Annie Bloch, Parissa Charghi, Victor Fox, Florian Herzog, Tabea Kind & Kateryna Kravchenko

Die NICA-Klasse von 2026

Im Bemühen, die fragile Infrastruktur der europäischen Avantgarde-Musik zu sichern, hat das Land Nordrhein-Westfalen zusammen mit dem im Köln Stadtgarten ansässigen Europäischen Zentrum für Jazz und zeitgenössische Musik 2019 das NICA artist development Programm etabliert, das ausgewählten Musiker:innen eine mehrjährige institutionelle Support-Plattform bietet. Kaput berichtete in den vergangenen Jahren bereits mehrmals über das Projekt, das abseits kommerzieller Marktlogiken darauf abzielt, künstlerische Exzellenz strategisch mit unternehmerischer Professionalisierung zu verknüpfen. Jüngst wurde nun der neuste NICA Jahrgang bekannt gegeben: Annie Bloch, Parissa Charghi, Victor Fox, Florian Herzog, Tabea Kind und Kateryna Kravchenko. Anlass genug, um bei den sechs Künstler:innen mal nachzufragen, was sie mit NICA verbinden und was sie sich erhoffen.  

 

1. Was verbindest du mit dem Programm?
2. Gibt es ganz konkrete Sachen, die du dir erhoffst?
3. Welches Konzert / welches Projekt Künstler:innen vorheriger NICA Generationen ist dir besonders in Erinnerung geblieben und warum?
4. Artist Development bedeutet auch aus den Fehlern und Stärken anderer Künstler:innen und der Geschichte. zu lernen. Hast du Role Models? Gibt es spezifische Gesichtspunkte, wo du besonders von Kolleg:innen zu lernen versuchst?
5. NICA ist auch ein Community Programm. Gibt es eine historische oder auch aktuelle Szene, die dir besonders wichtig ist, und warum?
6. Wie empfindest du aktuell den Status quo der Kölner Musikszene?
7. Lieblingssong mit Link in 2026 bislang – und warum?
8. ⁠Last words?

Annie Bloch (Photo:  Timo Vogt)

Annie Bloch

1.
Ich verstehe NICA als ein sehr vielfältiges Programm, so vielfältig wie die Artists, die es prägen. Ganz knapp vielleicht: Neue Aufbrüche und spannende Konzerte.

2.
Ich stecke gerade noch mitten in der Veröffentlichung und Release-Tour von meinem Orgelalbum „luvt“. Von NICA erhoffe ich mir, dass es mich dabei unterstützt, meinen bisher eingeschlagenen Weg weiter zu schärfen. Ich will meine Orgel- und Songprojekte, insbesondere I DEPEND weiterverfolgen, neue Kompositionsprojekte angehen und mehr visuelle Aspekte in meine Arbeit einbeziehen.

3.
Das erste Mal erlebt habe ich NICA in Form von einem Konzert von Pablo Gīw mit dem Tänzer Kelvin Kilonzo im Stadtgarten Green Room. Ich fand es sehr cool, dass bei NICA live Künstler:innen unter anderem auch kuratieren. Man lernt die Künstler:innen und ihre Perspektiven dadurch auch anders kennen.

4.
Ein großes Thema für mich ist, nicht auszubrennen. Ich will noch in vierzig Jahren auf der Orgelbank sitzen oder mit Leuten Gitarre spielen. Unsere Arbeit und das Excitement laden oft dazu ein, über seine Grenzen zu gehen und sich dann wieder ganz leer zu fühlen. Mich beeindrucken vor allem Kolleg:innen und Künstler:innen, die mit sich in touch sind und ganz gelassen, geduldig und grounded ihre Sache verfolgen. Da versuch ich mir oft eine Scheibe von abzuschneiden.

5.
Ich fühl mich der Kulturszene allgemein in Köln sehr zugehörig und das wird mir immer wichtiger. Mit Kolleg:innen vor Ort im Austausch zu sein und ihre Projekte zu verfolgen, gibt mir selbst total viel Antrieb. Ich schaue schon auch viel auf die Indie-Szene in den USA und die internationale avantgardistische Orgelszene, aber ich finde den Ansatz auch sehr wichtig und schön, die Stadt, in der man lebt, mit kulturellem Leben zu füllen und dem Publikum hier immer wieder etwas Neues zu zeigen.

6.
Das ist für mich schwer zu beantworten, weil es viele Szenen innerhalb der Musikszene in Köln gibt, in denen ich gar nicht unterwegs bin. Mir geht es so, dass in Köln mehr spannende Musik stattfindet, als ich es schaffe zu besuchen. Das ist schön! Und als Musikerin erlebe ich, dass sich Kölner:innen von Musik überraschen lassen und neugierig und offen sind. Was ich aber auch in meinem Umfeld erlebe, ist, dass kleinere Bands und Acts Schwierigkeiten haben, ein Venue für ihr Konzert zu finden. Besonders kurzfristig ist es ganz schwer, passende Räume zu finden. Ich finde, das ist das Wichtigste für die lokale Szene: Räume stärken und schützen. Das erfordert Mut.

7.
„Cellular Reverse“ von Gia Margaret.
Gia Margaret hat nach einer gesundheitlichen Gesangspause wieder ein Album mit Gesang veröffentlicht und ich lieb, wie ihr Ambient-Stil der letzten Alben trotzdem durchscheint und ihre Stimme und Lyrics mir dabei mitten ins Herz treffen.

 

 

Victor Fox (Photo: Jakob Jaeger)

Victor Fox

1.
Mit NICA verbinde ich viele gute Konzerte, ich habe nämlich viele davon live miterlebt, bin auch mit vielen ehemaligen und aktuellen NICA artists befreundet und konnte sehen, wie die drei Jahre ihre Arbeit auf ganz neues Level gehoben haben.

2.
Ich hoffe, dass ich mich weiter vernetzen kann. Meine Musik an die Leute zu bringen und neue Spielorte zu erschließen, ist ein Punkt, mit dem ich mich noch schwertue.

3.
Ich fand das NICA-Konzert von Felix Hauptmann bei der Cologne Jazzweek 2026 sehr gut. Da hat auch der Schlagzeuger Francisco Mela mitgespielt und der ist wirklich cool!

4.
Mein musikalisches Vorbild ist Miles Davis. Ich hoffe ich schaffe es auch mal Musik zu machen, die immer am Zahn der Zeit ist und nie in Stillstand gerät. Ich habe anlässlich seines 100. Geburtstages nochmals seine Autobiographie als Hörspiel gehört und viel gelernt.

5.
Ich bin seit diesem Jahr nicht nur NICA artist, sondern auch Mitglied des neu gegründeten KROM-Kollektivs. Deswegen ist das Thema Gemeinschaft und im Kollektiv zusammenarbeiten ein sehr aktuell für mich. Vorbilder waren für mich das KLAENG Kollektiv oder AACM, aber auch Labels wie Jazzwerkstatt.

6.
Ich finde es sehr gut in Köln. Mir wird immer wieder bewusst, was wir hier für eine tolle Szene haben. Wir haben das Loft, den Stadtgarten, eine sehr gute Musikhochschule, viele Förderungen, die Cologne Jazzweek und natürlich tolle Spielerinnen und Spieler.

7.
„Curren$y/The Alchemist – Scottie Pippens feat. Freddie Gibbs“

Ich mag den Beat, vor allem die Gitarren Melodie im Sample. The Alchemist ist einer meiner Lieblingsproduzenten und Freddie Gibbs‘ Feature Part ist einer der besten Verses. Ich bin generell ein großer Fan von Freddie Gibbs, durfte ihn dieses Jahr auch live erleben. Seine Atemkontrolle ist unfassbar gut und es wirkt so, als könne er unendlich lange Reimketten rappen, ohne Luft holen zu müssen.

8. ⁠
Ich hoffe, dass ich mal reich und berühmt werde.

 

Kateryna Kravchenko (Photo: Dovile Sermokas)

Kateryna Kravchenko

1.
Es ist eine große Freude für mich, dabei zu sein. Ich freue mich auf die neuen Erfahrungen, die dank diesem Programm entstehen werden, auf den Austausch, und auf die Weiterentwicklung meiner Projekte, die Verwirklichung meiner musikalischen Ideen und auf meine persönliche Entwicklung als Mensch und als Musikerin.

2.
Für mich wäre es gerade wichtig, weiterhin an meinen zwei Duos (mit dem luxemburgischen Vibraphonisten Arthur Clees und dem französischen Bassisten Béla Bluche) arbeiten zu können sowie neue Kollaborationen entstehen lassen. Ich habe vor, ein Large Ensemble Projekt ins Leben zu rufen und mehr mit Gesang und Stimmen zusammenzuarbeiten.

3.
Ich fand das Composers Collective Cologe “Amsterdam Edition” ganz spannend! Fabian Dudek und Felix Hauptmann, die beide bei NICA waren beziehungsweise sind, haben das mitinitiiert. Die Musik, die Musiker:innen, der Austausch, die Atmosphäre, das Risiko einzugehen, Neues entstehen lassen. Ich hatte das Gefühl, die Menschen auf der Bühne hatten viel Spaß dabei und es hat mich als Zuhörerin auch abgeholt. Auch das Projekt von Florian Herzog „Almost Natural“, dass ich bei der European Jazz Conference gehört habe, hat mich sehr begeistert! Ich finde die Kompositionen von Florian einfach toll, und die Band klang fantastisch. Ich musste mir direkt nach dem Konzert das neue Album holen.

4. ⁠
Was ich so schön an den NICA artists finde, sind die Offenheit und Mut zum Experimentieren. Ich glaube, ich möchte mich noch mehr trauen, ins Ungewisse reinzugehen, auszuprobieren, und Menschen zu fragen, mit denen ich noch nie zusammengespielt habe, um von ihnen zu lernen. Das wäre für mich eine Priorität während der Zeit bei NICA.

5.
Ich finde an sich beides spannend und wichtig und versuche aus der historischen sowie zeitgenössischen Musikszene Inspiration zu schöpfen. Was die Jazzszene angeht kann die Musik so bunt und so anders voneinander sein, und ich glaube, was für mich viel wichtiger ist, als eine Genrerichtung, ist die Energie und der kreative Geist. Wenn man das spürt, egal, was das Genre ist, dann kommt man vielleicht ein Stückchen näher zu dem, was größer ist, als man selbst, und fühlt sich verbunden mit den anderen.

6.
Ich liebe die Kölner Musikszene, und sie war einer der wichtigsten Gründe, warum ich nach Köln gezogen bin. Dank der Menschen und Venues wie unter anderem dem Loft und dem Stadtgarten oder Festivals wie der Cologne Jazzweek gibt es eine große Vielfalt an Angeboten, und man darf jedes Mal etwas Neues für sich entdecken. Ich bin dankbar und glücklich, wenn ich auch dazu einen Beitrag leisten kann.

7. ⁠
„Plastic Wave“ von Ole Morten Vågan und Trondheim Jazz Orchestra.
Ich habe es schon länger gekannt, aber dieses Jahr durfte ich Ole Morten bei einer Residency im Banff Centre of Arts and Creativity in Kanada kennenlernen und es zusammen mit ihm und den anderen Teilnehmenden spielen. Diese Erfahrung war ganz besonders und wird lange in meiner Erinnerung bleiben.

8. ⁠
Be kind to yourself. Es ist etwas, was man öfter vergisst in unserer Welt von Chaos und in dem kontinuierlichen Streben nach dem Bessersein. Entwicklung braucht Zeit.

 

Florian Herzog (Photo: Patrick Essex)

Florian Herzog

1. 
Das Schaffen von Zeit und Räumen, um die Dinge zu machen, die mir wichtig sind, sowie die Erlaubnis, die Business-Seite genauso ernst zu nehmen wie die Musik. Ich habe mehr Übung darin, gute Musik zu machen, als sie gut zu verkaufen.

2.
Hilfe bei den tausenden kleinen Hindernissen, die einem als Musiker:in begegnen. Mal ein paar Fahrtkosten hier, weswegen ich einen Gig nicht spielen kann. Mal ein gutes Wort bei dem Veranstalter:INNEN, den ich schon seit Jahren beackere.

3. 
Mit recency bias: das Konzert meines guten Freundes und Kollegen Felix Hauptmann auf der Cologne Jazzweek 2026. Bester Jazz seit Jahren!

4. 
Ich habe erst mit 18 angefangen, also war mein Netzwerk aus Peers immer auch meine eigentliche Schule. Besonders bewundere ich meine Kolleg:innen, die einen singulären Fokus, ohne Kompromisse zu machen, haben und dennoch jegliches Ego beim Spielen und Schreiben ablegen.

5. 
Die Brooklyner Szene, hat sich während meiner Zeit in New York nicht nur sehr vertraut angefühlt, aber war (und ist) auch unglaublich inspirierend. Dabei geht es nicht um einzelne Künstler:innen und die Musik (die ich tatsächlich gar nicht so anders finde in Köln), sondern einfach die generelle „can do“ und DIY-Mentalität und das ständige „Machen“. Ich versuche mir immer diese Energie zu erhalten, oder auch zu holen, wenn ich wieder da bin und Leute zu meiner Konzertreihe einlade.

6. 
Supportive, familiär, aber divers und frisch genug um immer wieder inspiriert zu werden. Die Freundlichkeit und Offenheit die oft Köln zugeschrieben wird, findet sich auch hier wieder

7.
Low Roar – „Just How It Goes“ 

 8.
Mein neues Almost „Natural II“ erscheint am 30. Oktober auf Tangible Music. Checkt es aus, aber vor allem: geht auf Konzerte!

 

Tabea Kind (Photo: Jennifer Rumbach)

Tabea Kind

1. 
Als ich vor gut zwei Jahren nach meinem Studium als freischaffende Bassistin nach Köln gekommen bin, hatte ich erstmal sehr großen Respekt vor der freien Szene und den damit verbundenen Unsicherheiten und Herausforderungen. Viele Kolleg:innen, die ich seit dem treffen durfte, machten auf mich einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck. Generell das Szenegefühl in Köln ist sehr warmherzig und umarmend. Schnell habe ich gemerkt, das NICA dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Die Möglichkeiten, die sich mit dem Programm für die Musiker:innen und damit auch die Szene ergeben sind einmalig.

2. 
Ich wünsche mir für mich, dass sich vermeintliche Grenzen in meiner Projektplanung verschieben. Während ich manche Ideen jetzt nicht weiterentwickle, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie sie ressourcentechnisch realisierbar sein könnten, hoffe ich, dass ich in größerem Maße kreativ sein kann.

3. 
Für mich war das diesjährige NICA live special besonders. Hier haben sich alle NICA artists mir ihren Projekten kurz präsentieren können. Solche Minifestivalformate sind für mich als Künstlerin immer sehr inspirierend und ich nehme Energien und Ideen mit in mein kreatives Schaffen.

4. 
Ein Punkt, der mich aktuell viel beschäftigt ist das Loslassen der eigenen Ideen. Ich bewundere sehr, wie andere Musiker:innen sich vielmehr als Projektinitiator:in verstehen und dann ihren Kollegen und Kolleginnen wirklich freie Hand lassen, ihre Ideen gegebenenfalls zu dekonstruieren und auch mit unfertigen Skizzen in Bandproben zu kommen. Das nehme ich mir für NICA vor – loslassen.

6. 
Beeindruckend – mit jeder Probe/Session/Konzert/Festival bekomme ich noch ein besseres Gefühl für die Zusammenhänge und werde immer mehr auch Teil des Gefüges. Trotzdem weiß ich, dass ich noch so Vieles nicht gesehen habe und freue mich, mit NICA noch mehr Möglichkeiten zu haben ein- und unterzutauchen. Mal schauen wo ich zum gelegentlichen Luftholen auftauche…

7. 
Das Jahr 2026 ist schon zu weit vorangeschritten, um nur einen einzigen Song für das Jahr zu benennen. Aktuell jedenfalls beeindruckt mich Charlotte Greves neues Album „Waterbodies“ und insbesondere „Desert Song“.

 

Parissa Charghi (Photo: Niklas Hinterkeuser)

Parissa Charghi

https://www.hvyfeelings.com 

1.
Mich interessiert an NICA der institutionelle Kontext und die Verbindung zum Centre for European Jazz & Contemporary Music [Stadtgarten Köln]. Ich finde es spannend, meine bisher sehr selbstorganisierte Praxis in einen solchen Rahmen zu bringen und zu sehen, was daraus entsteht. Meine Praxis ist über viele Jahre aus der DIY Culture heraus entstanden. Ich habe mir vieles selbst angeeignet, Projekte initiiert, produziert, kuratiert und gesteuert und dabei meine eigene Arbeitsweise entwickelt.

HEAVY FEELINGS ist daraus irgendwann als konkrete Plattform entstanden, aber diese Haltung begleitet mich eigentlich seit Beginn meiner kreativen Arbeit in Köln. Ich arbeite sehr intuitiv. Gleichzeitig sind Haltung, Erfahrung und das Wissen, das über die Jahre entstanden ist, immer essentieller Teil meiner Entscheidungen. Diese Kombination ist für mich wichtig. Gerade deshalb interessiert mich die Reibung mit einem institutionellen Kontext. Nicht nur, weil meine Praxis dort auf andere Logiken trifft, sondern weil sich dabei vielleicht auch auf beiden Seiten etwas verschieben kann.

2. 
Ehrlich gesagt erhoffe ich mir grundsätzlich nichts. Ich bin gerade an einem Punkt, an dem ich meine eigene Praxis noch einmal revidieren möchte. Mich interessiert, was ich aus dem, was ich über die Jahre aufgebaut habe, noch entwickeln kann und wo ich mich selbst weiter herausfordern muss. Dazu gehört für mich zunehmend eine anti-disziplinäre Arbeitsweise. Die Grenzen zwischen Kuration, Musik, visueller Kultur, Radio, Recherche, Dokumentation, Publishing und Archivierung interessieren mich weniger als die Verbindungen dazwischen. Ich möchte diese Bereiche bewusster miteinander verschränken, sie ausloten und schauen, welche Formen daraus entstehen können. Ein wichtiger Teil davon ist die kollaborative Arbeit.

Über HEAVY FEELINGS ist ein Netzwerk aus Künstler, Musiker und anderen Kreativen entstanden, lokal wie international – von Köln und London bis Johannesburg und darüber hinaus. Radio, Editorial und Publishing sind dabei für mich wichtige Formen, um mit diesen Menschen zu arbeiten, Kontexte herzustellen und Wissen und Geschichten weiterzutragen. Diese Beziehungen möchte ich weiterentwickeln und vertiefen und stärker als Teil meiner eigenen Praxis verstehen. Und ich möchte stärker recherchieren: tiefer in Geschichten und Kontexte einsteigen, dokumentieren und daraus eigene Formen entwickeln. Dabei geht es mir um die Zusammenhänge hinter künstlerischen Arbeiten und kulturellen Entwicklungen, als Ausgangspunkt für weitere Fragen und Prozesse. Wenn NICA dafür eine Reibungsfläche sein kann, finde ich das interessant. Ich möchte herausfinden, wie weit ich meine eigene Praxis noch öffnen kann.

3.  
RAY LOZANO. Ganz klar. Wir arbeiten seit ungefähr zehn Jahren zusammen, lange bevor sie als RAY LOZANO bekannt war. Ich habe ihre Entwicklung von ihren ersten musikalischen Arbeiten und ihrer ersten Platte bis zu ihrem bevorstehenden Release begleitet. Unsere Zusammenarbeit reicht von Artworks und Creative Direction über Musikvideos bis zur Entwicklung ganzer Projekte und künstlerischer Welten. Über die Jahre ist daraus ein langfristiger künstlerischer Prozess entstanden, in dem wir uns gegenseitig geprägt, herausgefordert und bereichert haben. Wir bringen jeweils unsere eigenen Sprachen, Erfahrungen und Perspektiven mit und bewegen uns trotzdem immer wieder auf einer gemeinsamen Ebene. Dabei geht es auch darum, sich gegenseitig Zugang zu Skills, Wissen, Netzwerken und Möglichkeiten zu geben und diese Ressourcen miteinander zu teilen. RAY ist heute Teil des HEAVY FEELINGS Netzwerks und genau diesen kollaborativen Ansatz möchte ich auch nach außen tragen. Künstlerische Entwicklung passiert für mich nicht isoliert.

4. 
Mit dem Begriff Role Model tue ich mich etwas schwer. Ich lerne viel aus offenen und ehrlichen Austauschen mit Menschen, mit denen ich arbeite, gerade dann, wenn es unbequem wird. Wenn jemand meine Arbeit oder meine Haltung infrage stellt, muss ich meine eigenen Entscheidungen noch einmal überprüfen. Genau diese Reibung finde ich produktiv. Sie funktioniert für mich allerdings nur gegenseitig: Ich muss bereit sein, mich infrage stellen zu lassen, und mein Gegenüber genauso. Manchmal führt das auch dazu, dass man sich nicht einig wird und das ist dann auch okay.

Inspiration finde ich trotzdem an vielen Stellen. Eine Person, auf die ich immer wieder zurückkomme, ist PRINCE. Mich interessiert an ihm die Konsequenz, mit der er sich geweigert hat, sich eindeutig definieren zu lassen. Musikalisch hat er sich aus Funk, Soul, R&B, Jazz, Rock und vielen anderen Traditionen bedient, ohne sich einer davon unterzuordnen. Aber auch in Bezug auf Blackness, Gender, Sexualität und Identität hat er sich den vorhandenen Zuschreibungen immer wieder entzogen. Er war ein hybrides Individuum, das seine eigene Sprache entwickelt hat.

Das finde ich bis heute inspirierend: die eigene künstlerische Vorstellung so ernst zu nehmen, dass man dafür auch Gegenwind, Unverständnis und reale Nachteile in Kauf nimmt. Genau darin liegt für mich eine Stärke als Artist. Den eigenen Instinkt ernst zu nehmen und ihm über einen langen Zeitraum treu zu bleiben, vor allem dann, wenn der einfachere Weg ein anderer wäre. Am Ende geht es für mich um Menschen, die etwas riskieren, daraus lernen und trotzdem immer wieder weitermachen.

5. 
Ich finde den Begriff „Community“ interessant, gerade weil er inzwischen so selbstverständlich verwendet wird. HEAVY FEELINGS verstehe ich selbst durchaus als Community, über die Beziehungen, die wir über Jahre aufgebaut haben, über gemeinsames Arbeiten, Vertrauen, Austausch und die Menschen, die Teil dieser Entwicklung geworden sind. Gleichzeitig stelle ich mir immer wieder die Frage: Was macht eine Community eigentlich aus? Wann wird aus einem Netzwerk von Menschen eine Community, und wer entscheidet das? Mit dem Begriff „Szene“ kann ich deshalb weniger anfangen. Ich habe mich nie besonders einer bestimmten Szene zugehörig gefühlt. Szenen können Nähe und Austausch schaffen, wirken aber oft auch exklusiv und lassen wenig Raum für andere Perspektiven, künstlerische Freiheit und tatsächliche Diversität.

Mich interessiert weniger die Zugehörigkeit zu einer Szene, die sich über Ästhetiken, Codes und Zugehörigkeiten definiert, als das, was zwischen Menschen entsteht und daraus in Bewegung kommt. Historisch finde ich vor allem kulturelle Zusammenhänge spannend, in denen Menschen aus gemeinsamen Realitäten und konkreten Notwendigkeiten heraus eigene Ausdrucksformen, Räume und Infrastrukturen entwickelt haben. Gerade in jamaikanischen, afro-amerikanischen und anderen schwarzen Musikkulturen lässt sich beobachten, wie musikalische Formen über Generationen und Orte hinweg weitergegeben, verändert und miteinander verbunden werden.

Für mich sind das keine abgeschlossenen Geschichten, sondern komplexe und bis heute fortwirkende Prozesse. Meine eigene Arbeit bewegt sich in der Auseinandersetzung mit den Geschichten, Verbindungen und Kontexten, die hinter Musik und künstlerischen Arbeiten liegen. Das fließt in meine Recherche, meine Kuration, meine Radio und Editorialformate ein und bestimmt auch, welche Fragen ich an meine eigene Praxis und an das Publikum stelle.

6.  
Terrible. Es gibt viel Aktivität, aber wenig echte Bewegung. Auf der einen Seite haben wir den Mainstream und eine zunehmend glatt produzierte Musikkultur, auf der anderen Seite sehr viel Indie-Mittelmaß. Dazwischen findet sich einiges, was institutionell abgesichert, akademisiert oder intellektuell überformt ist und in vielen Bereichen immer noch stark von weißen Perspektiven geprägt wird.

Was mir fehlt, ist eine progressive Subkultur mit eigener Haltung, eigener Sprache und dem Mut, auch mal etwas zu machen, das nicht sofort anschlussfähig oder vermarktbar ist. Wo sind die neuen Cats? Wo sind die Leute, die keine Angst haben, etwas zu riskieren, anzuecken oder auch mal komplett daneben zu liegen? Köln hatte solche musikalischen Momente und Bewegungen. Heute sehe ich davon immer weniger. Es gibt natürlich großartige Musiker und einzelne spannende Projekte, aber daraus entsteht für mich kaum noch eine gemeinsame Bewegung, die über einzelne Acts, Venues oder Veranstaltungsreihen hinausgeht. Stattdessen habe ich manchmal das Gefühl, dass wir eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie produzieren: gut gemacht, technisch versiert, institutionell anschlussfähig, aber oft ohne wirkliche Dringlichkeit und Tiefe.

Viermutlich ist genau das ein Teil meines Problems mit der aktuellen Situation: Es gibt unglaublich viel Output, aber zu wenig Auseinandersetzung. Musik und Kunst werden häufig über ihre Oberfläche konsumiert. Das betrifft die Musikindustrie genauso wie Institutionen, Veranstalter und am Ende auch das Publikum. Wir haben heute Zugang zu mehr Musik als je zuvor. Aber Zugang allein bedeutet noch keine Auseinandersetzung. Was mir fehlt, sind Räume und Plattformen, die Neugier verlangen und Vertrauen schaffen, in eine kuratorische Idee, eine künstlerische Position oder ein Programm, ohne dass vorher alles eindeutig einordbar sein muss. Die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das zunächst vielleicht nicht verständlich oder unmittelbar konsumierbar ist, wird für mich immer wichtiger. Genau dort kann kuratorische Arbeit interessant werden: wenn sie Verbindungen herstellt, Überraschungen zulässt und einen Raum für tatsächliche Entdeckung schafft. Gleichzeitig werden die Räume, Ressourcen und Möglichkeiten für unabhängige, progressive musikalische Entwicklungen in Köln immer weniger und schwieriger. Eine Stadt kann sehr viel Musik produzieren und trotzdem musikalisch stagnieren.

7. 
Gil Scott-Heron – „The Bottle“ (Live Version, Bremen 1983)

Einen einzelnen Lieblingssong zu benennen, fällt mir schwer. Ich bin Vinyl-Selector und sammle seit vielen Jahren Platten, die mich musikalisch, historisch oder emotional begleiten. Viele davon werden in unterschiedlichen Phasen meines Lebens immer wieder zu neuen Lieblingsstücken. Deshalb ist es gar nicht so einfach, mich auf einen einzigen festzulegen. Eine Platte, die mich 2026 besonders begleitet hat, ist diese Live-Version von The Bottle. Ich habe sie Anfang des Jahres in Wien entdeckt und gekauft. Gil Scott-Heron ist für mich einer der großen Pioniere einer musikalischen Sprache zwischen Spoken Word, Soul, Funk und Jazz und zugleich eine zentrale Figur für die Entwicklung dessen, was später als HipHop verstanden wurde.

Mich fasziniert an dieser Version vor allem die Dramaturgie: Über 14 Minuten entwickelt sich das Stück von einem Intro über Spoken Word und Call and Response bis hin zu immer intensiveren Instrumental- und Solo-Passagen. Gegen Ende bekommt jedes Instrument noch einmal seinen eigenen Raum. Ich spiele die Platte sowohl in Clubs als auch in Listening-Kontexten und finde es jedes Mal wieder faszinierend, wie sie einen Raum verändert. Für mich ist das auch eine Form von Education: Menschen wieder daran zu gewöhnen, Musik wirklich Zeit und Aufmerksamkeit zu geben, auch auf einer Tanzfläche. Viele sind solche langen Stücke und diese Art von musikalischer Dramaturgie heute nicht mehr gewohnt. Und trotzdem bleiben sie dran. Gerade bei den Solo-Passagen drehen die Leute regelmäßig komplett durch. Das Stück nimmt sich Zeit, vertraut auf seine musikalische Entwicklung und zeigt, dass ein Stück nicht kürzer werden muss, um einen Raum zu halten.

8. 
Love & Peace.

 

https://nica-artistdevelopment.de/

 

 

 

 

 

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