentrum für Jazz und Aktuelle Musik“ und das angegliederte NICA artist development Programm.

Jaki Liebezeit, Stadtgarten, 9. September 1996 (Foto: Hyou Vielz)
Das Buch „40 Jahre Stadtgarten“, herausgegeben zum Jubiläum und geschrieben von Martin Laurentius, erinnert daran, dass am Anfang die Ambition von Musiker:innen stand, sich zu organisieren, Räume zu suchen, Förderstrukturen zu entwickeln – und diese sich dafür mit einer Stadt anlegen mussten, die für diese Musik zunächst keinen angemessenen Ort vorgesehen hatte.
Laurentius erzählt diese Geschichte nicht erst ab 1986, als der Konzertsaal im Stadtgarten eröffnet wurde. Er beginnt 1978 mit der Initiative Kölner Jazz Haus und zeichnet damit jene Vorgeschichte nach, ohne die der Stadtgarten kaum zu verstehen wäre. „Jazzkrieg“, Jazzhearing, JazzHausMusik, Offene Jazz Haus Schule: Schon die Kapitelüberschriften erzählen von einer Zeit, in der kulturelle Infrastruktur nicht einfach vorhanden war, sondern politisch und praktisch hergestellt werden musste.
Denn ein Konzerthaus entsteht nicht nur aus dem Gebäude und einem Programm, sondern vor allem aus Netzwerken, Beharrlichkeit und der Fähigkeit, institutionelle Formen für Bedürfnisse zu erfinden, die es vorher offiziell gar nicht gab.
Laurentius hat für „40 Jahre Stadtgarten“ Archive geöffnet, Programmhefte und Dokumente gesichtet und 28 Interviews mit 23 Zeitzeug:innen geführt, allen voran die beiden den Stadtgarten prägenden Protagonisten Reiner Michalke und Matthias von Welck. Das Ergebnis ist entsprechend detailreich – bisweilen vielleicht sogar so detailreich, dass die Chronologie droht, die eigentliche Dramaturgie zu verschlucken. Doch gerade in den vielen Namen, Daten, Konzertlisten und Nebengeschichten wird sichtbar, was Kulturgeschichte sonst gerne ausblendet: Institutionen bestehen aus Menschen, und ihre Geschichte ist voller Zufälle, Konflikte, Improvisationen und persönlicher Beziehungen.

Sun Ra & June Tyson, Stadtgarten, 8. Mai 1988 (Foto: Hyou Vielz)

Carla Bley, Stadtgarten, 29. Oktober 1988 (Foto: Hyou Vielz)
Spannend wird das Buch vor allem dort, wo es seine eigene Erfolgsgeschichte unterläuft. Auf die Gründungsmythen folgen Konsolidierung und „Konzertroutine und ihr Preis“, später die „Krux mit der Ausländersteuer“, Fragen der Förderung und schließlich die Neuausrichtung zum Europäischen Zentrum. Der Stadtgarten erscheint damit nicht als fertige Erfolgsgeschichte, sondern als permanent neu zu verhandelndes Modell:
Was bedeutet Offenheit, wenn aus einer Initiative eine Institution wird?
Wie viel internationale Strahlkraft kann sich ein kommunal und öffentlich finanzierter Ort leisten?
Und wie lässt sich ein Programm schützen, dessen Wert sich nicht immer in Besucher:innenzahlen übersetzen lässt?
Diese Fragen sind auch deshalb relevant, weil der Stadtgarten längst mehr ist als ein Jazzclub. Er ist Produktionsort, Konzertsaal, Netzwerk, Ausbildungs- und Entwicklungsraum und – mit NICA, JAKI und dem Drei-Bühnen-Modell – ein Versuch, Gegenwartsmusik institutionell neu zu denken.

Maceo Parker, Stadtgarten, 5. März 1992 (Foto: Hyou Vielz)

John Zorn, Stadtgarten Köln, 1. November 1989 ©HyouVielz.jpg Foto: Hyou Vielz
Ich schreibe das nicht aus neutraler Entfernung. Der Stadtgarten ist ein Ort, dem ich mich seit vielen Jahren verbunden fühle: als Besucher, als Berichterstatter und immer wieder auch als Kooperationspartner. Im Sommer findet etwa seit nunmehr fünf Jahren die vom Kulturamt der Stadt Köln geförderte „Talking Kaput“-Reihe regelmäßig im Green Room des Stadtgartens statt. Gerade deshalb liest sich dieses Buch für mich auch wie eine Erinnerung an einen Ort, dessen Bedeutung man im Alltag leicht übersieht. Man geht hin, hört Musik, trifft Menschen – und nimmt die Infrastruktur dahinter als selbstverständlich. Das ist sie aber bei weitem nicht.
„40 Jahre Stadtgarten“ macht diese Infrastruktur sichtbar. Und vielleicht ist das seine wichtigste Leistung: Das Buch erzählt nicht nur die Geschichte eines Konzertortes. Es erzählt davon, dass kulturelle Orte politische Entscheidungen sind, dass ihre Existenz nicht naturgegeben ist – und dass vierzig Jahre nach der Eröffnung die wohl drängendste Frage lautet: Wie muss sich ein kultureller Melting Pot wie der Stadtgarten aufstellen, damit er auch in den nächsten vierzig Jahren nicht nur bestehen bleibt, sondern weiterhin so relevant bleibt? Der nun anstehende Neubau des Konzertsaals ist sicherlich ein immens wichtiger Schritt auf diesem Weg.
Martin Laurentius: „Stadtgarten – Das Buch“ ist im J.P. Bachem Verlag erschienen
Der Stadtgarten feiert seinen 40 Geburtstag am Freitag, 4. September, mit der „Night of Stadtgarten“, einer Kombination aus Jubiläumsfestival (unter anderem mit Neue Grafik, Selendis Johnson & NYC meets CGN und Stian Westerhus & Arve Henriksen) und einen anschließenden „Late Night Party“ (mit unter andren DJ Money & MK Braun sowie Tobias Thomas und DJ AssTits, Slaymira & Juno.J (Hyperlove)).

Jimi Tenor, Stadtgarten, 7. Juli 2003 (Foto: Hyou Vielz)








